Exklusive Interviews mit interessanten Menschen

20.07.2019 Keiner braucht drei Ferraris, auch kein Künstler

GFDK - Interview und Portraits - Michaela Boland

Das Gespräch haben wir 2013 mit Herrn Horbach geführt. Fast wie im Märchen: Er hat bereits in jungen Jahren Millionen gemacht. Nicht umsonst bemühte sich Veronica Ferres-Freund, Carsten Maschmeyer, einige Zeit intensiv darum, ihm sein lukratives Business mit Erfolg abzukaufen. Die Rede ist von Michael Horbach. Die Erfolgsstory des Aacheners begann schon 1983

Als 23-jähriger Student, kurz nach dem Studium, der Volkswirtschaftslehre nämlich wurde der Sohn eines Pflasterers von seiner damaligen Freundin, einer Medizinstudentin, dazu angehalten, ihr für die Zukunft Tipps bei allen Vorsorge-und Versicherungsfragen zu geben.

Gesagt, getan. Nachdem die Beratung sich schnell in barer Münze auszahlte, ward der Entschluss, aus dem Talent eine Profession zu machen, flink gefaßt. Und so trug es sich zu, dass schon bald Heerscharen potenzieller und gegenwärtiger Gutverdiener ihn umgaben, um seinen Rat einzuholen.

Mit 50 aber machte der smarte Geschäftsmann dann jedoch planungsgemäß Schluß mit der Arbeit und widmete sich seinem eigentlich ebenfalls arbeitsreichen Vergnügen, der Kunst, ganz und gar.

Im Jahre 2000 investierte der langjährige Wahlkölner einen großen Teil des Vermögens in seine Stiftung, die nicht nur Künstler und vor allem Künstlerinnen fördert, sondern auch sozial schwachen Menschen tatkräftig unter die Arme greift.

Im Rahmen seiner Ausstellung mit dem Titel "Mein Cuba" demonstrierte Horbach, dass er sich auch höchst selbst auf die Kunst des Fotografierens versteht.

Heute zeigt mir der Vater eines 38-jährigen Sohnes seine schönen Ausstellungsräume in der Kölner Südstadt und spricht ohne Vorbehalt, Strich und Komma wie ein Mensch von Angesicht zu Angesicht. Von den üblichen Plattitüden von Managern, Moderatoren und Politikern ist der sympathische „Wahlkölner“ weit weg.

Michaela Boland:

Herr Horbach, ihr aktuellstes Kunstprojekt  ist neben  der Verleihung des Fotopreises, welcher in diesem Jahr an den Künstler Thomas Karsten gegangen ist, auch die Ausstellung "5 Räume - 5 Ausstellungen", die noch bis zum 20. August 2013 in ihren Kölner Räumlichkeiten zu bewundern ist. Was genau erwartet das kunstinteressierte Publikum hierbei?

Michael Horbach:

Das übergeordnete Thema lautet "Wunden". Zum einen werden wunderschöne Fotografien aus Afghanistan  von Professor Jaro Poncar zu sehen sein. Bei diesen Arbeiten sieht man keine Wunden,  es sind insoweit also keine Kriegsbilder, aber jeder hat diese Bilder bei dem Thema Afghanistan nun mal im Kopf.

Heiner Schmitz präsentiert Fotos aus Palästina. Ihm war es wichtig, bei den Portraitarbeiten an der Mauer, die seit 2004 zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten gebaut wird, Aussagen von betroffenen Menschen in seine fotografische Arbeit einzubinden.

Außerdem stellt Pari Moradi, die erste Stipendiantin der Michael Horbach Stiftung, die 2007 als Autodidaktin mit der Malerei begann,  Zeichnungen aus. Darüber hinaus sehen wir Marcos Zimmermanns Fotos aus Argentinien, sowie die Fotos des diesjährigen Fotopreisträgers, Thomas Karsten, aus Uganda, auf denen Mütter mit ihren behinderten Kindern zu sehen sind.

Michaela Boland:

In den 80-er Jahren haben sie die Kunstgalerie des renommierten Galeristen Hans-Jürgen Müller in  Köln übernommen.

Dort haben sie Künstler wie Blalla W. Hallman unter Vertrag ausgestellt, der kurz vor seinem Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt alle ihm verfügbaren eigenen Arbeiten zerstört haben soll und u.a. an der University of California in San Francisco sowie der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig gelehrt hat.

Sein Werk hat sich vor allem in blasphemischer und obszöner Weise mit existenziellen Grundfragen wie Religion oder Sexualität beschäftigt. Muss es für ihren Geschmack denn immer ein wenig exzessiver sein?

Michael Horbach:

Ich bin in meinem Leben schon immer gegen den Strom geschwommen. Blalla Hallman habe ich damals zunächst übernommen. Er war zu dem Zeitpunkt bereits Künstler der Galerie Hans-Jürgen Müller. Ich hatte zu der Zeit noch meine Firma und habe das Ganze damals noch mehr als Hobby betrieben. So habe ich zuerst einmal einfach sämtliche Künstler übernommen.

Michaela Boland:

Betraf das ebenfalls die bekannte belgische Fotografin und Videokünstlerin Marie Jo Lafontaine, der ihr internationaler Durchbruch 1987 auf der Documenta 8 mit einer Videoinstallation in Kassel gelang?

Michael Horbach:

Nein, die war nicht bei Hans-Jürgen Müller. Sie hatte ich zuvor akquiriert und ausgestellt.

Michaela Boland:

Für die damalige Zeit schon recht außergewöhnlich, nicht wahr?

Michael Horbach:

Ja, das kann man sagen. Ich wollte sie jetzt noch mal ausstellen und habe Kontakt mit ihrem Galeristen aufgenommen. Der hat dann aber gesagt, "Oje, Herr Horbach, die ist inzwischen sehr bekannt und dementsprechend auch anstrengend". Dann hat er mir so ein paar Fakten genannt und dann habe ich gesagt, " Nein, danke, das möchte ich nicht."

Michaela Boland:

Obwohl man sich bereits kennt und einen persönlichen Bezug zueinander hatte?

Michael Horbach:

Ja, aber das ist dann einfach zu anstrengend. Ich habe das lediglich gehört, aber sie soll beispielsweise darauf bestehen, dass jemand ihre Arbeiten aufhängt, der am Tag tausend Euro dafür kassiert.

Die Kisten für ihre Kunstwerke sollen ein Vermögen kosten. Da möchte ich das Geld doch lieber den jüngeren Künstlern zukommen lassen. Außerdem mache ich das ja alles privat, dieses Geld zahle ich nicht aus meiner Stiftung.

Michaela Boland:

Klingt beinahe wie das, was man hin und wieder von exzentrischen Popdiven zu hören bekommt.

Michael Horbach:

Ja, da gibt es Sachen. Jetzt habe ich gehört, dass Andreas Gursky angeblich drei Ferrari fährt. Das ist so eine Geschichte die ich nicht besonders gut finde.

Michaela Boland:

Soweit er es vermag, alle gleichzeitig zu fahren, wäre es doch cool.

Michael Horbach:

(lacht)  Ja, gut.

Michaela Boland:

Der von ihrer Stiftung alle zwei Jahre ausgeschriebene und mit 10.000 Euro dotierte Fotopreis geht in diesem Jahr an den Künstler Thomas Karsten. Worum geht es in dem von ihm dokumentierten Projekt?

Michael Horbach:

Dieses Projekt heißt "Räder für Uganda". Da haben wir 60 Fahrräder gestiftet und Thomas Karsten hat diese vor Ort verteilt. Er hat dort einen Transporter gemietet und ist anschließend durch die Dörfer gefahren und hat die Räder an arme Familien verteilt.

Am Anfang wollten wir das ganze über eine Stiftung organisieren, daher hat er zunächst zwei Fahrräder jener Stiftung übergeben, jedoch hat er schnell gemerkt, dass am Ende doch wieder nur solche Menschen mit den Rädern fuhren, die eigentlich gar nicht so arm waren.

Das sah man dann beispielsweise an solchen Dingen wie Armbanduhren. Insoweit haben solche Projekte nur Sinn, wenn man sie selbst in die Hand nimmt. Die zweite Arbeit, für welche Thomas Karsten den Fotopreis erhält, ist die Ausstellung, die zur Zeit in unseren Ausstellungsräumen hängt. Es geht um Frauen aus Uganda mit ihren behinderten Kindern.

Michaela Boland:

Nicht gerade eine Schön-Wetter-Thematik.

Michael Horbach:

Manchmal muss man durchaus zwei oder dreimal hinsehen, um es überhaupt zu bemerken. Ich finde, die Menschen auf den Fotos präsentieren sich voller Stolz und Selbstbewußtsein. Zwar durchaus zurückhaltend, aber dennoch merkt man, da ist Stolz. Ich halte das für eine gelungene Arbeit.

Michaela Boland:

Ist es grundsätzlich einfacher als Künstler Aufmerksamkeit innerhalb der Öffentlichkeit zu generieren, wenn man sich schlichtweg mit gesellschaftskritischen, sozialen oder unästhetischen Themen befaßt?

Michael Horbach:

Eher nicht. Wenn man Mainstream machen will und einen Galeriebetrieb hat, dann auf keinen Fall. Das hier ist ja keine Galerie, ich verkaufe ja nicht. Die Künstler können in ihrem Namen verkaufen.

Ich gebe nur Geld aus und tue das gerne und bekomme das alles auf irgendeine Art und Weise zurück. Mich interessiert sozialkritische Fotografie am meisten und der mit 10.000 Euro dotierte Fotopreis sieht das auch als Kriterium.

Michaela Boland:

Man könnte ihren Fotopreis mit rein ästhetisch-schöner Fotografie also eher nicht erhalten?

Michael Horbach:

Auf keinen Fall. Also, ich bin sehr offen für sogenannte schöne und ästhetische Fotografie, habe im ersten Jahr 2011 in diesem Raum eine Ausstellung zum Thema Erotik ausgestellt und da waren sehr schöne ästhetische Fotografien dabei. Insoweit habe ich da überhaupt nichts gegen.

Allerdings empfinde ich die normale Schönheit, die uns immer präsentiert wird, langweilig. Wenn ich also sehe, was uns durch bestimmte Models als Schönheit verkauft wird, dann kann ich nur traurig sein.

Michaela Boland:

Warum wird der Fotopreis nicht jedes Jahr, sondern nur alle zwei Jahre vergeben?

Michael Horbach:

Ich wollte hierfür eine bestimmte Summe ausschreiben und 10.000 Euro sind für einen Fotopreis schon ganz kräftig. Jedes Jahr wäre das ein bisschen viel gewesen. Das kommt ja aus meiner Stiftung. Da habe ich eine größere Summe hineingesteckt als ich meine Firma verkauft habe.

Davon lebt die Stiftung hauptsächlich. Es ist nicht so, dass ich viel akquiriere und sage, "bitte spendet", denn da habe ich zu sehr die Angst, dass der eine oder andere sagt, "du hast Geld genug, mach du das mal".

Michaela Boland:

Heißt das, es gibt einen Topf, aus dem sich bedient wird?

Michael Horbach:

Ja, da ist ein Topf und von Zinsen wird die Arbeit finanziert (Anmerkung Redaktion: Das ist das deutsche Stiftungsgesetz). Darüber hinaus gibt es noch andere Gelegenheiten, bei denen ich dann sage, "o.k., du kannst deine Wohnung mit meiner Kunst ausstatten und dafür spendest du etwas".

Oder, wenn mich Freunde, die es sich leisten können, auf Mallorca besuchen, dann zahlen auch die in die Stiftung ein. Drei-Gewinnerprinzip nenne ich das.

Michaela Boland:

Welche Art von Kunst hängt denn so privat bei ihnen?

Michael Horbach:

Früher, als ich jung war, Blalla Hallmann. Aber das geht heute nicht mehr. Ich möchte heute schon Kunst um mich haben, die positiv wirkt. Ich habe zum Beispiel fünf wunderschöne schwarzweisse Fotografien des kubanischen Fotografen Korda, der einst das berühmte und meistverbreitete Foto der Welt gemacht hat, nämlich das von Che Guevara.

Neben diesem Foto hängt ein wunderschönes beeindruckendes Foto eines Mädchens, das einen Holzscheit als Puppenersatz an die Brust drückt. Korda hat ja immer gesagt, dass er kein Kommunist sei und rein gar nichts mit Kommunismus am Hut habe, aber, dass er Fidelist sei.

Fidel habe alles richtig gemacht und zu diesem Foto hat er speziell gesagt, "ich werde so lange für die Revolution kämpfen bis jedes kubanische Mädchen eine richtige Puppe hat".

Genau das habe ich auch in Kuba erlebt, dass junge Mütter, mit denen ich ins Gespräch kam, zu mir sagten, "wenn du noch mal kommst, kannst du meiner Tochter bitte eine Puppe mitbringen". Außerdem mag ich den italienischen Künstler Salvo oder auch die Kölner Künstler Heinz Zolper und Michael Buthe. Von den jungen Künstlern gefällt mir die Iranerin Pari Moradi

Michaela Boland:

Was tun sie eigentlich in ihrer Freizeit oder sind sie gar rund um die Uhr mit der Stiftungsarbeit beschäftigt?

Michael Horbach:

Ich versuche eine Harmonie zwischen Verantwortung und Vergnügen zu schaffen. Wobei Vergnügen ist, sich mit Kunst zu beschäftigen, viel zu reisen und zu fotografieren. Darum habe ich ja auch meine Firma mit 50 verkauft, weil ich frei sein wollte.

Es gibt so viele schöne interessante Sachen, die ich im Leben kennenlernen möchte. Ich mache zudem auch etwas für meinen Körper und mache Sport.

Michaela Boland:

Was für einen Sport treiben sie?

Michael Horbach:

Ich habe einen Trainer, der zwei Mal die Woche kommt, dann werde ich so richtig gequält.

Michaela Boland:

Einen Personaltrainer?

Michael Horbach:

Ja, denn ich habe einfach Angst, dass ich zu viele Fehler mache, wenn ich allein oder in einer Gruppe Sport treibe. Das kann ich mir nämlich nicht mehr leisten, weil dann meine Knochen noch mehr schmerzen würden.

Michaela Boland:

Mit ihren eigenen Fotos von Kuba, die teilweise augenblicklich noch in ihren Ausstellungsräumen zu bewundern sind, haben sie für große Aufmerksamkeit gesorgt. Zwischenzeitlich ist sogar ein eigener Bildband ihrer Arbeiten erschienen. Wann haben sie selbst damit begonnen, die Kamera zu zücken und zu fotografieren?

Michael Horbach:

Ich habe immer schon geknipst und Urlaubsfotos gemacht. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich eigentlich einen ganz guten Blick habe. Mit der Technik habe ich es nicht so, da kenne ich wirklich nur das Notwendigste.

Allerdings habe ich jetzt auch immer wieder in Fachbüchern gelesen, dass das gar nicht sein muss, wenn man Fotografie künstlerisch betreiben will, wobei ich den Anspruch noch immer nicht erhebe ein Künstler zu sein.

Ich war vor ungefähr sieben Jahren zwei Jahre hintereinander in Argentinien, Buenos Aires, in Patagonien, da habe ich angefangen, intensiver zu fotografieren. Dabei hatte ich immer im Kopf, meiner Umgebung ein anderes Gesicht von Schönheit zu zeigen.

Michaela Boland:

Wie sollte das aussehen?

Michael Horbach:

Gesichter sollten einfach natürlich sein, möglichst ungeschminkt. Gesichter, die auch Spuren aufweisen, da wo nichts bearbeitet wird, wo Augen sind, die einen einfach umhauen. Dafür sterbe ich, dafür lebe ich. Das kann man bei kleinen Kindern bekommen, bei alten Männern oft und bei Frauen natürlich.

Da habe ich schon sehr viele Portraits fotografiert. Ich nehme mir dann Amateure aus der Umgebung, spreche junge Frauen auf der Straße an und sage sofort, "es geht nur um Portraitfotografie, um interessante Gesichter“

Michaela Boland:

Und die sagen dann immer sofort, "ja"?

Michael Horbach:

In der Regel ja, nicht alle, aber der überwiegende Teil schon.

Michaela Boland:

Gab es eine bestimmte Motivation, ausgerechnet kubanische Gesichter für ihre Fotografie zu wählen?

Michael Horbach:

Ich habe Kuba durch mehrere Besuche sehr schätzen gelernt, vor allen Dingen die Menschen, die Lebensweise, die Landschaft und die Natur.

Michaela Boland:

Was zeichnet die Menschen dort ihrer Meinung nach aus?

Michael Horbach:

Dass sie einfach erstens Zeit haben und zweitens in der Regel immer gut drauf sind. Sie sind noch befreit vom Wettbewerb, also dem, was unser System natürlich ganz stark fördert. Außerdem habe ich das Gefühl, die Menschen dort haben noch soziale Bindung.

Die sind zwar materiell arm, aber von denen könnten wir sehr viel lernen. Die sind auf ihre Art auch reich. Beispielsweise vom Charakter her, einfach von der Weise her, wie diese Menschen leben. Und das ist das, was ich zeigen wollte.

Das Negative kennen wir durch unsere Presse zur Genüge. Das ist ja eine Diktatur, die sind ja alle arm und das ist natürlich alles der Kommunismus schuld usw.

Ich wollte da einfach einen Gegenpol bilden und den Menschen, seine Schönheit, seine Heiterkeit und den Reichtum Kubas durch meine Fotografie zeigen und ich denke, das ist mir ganz gut gelungen. Die meisten kommen, staunen und sagen: "Ja, die lachen ja alle. Hast du die dazu aufgefordert?" Das habe ich kein einziges Mal gemacht.

Michaela Boland:

Insofern ist die Lebensfreude der Menschen offenbar eine ganz andere als hier bei uns. Woran, glauben sie, liegt das?

Michael Horbach:

Jetzt kann man sagen, das ist das Wetter, das ist die Karibik, o.k. In jedem Fall kann man aber sagen, durch das System wird das nicht zerstört. Dazu kommt, dass auch viele Halbwahrheiten oder Unwahrheiten in unserer Presse stehen.

Es ist ein anderes System und da muss offenbar aus Sicht unserer bürgerlichen Presse immer alles schlecht sein. Ich wäre daher froh, wenn wir so ein Selbstbewußtsein hätten, dass wir zwar auf die Fehler hinweisen, aber vor allen Dingen auch zeigen, wo wir von dem anderen System etwas lernen könnten. Soweit müssten wir eigentlich sein.

Michaela Boland:

Fotografieren sie die Menschen auch schon mal hier in unseren heimischen Gefilden oder gehen sie dafür dann regelmäßig in andere südliche Länder?

Michael Horbach:

Ich habe das schon hier in der Galerie, auch auf Mallorca gemacht, aber sehr oft mit meinem Lieblingsmodel und das ist die Iranerin Pari Moradi.

Michaela Boland:

Die nicht nur Stipendiantin ihrer Stiftung, sondern jetzt auch ihre Lebensgefährtin ist.

Michael Horbach:

Ja (lacht), es macht einfach Spaß, weil sie natürlich ist. Ich brauche im Grunde gar nichts zu sagen (beim shooting), sondern nur abzuwarten und dann zu fotografieren.

Michaela Boland:

Wie alt ist sie?

Michael Horbach:

36.

Michaela Boland:

Wie hat sich die Liebesgeschichte zwischen ihnen beiden entwickelt?

Michael Horbach

Das war eigentlich beim ersten Treffen klar. Manchmal geht das so. Außerdem wollte ich nur eine Marokkanerin oder eine Iranerin als Partnerin haben. Männer haben ja manchmal so einen Spleen. Ich war acht Jahre mit einer Marokkanerin zusammen, aber das ging aus religiösen Gründen nicht mehr, das war alles ein wenig kompliziert.

Pari ist Iranerin, hat aber mit Religion "nichts am Hut", wie man  so schön sagt. Aber der sogenannte Unreligiöse kann religiöser sein als der, der jeden Tag in die Kirche geht. Es kommt immer darauf an, was man tut.

Michaela Boland:

Sie fördern insbesondere KünstlerInnen. Unter anderem auch durch einen mehrmonatigen gesponserten Aufenthalt hier bei ihnen vor Ort. Wie sieht das konkret aus?

Michael Horbach:

Ich habe hier auch ein Atelier, das ich jungen Künstlerinnen aus dem Ausland für drei bis sechs Monate zur Verfügung stelle. Sie erhalten ein kleines Stipendium, das mit einer monatlichen Zahlung von 300.- bis 600,- Euro verbunden ist. Sie können hier arbeiten und wohnen. In der Regel mache ich auch anschließend eine Ausstellung.

Michaela Boland:

Welche besonderen Vorteile hat das für die Künstlerinnen? Geht es für Nicht-Europäerinnen in erster Linie darum, Kontakte zu knüpfen?

Michael Horbach:

Ja, natürlich. Meine Vorliebe ist Südamerika und wenn es sich ergibt, sage ich eben, "ja, o.k."

Michaela Boland:

Che Guevara ist übrigens in ihren Ausstellungsräumen, wie ich gerade sehe, auch recht präsent.

Michael Horbach:

Eine Sache, bei der ich emotional immer sehr berührt bin, ist, wenn versucht wird, ihm irgend etwas vorzuwerfen. Che ist ein Mensch, der bestimmt viele Fehler gemacht hat, aber es war Krieg, Revolution. Was soll man da mehr zu sagen? Für mich ist sein Lebensweg einfach etwas besonderes.

Dass er als Medizinstudent in Südamerika diese unglaubliche Armut kennengelernt und sich deshalb verpflichtet hat, in Lepra-Stationen ärztlich tätig zu werden.

Wer macht das? Das sagt doch alles. Es wird ihm vorgeworfen, dass er „während der Revolution Verräter hingerichtet habe. Diese hatten drei, vier Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und hunderte Menschen wurden dabei getötet.

Dass man im Kriegszustand das nicht einfach hinnimmt und selbst irrationale Entscheidungen trifft, das hat die Geschichte in den letzten 2.000 Jahren hundertmal bewiesen.

Heutzutage wird ihm ja auch vorgeworfen, er hätte selbst Leute erschossen. Ob das stimmt, weiß man nicht. Aber, was ist heute? Heute läuft alles vom Schreibtisch aus. Wenn man überlegt, was Amerika so alles in 50 Jahren verursacht hat, aber das sind die feinen Herren hinter den Schreibtischen, die gab es zu allen Zeiten in allen Ländern.

Michaela Boland:

Kommen wir einmal zu ihrer früheren sehr erfolgreichen Karriere als Anlageberater. Sie haben in kurzer Zeit ein Vermögen gemacht. Ist ihnen das leicht gefallen?

Michael Horbach:

Ich bin wie die Jungfrau zum Kinde dazu gekommen, Unternehmer zu werden. Ich habe das mit Begeisterung gemacht und ich denke, ich habe es auch gut gemacht. Gerade in dieser verrufenen Branche habe ich ein Beispiel dafür abgegeben, dass man es auch ganz anders machen kann und dass es dafür auch einen riesigen Bedarf gibt.

Denn jeder Deutsche braucht in finanziellen Bereichen Beratung. Ob das Finanzierungen und Versicherungen sind oder Existenzgründungen betrifft.

Jeder wünscht sich einen Berater, dem er vertrauen kann und das ist sehr wichtig. Dies wird von Banken und den meisten Finanzdienstleister in der Regel nicht abgedeckt. Wenn man es dann mal anders macht, dann kann man einen Riesenerfolg haben.

Michaela Boland:

Wie schafft man denn dieses Vertrauen?

Michael Horbach:

Nach meinem Studium war es mein Ziel 2000,- DM im Monat zu verdienen. Ich hatte es nicht im Sinn, dass ich Millionär werden muss. Aber wenn man das macht, wozu man super geeignet ist und das auch noch vernünftig macht, dann kommt das Geld von allein.

Ob man vertrauenswürdig ist oder nicht, hängt natürlich auch vom Charakter ab. Da kann man zum Teil gar nichts für, das hat man geerbt. Viele sagen immer zu mir, "dein Vater war genauso". Man kann sehr ehrgeizig sein, man darf arbeiten wie verrückt, aber man sollte ehrlich arbeiten.

Mich hat die fünfte Stelle nach dem Komma auch nicht mehr interessiert, aber mein Prinzip war stets: Ich empfehle dem Kunden immer das, was ich an seiner Stelle auch machen würde.

Das ist eigentlich das eine Geheimnis. Und das zweite Geheimnis ist, dass ich wohl eine Selbstverständlichkeit ausgestrahlt habe. Für mich war immer klar, das hatte ich in mir, "dem anderen kann nichts Besseres passieren als in meine Finger zu geraten".

Michaela Boland:

Klingt recht selbstbewußt.

Michael Horbach:

Ja, in dem Bereich. Ich habe auch Bereiche, in denen ich mit Sicherheit nicht so selbstbewußt bin, wie es immer scheint.

Michaela Boland:

Welche wären das?

Michael Horbach:

Das hat man als Aachener oder Kölner allein durch die Sprache (lacht).  Egal, wo man auftaucht in der Welt, kommt die Frage: "Kommst du aus Köln?"

Michaela Boland:

Sie haben eine langjährige Verbindung zu Köln. Wie oft sind sie noch in der alten Heimat, Aachen?

Michael Horbach:

In Aachen-Würselen steht mein Elternhaus. Ich war in der letzten Woche gerade dort und werde im alten Rathaus und in zwei Krankenhäusern meine Kuba-Fotos ausstellen. Zuerst habe ich mich gefragt, ob das einen Sinn hat, aber dann war mir plötzlich klar, dass gerade kranke  Menschen Trost durch die Lebensfreude erhalten könnten, die die Kuba-Bilder ausstrahlen.

Michaela Boland:

Leben ihre Eltern noch?

Michael Horbach:

Nein, die sind schon mehr als zehn Jahre tot.

Michaela Boland:

Sind sie Einzelkind gewesen?

Michael Horbach:

Nein, ich habe noch einen jüngeren Bruder und eine jüngere Schwester.

Michaela Boland:

Sind ihre Geschwister in ähnlichen Bereichen wie sie tätig?

Michael Horbach:

Nein, mein Bruder ist Arbeiter. Er hat Fliesenleger gelernt. Ich war im ganzen Familienumkreis der einzige, der studiert hat. Mein Vater war Arbeiter, Pflasterer, aber höchstwahrscheinlich war er der Beste in Aachen.

Michaela Boland:

Was haben sie aus ihrem Elternhaus an persönlichen Dingen mitgenommen?

Michael Horbach:

Einmal das Vorbild. Ich habe einmal in einer Rede zum 10-jährigen Jubiläum der Firma Horbach als meine Eltern anwesend waren gesagt, "Papa, ich habe im Grunde genommen nichts anderes gemacht als du. Ich habe immer mit viel Pflichtbewußtsein und Emotionen gearbeitet".

Das ist eigentlich dasselbe. "Im Grunde", habe ich gesagt, "bin ich Arbeiter". Auch wenn ich in einem Bereich gearbeitet habe, in dem es um Finanzen ging. Wobei mich die Finanzen, das Geld oder die Geldanlage  selber nie sehr interessiert haben.

Dafür hatte ich später sehr schnell meine kompetenten, qualifizierten Mitarbeiter. Mich hat es interessiert, den Menschen zu gewinnen und zu überzeugen. Sowohl den Kunden in der Beratung als auch später bei der Mitarbeitersuche.

Ich habe nichts lieber getan als zur Uni zu gehen und junge Studentinnen und Studenten, von denen ich dachte, dass sie zu uns passen könnten, anzusprechen. Dann habe ich sie gefragt: "Hören sie mal, Finanzberatung, wäre das was für sie? Sie würden gut zu uns passen." Das habe ich nachdem beurteilt, was von den Menschen herüber kam. Da kann man sich manchmal irren, aber oft hatte ich auch Erfolg.

Michaela Boland:

Was wollten sie eigentlich ursprünglich mal werden?

Michael Horbach:

Ich wollte eigentlich einen Beruf im sozialen Bereich, also beispielsweise in Richtung Gewerkschaften oder Journalismus. Das war eher mein Wunsch. Ich war ein schlechter oder sagen wir, ein durchschnittlicher Schüler, so war das einzige, was ich damals studieren konnte, die Volkswirtschaftlehre.

Ich wußte ehrlich gesagt nicht wirklich, was das ist. Aber da lag genau meine Begabung, wirtschaftliche Zusammenhänge zu erkennen.

Darum sage ich heute auch immer zu jungen Leuten, "sucht, guckt, wo ihr emotional betroffen seid und nicht, wo man viel Geld verdienen kann und was in fünf Jahren gefragt ist".

Wenn ich kein wirkliches Interesse habe, kriege ich keinen Job, kann vor allen Dingen nicht vernünftig Geld verdienen und die Familie ernähren usw.  Man sollte dahin gehen, wo seine Emotionen liegen. Und wenn es Ethnologie ist, dann eben Ethnologie. Das ist übrigens ein fantastischer Beruf.

Michaela Boland:

Glauben sie an Vorhersehung?

Michael Horbach:

Hm, da bin ich hin und her gerissen. Ich habe nicht so viele Bereiche, wo ich schon weiß, das ist so. Manchmal denke ich, das kann kein Zufall sein, wie jetzt die Geschichte mit meiner Lebensgefährtin.

Auch habe ich durch Zufall Roger Willemsen kennengelernt und das ist eine Freundschaft geworden, von der ich sehr viel profitiere. Ist das Schicksal? Der hat ja nun wirklich sehr wenig Zeit, trotzdem war er hier in meinen Kunsträumen und hat eine Lesung aus seinem Buch "Die Enden der Welt" gehalten.

Ich sage immer, Deutschland bräuchte tausend Roger Willemsens. Von seiner kritischen Einstellung und seinem Hinterfragen her.

Mein Wunsch ist es, dass er irgendwann mal zwei Tage Zeit hat, mit mir auf Mallorca auf der Finca zu sitzen, was er im übrigen schon seit fünf Jahren vorhat, damit er mir vielleicht mal erklärt, wie er es aushält, dieses ganze Wissen darüber zu haben, wie Gesellschaft funktioniert und wie brutal Geld und Macht eine Gesellschaft lenken. Ich würde gerne wissen, wie er das verarbeitet und wie er damit umgeht.

Michaela Boland:

Wie häufig verbringen sie Zeit miteinander?

Michael Horbach:

Er war für die Lesung hier und ich habe zwei Stunden vorher mit ihm gequatscht, da war ich so aufgedreht, dass ich keine Ansprache mehr halten konnte. Und dann hat er zwei Stunden aus seinem Buch gelesen, aber ohne Buch, sondern auswendig.

Danach sind wir noch zu mir herübergegangen und es fiel irgendwo das Stichwort "Afghanistan", da hat er nochmal einen zweistündigen Vortrag über Afghanistan gehalten. Das ist unglaublich (lacht).

Michaela Boland:

Wodurch entstand eigentlich ursprünglich ihre Liebe zur Kunst?

Michael Horbach:

Als ich damals meine Firma hatte, habe ich irgendwann gespürt,  zwei Seelen schlagen, ach in deiner Brust. Ich war ungefähr 25 als ich angefangen habe, Kunst zu sammeln. Damals noch sehr bescheiden. Von meinem Elternhaus her war da ja nichts.

Null Komma null, außer dem, was man natürlich auch braucht, nämlich eine intakte Familie, Wärme, Anstand usw. Das erste Bild habe ich dann mal auf der Art Cologne gekauft. Das war natürlich eine Zeichnung von einer schönen Frau.

Michaela Boland:

So lockt das holde Geschlecht wohl doch immer wieder?

Michael Horbach:

(lacht). Immer und immer wieder. Das wird auch nie enden. Dann habe ich in bescheidenem Maße gesammelt. Dabei habe ich nie die bekannten, also die teuren Künstler gewählt, sondern ständig versucht, junge Künstler zu unterstützen.

Das hat mir einfach emotional mehr Spaß gemacht. Für mich war eben Kunst auch immer so eine Oase abseits des Kapitalismus und abseits vom harten Wettbewerb.

Michaela Boland:

Klingt nach der ausgleichenden Waagschale als Gegengewicht zum wohl eher harten Wirtschaftsbusiness.

Michael Horbach:

So kann man das von außen sehen, aber ich habe es eben gemacht. Mir ging es nie um Business. Ich war, glaube ich, der erste, den Vorstände mit Bart, langen Haaren und Rollkragenpullover empfangen haben.

Ich war immer dagegen. Einige haben das auch nicht kapiert und gefragt, "was will der denn", aber der eine oder andere hat doch gemerkt, da brennt etwas.

Nun gut, irgendwann habe ich auch einen Anzug angezogen und irgendwann hatte ich auch Spaß daran, eine Krawatte zu tragen. Aber Kunst war für mich immer etwas, was nichts mit Kapitalismus zu tun haben darf. Jetzt habe ich mich allerdings durch diese Kunsträume und durch die Stiftung noch einmal damit beschäftigt, was in der Kunst wirklich los ist und das ist gruselig.

Michaela Boland:

Warum geht es teilweise in die falsche Richtung?

Michael Horbach:

Da gibt es Künstler und Galeristen, die sind durch die Kunst Milliardäre. Aber das sind null Komma null ein Prozent. 99 Prozent der Künstler sind froh, wenn sie im Jahr drei oder vier Mal ein Bild verkaufen, so dass sie davon leben können. Mit speziell jener Kunst, die inzwischen auch ganz klar von der Schickeria und den Superreichen besetzt ist, will ich nichts zu tun haben.

Michaela Boland:

Ist es ihnen insoweit ein regelrechtes Anliegen, dort eine Gegenströmung als Akzent zu setzen?

Michael Horbach:

Ja, genau. So will ich beispielsweise in meinen Kunsträumen künftig Rheinländer ausstellen, die schon eine gewisse Vita haben und schon bekannt sind. Aber eben keinen Richter oder Polke. Die sind in Museen, die brauchen das nicht.

Dann will ich in einem Raum drei bis vier Mal im Jahr junge Künstler ausstellen, aber auch ältere Künstler, die gut sind, es aber nicht mehr in bekannte Galerien schaffen, weil sie für diese nicht mehr lukrativ sind. Solche, die quasi bereits ein bisschen vergessen worden sind, denen will ich auch eine Heimat geben.

Michaela Boland:

Mit ihrer Stiftung wollen sie ja neben Künstlern auch armen Menschen helfen. Aus welchem Grund apostrophieren sie auch dabei besonders die Frauen?

Michael Horbach:

Ich denke eben, dass Frauen am meisten benachteiligt werden. Ich will ja besonders armen Familien helfen und da eben insbesondere alleinstehenden Frauen mit Kindern. Denn die haben es nun mal besonders schwer. Bei Künstlern ist es ähnlich. Ich brauche das auch, ich muss mich auch mit dem Weiblichen umgeben.

Mit zu viel Männlichem und diesem ständigem Wettbewerb, das gegenseitige Aufplustern, das muss ich in meinem Alter nicht mehr haben. Ich bin davon überzeugt, dass es uns wesentlich besser ginge, wenn Frauen die Welt regieren würden. Natürlich keine Margaret Thatcher. Also, wenn Frauen schlimmer werden als Männer, naja.

Michaela Boland:

Daraus ist wohl zu schließen, dass sie kein Anhänger der Politik der kürzlich verstorbenen eisernen Lady waren?

Michael Horbach:

Nein, die ganze neo-liberale Wirtschaftstheorie- und Politik hat entsetzlichen Schaden in der Welt angerichtet. Da gibt es tolle Bücher drüber und wenn man das liest, dann denkt man, das kann nicht wahr sein. Aber sogar Sozialdemokraten sind zeitweise darauf reingefallen.

Deregulierung der Märkte heißt ja nichts anderes als dass das Geld frei und ohne Beschränkung wandern können muss. Das ist genau das Falsche. Dadurch haben wir jetzt eine Weltwirtschaftskrise, die sehr wahrscheinlich 50 Millionen mehr Hungernde besorgt hat.

Michaela Boland:

Also sind doch nicht nur Lehman Brothers die Buhmänner, wozu man sie so gerne gemacht hat, soweit der Ursprung des ganzen Desasters in Wahrheit wesentlich weitreichendere Ursachen aufweist?

Michael Horbach:

Ja, das ganze ist ja auch vorbereitet worden durch eine Philosophie, die wie Adam Smith sagt, "Das freie Spiel der Kräfte" lautet. Da ist eine unsichtbare Hand, die regelt alles.

Die regelt zu 90 Prozent alles, aber es gibt eben 10 Prozent, wo bei Angebot und Nachfrage der Marktmechanismus nicht funktioniert, sondern Stilblüten in die Welt setzt.

Menschen, die gesellschaftlich wertvollste und harte Arbeit leisten, wie Krankenschwestern und Pfleger, die von ihrem Geld kaum leben können, stehen beispielsweise Angestellten bei der Deutschen Bank gegenüber, die mit Derivaten spekulieren und zum Teil 20 Millionen Jahreseinkommen haben.

Man sagt uns ja immer, "wer viel Geld verdient, der schafft auch viele Werte. Die haben eine Weltwirtschaftsfinanzkrise geschaffen. Und da sage ich, das kann man nicht laufen lassen. Da bin ich wirklich erbitterter Gegner jeder liberalen Wirtschaftspolitik.

Und das ist der große Fehler der FDP, dem Markt total zu vertrauen. Ich sage, der demokratisch legitimierte Staat muss eingreifen, wo der Marktmechanismus nicht funktioniert. Das ist seine Pflicht, dafür ist er gewählt.“

Michaela Boland:

Wie sollte konkret eingegriffen werden?

Michael Horbach:

Man muss nach unten korrigieren. Wenn ich höre, "wir leben in einer Zivilisation" und dann gibt es welche, die für fünf Euro hart arbeiten, dann ist das ein Widerspruch. Das geht nicht. Genauso oben.

Es kann nicht sein, dass auch von Politikern gesagt wird, wenn einer zehn Millionen im Jahr verdient, dann hat der keine Lust mehr, wenn er nicht die Möglichkeit hat 15 Millionen zu verdienen oder wenn er nur zwei Millionen verdient, dann sei er demotiviert.

Was ist das für ein Menschenbild? Wenn das stimmen würde, dann sage ich, "gute  Nacht". Die Politiker, die so etwas von sich geben, und das sind ja nun eher mal die Liberalen und Konservativen, die müssten mal darüber nachdenken, was sie für ein Menschenbild haben .

Michaela Boland:

Was kann man ihrer Meinung nach, abgesehen vom Absehen davon, sein Votum zum nächsten Stimmabgabezeitpunkt erneut in gleicher Weise zu setzen, denn dagegen unternehmen?

Michael Horbach:

Mehr Demokratie. In allen Bereichen mehr Demokratie.

Michaela Boland:

Lohnt es sich heute noch, auf die Straße zu gehen?

Michael Horbach:

Das ist natürlich ein Mittel, um zu zeigen, wir sind wach. Es gibt durch Facebook oder Youtube ja inzwischen auch andere Mittel oder was auch immer.

Michaela Boland:

Etwa die sogenannten Shitstorms?

Michael Horbach:

Ja. Ich denke, links sein, kann nur bedeuten, mehr Demokratie und mehr Kontrolle zu fordern. Und da haben wir viel zu wenig. Alle vier Jahre mal wählen zu gehen, das ist der Anfang.

Michaela Boland:

Würden sie insoweit in einer verkürzten Legislaturperiode eine mögliche Lösung sehen?

Michael Horbach:

Hm, eher einfach ein wenig mehr Basisdemokratie. Ich bin ganz klar dafür, dass erstens die, die die Krise verursacht haben, und das sind nun mal die Reichen, mit dazu beitragen, dass wir aus der Krise herauskommen. Ich bin derjenige, der auch Interviews zum Thema Reichensteuer gibt. Also, ich bin bereit dazu, deutlich mehr Steuern zu zahlen.

Michaela Boland:

Würden sie in dem Zusammenhang auch die augenblickliche Politik der EU auf Zypern hinsichtlich der Enteignung Reicher als gerechtfertigt und moralisch vertretbar ansehen?

Michael Horbach:

Ich versuche, möglichst nur noch den Kulturteil zu lesen und Politik nur so im Groben, nicht mehr so sehr in die Tiefe gehend, denn ich will mich emotional nicht mehr so hinein begeben.

Ob die in Zypern jetzt damit die Richtigen packen, also, ob wirklich die Milliardäre, die da anlegen, jetzt auch zehn oder zwanzig Prozent ihrer Einnahmen zahlen, ist fraglich.

Wenn das so wäre, dann wäre das o.k. Wenn Europa, also die anderen Steuerzahler, nicht helfen würden, dann wären die Einlagen auch sehr wahrscheinlich sehr viel weniger wert.

Die Frage ist nur, und da bin ich sehr skeptisch, trifft es wirklich die, die man treffen will? Wir müssen den Markt da regulieren, wo er nicht funktioniert.

Das ist ja auch in dem System der Marktwirtschaft möglich, denn da wo keine Marktwirtschaft mehr ist, weil Monopole da sind oder Milliardäre regulieren, da muss der Staat eingreifen. Das ist Pflicht, um die Marktwirtschaft zu erhalten. Das hat also nichts mit Sozialismus oder Kommunismus zu tun.

Michaela Boland:

Und welchen Ansatz sehen sie da?

Michael Horbach:

Ich habe im Grunde zwei Ansätze: Zurück zu den Zeiten Helmut Kohls und der war kein Sozialist. Da zahlte man aber 53 Prozent Steuer. Da gab es Vermögenssteuer. Heute werden unglaubliche Leitartikel in der FAZ und so weiter darüber geschrieben, dass Vermögenssteuer überhaupt nicht ginge.

Vor 15 Jahren ging das noch. Das würde überhaupt nicht funktionieren und wäre auch rechtlich gar nicht möglich. Da denke ich, "nanu, wo sind wir denn? Wir hatten es doch".

Das Zweite, was ich vorschlage, ist folgendes: Ich würde mir wünschen, das dass, was in den letzten zehn Jahren passiert ist, wieder rückgängig gemacht wird. Dass wir also wieder die Verteilung haben wie bei Helmut Kohl.

In den letzten zehn Jahren hat ja eine eindeutige Umverteilung stattgefunden, aber von unten nach oben. Ich will zwar keine Umverteilung von oben nach unten, ich will nur wieder, dass das, was in den letzten zehn Jahren passiert ist,  rückgängig gemacht wird. Bin ich jetzt Sozialist?

Michaela Boland:

Dass insoweit also die Ober- und Unterschicht nicht mehr so weit auseinanderklafft und die Mittelschicht droht, gänzlich wegzukippen?

Michael Horbach:

Genau. Es werden ja immer Zahlen genannt. Zehn Prozent der Deutschen gehört 50 Prozent des Vermögens. Die Zahl ist nicht schön, aber viel schlimmer finde ich die Zahl, die dafür steht, wieviel die 50 Prozent von unten aus betrachtet an Besitz haben. Wissen sie das?

Michaela Boland.

Nein.

Michael Horbach:

1,2 Prozent. Es waren vier Prozent vor ca. sieben oder acht Jahren und das ist auf 1,2 herunter gegangen. Das ist die schlimmste Zahl und die liest man  viel zu selten. Und das macht klar, dass etwas passieren muss.

Michaela Boland:

Wenn man ein derart soziales Denken hat, wie es offenbar bei ihnen der Fall zu sein scheint, inwieweit berührt einen dann, wenn man erfährt, dass ausgerechnet das Unternehmen, an welches sie wahrscheinlich zu keinem allzu schlechten Kurs ihre Firma veräußert haben, öffentlich stark ins Kreuzfeuer der Kritik gerät, weil ahnungslose Kunden durch Fehlberatung im Hinblick auf den Erwerb hochriskanter Anlagen um ihr Erspartes gebracht wurden?

AWD-Kunden soll ja bereits von verschiedenen Gerichten Schadensersatz zugesprochen worden sein. Ihr Lebenswerk steckte nun mit im Unternehmen, was war das für ein Gefühl?

Michael Horbach:

Ja, das war ja immer so. Ich merke dadurch eben, was für eine tolle Arbeit die Firma Horbach macht. Die Firma Horbach besteht ja vom Namen her noch, sie nennt sich jetzt Horbach Finanzplanung. Das war ja AWD und dann hat der Maschmeyer an Swiss life, eine Schweizer Versicherungsgesellschaft, verkauft.

Den Name AWD gibt es nun nicht mehr. Aber Horbach gibt es noch. Bei Hannover 96 gibt es sogar jetzt Bandenwerbung, da steht Horbach Finanzplanung für Akademiker. Wenn es 20 solcher Firmen gäbe, sähe es in der Finanzberatung besser aus.

Das Problem sind ja die Strukturvertriebe. Der größte ist, glaube ich, DVAG. Die haben ungefähr 10.000 Mitarbeiter, wie die allerdings ausgebildet werden, ist eher ein Wahnsinn. Die tun so als wenn sie Makler wären, sind aber im Grunde ein Firmenvertreter der AachenMünchener.

Wenig Ausbildung und viele arbeiten nur nebenberuflich. Auch wenn die Mitarbeiter es gut meinen würden. Sie können es nicht anders. Sie können nicht ordentlich beraten. Darum habe ich immer gesagt, man sollte als Berater möglichst ein abgeschlossenes Studium mit sich bringen.

Es gibt zwar auch Berater ohne Studium, die hervorragend sind, aber die mit Studium wollen in der Regel einen Beruf ausüben und nicht nur einen Job machen. Als ich an AWD verkauft habe, war außerdem meine Bedingung, dass es keinen Strukturvertrieb und keine nebenberufliche Mitarbeiter mehr gibt. Das hatte Maschmeyer mir zugesagt.

Die Idee war, durch unser Geschäftsmodell AWD beeinflussen zu können. Und Maschmeyer hat mir am Anfang auch ganz klar das Gefühl gegeben, dass er sich daran hält. Der Maschmeyer ist ja ein sehr Geschickter.

Das hat zwar gedauert, aber irgendwann, als die merkten, dass wir weiterhin super super erfolgreich waren, da hat der schon geguckt nach dem Motto: Was ist los? Und dann ist die eine oder andere Leitidee oder Vision vom AWD übernommen worden.

Michaela Boland:

Wie kam es überhaupt zum Verkauf an Carsten Maschmeyers AWD?

Michael Horbach:

Natürlich gebe ich auch gerne zu, dass ich mit 50 frei sein wollte. Ich habe mich lange gegen ein Treffen mit AWD, also Maschmeyer, gewehrt. Irgendein Vorstand sagte mir dann, "komm, dann lernst du den doch mal kennen". Eigentlich war der Strukturvertrieb ja mein Feindbild.

Dann habe ich aber irgendwann gesagt, "naja, warum nicht". Und Maschmeyer hat mir den Hof gemacht. Also, das können sie sich nicht vorstellen, aber der kann das.

Michaela Boland:

Also, ist er ein charismatischer Mensch?

Michael Horbach:

Ja. Im Nachhinein muss ich sagen, es war alles richtig. Da war auch kein anderer Interessent. Wir waren seiner Zeit in Deutschland die Nr. 2 und sind es ja heute auch noch. Wir hatten uns ja  auf Akademiker spezialisiert. Das, was AWD gemacht hat, war ja mehr so das Normale. Eigentlich haben die uns nur gekauft, um ihr Ansehen vor dem Börsengang aufzupolieren.

Michaela Boland:

Wie hat sich die Firma Horbach zu dem entwickeln können, was sie wurde?

Michael Horbach:

Meine damalige Freundin wurde mit dem Medizinstudium fertig und sagte zu mir, "du bist kritischer Verbraucher, ein Volkswirt. Was muss ich machen". So ist die Firma Horbach entstanden. Ich habe mich dann schlau gemacht und sie beraten, dann hat sie andere PJ-ler herangebracht.

Irgendwann wusste ich, es gibt Krankenhäuser, wo sich weitere PJ-ler aufhalten, dann bin ich dahin gegangen. (Anmerkung der Redaktion: Als PJler bezeichnet man einen Medizinstudenten bzw. eine Medizinstudentin im Praktischen Jahr oder auch „Hakenhalter“.

Michaela Boland:

Dann haben sie quasi Krankenhäuser nach Kunden abgeklappert?

Michael Horbach:

Ja, ich bin dann vom einen zum anderen gegangen, von einer Empfehlung zur nächsten. Auch heute sage ich noch zu den Leuten, die mich fragen, wie ich das damals gemacht habe, "gib mir einen guten Kunden, der davon überzeugt ist, dass ich alles für ihn richtig gemacht habe, mit dem baue ich die Firma Horbach nochmal auf".

Michaela Boland:

Aber PJ-ler verdienen doch noch kaum etwas und haben früher gar nichts verdient.

Michael Horbarch:

Ja, aber da habe ich die schon beraten und ihr Vertrauen gewonnen. Natürlich gibt es da noch nichts zu verkaufen (verdienen), denn die haben ja noch kein Einkommen. Aber denen konnte ich schon wertvolle Tipps geben wie z.B dass es für das PJ (praktische Jahr) eine kostenlose Berufshaftpflicht gibt usw.

Irgendwann treten sie ins volle Berufsleben ein und dann brauchen sie eine Krankenversicherung. Für die meisten Ärzte ging es darum, "wie kann ich jetzt sparen, also investieren, damit ich später günstig eine Niederlassung finanzieren kann".

Michaela Boland:

Ist speziell die Branche der Anlageberatung dazu geeignet, schnell aus dem Ruder zu laufen?

Michael Horbach:

Maschmeyer ist natürlich einer, der im Mittelpunkt steht und sie deshalb  von rechts und links um die Ohren kriegt. Es gibt ja noch andere. Andere sind eigentlich von dem her, was sie machen, viel viel schlimmer.

Da sitzen dann im Aufsichtsrat irgendwelche Politiker, da kommt keine Kritik. Die werden mit Geld gefüttert und gemeinsame Fotos des Chefs z.B mit dem damaligen Bundeskanzler oder anderen Politikern auf irgendwelchen Veranstaltungen fotografiert.

Und die Mitarbeiter sind dann zu den Kunden gelaufen, zu den alten Omas, und haben gesagt, "gucken sie mal, der Chef mit dem Bundeskanzler. Kann da was  falsch sein? Um Gottes Willen, unterschreiben sie". Das hasse ich bei den Politikern, dass sie sich kaufen lassen.

Nun, was die Strukturvertriebe auf der einen Seite anbelangt, so gibt es da genug Kritik und ich denke, wir haben dadurch schon etwas verändern können. Wenn man sich allerdings mal den ganzen Bereich der Banken ansieht, ist das, was da passiert, noch viel schlimmer.

Dagegen ist der Maschmeyer ein kleiner Wurstel. Als die Firma Horbach größer wurde, hat man mir gesagt, "du musst einen Namen haben, du musst die Deutsche Bank als Bankverbindung haben". So bin ich dort Kunde geworden. Aber, wenn ich den Ratschlägen der Deutschen Bank gefolgt wäre, hätte ich die Hälfte meines Vermögens verloren.

Also, was die Banken da machen und was da passiert, nehmen wir zB die Steueroasen, ist das doch viel schlimmer. Das mit den Banken, das können sie über Jahrhunderte hinweg zurück verfolgen. Es war immer so. Die Banken haben die Politik nicht nur beeinflusst, sondern auch die Macht über die Politik gehabt und das ist bis heute so.

Michaela Boland:

Das Sprichwort "Geld regiert die Welt" trifft also ausnahmslos zu?

Michael Horbach:

Ja. Es ist so. Darum sage ich, "mehr Demokratie" und ich sage, "es  muss einen Mindestlohn geben", denn alles andere ist menschenunwürdig  und hat nichts mit Zivilisation zu tun. Kein Mensch braucht mehr als eine Million im Jahr zu verdienen.

Wer nur Geld als Motivation hat, wäre bei mir an der falschen Adresse. Eine Gesellschaft lebt davon, dass alle Menschen innerhalb einer Gesellschaft von ordentlichen Einkommen leben können. Das wird heute vernachläßigt.

Außerdem muss man schauen, wen bevorteilt der Marktmechanismus und wen nicht. Wo funktioniert er überhaupt nicht, Beispiel Krankenschwestern und Spekulanten.

Deshalb sollte es oben und unten Grenzen geben. Wenn man demokratisch denkt, muss man verhindern, dass Menschen so viel Geld haben, dass sie zum Beispiel die Presse regulieren können. Ein national-konservativer Peter Scholl-Latour sagt zum Beispiel, "Pressefreiheit? Ja, gibts: für einige Milliardäre"

Michaela Boland:

Pressefreiheit ist nach ihrem Dafürhalten insoweit nicht existent?

Michael Horbach:

In Kuba gibt es drei Zeitungen, das stellt die gesamte Presse dar. Wir haben sehr wahrscheinlich 3000, aber die gehören fünf Milliardären. Also, wo ist der Unterschied? Wenn man es abstrakt sieht, also wirklich einmal über das Kleinkarierte blickt, ist das doch alles ein Einheitsbrei.

Alles, was beispielsweise, Russland, China oder Kuba anbelangt, muss schlecht sein. Ich möchte nicht dort leben, ich möchte auch nicht solche Systeme haben, aber ich möchte, dass wir objektiv sind und nicht dasselbe machen, was wir diesen Ländern vorwerfen.

Michaela Boland:

Woran machen sie das Nicht-Objektive konkret fest?

Michael Horbach:

Ich kann ihnen ein gutes Beispiel nennen. Das betrifft Kuba und ich mache es an meiner eigenen Erfahrung fest. Vor wenigen Monaten kam groß in der Presse, "Endlich Reisefreiheit für Kuba". Vorher hieß es ja immer, die Kubaner sind unfrei, dort herrscht eine Diktatur. Ich habe vor fünf Jahren eine nette Kubanerin aus dem Kulturbereich kennengelernt.

Die wollte auch mal hierher nach Deutschland kommen. Es ging daher zunächst um ein Visum. Also ging sie zur kubanischen Botschaft in Havanna und erhielt sofort ein Visum. Das wird dort für ein Jahr ausgestellt. Das Ganze hat nur einen Haken:

Wenn die Kubaner dann nicht innerhalb eines Jahres nach Kuba zurückkehren, dann heißt es von kubanischer Seite, "dann bleibt draußen". Das Problem sind aber hier wir Deutschen.

Michaela Boland:

Inwiefern?

Michael Horbach:

Nun, meine Bekannte benötigte ja auch ein deutsches Visum für die Einreise. Dafür musste ich sorgen. So ging ich zur deutschen Botschaft. Dort teilte man mir komischerweise mit, " Nein, diese Leute bleiben nachher hier".

Also antwortete ich, " ich habe eine Stiftung und  hinterlege 50.000 Euro als Sicherheit". Da haben sie zuerst gesagt: "Nein, nein, das wollen wir nicht." Aber dann haben sie es nachher doch gemacht.

Also, Tatsache ist, die Kubaner dürfen verreisen, aber wir verhindern, dass die Kubaner frei verreisen können. Ich kann sogar verstehen, dass sie die Kubaner und auch die Afrikaner nur eingeschränkt hierher lassen, denn wir können weder ganz Kuba noch ganz Afrika hier unterbringen. Aber ich möchte zumindest in der Presse die Wahrheit lesen, damit das auch alle verstehen.

Michaela Boland:

Sie halten mit ihrer Meinung glücklicherweise nicht hinterm Berg.

Michael Horbach:

Natürlich ist es einfacher, wenn man mit dem Strom schwimmt. Ich habe immer alles kritisch hinterfragt. Der liebe Gott hat mir nun mal so einen Kopf gegeben. Das tut zwar hin und wieder auch ein bisschen weh, aber so ist es dann eben.

Michaela Boland:

Ist es leichter, nicht mit dem Strom zu schwimmen, wenn man über die finanziellen Mittel verfügt, sich den möglichen Konsequenzen dafür gegebenenfalls nicht ausgesetzt sehen zu müssen?

Michael Horbach:

Nun, ob das einfacher ist? Ich habe den einen oder anderen Kontakt zu vermögenden und eher konservativen Leuten, wo ich mir nicht sicher bin, dass ich sie von meinen Ansichten überzeugen könnte. Gerade hatte ich wieder einen Fall, da dachte ich mir, "ich lasse es einfach, denn das macht mich nur wahnsinnig".

Die sagen dann tatsächlich zu mir, "du bist durch dieses System reich und unabhängig geworden, also schieß jetzt gefälligst auch nicht dagegen".

Dann frage ich zurück: "Moment mal, wo steht das denn geschrieben?" Nun habe ich sehr wahrscheinlich das Glück, dass ich zwar keinen Euro zu Unrecht verdient habe, allerdings habe ich für meine Arbeit viel zu viel verdient.

Der Markt gibt das so her, dass es, wenn du eine Lebensversicherung verkaufst oder ein Haus finanzierst, eben zwei oder viertausend Euro gibt. Jetzt habe ich natürlich nicht gesagt, "nein, ihr braucht mir nur die Hälfte zu überweisen". Klar. Aber, mir ist schon bewußt, dass ich durch drei oder vier Beratungen am Tag das verdient habe, was eine Krankenschwester in drei Monaten verdient.

Michaela Boland:

Ist das auch ein Grund dafür, dass sie heute verhältnismäßig viel an die Gesellschaft zurück geben?

Michael Horbach:

Ich habe mit Sicherheit kein schlechtes Gewissen, weil ich etwas Positives in die Welt gesetzt habe. Gerade in der Branche, wo es am dringendsten notwendig ist.

Denn die Firma Horbach lebt weiter und ist gerade im Hinblick auf das Management mit Menschen besetzt, die mir aus der Seele sprechen. Die sind alle sozial eingestellt und leben den sozialen Gedanken weiter.

Bei mir war es auch schon im Alter von 30 Jahren so, dass ich zehn Prozent meines Einkommens in soziale Belange investiert habe. Das habe ich sowohl während meiner Zeit mit der Firma Horbach so gehalten, als auch später beim Verkauf des Unternehmens.

Augenblicklich wird es zwar nicht mehr im selben Maße von meiner früheren Firma, die nach wie vor meinen Namen trägt, gehandhabt, aber immer noch recht engagiert durchgeführt. Das ist schon irgendwo drin.

Michaela Boland:

Lieber Herr Horbach. Für die Ausstellung sowie alle weiteren Projekte auch weiterhin viel Erfolg und vielen Dank für dieses Interview.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

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20.07.2019 MICHAELA BOLAND TRIFFT INGRID STEEGER

GFDK - Interview und Portrait - Michaela Boland

Das Große Exklusivinterview für freundederkuenste.de - MICHAELA BOLAND TRIFFT INGRID STEEGER

Mit ihrem Nachnamen wollte sie sich schon in ihrer Jugend nicht abfinden. Weil sie mit Stengert nichts anfangen konnte, wandelte sie ihn kurzerhand in Steger um als sie ihren Stenotypistinnen-Job in einem Architekten-Büro antrat.

Womöglich die einzige Rebellion ihres Lebens. Nur einige getippte Ausschreibungen und ein weiteres "e" im Namen später sollte die Öffentlichkeit noch eine ganze Menge von der schönen Blondine zu hören und sehen bekommen.

Durch die legendäre und prämierte Fernsehunterhaltungsproduktion "Klimbim" avancierte sie in den 70er Jahren zum Kultstar. Zeitgleich haftete auch das Image der sexy, aber leicht dösigen Ulknudel an ihr.

Mit zahlreichen Rollen in anerkannten Fernsehformaten zeigte sie danach immer wieder, dass sie sich nicht nur auf das schwierige Fach der Komik, sondern ebenso gut auf Ernstes versteht. Die Aufs, doch vor allem die Abs ihres Privatlebens wurden durch Medien im Laufe der Jahre immer wieder gnadenlos detailliert vor Millionen ausgebreitet.

Doch kaum ein Prominenter hat es vermocht, so aufrecht und geradlinig durch schlechte Zeiten zu gehen, wie sie. Zurzeit gibt es sie nur im Doppelpack. Yorkshire-Lady Eliza Doolitle, ein Geschenk ihrer Kasseler Theater-Kollegen, ist seit einiger Zeit ihre ständige Begleitung.

So auch im Kölner Theater am Dom, wo sie bis zum 09. Februar neben Simone Rethel, Beatrice Richter, Christine Schild und Volker Brandt in dem Stück "Der Kurschattenmann" zu sehen war, bevor die Produktion nach Bonn zog.

Ich bin sehr gespannt auf dieses Zusammentreffen und freue mich darauf. Als Kind der 70er Jahre war es stets etwas Besonderes für mich, abends hin und wieder "Klimbim" sehen zu dürfen.

Die blonde Gabi mit Zöpfen, Sommersprossen, Nickelbrille und bezeichnender Zahnlücke war mir die Liebste, weil sie, rotzfrech, die Wahrheit auf den Punkt zu bringen schien, zwar regelmäßig  eine schallende Ohrfeige ob des Wagemutes einstecken und anschließend heulen musste, sich jedoch niemals entmutigen ließ.

Ihre Darstellerin, Ingrid Steeger, hatte längst Kultstatus erreicht als sich die ersten weniger ruhmreichen Schlagzeilen über deren Privatleben durch die Printmedienlandschaft zogen.

Über zerbrochene Beziehungen und Ehen der einst so gefeierten Mimin mit Idealfigur bis hin zum traurigen Hartz IV-Antrag vor wenigen Jahren, einem Zeitpunkt, der für die Schauspielerin längst von Depressionen bestimmt war.

Wie auch immer Ingrid Steeger in den Medien beurteilt wurde, bei ihrem Publikum zeichnete sie sich wegen ihrer sympathischen Art kontinuierlich durch Beliebtheit aus.

Im gemütlichen Theater am Dom treffe ich die 65-Jährige. Von ihrer jungendlichen Frische hat sie kaum etwas eingebüßt, sondern sieht nach wie vor einfach ausgesprochen gut aus. Alter ist offensichtlich bei ihr tatsächlich nur eine Ziffer.

Selbst ihre Stimme hat sich im Laufe der Jahre kaum verändert. Ihre zweijährige Yorkshire-Terrier-Hündin, Eliza Doolittle, die sie auf Schritt und Tritt begleitet und ihr nur gelegentlich, wenn sie einen Knochen oder gar Luftballons zum hineinbeißen und platzen lassen sucht, von der Seite weicht, ist zu einem wichtigen Faktor im Leben der Schauspielerin geworden.  

Michaela Boland:

In ihrem aktuellen Theaterstück, "Der Kurschattenmann" im Kölner Theater am Dom, geht es um einen alternden Casanova , der, nicht ganz ohne Hintergedanken, versucht, direkt mehrere Damen gleichzeitig zu beglücken. Was für eine Rolle spielen sie dabei?

Ingrid Steeger:

Ich spiele eine Dauerpatientin, eine Frau, die eine sehr schwierige Ehe hatte und unter Depressionen leidet. Alle Damen in diesem Stück leiden unter Depressionen. Jede ist ein wenig vom Leben geschädigt und wir verlieben uns alle in diesen Ulrich" (gespielt von Volker Brandt), der ein Charmeur ist, allerdings auch ein kleiner Hochstapler, und der versucht, an das Geld der Frauen zu kommen. Aber natürlich auf amüsante Art.

Michaela Boland:

Wie haben sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ingrid Steeger:

Ich habe den Text gelernt (lacht).

Michaela Boland:

Hin und wieder besteht ja die Notwendigkeit, sich intensiver in bestimmte Charakterzüge einer Rolle hineinzufinden. Man liest gelegentlich, dass Schauspieler für eine Rolle zu- oder abnehmen, manchmal sogar ein Stück weit real in ein solches Leben eintauchen müssen, um so authentisch wie möglich zu sein.

Ingrid Steeger:

Es ist ein Boulevardstück und das ist natürlich auf Komödie aufgebaut. Wir müssen uns also in keine Depression hineinfinden, ganz anders als zum Beispiel bei dem letzten Stück, dass ich in Kassel gespielt habe, "Gatte gegrillt". Das war ein völlig anderes sich Heranarbeiten.

Da ging es um eine Frau, die nach 20 Jahren Ehe von ihrem Mann für eine jüngere Geliebte verlassen wurde. Diese Frau kommt einfach nicht damit klar, dass er sie einfach so in die Ecke gestellt hat, und versucht, dies auch noch nach Jahren aufzuarbeiten.

Das ist etwas ganz anderes, da muss man dann mehr dran arbeiten. Aber hier geht es im Grunde genommen nicht nur um die Depression, sondern darum, was dieser Ulrich erfindet und wie wir darauf hereinfallen und später versuchen, ihn auszutricksen und uns schließlich zu distanzieren.

Es ist insoweit eine lockere Unterhaltung, denn wenn sich die Depression im Text widerspiegeln würde, wäre es keine Unterhaltung mehr.

Michaela Boland:

Das andere Stück, das sie gerade ansprachen, "Gatte gegrillt" spielten sie in Kassel?

Ingrid Steeger

:Ja, das war eine Tragikomödie, eine englische, schwarze Komödie. Wir spielten es in Kassel und Bremen. In Bremen wird es wohl auch noch einmal aufgeführt werden.

Michaela Boland:

Wenn sie ein Stück zeitversetzt noch einmal spielen und zwischendurch für andere Produktionen zur Verfügung stehen, bleibt ihnen der Text dann eigentlich trotzdem im Gedächtnis oder müssen sie den alten Text dann in der Tat von Grund auf neu erlernen?

Ingrid Steeger

Nein, das Hirn ist ja ein Computer. Da ist alles gespeichert, wenn man noch einmal darüber geht. Ich habe gerade drei Stücke drauf. Das Stück "Gatte gegrillt" werde  ich wahrscheinlich noch einmal in Bremen spielen. Außerdem werde ich jetzt damit anfangen, noch ein anderes Stück für Kassel zu lernen. Also, das ist alles abrufbereit. Man geht natürlich nochmal drüber, das ist ganz klar.

Michaela Boland:

Gibt es bei ihnen auch schon mal Angst vor einem Blackout?

Ingrid Steeger:

Doch, die hat jeder Schauspieler, aber ich hatte das Problem bis jetzt glücklicherweise noch nicht. Manchmal kommt es vor, dass man in der einen Sekunde denkt, "Oh Gott, wie gehts jetzt weiter", aber in letzter Sekunde ist der Text dann wieder da. Es kann auch passieren, wenn man zu oft spielt und man sich dann einfach zu sicher ist und manchmal ein bisschen vor sich hin träumt.

Michaela Boland:

Kannten sie die Kollegen aus ihrem aktuellen Stück schon durch frühere Zusammenarbeit?

Ingrid Steeger:

Die Simone Rethel kannte ich schon, Christine Schild zuvor noch nicht. Aber Beatrice Richter und Volker Brandt kannte ich ebenfalls schon lange.

Michaela Boland:

Funktioniert die Zusammenarbeit grundsätzlich leichter, wenn man sich bereits kennt?

Ingrid Steeger:

Die Phase des Kennenlernens kann man dann natürlich überspringen. Man lernt sich selbstverständlich bei den Proben noch besser kennen. Das Gute an den Proben ist dann immer, dass es sowohl ein berufliches als auch ein privates Zusammenraufen ist.

Michaela Boland:

Setzen sie sich im Anschluss an die Vorstellungen immer noch privat mit den Kollegen zusammen?

Ingrid Steeger:

Also, heute setzen wir uns zum Beispiel zusammen. Oder als der Jopie 109 Jahre alt wurde (Anm. d. Red.: Johannes Heesters wäre am 05.12.2012 109 Jahre alt geworden, verstarb allerdings am 24.12.2011) haben wir uns in seiner Abwesenheit zusammengesetzt.

Das war übrigens nicht dramatisch, sondern es war sogar sehr lustig. Da hat die Simone gesagt, dass der Jopie Heesters zu seinem Geburtstag immer sehr gerne viel Leute um sich gehabt habe.

Da haben wir gesagt, "o.k., dann machen wir das auch", und haben uns alle zusammen gesetzt. Auch zum Geburtstag von Beatrice Richter und Christine haben wir das getan. Manchmal setzten wir uns auch alle zusammen, wenn irgendjemand Besuch bekommt.

Aber eben nicht jeden Abend. Auf Tournee ist man natürlich automatisch mehr zusammen, aber hier in Köln hat jeder seine eigene Wohnung oder sein Appartement und so sein Eigenleben. Das ist üblich, wenn man irgendwo fest spielt.

Michaela Boland:

Montags ist spielfrei. Was tun sie an diesem Tag üblicherweise?

Ingrid Steeger:

Es ist eigentlich immer irgendetwas. Irgendwelche Interviews oder sonstige Termine. Auch arbeite ich gerade an einem Buch und der Lübbe-Verlag ist ja hier in Köln ansässig, insofern ist da immer irgendetwas zu tun.

Nur abends versuche ich zumindest immer, in meiner Wohnung zu sein, auf die Uhr zu gucken und zu sagen, "jetzt wäre ich normalerweise auf der Bühne und jetzt bin ich nicht auf der Bühne". Wir spielen hier ja sieben Tage die Woche. 

Michaela Boland:

Worum wird es in ihrem Buch gehen?

Ingrid Steeger

Natürlich, um mein Leben (lacht). Worum soll es sonst gehen?

Michaela Boland:

Also eine Autobiografie. Packen sie da alles hinein oder werden bestimmte Themen ausgeklammert?

Ingrid Steeger:

Es wird natürlich immer etwas bleiben, was nur mir gehört, das ist ganz klar. Aber es stand ja sehr viel in der Presse, doch das ist ja immer alles nur recht oberflächlich angedeutet und die Hintergründe nicht. In meinem Buch wird viel drin stehen, was auch nicht immer lustig sein wird, auch viel Neues. Es ist jedoch kein ab- oder aufrechnen.

Michaela Boland:

Wann wird es erscheinen?

Ingrid Steeger:

Im August.

Michaela Boland:

Steht der Titel bereits fest?

Ingrid Steeger:

Ja, es heißt "...und find es wunderbar". Also nach dem ..."dann mach ich mir `n Schlitz ins Kleid", das lassen wir natürlich weg, sondern nur ".und find es wunderbar".

Michaela Boland:

War Klimbim für sie eigentlich Fluch, Segen oder beides?

Ingrid Steeger:

Beides natürlich, beides. Ohne Klimbim würde ich heute nicht hier sitzen und sie würden mich nicht interviewen.

Michaela Boland:

Man weiß es nicht.

Ingrid Steeger:

Ich hatte kein Verlangen nach diesem Beruf. Vielleicht hatte der Beruf Verlangen nach meiner Person, aber ich nicht nach dem Beruf. Das hat sich so ergeben. Ich bin rein geschlittert und bin dabei geblieben.

Michaela Boland:

Sie haben die Handelsschule abgeschlossen und in einem Architekturbüro gearbeitet.

Ingrid Steeger:

Kurzfristig, sehr kurzfristig.

Michaela Boland:

Was gehörte da zu ihren täglichen Aufgaben?

Ingrid Steeger:

Schreibmaschine schreiben. Ausschreibungen tippen. Ich war als Stenotypistin tätig, es gab ja noch keine Computer und dergleichen.

Michaela Boland:

War das nicht so geplant?

Ingrid Steeger:

Es war nie mein Traum im Büro zu arbeiten. Es war auch nicht mein Traum, auf die Handelsschule zu gehen. Das waren damals andere Zeiten. Mein Vater hat bestimmt, dass ich auf die Handelsschule gehe und damals hat man halt das gemacht, was die Eltern gesagt haben.

Michaela Boland:

Was haben sie da für einen Abschluss gemacht?

Ingrid Steeger:

Wirtschaftsabitur.

Michaela Boland:

Was war ihr eigener Plan für ihr Leben?

Ingrid Steeger:

Ich wollte ganz einfach nicht  im Büro arbeiten. Damals kamen gerade die Discotheken auf, das war ja damals was ganz Neues. Und dann fing ich an, in Berlin als Go-Go-Girl in Diskotheken zu tanzen. Allerdings nicht wie die Go-Go-Girls heute sind.

Wir haben Röckchen angehabt, Stiefel und lange T-Shirts und standen nur so da und haben so vor uns hingetanzt. Und dann habe ich auch teilweise zwischendurch im Büro gearbeitet und habe das natürlich zu Hause auch nicht so genau erzählt.

Dann habe ich aufgehört, regelmäßig bei dem Architekten zu arbeiten und zwischendurch immer, wenn das Geld knapp war, dann als Sekretärin gejobbt und immer wieder mal getanzt. Und so hat sich das alles irgendwie ergeben. Bei mir hat sich immer alles ergeben, das griff stets ineinander über, ob ich wollte oder nicht.

Michaela Boland:

Haben sie denn auch ein wenig darauf vertraut, dass immer irgendetwas kommt?

Ingrid Steeger:

Ich habe auf gar nichts vertraut. Ich wusste nur etwas: Mein Leben sollte nicht im Büro enden. Allerdings sollte es auch nicht vor der Kamera enden.

Michaela Boland:

Glauben sie an Schicksal?

Ingrid Steeger:

Ja, wenn man sein Leben beobachtet, liegt das Schicksal eigentlich in meiner eigenen Hand. Wenn man das im Nachhinein sieht, ging eigentlich alles ineinander über. Nur leider kapiert man das in dem Moment nicht, sonst könnte man seine Fähnchen rechtzeitig besser danach ausrichten

Michaela Boland:

Sie haben beschrieben, dass sie in ihrem Leben vieles gemacht machen, was andere von ihnen verlangt haben. Würden sie dies, rückwirkend betrachtet, heute anders handhaben?

Ingrid Steeger:

Mit diesem Satz kann ich gar nichts mehr anfangen. Ich überlege da auch gar nicht. Was sage ich? Wenn ich das und das gemacht hätte, wäre vielleicht nicht das und das passiert. Wenn ich keine Sexfilmchen gemacht hätte, hätte ich nicht Klimbim gemacht.

Mich mochten damals die Kinder, die Frauen und die Männer und wenn ich kein Ja-Sager gewesen wäre, wäre mein Sex, den ich nicht freiwillig gegeben habe, sondern, den ich gab, weil ich ihn geben musste, weil man es von mir verlangte, vielleicht nicht so sauber rüber gekommen, dass mich wiederum dann nicht  die Kinder und die Frauen geliebt hätten.

Also, das ist alles so ein Gemisch. Wenn, wenn, wenn und hätte. Dieses Wort "hätte", habe ich eigentlich aus meinem Leben getan. Ich kann es nicht ändern und ich will auch gar nicht darüber nachdenken, was dann passiert wäre, denn ich weiß es nicht.

Michaela Boland:

Eigentlich sind sie über all die Jahre bei Jung und Alt  nahezu dauerbeliebt.  Erinnern sie sich überhaupt an Negativ-Kritik?

Ingrid Steeger:

Negative Kritik in dem Sinne eigentlich kaum. Aber, sagen wir mal, es hat vieles, was die Presse geschrieben hat, nicht gestimmt. Die Presse hätte eigentlich wissen müssen, dass sie mir mit dem, was sie da  hin und wieder schreibt, schadet.

Aber sie haben es halt  geschrieben, weil es aufreißerisch ist und weil sie eben etwas schreiben müssen. Aber, dass mich jetzt jemand verdammt hat, in dem Sinne, eigentlich nicht. Nun muss ich sagen, lese ich auch sehr wenig die Presse, weil ich mich nicht ärgern will.

Denn einiges stimmt und einiges stimmt natürlich nicht. Und wenn man das dann so liest, wie man es nun gar nicht gesagt oder gemeint hat, ist das nicht schön. Oder es kommen so schlimme Mutmaßungen, die dann mein Leben schon vorausbeschreiben, wo ich denke, das kommt einer Verurteilung gleich, wobei sie ganz genau wissen, dass das nicht stimmt. Aber wir wissen ja, wie die Medien sind.

Michaela Boland:

Also, egal, wie lange man im Business ist, man ärgert sich immer mal wieder über Berichterstattung hinsichtlich der eigenen Person?

Ingrid Steeger:

Darum lese ich es mir erst gar nicht durch, dann braucht man sich auch nicht zu ärgern. Aber es gibt leider Gottes immer Leute, die einem das dann schicken.

Michaela Boland

Man hat ihnen für viele Jahre den Stempel "Ulknudel" verpaßt.1992 kam dann "Der große Bellheim" unter der Regie von Dieter Wedel, mit dem sie auch privat liiert waren. Es wurde vielerorts so formuliert, dass sie  nun in das sogenannte "seriöse Fach" wechselten. War es ihnen selbst ein Bedürfnis, vom Image der lustigen erotischen Frau in das sogenannte seriöse Schauspielfach zu überzugehen?

Ingrid Steeger:

Also für mich ist alles seriös. Klimbim war die härteste Arbeit meines Lebens. Ich habe vor dem Bellheim auch schon zweimal Derrick und den Kommissar gemacht. Außerdem habe ich darüber hinaus bereits in Fernsehspielen Rollen übernommen.

Also, ich habe nicht nur Komik gemacht. Die Leute hängen sich nur immer an der Komik und insbesondere an Klimbim fest. Bellheim ist nicht das erste in dieser Richtung gewesen. Ich habe nämlich auch einen anspruchsvollen Derrick gemacht.

Das ist das gleiche in grün. Nur damals wurde das durch den Dr. Dieter Wedel, weil ich ja auch noch mit dem liiert war, einfach groß herausgehoben. Bellheim war natürlich ein riesen Erfolg, ist auch in einer Zeit entstanden, in der ich mit ihm liiert war. So habe ich auch den ganzen Aufbau mit verfolgt. Dadurch wurde die Rolle natürlich stark überbewertet.

Michaela Boland:

Wie haben sie sich eigentlich ineinander verliebt? Ich selbst hatte noch keine Gelegenheit, ihn kennenzulernen, habe allerdings das eine und andere Mal von Schauspielern gehört, dass er auch recht streng sein könne. Können sie das bestätigen?

Ingrid Steeger:

Streng ist ein sehr nettes Wort. Ja, er ist ein sehr schwieriger Mensch. Aber  immerhin haben wir es ja fünf Jahre miteinander geschafft. Und es war keine unglückliche Zeit. Im Nachhinein sieht man vieles anders. Aber wir hatten eigentlich eine sehr gute Zeit, die nicht immer einfach war. Doch schwierige Menschen sind nun mal schwierig und das wusste ich natürlich.

Michaela Boland.

War es Liebe auf den ersten Blick?

Ingrid Steeger:

Nein, ich habe mich ja auch mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, weil ich ja wusste, dass er schwierig war. Aber, da ich nun mal gelernt habe, im Leben mehr auf andere Leute einzugehen, ist mir das vielleicht nicht so schwer gefallen wie den anderen Frauen.

Michaela Boland:

Ist das heute noch immer so bei ihnen, mehr auf die Bedürfnisse anderer Menschen einzugehen als auf ihre eigenen?

Ingrid Steeger:

Ich habe schneller den Durchblick als früher und versuche da schon, meine Distanz zu halten. Jedoch glaube ich, dass es einfach ein Teil meines Charakters ist, das ich vielleicht immer ein bisschen mehr in den Menschen sehe und dann tut man auch mehr für die anderen.

Ich kann dann deren Bedürfnisse nicht einfach an mir abprallen lassen. Ich versuche, die Menschen mehr zu ergründen und bringe womöglich einfach manchmal ein bisschen zu viel Verständnis für andere auf und das merken natürlich manche Leute und die wissen das dann schon zu benutzen.

Michaela Boland:

Kommen wir noch einmal auf Klimbim zurück. Sie sagten gerade, es sei für sie die härteste Arbeit ihres Lebens gewesen. Inwieweit hatte das mit dem Regisseur Michael Pfleghar zu tun?

Ingrid Steeger:

Ja, es war sehr schwierig. Und auch hier kommt wieder hinzu, dass wir miteinander liiert waren und dass ich ihm dann gehört habe, beruflich wie privat. Das war für mich zum damaligen Zeitpunkt durchaus in Ordnung. Im Nachhinein sieht man vieles anders.

Im Hinblick auf meine Jugend sagen die Leute ja auch, "deine Jugend war ja schrecklich", aber in meiner Jugend fand ich meine Jugend in Ordnung. Mit dreißig vierzig Jahren dann nicht mehr.

Aber, das ist auch vielleicht etwas, das man überlebt, wenn man es in dem Moment so sieht. Aber Klimbim war eben deshalb so schwierig, weil ich vor der Kamera nicht so agieren konnte, wie ich es gerne getan hätte.

Oder der  Pfleghar hat es auch einfach nur nicht so gesehen und er hat es natürlich, ich sage immer "rausgeprügelt" in Anführungsstrichen. Ich wusste nicht, dass ich komisch sein würde und er hat es mit Gewalt herausgeholt und ich habe gehorcht.

Also ich habe wieder mal gehorcht. Wie immer im Leben, habe ich auch ihm gehorcht. Und das war ja offensichtlich richtig so. Es hat nicht unbedingt Spaß gemacht, aber es kam etwas dabei heraus. Und das durfte das Publikum ja nun auch nicht merken.

Das war wichtig. Wenn wir das jetzt zusammen durchgehen würden, könnte ich ihnen jede Szene nennen, bei der ich geheult habe. Auch beim Schneemann. Das war nicht im Studio, sondern das war wirklich draußen im Schnee. Und das im Abendkleid.

Und das mussten wir zehn bis zwanzig Mal drehen und da bin ich fast erfroren und bin seiner Meinung nach immer falsch um den Schneemann herumgelaufen. Das war dann auch nicht komisch.

Michaela Boland:

Als vorlaute Gabi haben sie in der Klimbim-Familie regelmäßig Backpfeifen kassiert. Wurden die Schläge gefakt oder mussten sie den Schmerz tatsächlich aushalten?

Ingrid Steeger:

Es war real. Das war nicht komisch. Die Volkmann hat eine gute Handschrift gehabt.

Michaela Boland:

Hatten sie denn nie das Bedürfnis, Elisabeth Volkmann bei Gelegenheit mal eine schallende Ohrfeigen-Retourkutsche zu verpassen?

Ingrid Steeger:

Nein, ich dachte ja, das muss so sein.

Michaela Boland:

Schauen sie sich Wiederholungen von Klimbim gelegentlich an? Können sie das gut sehen?

Ingrid Steeger:

Nein, das gucke ich mir nicht an. Ich sehe mir auch keinen Talk, den ich gemacht habe, an. Ich gucke mich überhaupt nicht an. Machen aber viele Schauspieler nicht. Ich kann mich nicht ertragen. Klimbim, kann ich nicht mehr verbessern.

Man ärgert sich auch nur darüber. Bei Talks zum Beispiel, dann denkt man, wieso hast du nicht dieses oder jenes gesagt oder, das hättest du machen können. Ich weiß das in dem Moment selbst, wenn ich den Mund aufmache, weiß ich schon, was falsch ist und dann brauche ich mir das nicht noch einmal anzuschauen.

Michaela Boland:

Sie haben früher auch Fernsehwerbung für Rolo Schokoladenkaubonbons und Old Spice gemacht. In was für einer Erinnerung haben sie die Spots?

Ingrid Steeger:

Rolo, das war eine süße Werbung. Das waren die größten Werbespots, die ich gemacht habe. Für Rolo haben wir sogar auch Preise erhalten.

Michaela Boland:

Im Rolospot haben sie gesungen, ebenso wie regelmäßig in Klimbim. Gab es auch Anfragen von Produzenten für Plattenproduktionen?

Ingrid Steeger:

Ja, klar. Ich habe auch einige gemacht.  Auch hier wollte ich eigentlich gar nicht, aber die wollten. Ich fand mich nie gut als Sängerin. Selbst da habe ich mich Satz für Satz gequält. Ich habe auch Musical gemacht, bin zur Falckenbergschule gegangen, habe die Lieder einstudiert.

Und dann kam ich bei den  Freilichtspielen auf die Bühne und da hatten wir kein Mikroport und nichts und meine Stimme hat total versagt. Wenn ich Theater spiele, geht meine Stimme bis ganz nach hinten, auch wenn tausend Leute da sind.

Dann hole ich mir meine Stimme einfach tief aus dem Bauch, aber wenn ich singe, dann rutscht mir die Basis nach oben. Ich kann nicht singen und ich will auch nicht, weil ich nicht kann (lacht).

Michaela Boland:

Haben sie zu irgendeinem Zeitpunkt eigentlich noch eine klassische Schauspielausbildung absolviert?

Ingrid Steeger:

Nein.

Michaela Boland:

Funktionierten Dinge wie auf der Bühne laut und deutlich sprechen zu können dann aufgrund ihrer gesammelten Erfahrung?

Ingrid Steeger:

Das habe ich mir erarbeitet. Beim ersten Theaterstück habe ich das nicht gehabt. Zwischen Bühne und Fernsehen liegen natürlich Welten. Mein erstes Stück war ein Zwei-Personenstück mit Harald Leipnitz und da ging meine Stimme gar nicht nach hinten und da haben die Leute auch immer gerufen "lauter, lauter".

Da habe ich mir die Bühnenwirksamkeit dann mit der Zeit vom Spielen her erarbeitet. Wer Fernsehen spielt, gewährleistet noch lange nicht, dass er eine Bühnenwirksamkeit hat. Umgekehrt genauso.

 

Michaela Boland:

Halten sie eigentlich noch Kontakt zu ihren früheren noch lebenden Klimbim-Kollegen, wie Wichard von Roell oder Peer Augustinski?

Ingrid Steeger:

Zu Peer ja. Er wohnt ja auch hier in Köln. Der war auch schon hier im Theater. Wichart, also zum Opi, weniger. Die anderen sind ja schon tot.

Michaela Boland:

Sie haben vor einigen Jahren bereits ein Buch herausgebracht, in dem es um ihre Männer gehen soll.

Ingrid Steeger:

Nein, das ist kein Buch, bitte. Oh, da bin ich auch so was von stinkig. Das ist auch nur wieder aus Blödsinn entstanden, weil jemand das wollte. Das ist ja kein Buch, das sind Karikaturen. Es ist gezeichnet und dann steht da jeweils so ein blöder Text drunter.

Also das kann man vergessen, da stehe ich auch nicht zu, zu diesem Buch. Das ist aus Blödsinn entstanden und der Verkauf versucht das halt bis heute noch das zu vermarkten. Ich finde auch den Vertrag nicht mehr, habe da auch nie eine Abrechnung oder sonst was gekriegt und das ärgert mich immer.

Michaela Boland:

Nichts desto trotz haben sie ja bereits die eine oder andere Erfahrung mit Männern in ihrem Leben gemacht, die nicht unbedingt immer nur schön war, wie man im Laufe der Jahre auch in den Medien mit verfolgen konnte. Wofür sind Männer aus ihrer heutigen Sicht eigentlich gut?

Ingrid Steeger:

Ja, das frage ich mich auch. Ja, gut, es gibt schon gute Beziehungen.

Michaela Boland: Was macht eine gute Beziehung nach ihrem Dafürhalten aus?

Ingrid Steeger:

Einfach eine gute Gemeinschaft, etwas zusammen erleben und durchleben. Ich kann nicht behaupten, dass ich nur schlechte Beziehungen hatte. Ich denke, der Anfang ist immer schön und man hat immer eine schöne Zeit gehabt.

Und dann irgendwann merkt man, dass die Zusammengehörigkeit doch nicht so gegeben ist und dann geht man halt auseinander. Ich finde das schön, wenn ich sehe, dass Leute 25, 30, 40, 50 Jahre verheiratet sind, aber auch die hatten natürlich ganz harte Zeiten. Und die haben sich im Alter dann wieder zusammengerauft.

Also eigentlich müsste man versuchen, das durchzustehen. Also an Treue oder so etwas glaube ich prinzipiell nicht. Nicht nur in Bezug auf das, was ich erlebt habe, sondern auch, was ich bei den anderen Leuten sehe.

Ich glaube, das ist auch irgendwie nicht im Menschen drin, was ich sehr traurig und schade finde. Der Körper gehorcht offensichtlich nicht immer so ganz. Aber ich finde es schön, dass man trotz allem zusammenbleiben kann. Wenn ich ältere Ehepaare sehe, die Hand in Hand herumlaufen, finde ich das herrlich.

Und jeder hat da mal ein außereheliches Verhältnis gehabt, das geht ansonsten ja nicht über eine so lange Zeit, aber ich finde es einfach toll, dass man dann trotzdem zusammenbleibt.

Michaela Boland:

Bei Bettina Böttinger im Kölner Treff haben sie geäußert, dass sie Angst vor einer Beziehung hätten. Ist das nach wie vor so? Könnten sie sich nicht vorstellen, noch einmal die Liebe zu finden?

Ingrid Steeger:

Ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen. Nein.

Michaela Boland:

An Angeboten mangelt es mit großer Wahrscheinlichkeit kaum. Wie könnte ein potentieller Kandidat denn idealerweise sein?

Ingrid Steeger:

Weiß ich nicht. Der müsste gebacken werden. Ich kann es nicht sagen. Ich möchte keinen Jüngeren haben und ich möchte auch keinen Älteren haben. Also so einen alten Mann möchte ich auch nicht unbedingt nackt sehen. Und einen Jüngeren, nun, als ich 50 war, hatte ich mal eine Beziehung mit einem jüngeren Mann.

Ich kann gar nicht verstehen, wie ältere Frauen sagen können, dass sie sich mit einem jüngeren Mann an der Seite jung fühlen. Ich habe mich alt gefühlt. Zuerst einmal, mit welchen Leuten der sich umgeben hat, da war ich schon längst einen Zacken drüber.

Das war einfach nicht mehr meine Welt. Vielleicht gaukelt man sich da für eine Zeit etwas vor. Dann ist das sicherlich schön, weil man für eine Weile mal wieder in etwas anderes eintaucht.

Aber mit der Zeit merkt man irgendwie, das ist vorbei, da bin ich schon mal durch. Es ist fein, wenn das andere durchmachen, das freut mich für sie. Man soll natürlich auch nie sagen.

Aber ich hätte Schwierigkeiten damit, da wieder Kompromisse zu machen und mich anzupassen. Dann saust da wieder einer in der Gegend herum, nein, das ist mir zu anstrengend.

Michaela Boland:

Sie haben deutlich geschildert, dass sie in ihrem Leben immer wieder anderen Menschen gehorcht haben. Wären sie denn heute sicher davor, zu gehorchen, gesetzt den Fall, sie verlieben sich allen Widerständen zum Trotz doch  erneut?

Ingrid Steeger:

Das ist ja eben das Problem. Ich wäre mir da nicht so sicher, dass mir das nicht mehr passiert. Und ich habe keine Lust, dass das wieder von vorne losgeht. Denn ich würde wahrscheinlich automatisch, also nicht mehr gehorchen, aber ich würde einfach sehen, dass es meinem Partner gut geht und der würde das dann wieder ausnutzen und so weiter.

Ich will auch nicht ständig jemanden um mich herum haben. Wissen sie, ich bin jetzt 65 und kann nicht mehr mit einem Mann zusammen alt werden. Wenn ich jetzt einen mit 30 kennengelernt hätte, dann wird man zusammen alt.

Ich würde es vom Optischen her erleben. Sein Körper verändert sich, mein Körper verändert sich. Wenn ich aber jetzt einen kennenlerne, dann sehe ich den schon mal alt und er sieht mich alt. Diese Entwicklung ist gar nicht mehr gegeben, gar nicht mehr zu schaffen. Selbst wenn ich jetzt einen Mann in meinem Alter kennenlerne, ist der ja schon voll entwickelt.

Wir können nicht mehr in dem Sinne zusammen alt werden. Natürlich gibt es Wunder, vielleicht gibt es auch noch mal eins. Aber darüber denke ich nicht nach. Ich habe gute Freunde und ich habe Eliza Doolittle, meinen Hund.

Die ist jetzt zwei Jahre alt. Wenn man mal überlegt, kleine Hunde werden alt, wenn sie nicht krank werden. In fünfzehn Jahren bin ich achtzig, also, was soll das?

Michaela Boland:

Sie sind das jüngste von drei Geschwistern. Wie ist das Verhältnis zu ihrer Familie?

Ingrid Steeger:

Ich habe einen Bruder, der ist in Berlin. Der hat mich gerade angerufen und eine Schwester, die mich ebenfalls heute angerufen hat. Das Verhältnis zu meinen Geschwistern ist sehr gut, zu meiner Schwester enger als zu meinem Bruder.

Mein Bruder hat mich angerufen, um mir den Hörer hinzuhalten, weil meine Mutter mal einen lichten Moment hatte und vor sich hingesprochen hat. Sie ist 100 Jahre alt und dement. Sie ist eigentlich gar nicht mehr, quasi ein lebender Leichnam und alle paar Monate redet sie irgendetwas vor sich hin.

Michaela Boland:

Wie oft sehen sie sich?

Ingrid Steeger:

Wir haben uns am 17. August gesehen. Das war ihr 100.ster Geburtstag. Da hat sich die Familie getroffen. Dazu muss ich sagen, dass eigentlich bekannt ist, dass wir nie eine glückliche Familie waren und da auch keine Liebe zwischen der Mutter und uns war. Sie tut mir einfach nur leid.

Michaela Boland:

In einer Boulevardzeitung war zu lesen, dass  sie geäußert hätten, ein Ableben sei eine Erlösung für ihre Mutter.

Ingrid Steeger:

Ja. Sie hat kein Leben mehr. Ich wünsche das jedem Menschen, wenn er mal so dran ist wie sie. Sie wird gewickelt, sie wird gefüttert. Das habe ich dem Express, den Blödmännern, nicht gesagt, das haben sie sich aus "Volle Kanne" herausgezogen und haben natürlich die Überschrift gemacht "Ingrid Steeger wünscht sich den Tod ihrer kranken Mutter".

Meine Mutter kriegt nichts mehr mit, liegt nur apathisch herum und dämmert vor sich hin. Das ist kein Leben mehr. Das ist entwürdigend. Ab und zu redet sie, da muss das Langzeitgedächtnis durchkommen, aber auch das hat keinen Zusammenhang mehr. Es ist einfach kein Leben.

Michaela Boland:

Dass sie in finanzieller Hinsicht einmal durch eine sehr schwierige Zeit gegangen sind, konnte ganz Deutschland durch sensationslüsterne Boulevardmedienberichterstattung mit verfolgen.

Wie haben sie es geschafft, derart bemerkenswert aufrechten Ganges durch diese Lebensphase hindurchzugehen und welchen Tipp geben sie Menschen in ähnlichen Lebenssituationen?

Ingrid Steeger:

Ich bekomme viele Anfragen in dieser Hinsicht. Viele Menschen fragen mich, die in der Situation sind. Doch das kann man nicht mit meiner Situation vergleichen. Erstens mal war ich ja in einer schweren Depression. Da kamen viele Dinge, wie Depression und Krankheiten zusammen.

Das Ganze hat sich auch jahrelang vorher angekündigt, so etwas kommt ja nicht von heute auf morgen. Durch meinen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad hatte ich jedoch das Glück, dass die Leute mich aufgefangen haben. Ein normaler Mensch wird ja leider nicht so aufgefangen wie ich aufgefangen wurde.

Dadurch, dass das so groß in der Presse stand, was für mich ein schlimmer Schlag war, musste ich mich ja dazu stellen. Es ging nicht anders.

Michaela Boland:

Hat da jemand aus ihrem direkten Umfeld geplaudert oder wie kam ans Licht, dass sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr aus eigener Kraft bestreiten konnten?

Ingrid Steeger:

Natürlich, bestimmt. Ich weiß es nicht. Die Bildzeitung hat es herausbekommen und die haben perfekt daran gearbeitet, bestimmt zwei, drei Monate. Die wussten alles ganz genau, mehr als ich. An welchem Tag und um wie viel Uhr ich den Antrag gestellt habe.

Da konnte man auch gar nichts widerlegen. Da muss man ja dann zu stehen, denn das waren alles Fakten. Es war alles nachzuweisen und da kam ich dann gar nicht mehr drum herum.

Michaela Boland:

Sie hätten versuchen können, sich mit der empfundenen Schmach zu verkriechen, haben jedoch tapferer weise gegenüber der Öffentlichkeit regelmäßig Rede und Antwort gestanden. Wie haben sie sich dazu motivieren können?

Ingrid Steeger:

Mich zu verstecken, ging ja gar nicht, denn dann wäre ich tot gewesen. Tot für mich und für die anderen. Dann wäre ich wirklich am Boden gewesen. Es gab wirklich nur die Möglichkeiten, entweder bleibe ich liegen, weiterhin in meinem Koma und in meiner Depression verhaftet oder ich stehe auf.

Und dadurch, dass ich mich dazu gestellt habe, also, ich bin wieder einmal dazu gezwungen worden, etwas zu machen, habe ich dann auch die Kraft bekommen.

Dann standen nämlich auch die Medien zu mir, ebenso wie die Leute. Dadurch kam ich nach vier Monaten bereits aus Hartz IV heraus, denn die Gagen bei den Talks waren sehr gut. Das Sozialamt hat mir sofort berechnet, wie lange ich davon zu leben habe. Und dann kam sofort das Theaterstück und alles Weitere ging direkt ineinander über.

Ich kann somit einem normalen Menschen, in Anführungsstrichen, überhaupt keinen Tipp geben, denn das war bei mir ein Ausnahmefall. Denn ein normaler Mensch wird nicht aufgefangen und kriegt auch keine guten Gagen in Talks.

Natürlich muss man stark sein und Kraft haben und Freunde haben. Viele meiner Freunde wussten ja gar nicht, was mit mir los war. Meine Freunde wohnen ja nun alle nicht bei mir oder in meiner näheren Umgebung.

Sie wussten schon, irgendwas funktioniert nicht mehr so. Es ging ja, wie gesagt, über Jahre. Die Depression hat sich tatsächlich über Jahre erstreckt.

Michaela Boland:

Wie geht es ihnen heute in Bezug auf ihre Depression? Ist sie überstanden?

Ingrid Steeger:

Ich gehe mal davon aus, dass die Depression schon länger vorüber ist, sonst würde ich gar nicht auf der Bühne stehen.

Michaela Boland:

Die Gefahr eines Rückfalls ist bei Depressionen nicht immer auszuschließen.

Ingrid Steeger:

Ich war auch mit Depressiven zusammen und habe das sehr studiert. Es gibt so viele verschiedene Arten von Depressionen. Depression ist nicht gleich Depression. Klar kann man von heute auf morgen wieder in eine Depression verfallen, wenn irgendetwas passiert.

Es gibt auch eine akute Depression. Jeder Mensch hat mal eine akute Depression gehabt, fällt da kurz rein und ist dann wieder da. Die schlimmste ist die endogene, also die vererbte Depression, die dann sporadisch in Abständen immer wieder kommt.

Michaela Boland:

Aber jetzt geht es ihnen gut?

Ingrid Steeger:

Mir geht es sehr gut.

Michaela Boland:

Das ist schön. Interessieren sie sich eigentlich auch für bildende Kunst?

Ingrid Steeger:

Meine ganze Wohnung ist vollgepflastert mit Bildern von guten Künstlern.

Michaela Boland:

Bevorzugen sie da eine bestimmte Stilrichtung?

Ingrid Steeger:

Ich bin ein sehr großer Fan der Impressionisten. Van Gogh, Gauguin, Manet, Monet usw.

Michaela Boland:

Vermissen sie als Berlinerin eigentlich manchmal ihre Heimat?

Ingrid Steeger:

Nicht ein bisschen.

Michaela Boland:

Was sagen sie denn zu der Flughafenaffaire rund um den regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit?

Ingrid Steeger:

Da habe ich mich, ehrlich gesagt, nicht so viel drum gekümmert. Viele Leute denken immer, ich wohne noch in Berlin. Berlin ist für mich ein Kapitel, das schon lange vorbei ist. Dort zieht mich auch nichts mehr hin zurück.

Michaela Boland.

Gibt es für sie eine Lieblingsstadt?

Ingrid Steeger:

Hamburg und Zürich.

Michaela Boland:

In Zürich haben sie auch einmal gelebt?

Ingrid Steeger:

Ja. Und was mir augenblicklich auch gut gefällt, ist Köln. München war für mich immer so eine Anlaufstätte, wenn ich aus Frankreich kam. Jetzt lebe ich fast schon wieder zehn Jahre in München. In Hamburg habe ich ja auch fünf Jahre gewohnt. Jetzt wird es mal Zeit, dass ich wieder umziehe.

Michaela Boland:

Wie stehen sie zu sozialen Netzwerken wie Facebook? Haben sie einen Account dort?

Ingrid Steeger:

Nein, ganz bestimmt nicht. Was soll ich da reinschreiben? Meinen Freunden schreibe ich entweder eine Mail oder wir telefonieren. Und ich will das nicht, dass da jeder Einblick erhält. Das sind ja nicht alles meine Freunde, auch, wenn sie sich so nennen. Ich kenne die doch gar nicht.

Michaela Boland:

Googeln sie sich gelegentlich selbst?

Ingrid Steeger:

Dann müsste ich ja von morgens bis abends beim Anwalt sitzen. Nein, ich habe eine sehr gute Website, die wird unentwegt aktualisiert. Das ist für Berufliches und für Fans und das reicht mir total.

Und wann ich nun morgens einen Kaffee getrunken habe, oder ob ich hingefallen bin, das muss ich den Fans nicht mitteilen. Das sollen mal alles die Jüngeren machen. Oder ich finde das  für Schlagersänger ganz gut, die ihre Platten verkaufen wollen.

Michalea Boland:

Oder, wenn man ein neues Buch promoten möchte?

Ingrid Steeger:

Das kommt alles auf meine Website. Dann sollen sie sich das da angucken, da steht das dann alles drin. Aber, was ich jetzt alles privat tue, wann ich den Hund gehauen habe oder etwas über mich und meine Gefühle, das muss nicht  sein. Die Medien, die kriechen dann sowieso da herum und ziehen sich dann da etwas heraus.

Michaela Boland:

Wird es im Rahmen ihrer geplanten Buchveröffentlichung ".und find es wunderbar" auch Lesungen geben?

Ingrid Steeger:

Bestimmt.

Michaela Boland:

Mit Peer Augustinski haben sie in jüngster Vergangenheit auch verschiedene Lesungen durchgeführt. Wird es da Wiederholungen geben?

Ingrid Steeger:

Ja, das einzige Problem besteht nur darin, dass es immer sehr schwierig ist, wenn ich, wie jetzt, Theater spiele.

Michaela Boland: Ihre Stimme ist nach wie vor sehr wohlklingend und vor allem junggeblieben. Nutzen sie diesen Umstand beispielsweise auch zum Synchronsprechen?

Ingrid Steeger: Wenig, aber Hörspiele mache ich jetzt. Ich habe gerade einen Krimi gemacht. Synchron weniger.

Michaela Boland:

Wenn man sie direkt anblickt, sieht man sie verhältnismäßig häufig charmant lächeln, obgleich sie zwischendurch in unbeobachteten Momenten immer wieder ein wenig ernst  wirken. Wann und über was können sie manchmal so richtig herzhaft lachen?

Ingrid Steeger:

Weiß ich nicht. Vielleicht über Blödsinn. Über Eliza Doolittle muss ich manchmal herzhaft lachen.

Michaela Boland: Wie kam es zu der Namensgebung?

Ingrid Steeger:

Ich habe die Eliza Doolittle gespielt. Ich spielte Pygmalion. Diese Rolle habe ich auch sehr gerne gespielt.

Michaela Boland:

Gibt es eine Rolle, die sie heute besonders gerne noch einmal spielen würden?

Ingrid Steeger:

Eliza Doolittle, doch leider bin ich dafür zu alt. Es ist ja ein Mädchen aus der Gosse, die zur Dame erzogen wird. Das geht nur, wenn man jünger ist.

Michaela Boland:

Liebe Frau Steeger, vielen Dank für dieses Interview und alles erdenklich Gute weiterhin für ihre Zukunft.

Infos unter:

www.ingridsteeger.de

de.wikipedia.org/wiki/Ingrid_Steeger

www.sueddeutsche.de/geld/reden-wir-ueber-geld-ingrid-steeger-ich-habe-um-euro-gebettelt-1.1031386

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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12.06.2019 Die Rote Anna malt Böse Bilder

GFDK - Interviews und Potraits

Lange, sehr lange ist das her. Ein Rückblick in das Jahr 2003. Was wären die „Stars" ohne RTL, VOX, Pro 7, Bild, Bunte oder Gala?

von Peter Hauptvogel

Die 22-jährige Ukrainerin Anna Vilents hat die omnipräsente Medien-Prominenz unserer Zeit mit Pinsel und Acrylfarbe aufs Korn genommen und in bitter süßen Bildern porträtiert. Sie wollte nur eins: Malerin werden.

Die rothaarige Malerin, die 1993 mit ihren Eltern „als Kontigent-Flüchtling" aus der Ukraine an den Rhein kam, weiß genau wie man Publicity macht. Und ihr Mentor Gottfried Böhmer von Gesellschaft Freunde der Künste Düsseldorf - Berlin weiß das auch. Wohl deshalb wirkten beide auf der Vernissage auch so vergnügt.

Doch Anna ist mehr als ein kleines Schlitzohr, sie ist eine begnadete Künstlerin. Die jüngste Meisterschülerin der alterehrwürdigen Düsseldorfer Kunstakademie. Immerhin einer Institution, die 17 von 100 Namen für die aktuelle Weltrangliste der bildenden Künstler dieser Welt liefert.

18 Jahre alt war Anna als sie angenommen wurde. Sie sprach kaum ein Wort deutsch und besaß kein Abitur. Aber bei der Begabtenprüfung überzeugte sie, wurde sie Meisterschülerin von Prof. A. R. Penck. Dass allein ist schon ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Fachleute schätzen vor allem ihre raffinierte Tropftechnik.

Anders als deren berühmter Erfinder Jackson Pollock bleibt sie jedoch im figürlichen, wenn sie Tierkörper mit Menschenköpfen malt, und dabei Übergänge findet, die ins Mystische reichen. Gut und gerne 4.000 € muss man heute schon für ein Vilents-Bild auf ein Tisch blättern.

Am Ende der jetzt laufenden PR-Show mit den Promi-Motiven wird der Preis gewiss noch gestiegen sein, man darf ihr das gönnen. Allein schon die Zielstrebigkeit mit der sie ihre Künstler- Karriere verfolgte, verdient Anerkennung. Konsequent lehnte sie jeden anderen Berufsvorschlag von Eltern und Lehrern ab, wollte Malerin werden - und wurde es.

Air Berlin Magazin Ausgabe 2/2003

Claudia Schiffer, Boris und Barbara Becker, Verona Feldbusch, Thomas Gottschalk, Ariane Sommer - alle sind sie da. Unsere Medien-Stars im Format 100 x 90 cm. Anna Vilents, in diesem Semester die jüngste Meisterschülerin (Prof. A. R. Penck) an der Düsseldorfer Kunstakademie, porträtiert die „Stars" aus Film und Fernsehen wie die Fürsten, Mönche und Madonnen der Renaissance-Zeit.

Jedoch mit streng kritischem Blick. Auf den 13 „Star-Porträts" wird mit diesen streng ins Gericht gegangen: Dieter Bohlen als Florentiner in der Hand seinen Bestseller als Bibel. Nina Hagen wird als kleines Mädchen dargestellt. Barbara Becker als leidende Heilige.

Anna Vilentsist jedoch keine Zeitgeist-Reporterin, ihr Scharfblick gilt verschiedenen gesellschaftlichen Phänomenen mit einem Schuss Ironie. Ausstellung: Gesellschaft Freunde der Künste Düsseldorf - Berlin.

Messemagazin Ausgabe 1/2003

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11.06.2019 die bekannteste Fair-Fashion-Influencerin

GFDK - Interviews und Portaits

Jedes  Jahr  werden  100  Milliarden  Kleidungsstücke  hergestellt. Umweltauswirkungen  entstehen  über  den gesamten  Lebensweg eines  Textils: von  der Rohstoffgewinnung und der Herstellung von Fasern über die Textilproduktion, den Gebrauch bis hin zur Entsorgung. In kaum einer anderen Branche wird so viel Wasser benötigt  wie in  der  Bekleidungsindustrie. 

So werden um ein Kilo Stoff  zu produzieren bis zu 100 Liter verbraucht. Das meiste Wasser, das die Menschen  verbrauchen, bekommen sie jedoch gar  nicht  zu Gesicht. Die Wassermengen, die in einem Produkt oder einer  Dienstleistungenthalten sind und zur Herstellung  verwendet werden, nennt man deshalb „virtuelles  Wasser“. 

Besonders  viel  von  diesem „unsichtbaren“ Wasser wird bei der Produktion von Kleidung verbraucht. Zur   Minimierung   der   Umweltauswirkungen   hat   sich   in   der   Modebranche  „Fair  Fashion“  als  eine Gegenbewegung zu der sogenannten „Fast Fashion“ entwickelt.

Hierbei geht es nicht nur um Materialien, sondern um eine ganze Reihe von Aspekten, die mit Nachhaltigkeit in Zusammenhang stehen, wie z.B. der Verzicht  auf  Kinderarbeit, existenzsichernder Lohn, keine exzessiven  Arbeitszeiten oder Tierschutz. 

Denn schöne Mode sollte nicht unter hässlichen Bedingungen entstehen. Eine der Vorreiterinnen in Sachen nachhaltiger Mode ist die Wiener Aktivistin Madeleine Alizadeh (29) alias DariaDaria. Sie hat konventionelle Mode gegen grüne, faire Fashion eingetauscht und ist die bekannteste Fair-Fashion-Influencerin.

Sie zeigt,  welche tollen  Looks man  mit nachhaltigen  Labels  tragen  kann  und ist das  beste  Beispiel  dafür,  dass  nachhaltige  Mode und  Modebewusstsein  sich  nicht  ausschließen.  Im Interview  erklärt sie uns,  warum und  wie  wir alle etwas  zu  einem Wandel in  der Modeindustrie beitragen können.

Was macht Ihnen mit Blick auf die Zukunft unseres Planeten besonders große Sorgen?

Mir bereitet der IPCC-Report (Intergovernmental Panel on Climate Change,  Weltklimarat), der im Herbst 2018  erschienen  ist,  sehr  große  Sorgen.  Dieser  besagt,  dass  wir  nur  noch  12  Jahre  Zeit  haben,  um  der Erderwärmung entgegenzuwirken.

Warum müssen wir mehr Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Mode schaffen?

Die Textilindustrie ist die zweitschmutzigste Industrie, nach Öl. Das Volumen an Textilien, das jährlich auf den Markt  kommt  und  in  Umlauf  gebracht  wird,  ist  nicht  mehr  tragbar.  Neben  den  ökologischen  Faktoren spielen die Ausbeutung von Mensch und Tier eine große Rolle.

Das Kaufen von fairer Mode ist für mich auf jeden Fall auch eine feministische Angelegenheit.  Wenn  man  für  sich  selbst  Rechte  beansprucht,  die anderen Frauen nicht zuteil werden, muss man sich doch die Frage stellen, was für einen Feminismus man lebt,  in  dem  man  Kleidung  von  Frauen  kauft,  die  keine  Stimme  und  keinerlei  Rechte  wie  beispielsweise Mutterschutz, soziale Absicherung, faire Löhne oder humane Arbeitszeiten haben.

Wie könnte man in der Gesellschaft dieses Bewusstsein für nachhaltige Mode schaffen?

Das ist eine sehr große Frage, um sie so kurz zu beantworten. Ein möglicher Ansatz ist, die Menschen darauf aufmerksam  zu  machen,  dass  die  Modeindustrie  Auswirkungen  auf die  Umwelt  hat  und  sich  langfristig etwas ändern muss.

Das große Problem ist, dass wir gar nicht mehr wissen, was z.B. 1 Meter Stoff kostet, wir sehen  einfach  kein  Verhältnis  mehr.  Indem  junge  Menschen  schon  in  der  Schule  aufgeklärt  und Produktionszyklen erläutert werden, sowie der Wert eines gefertigten Produkts verdeutlicht wird, können wir ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit schaffen.

 

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27.05.2019 Gipfelsturm und Talfahrt

GFDK - Portrait des Monats

Niemand schreibt ihr Songs auf den Leib. Niemand sagt ihr welche Kleider sie tragen soll. Niemand schärft ihr ein, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren hat. VALENTINE braucht niemanden der ihr gutgemeinte Ratschläge erteilt. Sie schöpft aus sich selbst, ihre Kreativität ist echt. Schon als Ungeborene liebte sie schöne Töne.

„Als meine Mutter schwanger mit mir war, habe ich im Bauch immer gestrampelt, wenn sie die Beatles oder Yes hörte“, berichtet VALENTINE. Als Tänzerin hatte ihre Frau Mama einen musischen Beruf gewählt, genau wie der Herr Papa, der Toningenieur und Musiker ist.

Bereits als Kleinkind bekam VALENTINE von den Eltern ein kleines Keyboard geschenkt. „Ich war fünf Jahre alt, als meine Mutter durchsetzte, dass ich trotz knapper Kasse Klavierunterricht bekam.“

Während ihrer Kindheit in Berlin-Friedrichshain hatte die junge VALENTINE das Glück, eine undogmatische Klavierlehrerin zu treffen, die sie ermutigte, eigene Melodien zu spielen.

In der Schule glänzte die Elevin mit Coversongs von Alicia Keys, Mariah Carey und Jewel, die sie vor der versammelten Schülerschaft vortrug. „Ich merkte, dass es mir leicht fällt, zu singen und Klavier zu spielen“, erinnert sie sich.

Daneben feilte VALENTINE an eigenen Songs. Sie war 16 als ihr Debütalbum „Ocean Full Of Tears“ heraus kam, aus Valentine Romanski wurde (englisch) VALENTINE. Ihre Vorliebe für sehnsüchtige Balladen stieß auf große Gegenliebe bei Publikum und Pop-Adel gleichermaßen.

Kein Geringerer als Sir Paul McCartney wählte die Debütantin aus, drei ihrer Eigenkompositionen auf seiner Charity-Gala „Adopt A Minefield“ in Neuss zu spielen. „Ich war super nervös und habe mein komplettes Englisch-Vokabular vergessen als ich ihm gegenüber trat“, lacht sie.

„Der Auftritt lief aber bestens. Wenn Paul McCartney in der ersten Reihe steht und dich anlächelt, ist das natürlich großartig!“ Vor ihr waren an dem Abend bereits Yusuf Islam (früher Cat Stevens) und Anoushka Shankar aufgetreten.

Auch andere Künstler mochten VALENTINE`s Songs und so kam es zu VALENTINE-Konzerten mit Musik-Schwergewichten wie Meat Loaf, Joe Cocker, 2raumwohnung und Heather Nova.

Zwei Jahre später erschien der Album-Nachfolger „Blue Merry-Go-Round“ - die Platte bestand aus elegischen Songs mit aufwändiger Instrumentierung und nachdenklichen Texten. „Wenn man schon die Plattform bekommt etwas mitzuteilen, muss das doch auch Hand und Fuß haben“, findet VALENTINE.

Nachdenklich machte sie auch ihre Erfahrung, dass nach einem Gipfelsturm die Talfahrt folgen kann. Die erste Plattenfirma schickte ihr nach dem zweiten Album den blauen Brief.

Von nun an musste sich VALENTINE mit Jobs durchschlagen, an Türen klopfen, Absagen kassieren, mit Enttäuschungen fertig werden. VALENTINE besann sich auf ihre Fähigkeiten: sammelte Ideen, schrieb Lieder, verwarf sie wieder und schrieb bessere.

Anfang 2010 waren die neuen Kompositionen so stark ausgereift, dass VALENTINE damit ein neues Demo aufnahm. Diese Songs, unter anderem das Aufsehen erregende „Black Sheep“, beeindruckten das neue Label der Berlinerin und verschafften ihr in Windeseile ihren aktuellen Vertrag.

Für alle Beteiligten war es dabei offensichtlich, dass „Black Sheep“ die erste Single sein musste, denn dieser Song vereint in Sound und Worten zu 100 Prozent die wunderbare Welt von VALENTINE.

Anspruch wird Wirklichkeit VALENTINE`s berauschender Zauber-Pop

Auch die Erfahrungen der schwierigen Zeit des Suchens und Zweifelns finden sich auf VALENTINE`s neuem Album „Love Like Gold“.

Die Berliner Pop-Komponistin geht mit wachen Augen durch die Welt, beobachtet ihre Mitmenschen genau und verschließt sich weder Leid noch Schmerz. „Schon als ich klein war, mochte ich melancholische Melodien.“

Inzwischen ist VALENTINE 22 Jahre alt, und es hat sich eine Menge getan. „Ich wohn` in Berlin“, lacht sie wieder dieses strahlende Lachen, „und war viel tanzen.“ Sie entdeckte Radiohead, Muse, Kate Bush, Amy Macdonald, Marina & The Diamonds und geht bevorzugt in Clubs, in denen ihre Lieblings DJs auflegen.

„Meine neuen Songs haben diese Piano-Melancholie, es gibt opulente Streicher und darunter liegen clubbige Beats“, beschreibt sie die Song-Perlen ihrer neuen Sammlung. „Love Like Gold“, ihr dritter Dreher enthält prächtig kolorierte Popmusik, getragen von frischen Grooves, prall gefüllt mit Gefühl und Seele. Ihre Texte greift sie aus dem vollen Leben.

Für die Single „Black Sheep“ erzählte VALENTINE etwa die Geschichte eines Mädchens, das droht ins Rotlichtmilieu abzurutschen. „Man sollte solche Menschen aber nicht ausstoßen, sondern ihnen unter die Arme greifen“, fordert sie entschieden.

In „Nobody Knows“ schildert sie eine mysteriöse Begegnung mit einem Menschen, den man zu kennen glaubt, aber nicht erinnert. „War es eine Begegnung in einem anderen Leben oder ein Déjà-vu?“, fragt VALENTINE träumerisch.

In Bezug auf ihr „Catch Me With Love“ stellt sie die Frage: „Warum ist Liebe eigentlich so kompliziert und quälend? Besonders für junge Leute, die haben doch noch nichts zu verlieren, keine Familie, um die sich kümmern müssen...“

VALENTINE ist eine junge Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Melodien und Texte stammen großteils aus ihrer Feder, „vom Fotoshooting bis zum Videodreh ist alles durch meine Hände gelaufen“, stellt sie klar.

Entscheidungsfreudig wählt sie die Musiker für ihre Band selber aus und stellt sich flankierend ein Team aus Fachleuten zusammen.

VALENTINE folgte einer Vision, sie hat klare Vorstellungen und lässt sich kein X für ein U vormachen. Selbstverständlich sucht sich die Berlinerin Formen und Farben ihrer märchenhaften Kleider nach eigenem Gusto aus, dabei steht sie bevorzugt auf Rot, Schwarz, Weiß sowie Gold und Silber.

Besonders die Farbe Gold spielt für VALENTINE eine entscheidende Rolle. „Mein Album ist wie eine Schmuckschatulle, darin befinden sich viele Kostbarkeiten die glitzern und funkeln. „Liebe ist wie Gold“, lautet ihre Metapher, „sie ist wertvoll und schön, sie kann aber auch sehr schwer sein und sogar zu Streit führen...“

Das Album „Love Like Gold“ enthält Lieder voll Lebenslust, tiefer Gefühle und pulsierender Musikalität – Pop, strahlend wie goldener Sonnenschein.

Quelle: Sony Music www.sonymusic.de

Fabian Heinisch

 

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20.05.2019 MICHAELA BOLAND TRIFFT JUNG-DESIGNER FLORIAN WESS

GFDK - Michaela Boland

Vor fünf Jahren haben wir ein ausführliches Gespräch mit Florian Wess geführt. Dass der "Botox-Freund" keine Angst vor dem Trash-TV hat, das hatte er uns schon 2014 erzählt. Dass der Sohn und Neffe der "Botox-Boys" nach seinem Auftritt 2011 in der Realityshow "Big Brother" nun auch im "Dschungelcamp" gelandet ist, dürfte keine Überraschung sein.

Vielleicht müssen sich Glööckler, Pauly und Co schon bald warm anziehen, denn sein Plan ist, die Riege der älteren Herren demnächst abzulösen. Von diesem Mann werden wir in Zukunft mit Sicherheit noch jede Menge hören und sehen: Florian Wess.

Der Jung-Designer brennt seit jeher für seine Leidenschaften und lebt für seinen Traum. Jetzt ist der schöne Kölner unter die Modeschöpfer gegangen und seine junge Fashion schlägt ein. Mit einer phänomenalen Laufsteg-Show machte der zielstrebige 33-Jährige lautstark auf die Erstkollektion seines Labels Garçon F aufmerksam.

Mode medienwirksam präsentiert

Bunt, extrovertiert, fröhlich, trendy und convenient kommt Wess` Mode daher. Medienwirksam präsentierte der versierte Geschäftsmann sein Event so denn auch in den Kölner Balloni-Hallen vor den Augen zahlreicher Prominenter. Der Einsatz hat sich gelohnt: Schon jetzt steigt der Absatz der Wess`schen Originals, die man online erwerben kann, in ungeahnte Höhen. Mehrere Modelle sind bereits vergriffen.

Botox-Behandlungen sind wie ein Gang zum Zahnarzt

Was den charmanten Beau mit perfekten Umgangsformen antreibt, warum er nie einen Hehl aus seinem Hang, in der Öffentlichkeit stehen zu wollen, gemacht hat, wie er sich sozial engagiert und warum sich Botox-Behandlungen für ihn wie ein Gang zum Zahnarzt anfühlen, wollte ich beim Besuch im Kölner Familienbüro herausfinden.

Die Mittelstraße in der Domstadt am Rhein zählt zu den feinen Geschäftsadressen. Hier finden sich Edel-Boutiquen, Läden mit erlesener, exquisiter und in der Regel teurer Ware, hier flanieren häufig gut betuchte Kunden, hier reiht sich Schaufenster mit schillernder Auslage dahinter ans nächste. Auch AW-Promotion, die Firma seines Vaters, Arnold, ist hier ansässig. Florian Wess kann die Räumlichkeiten für sein noch junges Label, Garcon F, zunächst mal mitnutzen.

Florian Wess hat keine Angst vor dem Trash-TV

Der höfliche und zuvorkommende  Neu-Designer hat mich hierher eingeladen. Ich muss gestehen, dass ich sehr gespannt bin auf den jungen Mann, den ich bisher in erster Linie in Zusammenhang mit den sogenannten Botox-Boys, der eigenen Doku-Serie rund um seine Hochzeit, Ein- und Auszügen aus dem BB-Haus und diversen anderen Blitzauftritten auf dem Bildschirm wahrgenommen habe.

Gemeinhin bezeichnet man diese Art des Fernsehens als Trash-TV, aber ein Geheimnis aus dem Bedürfnis, in den Medien zu sein, hatte Florian Wess zu keinem Zeitpunkt gemacht. Wir Menschen neigen dazu, in Schubladen zu denken und werden immer wieder eines Besseren belehrt.

Wer ist er also, der kreative junge Kopf, der auf Basis seiner eigenen Ideen mithilfe der Familie eine perfekt inszenierte Show auf die Beine gestellt hat, der nun arbeitsbeflissen in Mode macht und trotz allem Glamour dennoch bodenständig und demütig wirkt.

Michaela Boland: Hört man dich sprechen, gewinnt man nicht zwangsläufig den Eindruck, dass du waschechter Kölner bist. Wo kommst du ursprünglich her?

In Köln eingebürgert

Florian Wess: Mein Vater, mein Onkel und ich kommen gebürtig aus Fulda. In den 1980er Jahren sind wir hierher gezogen, da mein Vater sich damals im Bereich EDV selbständig gemacht hat und die Möglichkeiten auf dem Markt hier in NRW, im Vergleich zu unserer alten Heimat, natürlich super waren. Seitdem sind wir hier quasi eingebürgert. Abgesehen von meinem Onkel, dem Zwillingsbruder meines Vaters, und deren Schwester. Sie leben nach wie vor in Hessen.

Michaela Boland: Welche Schulen hast Du besucht?

Florian Wess: Nach der Grundschule habe ich, ganz normal, eine weiterführende Schule besucht. Dann habe ich neun Monate lang die Bundeswehr durchlaufen. Das war noch Wehrdienst in Rennerod im Westerwald beim Sanitätsregiment. Dort habe ich Teamgeist und Zusammenhalt gelernt, was mir auch jetzt noch etwas bringt. Viele sagen ja, „Bundeswehr ist nichts “, aber für mich war es o.k., wobei ich heute jedoch eigentlich sagen würde, dass Bundeswehr unnötig ist.

Michaela Boland: Wie ist dein Weg danach weiter verlaufen?

Florian Wess: Anschließend habe ich eine Ausbildung zum Bürokaufmann absolviert. Mein Vater hat zu diesem Zeitpunkt bereits seine Firma gehabt. Die Ausbildung wollte ich allerdings nicht bei ihm machen, da dies für mich zu soft gewesen wäre. Meine Eltern und ich haben Wert darauf gelegt, dass ich meine Ausbildung extern absolviere. Also habe ich in einem Kölner Betrieb für Werbemittel gelernt. Dort wurden beispielsweise Schlüsselbänder und ähnliches hergestellt. Mir war das wichtig, damit ich einen  bodenständigen Beruf habe.

Michaela Boland: Hat die Ausbildung komplette drei Jahre gedauert?

Florian Wess: Ja, ich habe drei Jahre durchgezogen, habe in manchen Bereichen ganz viele Probleme gehabt, Nachhilfe bekommen, dann in der Abschlussprüfung alles bestanden. Das war mir wichtig, denn man weiß ja nie, wie das in den Medien so ist und auch ein Designerleben kann schnell vorbei sein.

Michaela Boland: War dein Blick zu diesem Zeitpunkt denn schon zielgerichtet auf ein Dasein in der Öffentlichkeit fixiert?

Florian Wess: Den Blick auf die Medien hatte ich schon immer. Ich habe schon im Jahre 1995 mein erstes Moderatoren-Casting beim Kindersender Nickelodeon gehabt. Zu diesem Zeitpunkt hat mein Großvater noch gelebt und mich  dorthin begleitet. Da stand ich dann mit 15 Jahren ganz nervös am Tisch. Damals hat es leider nicht funktioniert, was ja auch logisch war, denn sie konnten ja keinen 15-Jährigen einstellen.

Sie haben mich eben geholt, um mir einen Traum zu erfüllen, damit ich mal moderieren konnte. Doch nichts desto trotz hatte ich schon zum damaligen Zeitpunkt mein Bewerbungsvideo komplett selbst hergestellt. Den Hintergrund ausstaffiert mit allem Drum und Dran. Das war wohl witzig. Insofern kann ich sagen, dass ich schon immer in die Medien wollte.

Michaela Boland: Hast du später, nach Beendigung deiner Ausbildung, denn sogleich den ersehnten Weg in die Medien gefunden?

Florian Wess: Nach meiner Ausbildung bin ich zu meinem Vater in den Betrieb gegangen und habe in dessen Eventbereich gearbeitet. Wir erhielten den Zuschlag für die Jummimüüs-Gala, (auf Hochdeutsch: Gummimaus) ein großes Charity-Event. Dort konnte ich dann Erfahrung mit Prominenten sammeln, Connections machen und mich gleichfalls ein wenig weiterentwickeln. So ging es dann immer weiter. 2009 bin ich dann durch die Schönheits- OP-Berichte zum ersten Mal so richtig in die Medien gekommen.

Michaela Boland: Zuvor warst du allerdings schon im Jahre 2005 in einem Video-Projekt zu sehen.

Florian Wess: Richtig, das war ein soziales Projekt für JuPo (JungPositiv). Das ist eine junge Gruppe, die sich aus Schwulen, Lesben, Heteros und HIV-infizierten Menschen zusammensetzt und die führen ein gemeinschaftliches soziales Projekt durch. Dafür habe ich mich einige Jahre engagiert und dabei sind verschiedene Clips entstanden.

2005 haben wir in Österreich für ein Projekt auch den Medienpreis der Deutschen Aidsstiftung bekommen. Es war wirklich eine super Sache. Auch Günther Jauch hat einen solchen Preis verliehen bekommen. (Anm.d. Red: Stern-TV –Beitrag: „Kinderwunsch trotz HIV – Die Geschichte der Heidemarie Kremer“)

Michaela Boland: Engagierst du dich derzeit noch in diesem Projekt?

Florian Wess: Nein, da man nur bis zum Alter von 27 Jahren mitmacht, weil dann junge Leute nachrücken sollten. Aber das ist o.k., ich habe es schließlich vier oder fünf Mal gemacht.

Michaela Boland: War die Arbeit in diesen Filmprojekten für dich eine Art Bestätigung, nun genau zu wissen,  beruflich etwas in der Öffentlichkeit machen zu wollen?

Florian Wess: Es war etwas, wobei ich einige Sachen gelernt habe. Es hat mich auch angespornt, weiterzumachen, weil es mir gefallen hat. Nur kann man so etwas mit den Medien nicht vergleichen. Aber ich habe mir schon gesagt, „das ist mein Ding, das möchte ich“.

Michaela Boland: Du betreibst auch einen Blog im Netz. An welche Adressaten richtet er sich?

Florian Wess: Ja. Da geht es um Dinge, bei denen ich es noch nicht vermocht habe, sie medial umzusetzen, zum Beispiel um Stories, wo ich Obdachlose treffe, Bekannte, die auf der Straße leben, soziale Projekte oder auch, was ich so privat mache oder wie ich schon mal Wünsche erfülle. Manchmal beschreibe ich dort auch Leute, die mir wichtig sind oder es wird über Fan-Treffen berichtet.

Michaela Boland: Bist du ein Mensch, der politisch interessiert ist?

Florian Wess: Ja, ich bin früher politisch sehr aktiv gewesen. So war ich beispielsweise bei Stuttgart 21 und habe dort demonstriert. Auch in Duisburg Marxloh habe ich gegen rechts demonstriert. Dort bin ich sogar in Gewahrsam genommen worden, weil wir die Nazis blockiert hatten. Da gab es drei Busse für  Minderjährige,  Leute mittleren und höheren Alters.

Dorthin hat man uns gesteckt bis die Demo vorüber war. Also, ich bin durchaus politisch aktiv, allerdings nicht Partei-zugehörig. Ich habe  jedoch durchaus meine Meinung und die ist sehr europäisch, freundlich und recht offen ausgerichtet.

Michaela Boland: Hast Du noch Geschwister?

Florian Wess: Ich habe noch einen jüngeren Bruder, Marius. Er ist aber überhaupt nicht so medienaffin, sondern eher zurückhaltend konservativ in manchen Dingen.

Michaela Boland: Liest man drei Jahre alte Medienberichte über Dich, findet man als Altersangabe immer wieder 26.  In der aktuellen Berichterstattung bist du demgegenüber plötzlich 33. Rechenfehler oder machst du grundsätzlich ein Geheimnis um dein Alter?

Florian Wess: Natürlich lege ich sehr viel Wert darauf, immer jung auszusehen, aber ich mache kein Geheimnis um mein Alter. Ich bin 33 Jahre alt. Das Medienalter ist einfach dadurch entstanden, dass die Leute nie nachgefragt und immer einfach etwas erfunden haben. Da habe ich mir eben gesagt, „von mir aus, wenn die das machen möchten, dann habe ich kein Problem damit“. Doch wenn mich jemand fragt, gehe ich schon offen damit um.

Michaela Boland: Welche Vorbilder hattest Du als Kind?

Florian Wess: Sowohl als Kleinkind als auch als Jugendlicher bin ich immer schon ein Fan von amerikanischen Soaps, Sitcoms und Kinofilmen gewesen. Die habe ich auch gesammelt, z.B. Roseanne, Clueless oder die Rich Girls. Ich habe mich da schon gefragt, „wie kommt das“ und wollte ständig wissen, „woher haben die das und das“.

Mir war da schon klar, dass ich irgendetwas mit Mode zu tun haben wollte. Irgendwie hat mich der ganze amerikanische Lifestyle fasziniert. Die großen Supermärkte, die riesige Auswahl von Softgetränken, die vielen Stars.

Michaela Boland: Hast du dich schon als Kind häufig in den Staaten aufgehalten?

Florian Wess: Nein, aber wir sind immer viel gereist. Wir hatten viele internationale Freunde und Bekannte, da mein Vater durch sein EDV-Business auch immer viele Leute kennengelernt hat.

Michaela Boland: Ist dir das Weltenbummler-Dasein somit ein Stück weit in die Wiege gelegt worden?

Florian Wess: Richtig.

Michaela Boland: Auf deiner Garçon F- Seite beschreibst du dich als einen extrovertierten Mann, der Fashiontrends aufspürt und einen Zugang zur breiten Öffentlichkeit ermöglichen will. Betrachtest du dich im Modebereich als eine Art Mittler?

Florian Wess: Ich bin jemand, der sich nicht festlegt. Die Sachen, die mir gefallen, die suche ich mir zusammen und die ziehe ich an, die trage ich, die vermittle ich. Genauso lebe ich auch. Natürlich habe ich Prinzipien, denen ich in meinem Leben, wie einem roten Faden, immer treu bleibe. Die gehören zu mir. Aber rundherum wechsle ich wie meine Klamotten auch meinen Lifestyle.

Das, was aktuell ist, was Trend ist und wichtig ist und was von anderen Persönlichkeiten zeitnah umgesetzt wird, das fasse ich auf und setze es um. Genau das möchte ich mit Garçon F beispielsweise auch der Hilde aus Baden Baden vermitteln können.

Motto:  Hör zu, wenn du etwas möchtest, dann klick dich doch auf meine Seite, da findest du, was up to date ist, musst nicht lange suchen und kannst schauen, ob es zu dir passt. Das kann eine Gedankenstütze sein, das kann eine Hilfe oder Anregung sein, vielleicht auch einfach nur eine Bestätigung für andere Leute.

Michaela Boland: Wer soll in erster Linie von deiner Mode profitieren? An welche Klientel richtet sich das Angebot?

Florian Wess: Das sieht man ja bereits an den Größen, die von XS bis XXL reichen.

Michaela Boland: Wobei anzumerken ist, dass deine Models während der Show allesamt extrem schlank waren. Dagegen konnte man sich mit einer Konfektionsgröße 34 durchaus schon etwas korpulent fühlen.

Florian Wess: Ja, die Models sind natürlich so ausgewählt, damit das alles knackig herüberkommt. Mir haben allerdings schon viele Mädels geschrieben, „danke Florian, dass du auch XXL Größen anbietest“, jetzt von dieser Kollektion abgesehen, denn das ist eben eine Möglichkeit zu zeigen, dass man alles anziehen kann.

Michaela Boland: Du bietest ausgefallene Shirts, Sweaters oder auch Leggings an. Preislich geht es ja da schon bei sehr moderaten 25,00 Euro los. Soll deine Mode eigentlich eher erschwinglich oder exklusiv sein?

Florian Wess: Ich werde die Preise noch mal anpassen, allerdings habe ich sie so angesetzt, um die Zielgruppe zu erreichen, die ich erreichen möchte. Ich mache logischerweise keine High-Class-Fashion. So eine Damen-Herren-Kollektion von A bis Z zu machen, wie es beispielsweise ein Cavalli kann, das möchte ich gar nicht.

Es soll trendbewusst sein und die Preise sind so angesiedelt, dass es sich jeder kaufen kann. Das Preissegment wird schon in etwa so bleiben. Auch wenn Parfums und Kosmetik kommen, denn es ist bewusst auf die Masse abgezielt. Insoweit wird es eher ein bisschen günstiger werden.

Michaela Boland: Kann man denn dann noch von exklusiver Mode sprechen?

Florian Wess: Doch das kann man.

Michaela Boland: Inwieweit?

Florian Wess: Insoweit als diese Sachen von mir stammen. Die Ideen hierzu kommen ja aus meinem Kopf. Insbesondere die Motive. Es sind meine exklusiven Gedanken, also mein geistiges Eigentum und das ist nun mal exklusiv.

Michaela Boland: Wie kommt deine Mode an?

Florian Wess: Das Shirt auf dem Prinzessin Di abgebildet ist, hat gerade in der Schweiz viel Kritik hervorgerufen.

Michaela Boland: Aus welchem Grund?

Florian Wess: Weil darauf die Worte stehen, „I love Paris“. Sie ist ja seinerzeit in Paris gestorben. Deshalb hat man mich in der Schweiz geradezu zerrissen. Dort schrieb man dann: „Florian Wess macht Mode für die Mülltonne“. Aber das ist ja o.k., das wollte ich ja damit erreichen.

Michaela Boland: Du schreibst, dass Du Trends aufspürst. Ist das, was du umsetzt insoweit ganz und gar originär oder siehst du irgendwo etwas und versiehst es anschließend noch zusätzlich mit deinen eigenen Ideen?

Florian Wess: Das ist richtig, ich setze das um, aber sowohl als auch habe ich auch meine eigenen Sachen dabei.

Michaela Boland: Welches Stück kann man da beispielsweise benennen?

Florian Wess: Gerade das Shirt mit Lady Di darauf. Der Spruch dazu, um Kontroversen zu schaffen. Oder einfach einen richtig krassen Mundschutz zu machen, vergoldet mit Nieten darauf. Das sind richtig heftige Sachen.

Michaela Boland: Wann war der Entschluss, nun in Mode zu machen, bei dir richtig ausgereift?

Florian Wess: Mode wollte ich schon immer machen, aber ich habe nie gedacht, dass ich mal so eine geile Show machen würde, dass ich ein eigenes Label haben würde, dass es bei mir weitergeht und dass dieses Label so viel Potential haben würde wie Garçon F. 2011 haben Valencia und ich uns getrennt, 2012 haben wir uns scheiden lassen. Da war ich ein nahezu am Boden zerstört, weil alles so negativ ausgelegt wurde. Da war die Rede von Fake-Hochzeit und so weiter.

Zu dem Zeitpunkt habe ich mit meinem Vater gesprochen und gesagt, dass ich etwas Neues brauche, um mich abzulenken. Gegen Ende 2011 bzw. Anfang 2012 habe ich dann gesagt, „Jetzt machen wir es“. Und dann habe ich damit angefangen, die ersten Shirts zu machen.  Wie beispielsweise das von Paris Hilton. Das waren meine ersten Entwürfe, auch meine eigenen Designs.

Anschließend sind wir nach L.A. zu Paris Hilton und zu LaToya Jackson geflogen, um das ein bisschen zu hypen. Aber da habe ich gemerkt, dass das, was ich damals gemacht habe, ein bisschen  zu langweilig ist, zu 0815-mäßig. Danach habe ich mich noch einmal in Ruhe hingesetzt und überlegt, was man machen kann und habe mich wirklich darauf konzentriert. Und so ist Garçon F innerhalb von zwei Jahren entstanden und diese Shirt-Kollektion. Es hat also schon zwei Jahre gedauert.

Michaela Boland: Ist es ein großes Wagnis, so etwas aufzuziehen, wenn man eigentlich nicht aus der Branche kommt, wenn man also nicht, wie andere, zunächst mal eine Schneiderlehre absolviert oder ein Modedesign-Studium abgeschlossen hat? Oder kannst du das ganz entspannt angehen, weil der finanzielle Background da ist?

Florian Wess: Alles, was man in den Medien macht, ist immer ein Wagnis, weil es immer Menschen gibt, die einen kritisieren oder die einen unterstützen. Da gibt es kein Mittalding. Das ist bei mir genauso und war auch schon vorher so. Ich habe schnell gelernt, dass man darauf nicht so viel geben muss. Mich stört es nur, wenn meine Familie angegriffen wird oder ganz oberflächliche Beleidigungen kommen.

Ich habe zuvor mit InStyle-Chefredakteurin Annette Weber gesprochen, die ich in Mailand kennengelernt habe und sie hat zu mir gesagt, „Florian, hör zu, wenn du heutzutage ein Label herausbringst, ein Design machst, dann kannst du das ohnehin nicht mehr allein. Dann brauchst du ein Kreativ-Team.“ Das habe ich auch. Die unterstützen mich in puncto Stoffe, Einkauf, Vermarktung und so weiter. Mit denen arbeite ich zusammen. Heutzutage ist man in puncto Design auf ein Team angewiesen. Daher weiß ich auch, ich bin nicht allein gelassen und das ist gut.

Michaela Boland: Sind sie hier bei dir mit im Haus oder frei?

Florian Wess: Das sind Freunde und Bekannte von mir, mit denen ich zusammenarbeite. Mit denen berät man sich und entwickelt sich weiter.

Michaela Boland: Wie sieht deine künftige Planung im Hinblick auf kommende Kollektionen aus, nachdem deine jetzige ja zunächst auf Sweaters, Shirts, Leggings und Handy-Cases begrenzt ist?

Florian Wess: Es wird auf jeden Fall immer wieder Shirt-Kollektionen geben, die jedes Mal abgewandelt sind, aber im selben Stil. Wobei es in nächster Zeit ein bisschen mehr ins Schwarz gehen wird. Das hatte ich ja dieses Mal bewusst herausgelassen.

Es wird auch Parfum geben, was ich mit Helmut Berger kreieren werde. Ich möchte auf jeden Fall, dass die Leute auch sehen, dass es mehr geben kann von mir. Es wird dann Hosen geben und richtige Sachen, die auch geschneidert sind. Aber das dauert eben noch ein bisschen. Der nächste Step wird im kommenden Jahr noch einmal Shirts sein und danach wird es dann richtig weitergehen, da ich mich auch weiterentwickeln muss.

Michaela Boland: Wie darf ich mir derzeit einen typischen Arbeitstag von dir vorstellen?

Florian Wess: Mein Wecker klingelt jeden Morgen zwischen fünf und fünf Uhr dreißig. Meinen Vater, der zwar nebenan im Büro sitzt, aber so ein Workaholic ist, dass er nur morgens im Fitness-Studio mit mir sprechen kann, sehe ich also um zehn vor sieben zum Fitnessprogramm im Holmes Place. Dort trainieren wir, tauschen uns aus, reden und informieren uns über das Wichtigste.

Dann gehe ich ins Büro, checke meine Mails und Facebook, mein Social Media, checke anschließend ab, wie die Bestellungen sind und kümmere mich dann um Drehs, die wir haben, z.B. Fashion-Shows oder, wo wir als V.I.P.-Gäste eingeladen sind. Auch habe ich Geruchsproben für das Parfum, das wir zusammengestellt haben. Zwischendurch mache ich hier Interview-Anfragen und andere Sachen. Ich vereinbare Fototermine, muss Autogrammkarten schreiben. Abends gehe ich wieder mit meinem Vater essen, so ab 18.00 Uhr und das war es dann.

Michaela Boland: Unternimmst du auch mal etwas mit deiner Mutter?

Florian Wess: Meine Mutter besuche ich meistens am Wochenende, also schon regelmäßig. Meine Großmutter auch.

Michaela Boland: Heißt das, dass deine Eltern getrennt sind?

Florian Wess: Meine Eltern sind schon seit 20 Jahren getrennt. Mein Vater und meine Mutter sind schon neu verheiratet, das ist aber alles super. Also, mein Leben ist schon sehr bunt gemischt. Ich bin oft in Wien, ebenfalls in Salzburg, auch wegen Helmut Berger. Ich bin auch oft in Berlin unterwegs.

Michaela Boland: Zum Thema Berger hast du dich öffentlich bisher noch gar nicht so richtig geäußert.

Florian Wess: Der Zeitpunkt, dass ich darüber richtig viel erzählen möchte, kommt noch.

Michaela Boland: Verstanden. Hast du eigentlich vor, im Bereich des Schneiderns alles einmal so richtig von der Pike auf zu erlernen oder kannst du gar eine Nähmaschine bedienen?

Florian Wess: Eine Nähmaschine kann ich bedienen, meine Oma hat ja auch welche. Ich habe durchaus schon andere Sachen gemacht, z.B. verfeinert und enger genäht. Das ist kein Problem, das funktioniert. Und Stoffkunde ist auch in Ordnung. Ich weiß, welche Stoffe es gibt und die Arten von Stichen beim Nähen stellen ebenfalls kein Problem für mich dar.

Aber selbst die Musterteile für die Modenschau wurden extern für mich produziert. Ich lege Wert darauf, dass in Europa hergestellt wird. Das wird auch so gemacht, nämlich in Polen. Also es sieht so aus, dass ich mich mit meinen Produkten auskenne und das ist für mich wichtig. Allerdings will ich nicht sagen, dass ich nicht dazu bereit bin, Neues dazuzulernen, denn ich lerne immer gerne dazu.

Ich bin auch offen für Kritik, wenn es wirkliche Kritik ist. Sagt jemand zu mir, „Florian, deine Mode ist Scheiße, mach doch mal etwas anderes“, dann ist das allerdings keine Kritik für mich. Kritik muss in meinen Augen so gestaltet sein, dass ich etwas umsetzen und mich weiterentwickeln kann.

Michaela Boland: Ist dein Label schon in der Modefachwelt besprochen worden?

Florian Wess: Nein.

Michaela Boland: Gab es denn irgendwelches Feedback von Modedesigner-Kollegen?

Florian Wess: Nein. Das Feedback sah so aus, dass wir auf der Modenschau ja ein paar Modedesigner da hatten, es waren ein paar Einkäufer vor Ort. Die haben sich nicht negativ geäußert, zumindest wurde mir nichts zugetragen und online habe ich auch nichts gefunden. Natürlich hatten das Label und wir einen riesengroßen Pressehype nach der Modenschau. Im Bereich Online-Media, Social Media, TV und Print. Ich denke, die Leute sehen das und werden es realisieren. Aber warum sollten sie Kritik äußern, sie wissen ja selbst wie es ist.

Michaela Boland: Wie sieht es mit Modefachjournalen aus?

Florian Wess: Das ist gar nicht das, wo ich hin möchte. Ich sehe  mich nicht als Roberto Cavalli oder als Michalsky. Das bin ich nämlich nicht. Ich mache etwas ganz anderes. Ich sehe mich zwar als Designer, aber eben nicht als High-Class-Designer. Und ich möchte deshalb nicht dorthin, da ich dann die ganzen Leute, die mich groß gemacht haben, fallen lassen würde.

Michaela Boland: Woher beziehst du die konkreten Inspirationen für deine Motive?

Florian Wess: Bei meinem XOXO-Motiv war es so, dass das eine Einstellung in meinem Leben war. Ich habe Paris Hilton getroffen und ich will nicht direkt sagen, dass sie ein Vorbild ist, aber sie hat gute Geschäftsideen. Dieses XOXO hat sie immer gepostet. Es bedeutet Hugs & Kisses und das habe ich so aufgenommen.

Auf meinem ersten Shirt war sie ja mit diesem kleinen Hund abgebildet. Das hat mir dann  nicht mehr so gefallen, und das habe ich dann abgewandelt zu dem neuen XOXO. Ansonsten haben wir eine Abbildung von Yves Saint Laurent dabei, Helmut Berger, Romy Schneider, Gianni Versace oder Christian Dior. Das sind alles Ikonen und das hat mich inspiriert.

Michaela Boland: Das sind weitestgehend ausgesprochen schöne Menschen gewesen. Ist Ästhetik für dich ein zentraler Punkt?

Florian Wess: Ästhetisch sein, gepflegt sein, gut riechen, gut aussehen, das ist mir schon wichtig. Wenn andere Menschen anders damit umgehen, dann akzeptiere ich das. Ich würde niemals zu jemandem sagen, „ du riechst irgendwie nach Schweiß, geh mal duschen“, so etwas sage ich nicht, sondern ich ignoriere das.

Michaela Boland: So etwas ist ja manchmal schwer zu ignorieren.

Florian Wess: Richtig, aber  ich bin so ein Typ, der auch niemanden diskriminieren würde. Ich würde also nicht sagen, „der ist korpulent und die da trägt ein Kopftuch, was soll das“, das bleibt jedem selbst überlassen. Ich würde das ja auch nicht wollen. Bei uns war es so: Mein Vater und Onkel sind ja Zwillinge und die haben immer sehr viel Wert auf ihr Äußeres gelegt.

Mein Bruder, meine Mutter und meine Tante genauso. Das ging früher schon damit los, Deo und Gesichtswasser zu benutzen, sowie zur Kosmetik und in die Sauna zu gehen. Nach dem Duschen eben immer neue Klamotten anzuziehen. Das ging bei uns schon los als wir klein waren. Und auf diese Weise hat sich das gewissermaßen manifestiert.

Michaela Boland:  Kommen wir noch einmal zu deiner Kollektion. Unter deinen Stücken ist mir ein Motiv aufgefallen, auf dem dein Konterfei sehr deutlich abgebildet ist. Du trägst darauf eine Cap mit der Aufschrift „High“. Darüber hinaus gibt es dich gleich in doppelter Ausführung mit jeweils verschränkten Armen einander gegenüberstehend. Was hat es damit auf sich?

Florian Wess: Das Motiv, bei dem ich mir selbst gegenüberstehe, soll bedeuten, dass es immer zwei Persönlichkeiten gibt. Man sieht sich im Leben immer wieder. Für mich ist das deshalb wichtig, weil ich schon Zeiten gehabt habe, in denen ich mich nicht getraut habe, in den Spiegel zu blicken. Womöglich hört sich das ein bisschen verrückt an, aber es ist so. Deswegen habe ich mich auch bewusst ohne Tätowierungen dort abgebildet.

Michaela Boland: Warum genau?

Florian Wess: Vielleicht möchte ich mich einfach auch mal wieder ohne Tattoos sehen.

Michaela Boland: Wie lange trägst du sie bereits auf deiner Haut?

Florian Wess: Ich glaube, das erste habe ich vor zehn Jahren stechen lassen. Und dann ging es immer so weiter.

Michaela Boland: War das in deinem Elternhaus zunächst ein Problem?

Florian Wess: Mein Vater und meine Mutter sagen immer, „in dem Beruf ist das kein Problem“. Heute gebe ich aber jedem Angestellten oder jedem Azubi den Rat, wenn er sich ein Tattoo machen lassen möchte: „Mach es und wenn dein Chef dann zu dir sagt, du kannst wegen der Tätowierung hier nicht mehr arbeiten, dann mache dich selbständig!“ Wenn nämlich ein Chef die Arbeitsleistung vom Tattoo abhängig macht, ist das sowieso kein richtiger Chef.

Michaela Boland: Wieviel Zeit hat eigentlich die reine Herstellung der Kollektionsstücke in Anspruch genommen?

Florian Wess: Mit den ganzen Malaktionen mindestens ein Jahr. Das sind alles Ölgemälde, die eigens angefertigt und später digital eingefügt wurden. Dann habe ich mich mit verschiedenen Firmen auseinandergesetzt, die überhaut dieses ganz neue Druckverfahren zur Anfertigung dieses Stils anbieten. Dabei handelt es sich um einen Laservolldruck, wobei ganz wichtig ist, das jener Druck auch nicht ganz durchgeht. Alles wird komplett vernäht. Das ist alles ganz fein, gibt’s auch nur recht selten und ist ebenfalls exklusiv.

Michaela Boland: Das klingt recht aufwendig. Umso erstaunlicher, dass du den Preis für die Ware verhältnismäßig gering halten kannst.

Florian Wess: Es ist sehr aufwendig. Ich sage ja, man macht es bei der Masse gut. Ich habe wirklich einen guten Absatz.

Michaela Boland: Die Farbdrucke auf den Shirts sind auch alle waschresistent?

Florian Wess: Wie auch andere Designer es handhaben: Man sollte solche Sachen grundsätzlich immer im Handwaschgang waschen und nicht in den Trockner stecken. Das ist ja logisch. Das ist alles robust und beständig.

Michaela Boland: Wie viele Mitarbeiter beschäftigst du bereits?

Florian Wess: Ich habe insgesamt fünf.

Michaela Boland: Könnten es womöglich mehr werden, sobald du deine Kollektion erweiterst?

Florian Wess: Das tut sich nichts, da es spezielle Firmen gibt, die meine Sachen für mich entwickeln. Und in der heutigen Zeit von E-Mails sind Sekretärinnen zum größten Teil überflüssig.

Michaela Boland: Für deine ausgefeilte Bühnenshow hat es einer akribischen Vorbereitung bedurft, wie man merken konnte. Wie lange hast du im Vorfeld daran gearbeitet?

Florian Wess: Wie die Show abläuft, was wir wollten und was ich wollte, das hatte ich alles schon im Kopf, das wusste ich genau. Schwierig ist nur gewesen, die passende Eventhalle zu finden. Um die Balloni-Hallen haben wir wirklich gekämpft, denn sie hatten hohe Auflagen. Es war schwierig, diese umzusetzen. Das ganze Event haben wir innerhalb von zehn Wochen gestemmt.

Michaela Boland: Du konntest recht bekannte Models für deine Show gewinnen, beispielsweise Larissa Marolt und Mickey-Rourke-Freundin, Anastassija Makarenko. Heißt das, dass man die Models auch verhältnismäßig kurzfristig buchen kann?

Florian Wess: Von Larissa wusste ich, dass sie da sein würde, denn wir haben sie schon vorher angefragt. Da haben wir das Datum durchgegeben. Ich will nicht sagen, dass wir uns nach ihr gerichtet hätten, aber ich wusste, wann sie Zeit hat und das hat dann auch bei uns gut geklappt. Wichtig war natürlich auch, dass die Kleidungsstücke rechtzeitig da sein würden. Das hat ja auch alles funktioniert.

Michaela Boland: Wen siehst du in der Modewelt als Konkurrenz bzw. als Mitbewerber?

Florian Wess: Die großen Designer, die weltweit bekannt sind, sind für mich keine Konkurrenten, weil ich das ja nicht bin. Ob ich dahin komme, weiß ich natürlich nicht, wäre aber sicherlich schön. Meine Konkurrenz sind ganz klar Harald Glööckler, Sebastian Böhm und Alfredo Pauly. Alle QVC-und HSE- Gesichter. Ich denke schon, dass ich bereit bin, in zwei Jahren da einige abzulösen.

Meine Fans, meine Zielgruppe liegt vom Alter her zwischen 14 und 25 und sie sind wirklich darauf bedacht, vor allem etwas von mir zu bekommen. Die wollen keine Handtasche oder irgendeine Jeans, die irgendwo jemand genäht hat und der dann seinen Namen darauf gesetzt hat.

Meine Zielgruppe will etwas von mir und deshalb werde ich immer meiner Linie treu bleiben. Würde ich jetzt so werden wie Michalsky, wobei ich natürlich nicht ausschließen kann, dass das vielleicht einmal kommen wird, doch wenn es käme, wäre ich unglaubwürdig. Aber unglaubwürdig möchte ich eben nicht erscheinen.

Michaela Boland: Jetzt wirst du natürlich, ebenso wie deine Fans, irgendwann auch älter. Ist denn insoweit völlig undenkbar, dass dein Angebot um entsprechende Produkte erweitert wird?

Florian Wess: Erweitern schon, doch ich kann mir nicht vorstellen, extremen Luxus zu verkaufen. Im Moment kann ich mich damit noch nicht anfreunden.

Michaela Boland: Gibt es unter allen Produkten eines, das besonders begehrt ist?

Florian Wess: Das Fuck You – T-Shirt läuft am besten (lacht).

Michaela Boland: Gibt es im Hinblick auf Produkte etwas, dass du kategorisch ausschließen würdest?

Florian Wess: Ich würde niemals Schuhe machen können. Ich werde lieber auf die extravaganten Sachen gehen. Viele Accessoires, vielleicht verrückte Mützen. Ich möchte noch nicht zu viel verraten, aber es wird Sachen geben, die für Furore sorgen werden.

Michaela Boland: Welche Kunst interessiert dich?

Florian Wess: Ich liebe neuzeitliche Kunst, ich liebe auch bewegte Kunst in Form von Videos und Bildern. Es gibt ein Video einer Bekannten von mir, das mir besonders gut gefällt. Darin sieht man eine Frau, die ein Tuch hat. Dieses Tuch stellt die Haare dar. Jene Frau versucht immer wieder, die Haare aus dem Gesicht zu bekommen, kriegt sie aber einfach nicht weg. Das Video kann man unendlich lang laufen lassen und so etwas finde ich sehr interessant.

Michaela Boland: Was liest du gerne?

Florian Wess: Bücher von Vera Birkenbihl, außerdem ganz viele soziale Sachen oder Bücher über vegane Ernährung. Krimis und Romane lese ich nicht.

Michaela Boland: Wie sieht es bei dir mit dem Glauben aus?

Florian Wess: Ich bin sehr gläubig. Ich habe mein Losungsbuch immer dabei. Da steht für jeden Tag eine Losung drin. Diese Bücher habe ich seit 2008. Sie sind immer recht hochwertig und neu und ich nehme sie überall hin mit, wenn ich beispielsweise auf Reisen bin. Deshalb sind sie am Ende des Jahres immer ziemlich verschlissen und da bin ich stolz drauf. Ich wurde katholisch erzogen und habe auch Rituale, also Bet-Rhythmen.

Michaela Boland: Leider selten geworden.

Florian Wess: Meine Großmutter hat immer mit uns gebetet als wir klein waren. Vor vielen Jahren habe ich dann mal eine recht schwierige Zeit gehabt, in der es mir nicht gut gegangen ist. Irgendwann war ich verzweifelt in meiner Wohnung und hatte plötzlich den Gedanken, einmal unter mein Bett zu schauen. Das tat ich und dort fand ich das Gotteslob. Ich fing an, es zu lesen. Seit diesem Zeitpunkt ging es bei mir immer bergauf. Dieser rote Faden ist immer bei mir.

Da gibt es so ein Motto, das lautet: Geld kommt und geht, Freunde kommen und gehen, Krieg kommt und geht, aber der Glaube bleibt immer gleich. Ich weiß, ohne das Beten würde mir etwas fehlen und ich möchte auch gar nicht ohne meinen Glauben sein. Aber ich zwinge das niemandem auf und will auch keinen bekehren oder damit belasten. Das ist einfach mein eigenes Ding.

Michaela Boland: Du scheinst in jedem Fall bibelfest.

Florian Wess: Ich kenne sie nicht auswendig,  ich deute sie auch nicht immer so, wie es sein muss, aber ich lese regelmäßig darin. Das ist mir sehr wichtig. Wenn ich aufstehe, bete ich immer zuerst, und lese dann auch immer ein bisschen in der Bibel. Auch abends. Zwei bis drei Mal habe ich sie bestimmt schon komplett durchgelesen. Ich habe auch die Volksbibel von Martin Dreyer gelesen, der die Bibel in die Jugendsprache übersetzt hat. Die fand ich ganz witzig.

Michaela Boland: Dann lebst du sicherlich auch nach christlichen Grundsätzen?

Florian Wess: Es sieht so aus. Ich habe meinen roten Faden, aber ich trinke auch ab und zu mal etwas. (lacht).

Michaela Boland: Dass du gerne in der Öffentlichkeit stehst, war nie ein Geheimnis. Man kennt dich insofern durch unterschiedlichste TV-Auftritte. Ist dieser Umstand für deine Tätigkeit als Designer eher Fluch oder Segen?

Florian Wess: Ich denke, ich brauche für beides beides. Die Medienpräsenz für die Umsetzung meiner Kreativität und des Labels. Andererseits brauche ich auch das Label, um immer in Dinge hineinzurutschen. Da gibt sich quasi eine Hand die andere. Ich profitiere von beidem und möchte natürlich gerne, dass es mehr wird. Es wird auch mehr.

In diesem Punkt bin ich zwar manchmal ungeduldig, aber alles in allem mag ich das einfach. Nichts desto trotz muss ich eine Sache bemerken: Das Negative an der Medienpräsenz ist, dass viele einen gerade deswegen nur ausnutzen wollen.

So habe ich beispielsweise einige Partner gehabt, mit denen ich auch meine Wohnung geteilt, aber dann sehr schnell gemerkt habe, dass diese eigentlich nur gerne selbst in die Medien wollten. Man weiß dann irgendwann einfach, dass man häufig zweimal hingucken muss. Es ist also nicht immer nur easy going.

Michaela Boland: Botox ist in deiner Familie ein nicht ganz unwesentliches Thema. Du selbst hast jedenfalls keinen Hehl aus deinem Faible dafür gemacht. Wann hast du damit begonnen.

Florian Wess: 2007, 2008 oder 2009. Irgendetwas um den Dreh.

Michaela Boland: Wie oft machst du das?

Florian Wess: Zwei bis drei Mal im Jahr. Das hält ja länger. Es ist sehr harmlos, zum Zahnarzt gehen ist dasselbe. Im Fernsehen wird es natürlich medial gehypt, aber es ist ja nichts Wildes. Doch das ist eine Entscheidungssache. Ich bin natürlich kein Arzt.

Michaela Boland: Du warst ja bereits kurz verheiratet. Kennenlernen, Hochzeit, und Trennung in der Öffentlichkeit wirkten ein wenig wie im Turbo-Gang. Bist du jemand, der in dieser Hinsicht schnelle Entscheidungen trifft? Lässt du dich eher spontan auf Beziehungen ein?

Florian Wess: Ich bin langsamer und vorsichtiger geworden in solchen Dingen. Was diese Hochzeitsgeschichte betrifft, - wir haben ja tatsächlich standesamtlich geheiratet, es war ja kein Fake -  muss ich sagen, es gibt ja den Spruch „drum prüfe, wer sich ewig bindet…“ Und das stimmt. Das habe ich nicht beherzigt.

Michaela Boland: Mit dem Designer-Dasein bist du sehr beschäftigt, medial bist du ebenfalls präsent und beides liebst du. Kann man sich eigentlich immer mehrteilen? Wo genau soll nun deine Reise hingehen?

Florian Wess: Es gibt da drei Pakete: Das eine ist `Die Botox-Boys und Florian Wess`, das wird es in den Medien immer geben, egal wo.

Michaela Boland: Dabei seid ihr, dein Vater, Onkel und du buchbar?

Florian Wess: Genau. Man kann alles mit uns machen. Dann gibt es `Garçon F und Florian`, das bin ich. Das werde ich immer weiterführen, auch ganz bewusst in den Medien. Und das dritte ist eben `Florian Wess und noch andere Dinge`. Mit dem Fernsehen möchte ich sehr gerne die Leute, die einen harten Tag hinter sich haben, am Abend unterhalten, damit sie abschalten können. Das ist mir wichtig, das ist mein Ding. Darüber hinaus ist mein Ziel, mir vor allem mit Garçon F meinen Lebensabend zurechtzurücken.

Michaela  Boland:  Lieber Florian, vielen Dank für dieses ausführliche Gespräch. Für deinen weiteren, sicherlich erfolgreichen Weg, die besten Wünsche.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

 

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16.05.2019 michaela boland trifft die Phelps-Twins

GFDK - Interview und Portrait - Michaela Boland

Das Gespräch führten wir 2014. Sie sind Weltstars und das schon seit ihrem 14. Lebensjahr. Selbst ohne feuerrotes Haar werden die heute 28-Jährigen in jeder Stadt sofort erkannt. Leugnen zwecklos. Doch das haben sie auch gar nicht vor, denn im Gegensatz zu ihrem Schauspielkollegen Ralph Fiennes zählten sie in den Verfilmungen von Joanne K. Rowlings Mega-Verkaufsschlager, "Harry Potter", zu den Guten.

Harry Potter - The Exhibition

Gerade sind Oliver und James Phelps, die in allen Teilen der Filmreihe die Weasley Zwillinge, George und Fred, geben, nach Deutschland gereist. Grund: Das Großprojekt: "Harry Potter - The Exhibition". Was sich dahinter verbirgt, wie sich die einstigen Kinderstars von ihrem Märchen-Image freistrampeln wollen und was sie von Gurkentelefonen auf Kunstaustellungen halten, haben sie in Köln verraten.

Groß sind sie geworden, die eineiigen Phelps-Twins, die aus der Nähe von Birmingham stammen und in den Verfilmungen einer der erfolgreichsten Buchreihen aller Zeiten immerzu tapfer an der Seite des Serienhelden kämpften, sich allerdings selten einen Scherz verkneifen konnten.

Die Feuermelder-Frise ist zwischenzeitlich einem seriösen Kurzhaarschnitt beim 13 Minuten älteren Oliver und einer, nennen wir es durchaus Vokuhila, beim lässigen James, in der natürlichen Haarfarbe gewichen. Ausgesprochen sympathisch zeigen sich die Engländer bei ihrem Kurzbesuch in Köln.

Ab 3. Oktober im Abenteuermuseum Odysseum

Hier nämlich sollen sie für die große Original-Requisitenausstellung im Abenteuermuseum "Odysseum" ab drittem Oktober werben. Dass sie auch privat gerne zum Scherzen aufgelegt sind, haben sie trotz bester englischer Manieren unter Beweis gestellt.

Michaela Boland: Welche Frage wurde euch bisher am häufigsten gestellt?

Oliver Phelps: Ich glaube, es war die Frage danach, ob wir in der Stadt von den Menschen erkannt worden seien.

Michaela Boland: Nun, eure Haare sind schließlich keineswegs mehr so rot wie in den Harry-Potter-Filmen als Weasley-Twins. Hat es bei den Leuten trotzdem sogleich Klick gemacht?

James Phelps: Oh ja, das kann man sagen (lacht).

Michaela Boland: Ihr seid durch die Verfilmungen Teil eines Mega-Welterfolgs geworden. Ist es für Euch grundsätzlich überhaupt noch möglich, völlig unbehelligt durch Städte zu laufen?

Oliver Phelps: Ich denke, das Schöne daran, nette Charaktere, also liebe Jungs zu spielen, ist, dass die Leute uns nicht nur mögen, sondern auch noch recht gut kennen. Sie kommen auf uns zu, fragen, wie es läuft und sind gut drauf. Das ist eigentlich immer cool. Insofern ist es schon ganz o.k., wenn wir zu Fuß in den Städten unterwegs sind.

Michaela Boland: Denkt ihr, dass euer Kollege, Ralph Fiennes, da mehr Probleme haben könnte?

James Phelps: (lacht)

Oliver Phelps: Könnte sein, dass er wegliefe, wenn die Leute denken, da kommt Voldemort und eine Front gegen ihn bilden (lacht).

Michaela Boland: Wann hattet ihr denn schon Gelegenheit, euch ein wenig in Köln umzusehen?

Oliver Phelps: Gestern Abend konnten wir ein bisschen durch die Stadt spazieren. So sind wir beispielsweise am Kölner Dom vorbei gekommen als wir uns auf einen Drink in eine Kneipe begeben haben. Dann kamen wir auf dem Rückweg zu Fuß sogar über den Rhein. Das war wirklich schön.

Michaela Boland: Blieb es bei nur einem Drink?

Oliver Phelps: Naja, sie sind ja nur so klitzeklein. Vielleicht waren es auch mehrere. (lacht)

Michaela Boland:  Im Vergleich zu unseren Kölsch-Stangen seid ihr aus englischen Pubs sicherlich andere Bierglas-Größen gewöhnt?

Oliver Phelps: Oh ja, ganz genau. Beim Anblick der verhältnismäßig kleinen Kölsch-Gläser dachten wir erst mal, `o.k. ` (lacht)

Michaela Boland: Köln wird exklusiv die einzige Stadt in Deutschland sein, welche "Harry Potter - The Exhibition" ab 3. Oktober anbieten kann. Euer Job hierbei ist es, durch eure Präsenz die Werbetrommel tüchtig anzuschieben. Wann genau seid ihr hierfür in Deutschland angekommen?

Oliver Phelps: Wir sind gestern Abend eingetroffen und haben wirklich großes Glück gehabt, zu den fünf Prozent der Passagier-Flüge gehört zu haben, die trotz des Lufthansa-Streiks überhaupt geflogen sind. Dafür sind wir wirklich dankbar.

James Phelps: Richtig und am Sonntag verlassen wir die Stadt schon wieder. Ich bin vor einiger Zeit schon mal für zwei Tage im schönen Köln gewesen, hatte aber bedauerlicherweise immer bis spät abends zu tun. Daher ist es natürlich jetzt großartig, dass wir nun tatsächlich die Gelegenheit haben, die Stadt einmal ein bisschen genauer zu erforschen.

Michaela Boland: Werdet ihr euch da die Domspitzen zu Fuß vornehmen?

James Phelps: Ja, bestimmt.

Michaela Boland: Die Ausstellung, die im Odysseum ab Herbst zu besichtigen sein wird, ist eine Wanderausstellung und war neben den USA auch schon in Asien zu sehen. Welches Ziel wird nach Köln anvisiert?

James Phelps: Ich habe nicht die geringste Ahnung. Sie sagen es mir nicht mehr, seit ich früher jedes Mal verraten habe, wohin es als nächstes geht, sobald ich gefragt wurde (lacht).

Michaela Boland: Im Geheimnisse bewahren bist du also nicht ganz so stark?

James Phelps: Nein, nicht im Geringsten, leider (lacht). Was jedoch wirklich cool ist, ist, dass nun bald die gesamten Requisiten tatsächlich hier in Deutschland als zweiter europäischer Aufenthaltsstätte sein werden,  obwohl hier ja keine einzige Potter-Premiere stattgefunden hat.

Oliver Phelps: Schön ist auch zu sehen, dass die Begeisterung hier genauso riesig ist, wie überall woanders, wo wir mit dieser Tour schon gewesen sind. Dies zeigt ja, wie verwurzelt die Menschen in Deutschland bereits mit den Harry-Potter-Geschichten sind. Ich finde auch besonders toll, dass die Ausstellung gerade in Köln seine Pforten öffnen wird, da es ja die Kunst-Hauptstadt Deutschlands sein soll.

Michaela Boland: Nun habt ihr mit der Ausstellungstour schon einige Länder hinter euch gelassen. Verhalten sich eure Fans in unterschiedlichen Ländern auch insgesamt verschieden?

James Phelps: Das habe ich auch gedacht. Aber, überall, wo sich die Ausstellungs-Pforten zum ersten Mal geöffnet haben und die Hard-Core-Fans herein strömten, war es bisher an für sich auf der ganzen Welt ziemlich ähnlich. Voller Begeisterung riefen sie, `ah, sieh dir das an, schau mal dort und hast du dies hier schon gesehen, ich werd verrückt`.

Ich hatte angenommen, dass es auf dem asiatischen Markt noch heftiger werden würde, aber in Sidney waren sie eigentlich genauso verrückt. Jetzt wird es bestimmt lustig zu sehen, wie sich die europäischen Fans verhalten, denn als die Europa-Premieren stattgefunden haben, waren diese Fans immer die lautesten. Daher erwarte ich, dass es mindestens genauso gut wird wie überall woanders, wenn nicht sogar noch besser.

Michaela Boland: Ihr seid im englischen Sutton Coldfield geboren, das von Birmingham verwaltet wird. Seitdem ihr mit den Potter-Filmen bekannt wurdet, zählt ihr zu den Berühmtheiten dort. Kennt ihr eigentlich auch die übrigen Söhne und Töchter der Stadt, wie beispielsweise den Schauspieler Scott Adkins oder den Formel Eins-Fahrer Riki Christodoulou?

James & Oliver: (lachen) Nein.

Michaela Boland: Vielleicht die Schauspielerin Hazel Court oder den Fußballspieler Darius Vassall?

James Phelps: Nein, entschuldige, das war eine Lüge. Ich kenne sie nicht namentlich, aber durchaus ihre Gesichter. Wobei mir auch der Name Darius Vassall aus dem Bereich Soccer durchaus etwas sagt.

Michaela Boland: Hat man in eurer Heimatstadt als bekannte Persönlichkeit eigentlich irgendwelche Vorteile?

James Phelps: Nein.

Oliver Phelps: Ich glaube, eigentlich nicht. Für die Leute in Sutton, die in der Regel recht gut betucht sind, ist das keine große Sache, wenn du verstehst, was ich meine. Aber, ich kann mich daran erinnern, als der erste der beiden letzten Harry-Potter-Filme herauskam und wir zwischendurch für drei Tage nach Hause kamen, um PR-Termine wahrzunehmen, ging ich mit ein paar Freunden in einen Pub. Überall auf der Welt ging es wegen des nahenden Endes wirklich total hysterisch zu und in jener Kneipe saßen wir sogar draußen, doch in Sutton kratzte das wirklich niemanden.

Die Leute waren ungefähr so drauf, "ach ja, die. Was solls". In unserer Stadt gibt es keine besondere Überbewertung für Derartiges. Es sehen sich dort alle als ebenbürtig an. Das ist zwar ein Maßstab, den man nicht überall in der Welt zugrunde legt, aber, das ist natürlich auch eine besondere Qualität unserer Stadt.

Michaela Boland: Und wie sieht es mit eurer Familie aus? Wie geht sie mit eurem großen Erfolg um?

James Phelps: Sie findet das natürlich wirklich schön. Und was Sutton anbelangt, so wollte ich noch sagen, trotz allem, ist es nun mal die Stadt aus der wir kommen. Und da Birmingham die Geburtsstätte des Heavy Metall ist, ist das was wir machen, natürlich wirklich keine allzu große Sache.

Michaela Boland: Als der erste Potter-Film herauskam, wart ihr 14 Jahre alt. Kanntet ihr das Buch, "Harry Potter und der Stein der Weisen" schon bevor ihr euch um die Rollen der Weasley-Zwillinge beworben habt?

James Phelps: Oh ja, wir kannten die ersten drei Potter-Teile schon aus der Schule. Dort hatte ich sie gelesen. Und in der Woche als die Entscheidung getroffen wurde, wurde auch im Rahmen des ersten Mitternachtslaunches für ein Buch, zumindest, soweit ich mich erinnere, der vierte Teil, "Harry Potter und der Feuerkelch", veröffentlicht.

Also, ich wußte bereits eine ganze Menge über die Story. Es war nicht so, dass man zum Casting ging ohne irgendetwas zu wissen.

Michaela Boland: Was hat euch dazu bewegt, ausgerechnet zu diesem Casting zu gehen?

James Phelps: Einen Tag schulfrei zu haben.

Oliver Phelps: Und die Möglichkeit, in einem Film mitzuspielen, was natürlich cool war. (lacht)

James Phelps: Aber, man sollte natürlich immer in der Schule bleiben (lacht).

Michaela Boland: Ihr habt beide ganz normal Abitur gemacht, doch wie hat sich euer Leben durch die Karriere in jungen Jahren gewandelt?

Oliver Phelps: Unser Leben hat sich komplett verändert. Ich hätte beispielsweise niemals die Möglichkeit gehabt, derartig viel zu reisen, wie ich es schon konnte. Vielleicht hätte ich das zu einem späteren Zeitpunkt vermocht, mal hierhin und mal dorthin zu fliegen.

Aber so war ich beispielsweise schon in Asien. All das macht einen wesentlich weltoffener. Man geht mit weitaus offeneren Augen durch das Leben und macht auch persönlich große Entwicklungsschritte.

So habe ich unter anderem kennenlernen dürfen, wie ein Film gemacht wird, den kompletten Prozess erleben können. Denn ich habe immer, in klassisch literarischer Manier, geglaubt, da kommt der Regisseur herein, die Klappe fällt und das war es.

Aber, mitnichten, denn man erlebt, wie viele Menschen schon drei Monate vor dem Start der Dreharbeiten und noch sechs Monate nach den Dreharbeiten mit dem Film beschäftigt sind. Die Zahl der Mitarbeiter, die an einer solchen Produktion mitwirken, ist einfach riesig hoch.

Michaela Boland: Habt ihr beide eigentlich nach Harry-Potter oder möglicherweise sogar schon während der drehfreien Zeit eine Schauspielschule besucht?

James Phelps: Nein. Wenn man in England ins vierte Jahr der weiterführenden Schule kommt, wählt man gewöhnlich die Fächer, die man gerne belegen möchte. Und bei uns hat es sich tatsächlich so verhalten, dass der Schauspiellehrer zu uns sagte, "nehmt keinen Schauspielunterricht, wenn ihr in dem Metier Karriere machen möchtet".

Das war eine Woche nachdem wir beim ersten Harry-Potter-Casting gewesen sind. Dann sind wir noch zu einigen weiteren Castings eingeladen worden bis wir schließlich die Rollen hatten und in der Zeit haben wir dann entsprechend auch keinen Schauspielunterricht in der Schule belegt.

Ich rufe mir aber immer wieder gerne solche Leute in Erinnerung, die gesagt haben, " nur, weil irgendwer meint, man könne etwas nicht tun, bedeutet das noch lange nicht, dass dem auch tatsächlich so ist". Und das stimmt auch, was wissen diejenigen schon, die nur unken? Wenn du etwas tun kannst, dann mach es einfach.

Michaela Boland: Augenblicklich seid ihr mit der Happy-Potter-Ausstellung überall in der Welt unterwegs. Aber plant ihr denn auch, eure Schauspielkarrieren fortzusetzen?

James Phelps: Was die Ausstellung anbelangt, so sind wir damit in den unterschiedlichen Ländern jeweils nur ein paar Tage befasst. Wir sind ja nicht über den gesamten Ausstellungszeitraum vor Ort.

Michaela Boland: Was allerdings eigentlich ganz schön wäre und vor allem den nicht ganz so niedrigen Eintrittspreis ein wenig schmackhafter machen würde. Mit einer durchschnittlich großen Familie ist man ja nur für den Eintritt schon mal einen knappen Hunderter los. Ohne die Kosten für die Kopfhörer.

Oliver Phelps: Naja, wir sind jetzt nicht angekettet und müssen die ganze Zeit da in der Ausstellung für die Besucher herumlaufen (lacht). Wir werden sicherlich mit der Schauspielerei weiter machen.

Es ist ja auch eine ganz großartige Sache, dass wir die Möglichkeit haben, das zu tun. In der glücklichen Position zu sein, so etwas ein Leben lang machen zu dürfen, ist das Größte überhaupt. Ich denke schon, dass wir das immer tun werden, selbst, wenn es noch ein langer Weg werden sollte.

Michaela Boland: Habt ihr auch schon eine konkrete Vorstellung davon, in welcher Art Filme ihr künftig zu sehen sein könntet?

James Phelps: Also ich liebe Filme, die innerhalb ihrer Handlung plötzlich eine unerwartete Wendung aufweisen. Also, solche, bei denen man richtig nachdenken muss. So etwas würde ich unglaublich gerne machen und wäre dabei natürlich besonders gerne der Typ, der die Wendung herbeiführt. Irgendetwas aufdecken oder so was in der Art, das würde mir gefallen.

Michaela Boland: Ist den Produzenten und Regisseuren bewusst, dass ihr heiß darauf seid, in neuen und anderen Filmprojekten zu spielen oder habt ihr womöglich in deren Köpfen für immer den Harry-Potter-Stempel?

James Phelps: Ich habe keine Ahnung, aber ich hoffe, dass ihnen bewusst ist, dass wir gerne neue und andere Sachen machen würden.

Michaela Boland: Bringt ihr euer Begehren denn auch entsprechend bei Besetzern zum Ausdruck?

James Phelps: Ich habe das tatsächlich schon einer ganzen Reihe von Menschen verdeutlicht und so werde ich nun auch später in diesem Jahr eine Bühnenshow in England machen.

Dabei arbeite ich mit einem früheren Regisseur zusammen, der in diesem Bereich wirklich sehr gut ist. Zu Beginn des Jahres war ich auch in Los Angeles in den Vereinigten Staaten, um dort einen Vertrag mit einem neuen Management zu unterzeichnen.

So gesehen habe ich natürlich tatsächlich schon einige Leute getroffen, die mich kennenlernen sollten und denen ich vermittelt habe, was ich gerne tun würde. In ein paar Monaten beabsichtige ich auch wieder hinzufahren, um wieder neue Gespräche aufzunehmen.

Man glaubt manchmal gar nicht, wie groß der Networking-Anteil innerhalb der Filmindustrie ist. Ich bin eigentlich gar nicht so gut darin. Wenn ich mit dir spreche, dann spreche ich eben mit dir und nicht unbedingt, um etwas zu bekommen. Daher muss ich diese ganze "Ach-lass-uns-doch-mal-essen-gehen-Mentalität" erst noch erlernen.

Michaela Boland: Wie schwierig oder einfach war es eigentlich für euch als Brüder miteinander zu arbeiten? Klappte das gänzlich ohne Konkurrenzkampf?

Oliver Phelps: Ich glaube, es ist immer ein gutes oder sicheres Gefühl, wenn James arbeitet und ich nicht und umgekehrt genauso. Gleichzeitig gibt es zwischen uns aber auch eine unbeschwerte Rivalität. Wir flapsen natürlich auch schon mal herum, so wie es jeder tut und sagen, "oh, das würde ich jetzt aber auch gerne machen".

Wenn James in Los Angeles ist und mit diesen Regisseuren verhandelt, und ich komme gerade von einer Reise zurück, dann geht mir schon im Kopf herum, "ach, das würde ich jetzt auch so gerne machen", aber ich würde keineswegs sagen, dass dies in einer Art Eifersuchts-Rangliste ausartet. Zu sagen, "ich würde das jetzt auch gerne tun", ist da mehr wie ein Anreiz zu verstehen.

Michaela Boland: Habt ihr noch weitere Geschwister?

James Phelps: Es gibt nur uns beide. Ich glaube, das ist auch durchaus genug für unsere Mutter und unseren Vater.

Oliver Phelps: Ja, das würde ich aber auch sagen.

Michaela Boland: In der Potter Reihe habt ihr mit internationalen Schauspielgrößen wie Alan Rickman, Maggie Smith, Julie Walters oder Ralph Fiennes gespielt. Was konntet ihr von ihnen lernen?

James Phelps: Eine ganze Menge. Damit meine ich keineswegs nur, wie man am Set schauspielert, sondern gerade auch, wie man sich abseits des Sets gibt.

Michaela Boland: Was bedeutet?

James Phelps: Wie man die Leute für sich einnimmt, auch innerhalb der Crew oder wie man sich auf eine Szene vorbereitet, bevor man sie macht. Wir waren ja gerade mal 14 als wir anfingen.

Man kann natürlich nicht noch mit seinen Freunden herumtoben, kurz bevor "Action" gerufen wird. Es kommt sozusagen auf die Dosierung an. Wir mussten einfach lernen, dass die Schauspielerei ein wirklicher Job ist. Es ist nicht so, dass sich da jeder einfach mal hinstellen kann.

Man muss sich genauso vorbereiten, wir ihr, die ihr eure Fragen vor einem Interview vorbereitet. Es ist somit exakt dieselbe Methode, um das Ziel zu erreichen.

Julie war beispielsweise sehr gut darin, zu erklären, dass wenn es erforderlich ist, dass du auf der Bühne oder vor der Kamera extrem verärgert bist, es eigentlich kein Problem sei, wenn du schon vorher mies drauf bist und du denjenigen, der dich kurz vorher noch anspricht, einfach mal anblaffst, denn dann bleibst du einfach noch in dieser Stimmung verhaftet. Und man kann ja später immer noch mal hingehen und sich entschuldigen.

Michaela Boland: Wie aufmerksam.

James Phelps: Ja, aber die Leute von der Crew werden immer wissen, dass das nun mal dein Job ist. Da geht es ja auch nicht darum zu versuchen, immerzu jeden zu erfreuen, wenn das bedeuten würde, deinen Job zu gefährden. Ja und Julie konnte eben ganz wunderbar Ratschläge wie diese geben.

Michaela Boland: Was lest ihr in eurer Freizeit?

Oliver Phelps: Eigentlich lese ich gerne gemischte Dinge. Zuletzt habe ich mir verschiedene Biografien vorgeknöpft.

Michaela Boland: Interessiert ihr euch gleichfalls für bildende Kunst?

James Phelps: Bis zu einem gewissen Grad schätze ich das. Aber, es ist nicht unbedingt etwas, wozu ich zwingend aktiv hinginge, um sie mir anzuschauen. Was ich wirklich sehr bewundere sind aber die Fähigkeiten der Künstler, die die Kunst schaffen.

Oliver Phelps: Die meisten davon sind zeitgenössisch.

James Phelps: Oh ja, ich mag zeitgenössische Kunst. Wir waren in New York und haben uns die MoMa angesehen. Das Museum für moderne Kunst. Allerdings war da auch ein Telefon mit einer Gurke darauf. Und da kamen allen Ernstes 50 Leute, die sahen sich das an und sagten, "Oh ja, das ist großartig". Und ich dachte die ganze Zeit, "was habe ich verpasst".

Michaela Boland: Wie sieht es mit Politik aus?

James Phelps: Ich interessiere mich durchaus für Politik. Zwar gehe ich nicht hin und verkünde allerorts meine Meinung. Ich halte Politik für sehr wichtig. Seit ich 18 bin, habe ich mein Wahlrecht auch wahrgenommen, denn ich halte es für notwendig, von diesem Recht Gebrauch zu machen.

Wenn man schon mal das Recht hat zu wählen, wofür viele Menschen gestorben sind, dann sollte man auch zur Wahl gehen. Gerade wenn Regierungen etwas tun, das dir missfällt, ist es wichtig, ihnen durch deinen Stimmentzug zu zeigen, dass sie etwas falsch machen.

Michaela Boland: Lieber Oliver, lieber James, herzlichen Dank für dieses Gespräch. Für Harry Potter - The Exhibition ebenso wie für eure Zukunft alles Gute und noch eine schöne Zeit in Köln.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

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10.05.2019 Botschafter der Freunde der Künste

GFDK - Interview und Portaits - Gottfried Böhmer

Die Künstlerin Gila Abutalebi, mit der die Gesellschaft Freunde der Künste schon mehrere Kunst und Kultur Projekte veranstaltet hat, unter anderem das Goethe-Festival 255 Jahre Goethe "Wie sehen Künstlerinen Goethe", wird Botschafter der Gesellschaft Freunde der Künste.

Wer die Deutsch-Iranerin kennt oder kennenlernt ist sogleich gefangen: Intensität, Leidenschaft, Kreativität, Gefühl und die ausgefeilte Sprachvirtuosität in fünf Sprachen rauben dem Gegenüber den Atem. Und so ist es auch mit ihrer Kunst: Einmalig.

Ungesehen. Intensiv. Individuell. Vielschichtig!

Auf ihrer Reise zu sich und zu ihrer Kunst hat Abutalebi u.a. in den USA, Spanien, Österreich und Deutschland gelebt. Stets galt und gilt ihr besonderes Interesse dabei ebenso der Kultur, Individualität und Geschichte der Menschen wie der Sprache und Kalligrafie. Ihr bisheriger Lebensweg wird auch ergänzt durch umfangreiche Bühnenerfahrung.

Und nur aus dieser und keiner anderen Kombination der intensiven Lebenserfahrung und kulturell-künstlerischen Auseinandersetzung konnte sich das Fundament für ihre einzigartigen Werke, ihrer ganz individuellen Kompositionen aus Srache, Bild und neuartiger Tiefe und Transparenz – die „Transparente Lyrik“ - bilden.

Mit dieser kreiert sie ein vollkommen neues, revolutionierendes Kunstchambre, das in seiner Intensität nur gelingen kann, wenn ein unendliches Feuer der Liebe und der Leidenschaft zur Sprache, den Menschen und einer ganz besonderen Ausdrucksweise brennt.

Gila Abutalebi lebt und arbeitet in Köln und Leipzig. Ihre Arbeiten sind vielfach in Privat- und Firmenbesitz in Italien, Spanien, USA und Deutschland.

Gottfried Böhmer

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24.04.2019 Mit australischen Wurzeln

GFDK - Interview und Portraits

"Die Düsseldorferin mit den australischen Wurzeln“ Ihre berufliche Karriere begann Angela Julie als erfolgreiche Fremdsprachenkorrespondentin und Diplomübersetzerin. Nach längeren Auslandsaufenthalten in Paris, Madrid und Sydney, zog es die kommunikative und offene Halbaustralierin jedoch auf die Bühne und vor die Kamera. 

"Ich hatte das starke Bedürfnis den Menschen etwas mitteilen zu wollen und stellte unheimlich gerne "investigative" Fragen. Das hat mit meinem PC und den Wörterbüchern im Büro nicht sonderlich gut funktioniert."

So kam es, dass die gebürtige Düsseldorferin seit 2004 als Moderatorin für TV-Sender und Eventkunden arbeitet. Mit ihrer charmanten und natürlichen Art verzaubert sie ihr Publikum und die Veranstalter zugleich. Sie selbst sieht ihre Rolle als Moderatorin höchst professionell und bescheiden:

"Eine Moderatorin ist dafür da, Informationen zu vermitteln und Gespräche zu lenken. Niemals sollte sie zur Selbstdarstellerin mutieren und sich in den Mittelpunkt des Geschehens stellen."

In zahlreichen Interviews mit nationalen und internationalen Prominenten bewies sie, wie man kokett, frech und gleichzeitig höflich an die gewünschten Informationen kommen kann.

Die 4-sprachige Moderatorin agiert im TV -Bereich seit 2006 auch als Redakteurin. Aufmerksam auf sich machte Angela Julie vor allem in Ihrer Funktion als Redaktionsleiterin (CvD) und Moderatorin des Kultur- und Szeneprogramms im Lokalsender center.tv Düsseldorf.

Mit ihrer Abendsendung RheinPROMInade, einem Celebrity-Talk-Format, bleibt sie ihrer Heimatstadt und ihren regionalen Fans treu.

Zu ihren Eventkunden gehören grosse und internationale Firmen wie: EPSON, Deutsche Telekom, Deutsche Bank, Karstadt, UBS Bank, Guess, Meliá Hotelgruppe, Rheinische Post, Igedo Company u.v.m., die die wortgewandte und spontane Moderatorin regelmäßig und wiederholt buchen.

"Für mich gibt es nichts Schöneres, als mit Freude und Leidenschaft zu arbeiten. Ich liebe meinen Job! Ich glaube das sieht und spürt dann auch das Publikum."

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24.04.2019 Aus unserer Vergangenheit

GFDK - Interviews und Portraits

Aus unserer Vergangenheit: Erfolg definiert sich hier aber nicht über finanzielle Überschüsse. Gottfried Böhmer, der seine komplette Energie in die Gesellschaft Freunde der Künste Düsseldorf-Berlin steckt, ist ein Kunstverrückter.

Gottfried Böhmer will Meisterschüler der Kunstakademie in die Freiheit auf dem Kunstmarkt einführen: es gibt zu wenige in Düsseldorf, die privat fördern. Dreimal in der Woche beschäftigt sich Böhmer vor Ort mit vielversprechenden Künstlern.

Rheinische Post, 13. Mai 2005

Westdeutsche Zeitung

Johanna Rzepka hat an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Professor Jörg Immendorf Malerei studiert und ist Meisterschülerin von Professor Gerhard Merz. Unter 258 Bewerbern aus NRW und Berlin wurde die junge Künstlerin von der Jury unter der Leitung von Gottfried Böhmer, dem Kurator des Kunstvereins „ Gesellschaft der Künste Düsseldorf – Berlin e.V“ und der in New York lebenden Künstlerin Pia Dehne ausgewählt.

In der Begründung heißt es: „Johanna Rzepkas Fähigkeit, Malerei und konzeptionelle Kunst zu verbinden, überzeugte die Jury.

Westdeutsche Zeitung, 1. Juni 2005

Rheinische Post

Unter dem Sammelbegriff „The Exhibition“ bietet die Gesellschaft Freunde der Künste nunmehr seit 7 Jahren fast schon spektakuläre Ausstellungen und Performances an. Es werden nicht nur Bilder gezeigt, sondern auch an Ort und Stelle gemalt, getanzt, gesungen und musiziert – und das alles mit viel Poesie.

Ein Forum für junge Kunst ist das Anliegen der Kunstfreunde. Ohne viel Geschrei und Getrommel gehören sie in Düsseldorf zu den Organisatoren, die mit durchgehenden Programmen zielstrebig Ihre Ideen umsetzen.

Rheinische Post, 19. August 2003

Premiere im Savoy-Theater: Fotografien, die lebendig werden

Es war schon pompös, was Gottfried Böhmer, künstlerischer Direktor der „Gesellschaft Freunde der Künste“ im Savoy-Theater am Sonntagabend auf die Beine gestellt hat.

Rund 500 geladene Gäste, darunter auch der Dirigent der Deutschen Oper am Rhein, Stéphan Deneves, und die Künstlergattin Christine Steinfeld-Uecker, drängten sich in das elegant dekorierte ehemalige Kino, um beim neuesten Projekt der Düsseldorfer Kunstförderer dabei zu sein.

Rheinische Post, 18. Juni 2002 - Tanz gab Fotos neue Dimensionen

Premiere der Projekte „L´inspiration“ und „Women only“ im Savoy

Versierte Premierengänger wissen: wenn der letzte Vorhang gefallen ist und man sich zur Aftershow-Party am Buffet trifft, hört man, was gefallen hat. Die Gesellschaft „Freunde der Künste Düsseldorf – Berlin“ hatte zur Erstaufführung der Tanzperformance „L ìnspiration“ und des Films „Women only“ eingeladen.


Die auf eine Leinwand projizierte frage „kann den Liebe Sünde sein?“ leitete den Auftritt der beiden Solotänzer „Alicia Olleta und Robin van Zutphen ein. Beide zeigten, dass sie zu Recht zu den Stars des Ensembles der Deutschen Oper am Rhein zählen.

Lässig, fast scheu tastend, zwischen Hingabe und Rückzug, tanzten die beiden atemberaubend schön und technisch perfekt. Aber es waren nicht nur Vitalität und Können, die begeisterten, es war auch ein kompositionelles Fest der Farben.

Eingerahmt von einem puren Licht- und Farbtraum und wohlklingender Musik wurde aus dem realen körperlichen Tanz eine metaphysische Annäherung. Choreographiert hat Anke Staplers, eine Krefelder Fotokünstlerin.

Sie weckt ihre Fotos sozusagen zum Leben, in dem sie sie aus der Zweidimensionalität nimmt und mit einer Dimension mehr in den Raum zurückgleiten lässt. Voll des Lobes war man über „L`inspiration“. „Wundervoll“ sei es gewesen, geradezu „magisch“ und „einfach entzückend“.

Presseauszug aus der Westdeutschen Zeitung, 19. Juni 2002

Wenn Gottfried Böhmer und sein „Verein Gesllschaft Freunde der Künste Düsseldorf-Berlin“ einladen, kommt man immer gern. 500 Gäste strömten am Sonntagabend ins Savoy, um gleich zwei besondere Ereignisse zu erleben.

Westdeutsche Zeitung, 18. Juni 2002

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