In „Alice im Wunderland" folgt ein neugieriges Mädchen einem sprechenden Kaninchen und stürzt in eine bizarre Welt voller skurriler Charaktere und fantastischer Abenteuer.
So ähnlich habe ich mich Zeit meines Lebens in Deutschland gefühlt – gefangen in einer existenziellen Verwirrung, die oft wenig mit echtem Leben zu tun hatte.
Die Jahre, die ich im Ausland verbracht habe, insbesondere in den USA, Frankreich und Afrika, waren für mich die Zeiten, in denen ich wirklich lebte.
Vielleicht macht gerade diese Erfahrung Ulf Poschardts Buch „Shitbürgertum" so bedeutend für mich.
Auf 176 Seiten wird hier keine persönliche Abrechnung mit dem deutschen System geliefert, sondern vielmehr ein ehrlicher Spiegel vorgehalten, der uns zeigt, wie wir seit der Wiedervereinigung nicht mehr in die Gesichter unseres alten Ichs blicken konnten.
Poschardt, einer der renommiertesten Journalisten der Republik, entlarvt den Shitbürger als vermeintlichen moralischen Retter der Welt, der in Wahrheit nur seine eigenen Privilegien und Interessen wahrt.
Es ist ein Menschenbild, das sich überschätzt – um Goethe zu paraphrasieren:
„Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft."
Von Politik über Kultur bis hin zu Medien, Wissenschaft und Wirtschaft – das Shitbürgertum hat Deutschland in seine Fänge genommen.
Poschardts Aufruf zur radikalen Selbstkritik und Rückbesinnung auf republikanische Tugenden ist sowohl provokant als auch notwendig.
Was hat Alice im Wunderland gelernt? Im Wunderland wird alles hinterfragt. Alice erkennt, dass Realität oft subjektiv ist und dass das, was für eine Person wahr ist, für eine andere absurd erscheinen kann.
Diese Lektion ermutigt sie, offen für neue Perspektiven zu sein – genau das fordert Poschardt von uns.
„Shitbürgertum" ist ein unverzichtbares Werk für alle, die den gesellschaftlichen Wandel unserer Zeit verstehen und die Mechanismen des Shitbürgertums durchschauen wollen.
Es ist provokant, analytisch und ein Weckruf zur Selbstreflexion.
Ein Buch, das den Leser zum Nachdenken anregt und dazu einlädt, die eigene Perspektive zu hinterfragen. Erhältlich im Westend Verlag (www.westendverlag.de) für 22 Euro.
Sönke C. Weiss


Ulf Poschardts Aufruf zur radikalen Selbstkritik und Rückbesinnung. Foto: Sönke C. Weiss



