Exklusive Interviews mit interessanten Menschen

02.10.2019 Tauchguide für die Karibik

GFDK - Interview und Portaits

Michael Clarke, Group Director Watersports bei Sandals & Beaches Resorts, erzählt im Interview alles über den bewussten Umgang mit der fragilen Meeresflora und -fauna, verrät seine persönlichen Hotspots in der Karibik und erklärt, warum Urlaubsgäste stets sorgenfrei abtauchen können.

Wann ist die beste Jahreszeit für Taucher in der Karibik?

Es kommt ganz darauf an, was man sehen möchte! Im Winter zum Beispiel schwimmen jede Menge Wale rund um die Turks- und Caicosinseln. Im Sommer hingegen ist das Wasser in der Karibik wärmer, ruhiger und klarer.

Damit sinkt das Risiko eines „no dive day“, in der Regel aber sind die Fische dann auch kleiner. Grundsätzlich gibt es in der Ostkaribik nicht so viele Großfische, aber umso farbenfrohere Exemplare.

Auf Barbados kann man das ganze Jahr hindurch Schildkröten beobachten. Dort ist die zweitgrößte Population von Echten Karettschildkröten in der Karibik beheimatet.

Wo finden Unterwasser-Liebhaber die besten Riffe und die aufregendsten Wracks?

Für Wracktaucher findet sich in der Karibik kaum eine bessere Location als Grenada. Es liegen allein sieben korallenbewachsene Wracks rund um die Insel, eines davon ein ehemaliges Kreuzfahrtschiff, nur etwa fünf Minuten vom Sandals Grenada Resort & Spa entfernt, in 30 bis 40 Metern Tiefe. Die schönsten Riffe haben St. Lucia, die Turks- und Caicosinseln sowie die Bahamas.

Was sind die wichtigsten Dos und Don‘ts für Taucher unter Wasser?

Erste und wichtigste Regel: niemals ohne seinen Buddy tauchen. Fische oder andere Lebewesen zu berühren ist absolut verboten, das gilt auch fürs Riff. Es ist Tauchern weder erlaubt, darauf zu stehen, noch Korallen abzubrechen.

Und last but not least: Ohne das Know-how der richtigen Atemtechnik darf man keinesfalls unter Wasser gehen. Unsere Dive Guides unterrichten ihre Schüler kompetent und trainieren sie dahingehend vor jedem Tauchgang. Alle Sandals Resorts bieten außerdem PADI-Kurztrainings für Anfänger an.

Wenn es doch mal ernst wird: Warum müssen sich Taucher keinerlei Sorgen machen, so lange sie mit einem Tauchguide von Sandals & Beaches unterwegs sind?

Wir sind nicht nur erfahren, sondern kennen uns auch seit vielen Jahren bestens in den jeweiligen Locations aus. Pro Jahr unterrichten wir insgesamt 9.000 Tauchschüler und verzeichnen 33.000 Tauchgänge.

Das Equipment ist stets auf dem neuesten Stand der Technik und wird ständig auf seine Funktionstüchtigkeit kontrolliert. Wir sind alle trainiert in Erster Hilfe, Zugänge zu Sauerstoff sind ebenso gewährleistet wie die kürzesten Wege zu Dekompressionskammern.

Hand aufs Herz: Welcher Ort ist Ihr Favorit zum Tauchen in der Karibik?

Mein bester persönlicher Spot ist Barbados mit dem Wrack der Stavronikita. Dort gibt es so viele verschiedene Dinge zu entdecken, unter anderem dank des klaren Wassers. Es ist für Anfänger ebenso geeignet wie für erfahrene Taucher und schon in 20 bis 30 Metern Tiefe sieht man Schulen von hunderten Fischen in allen Farben und Schildkröten, soweit das Auge reicht.

Interview: Jessica Harazim/AHM PR

Preisbeispiel: Bei Dertour kostet eine Woche im Sandals Emerald Bay auf den Bahamas ab 1.709 €/Pers. im DZ. Enthalten sind 7 Ü im Beach House Luxury Club Level Room, „Luxury Included“-AI-Verpflegung, Tauchen für zertifizierte Taucher sowie die Transfers ab/bis Flughafen.

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13.09.2019 MICHAELA BOLAND TRIFFT DIETER FALK

GFDK - Interviews und Portraits - Michaela Boland

Zweiter Teil des Exklusiv Interviews von Michaela Boland mit Dieter Falk für die Freunde der Künste.

Als Produzent von PUR feierte er Millionenerfolge. Auch wenn er sich eher als Mann im Hintergrund versteht, verhalf er Künstlern wie Monrose, Jennifer Rush, Howard Carpendale, Gitte Haenning, DJ Ötzi, Pe Werner, Paul Young, Karel Gott, Katja Ebstein oder Marshall & Alexander mit Hits zum Triumph.

Seit der Pro 7- Casting-Produktion "Popstars" im Jahre 2006 ist er auch einem breiten Fernsehpublikum bekannt, denn dort fungierte er neben Nina Hagen und  Detlef D! Soost als Jury-Mitglied.

Der Absolvent der Musikhochschule Köln, der im Rahmen des Projekts "Falk & Sons" mit seinen beiden Söhnen, Max und Paul, nach dem Debüt-Album "Celebrate Bach" nun mit "Toccata" schon die zweite Familien-Scheibe herausgebracht hat, hat seit diesem Wintersemester sogar eine Professur an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf inne.

Dort will er dazu beitragen, die Nordrhein westfälische Regierungsmetropole als Medienstadt auch musikalisch weiter voran zu bringen.

In seinem schönen Familienanwesen im Düsseldorfer Süden treffe ich den sympathischen Passions-Musiker, der im Gegensatz zu vielen anderen Showgrößen, die dies als "unsexy" empfinden, keinen Hehl aus seinem christlichen Glauben macht.

MICHAELA BOLAND TRIFFT DIETER FALK

Michaela Boland: Du hast in jedem Fall große Erfolge zu verzeichnen.

Dieter Falk: Insgesamt sind es, so glaube ich, über 20 Millionen Platten, die die Künstler verkauft haben, die ich mal produziert habe. Damals wurde für 500.000 eine Platinscheibe verliehen. Viermal Platin für "Abenteuerland" von Pur bedeuteten zwei Millionen verkaufte Platten. Bei Monrose gab es aber schon für 300.000 verkaufte Platten Platin. Jetzt sind wir sogar bei 200.000 angekommen. Durch den Absatzrückgang wurden die Maßstäbe heruntergesetzt. Allein mit Pur habe ich schon ungefähr 15. Millionen Platten verkauft.

Michaela Boland: Hier bei dir hängen etliche Platin-Scheiben an der Wänden. Bekommt man als Produzent neben den Künstlern üblicherweise  jedes Mal ebenfalls ein Exemplar ausgehändigt?

Dieter Falk: Künstler, Produzent, manchmal auch Toningenieur oder -Meister, zusätzliche Komponisten und die wichtigen Leute der Plattenfirma sowie das Management.

Michaela Boland: Ex-EMI-Legende, Winni Ebert, - Gott habe ihn selig - hatte in seinen Räumlichkeiten ebenfalls jede Menge Gold- und Platin-Platten an den Wänden hängen.

Dieter Falk: Winni hat natürlich auch Sachen entdeckt und hat dann als A&R (Anm. d. Red: Artists and Repertoire) auch goldene Platten bekommen. Später war er ja dann auch Manager.

Michaela Boland: Du hast viele Jahre mit Pur zusammengearbeitet. Hast du das Erfolgsalbum "Abenteuerland" auch mit komponiert?

Dieter Falk: Nein, das habe ich aber auch mit arrangiert. Das ist vor allem eine Produktionsarbeit gewesen. Die Pur-Jungs komponieren nämlich auch selbst phantastisch. Das war zum Beispiel ein klassischer Fall, wo ich als Arrangeur beim Songaufbau Tipps gegeben habe. Das war über insgesamt elf Jahre ein glückliches Teamwork.

Michaela Boland: Ist es heutzutage ratsam, im Hinblick auf die Musikrichtungen als Produzent breit gefächert zu sein oder sollte  man sich besser auf etwas spezialisieren?

Dieter Falk: Tja, ich glaube, das muss jeder halten wie er möchte. Ich empfand es immer als interessant, ein breites Stilmischmasch zu produzieren. Es gab natürlich auch Sachen, die ich weder konnte, noch wollte. Zum Beispiel Volksmusik und Heavy Metal.

Michaela Boland: Das hast du kategorisch abgelehnt?

Dieter Falk: Ja, da war ich auch kein Experte für. Aber, poppiger Schlager war für mich nie ein Tabu. Ich habe ja auch Brings produziert, noch vor deren Karnevalszeiten. Das war eine harte Rockband und das hat großen Spaß gemacht. Auf der anderen Seite habe ich aber auch Nino de Angelo produziert, der eben eine tolle Stimme ist.

Michaela Boland: Ab wann hast du Nino de Angelo produziert?

Dieter Falk: Ab seinem Comeback. Das war "Schwindelfrei". Da waren einige erfolgreiche Sachen dabei. Wir haben drei LPs gemacht. Dann auch Karel Gott oder Nana Mouskouri. Das sind alles Menschen, da habe ich keine Hemmungen oder gar Aversionen, ganz im Gegenteil. Ich finde, wir haben tolle Sänger, auch in der Schlagerbranche. Und die erlebt ja gerade eine unfassbare Renaissance.

Michaela Boland: Wem ist das zu verdanken?

Dieter Falk: Jede Musik lebt von ihren Idolen. Von charismatischen Frontsängern oder Sängerinnen. Und vielleicht haben wir jetzt einfach auch den Glücksfall, dass mit Helene Fischer und Andrea Berg eben zwei Damen da sind, die diese Branche mitbestimmen, weil sie sehr beliebt und sehr gut sind. Man muss diese Musik privat ja auch nicht hören, aber, man sollte zumindest respektieren, dass sie wirklich ein gutes Entertainment machen. Gerade Helene Fischer macht sensationelle Shows.

Ich bin jetzt auch nicht der, der privat Schlager hört, aber es gibt Songs von Helene Fischer, die sind einfach klasse produziert und gut komponiert. Man wird das noch sehen, denn ich glaube, dass sich das in den nächsten Jahren auch noch ein bisschen mehr in Richtung Pop entwickeln wird.

Genauso wie man sieht, dass Robbie Williams als Pop-Interpret sich ein bisschen dem großen Mainstream öffnet, denn diese Swing-Platten sind ja nur ein Beispiel dafür. Es ist natürlich immer noch super anspruchsvoll und klasse gemacht, natürlich auch jazzig, aber die ganz großen Stars der anglo-amerikanischen Musikszene, die eher aus der Rock-Pop-Ecke kommen, öffnen sich nun dem großen Mainstream. Würde man jene Titel in Deutschland mit deutschen Texten machen, würde man es sofort als schlagerresque bezeichnen.

Michaela Boland:  Kannst du ein Beispiel benennen?

Dieter Falk: Gerade, wenn du dir auf der jetzigen Single-Auskopplung des Swingalbums von Robbie Williams einen deutschen Text vorstellst, dann ist das ein richtiger Schlager. Da sollte man auch mal ehrlich sein. Dieses Schubladendenken ist so typisch deutsch. Einteilung in: Das ist ein Schlager und das ist ein Popsong. Diese Probleme haben Amerikaner gar nicht.

Michaela Boland: Gibt es hier möglicherweise eine ähnliche Differenzierung zwischen Schlager und Popsong wie einst der zwischen Volkslied und Kunstlied? Was sind die typischen Merkmale eines Schlagers?

Dieter Falk: Ein Schlager ist ein Titel, der einschlägt. Er muss von der Melodie sehr nachvollziehbar und mit singbar sein. Die Haupttext-Hookline, also die Textzeile, muss ebenfalls sehr griffig sein. Beispiele der großen deutschen Schlager, und darunter sind viele Popsongs wie "Dein ist mein ganzes Herz", "Kribbeln im Bauch", "König von Deutschland", "Ich hab dich tausend mal betrogen", das sind alles Textzeilen, die super griffig sind oder gar "Komm mit mir ins Abenteuerland".

Diese Textzeilen bleiben genauso griffig  wie eine musikalische Hookline innerhalb eines Refrains. Dann schlägt ein Song ein. Ob er ein poppiges, rockiges oder schlagerresques Arrangement hat, ist dann eigentlich eher zweitrangig. Wichtig ist einzig, dass die Melodie und die Haupttextzeile total kleben bleiben,

Michaela Boland: Mit anderen Worten: Stilrichtungen sind dabei sich zu vermischen?

Dieter Falk: Sagen wir mal so: Der Unterschied zwischen einem Schubert-Lied in der Klassik und einem Hoch-auf-dem-gelben-Wagen-Volkslied ist gar nicht mal so weit. Es gibt von Schubert Lieder, die sind total volksliedhaft.

Michaela Boland: Beziehst du dich auf das Röslein?

Dieter Falk: Das Röslein zum Beispiel oder auch Lieder von Schumann, die volksliedhaften Charakter haben. Die Unterscheidung dessen, was E- und U-Musik ist, ist ja ohnehin eher eine, die Fachleute vornehmen und nicht das Publikum. Denn das Publikum liebt Musik und denkt manchmal gar nicht so groß darüber nach, ob das nun E- oder U-Musik ist. Das war ohnehin eine Unterscheidung der 70er Jahre.

Michaela Boland: Du hast mit vielen bekannten Leuten zusammengearbeitet. War das immer gleich leicht oder gab es auch Diven unter deinen "Schäfchen"?

Dieter Falk: Ja, natürlich gibt es auch Diven. Und selbstverständlich gibt es auch skurrile Geschichten. Aber, das Spannende ist immer, dass man  musikalisch eine  Art kleine Ehe auf Zeit eingeht, wenn man jemanden produziert. Eine Platte dauert in der Regel drei Monate, manchmal länger, manchmal aber auch ein bisschen kürzer, und während dieser Zeit ist man wirklich ein Teamworker. Das funktioniert auch mit Kompromissen. Als Produzent ist man so eine Art Vermittler zwischen Künstler und Plattenfirma. Diese Situation ist nicht immer einfach.

Ich habe das jetzt so viele Jahre gemacht, dass ich glaube zu wissen, welche Verhaltensweisen man an den Tag legen muss, um beiden Seiten gerecht zu werden. Mir ist wichtig, dass ich vor allen Dingen ein Dienstleister des Künstlers bin, denn der muss mit dieser Platte länger leben als ich als Produzent. Als solcher habe ich schon zwei oder drei Monate später wieder andere Aufgaben.

Der Künstler muss mit dieser Platte anderthalb Jahre leben und sie promoten. Deswegen werde ich den Teufel tun und meinen Dickkopf durchsetzen. Ich versuche natürlich, dem Künstler gerecht zu werden und für ihn schöne Lieder zu schreiben. Dass ich das in den letzten Jahren nicht mehr so häufig gemacht habe, hat natürlich auch damit zu tun, dass ich auch auf zu neuen Ufern bin. Nach 35 Jahren in der Musikbranche ist auch wichtig, dass man versucht, jetzt, mit Anfang Mitte Fünfzig nochmal neue Kapitel aufzuschlagen.

Michaela Boland: Mit welchen Künstlern hast du denn so alles gearbeitet? Ich sehe hier beispielsweise schon mal Andre Dietz (Anm. d. Red.: Schauspieler der Täglich-Serie "Alles was zählt")

Dieter Falk: Wir waren zusammen beim "perfekten Promidinner". Auch mit Tom Beck (Anm. d. Red: "Alarm für Cobra 11") habe ich gearbeitet. Wir haben zusammen hier herum gejammt.  Außerdem Detlev Jöcker, der Kindersänger. Für ihn habe ich drei CDs gemacht. Jule Neigel war zum Songschreiben hier. Dann habe ich auch DJ Ötzi gemacht und Marshall & Alexander.

Michaela Boland: Hast du ihr Album "Paradisum" produziert? Denn hierzu haben wir bei Freunde der Künste ein Interview mit Jay Alexander geführt.

Dieter Falk: Ich habe diejenigen davor produziert. "Hand in Hand" und "Lovers forever".

Michaela Boland: Du hast auch mit Daliah Lavi und Karel Gott gearbeitet. Was ist denn die "goldene Stimme aus Prag", Held meiner "Biene-Maja"-und "Fang-das-Licht"-Kindheit, so für eine Persönlichkeit?

Dieter Falk: Ein Hammer-Typ! Er kam hierher, sah draußen ein grünes Kettcar mit Gummireifen, das richtig schnell fährt, war begeistert, rief, "oh,toll" und peste sogleich in einem Affenzahn hier bei uns über die Straße und du weißt, er ist über 70.

Michaela Boland: Wird es noch weitere Zusammenarbeiten geben?

Dieter Falk: Wenn es sich ergibt, gerne, denn es ist ein toller und super lieber Kerl. Ein echter Gentleman alter Schule. Er bringt immer Pralinen für meine Frau mit.

Michaela Boland: Hier sehe ich noch unzählige weitere Künstler, die du produziert hast.

Dieter Falk: Howard Carpendale, Brings, Francine Jordi, Jennifer Rush, Nektarios, Joja Wendt, der Pianist, Petra Zieger, eine Ex-DDR-Sängerin, Al Bano Carissi oder Paul Young.

Michaela Boland: Wer denkt nicht gerne an seine Hits "Come back and stay", "Wherever I lay my hat" oder "Love of the common people" zurück?

Dieter Falk: Das waren natürlich seine 80-er Hits. Wir haben vor acht Jahren "Rock swings" zusammen gemacht. Es war ein Swing-Album, das großen Spaß bereitet hat. Es ist so etwas, wie Paul Anka auch schon einmal gemacht hat: Rock mit Swing und Big Band. Ein tolles Projekt. Ich habe mir dazu den Band-Leader von Robbie Williams als Co-Arrangeur geholt.

Michaela Boland: Habt ihr die Aufnahmen mit Big Band dann in deinem zweiten Studio in der Innenstadt durchgeführt?

Dieter Falk: Nein, das haben wir in Holland gemacht. Ich habe auch einige Zeit in Holland gelebt.

Michaela Boland: Du bist viel herumgekommen.

Dieter Falk: Wir hatten ein zweites Haus an der Küste in Holland. Ich spreche ganz passabel holländisch, habe auch ein paar holländische Stars produziert und war sehr gerne da.

Michaela Boland: Was waren die absoluten Highlights deiner Karriere?

Dieter Falk: Das Paul Young Swing Album wegen der Big Band und was natürlich ein absoluter Meilenstein war, war  "Abenteuerland" mit PUR. Nicht nur weil es finanziell die spannendste Platte oder meist verkaufte war mit zweieinhalb Millionen Exemplaren, sondern auch musikalisch betrachtet. Die kannst du heute immer noch anhören.

Michaela Boland: Nicht umsonst hat wohl auch die Werbung einst die Platte für sich entdeckt.

Dieter Falk: Ja, "Abenteuerland" ist schon ein echtes Masterpiece. Sicherlich auch Pe Werner und "Kribbeln im Bauch".

Michaela Boland: Hast du daran mitgeschrieben?

Dieter Falk: Sie hat es komponiert. Doch es gibt eine Sache, die ich darüber nie vergessen werde: Wir hatten das erste Album, "Weibsbilder", zusammen gemacht. Dann hat der A&R-Chef der damaligen Intercord, Peter Cadera, dem ich sehr viel zu verdanken habe, Pe und mich ziemlich zusammengestaucht. Nachdem wir ihm Demos vorgestellt hatten, meinte er nur, "Ich höre keinen Hit".

Pe war deswegen zunächst ein wenig niedergeschlagen. Doch am Ende hat genau dieses Zusammenstauchen sie noch in der Nacht dazu bewegt, "Kribbeln im Bauch" zu komponieren. Sie rief nachts bei mir an und sagte, dass sie so sauer auf den A&R-Chef sei. Als Pe es meiner Frau und mir also mitten in der Nacht vorspielte, waren wir total begeistert. Es war der Knaller. Schon einen Tag danach haben wir es arrangiert und schnell aufgenommen. Und das wurde ihr Hit.

Michaela Boland: Kam in Folge dessen dann auch "Trostpflastersteine" von ihr?

Dieter Falk: Ja. Das ist auch eine ganz tolle Nummer. Pe ist echt eine Sprachkünstlerin. Sie schreibt selbst Musik und Text. Klassisch: Singer and Songwriter. Wenn jemand so gut komponiert wie Pe Werner, werde ich den Teufel tun und mit komponieren. Klar, gebe ich auch mal meinen Senf dazu, wir haben drei LPs zusammen gemacht und verstehen uns immer noch gut.

Michaela Boland: Ist es nicht die Regel, dass man sich danach noch gut versteht?

Dieter Falk: Gut, dann gab es eine Trennung. Auch nach zehn CDs mit PUR. Eine Trennung ist dann immer auch traurig, aber wir sind so lange zusammen geblieben, das ist nicht die Regel. Heute werden Produzenten meist nach ein oder zwei CDs gewechselt. In der Regel arbeite ich mit meinen Künstlern recht lange zusammen. Auch mit Marshall & Alexander habe ich sechs Jahre lang gearbeitet. Insofern scheinen wir dann doch auch alle etwas richtig zu machen.

Michaela Boland: Du bist vor kurzem 54 Jahre alt geworden. Wie hast du gefeiert?

Dieter Falk: Meine Mutter ist genau an meinem Geburtstag verstorben.

Michaela Boland: Das war mit Sicherheit hart.

Dieter Falk:  Es war verrückt.

Michaela Boland: Dein Pop-Oratorium als Musical-Vorstufe, "Die 10 Gebote", welches du gemeinsam mit Michael Kunze geschrieben hast, hatte seine Uraufführung in St. Gallen. Warum gerade in der Schweiz und  nicht in Deutschland?

Dieter Falk: Das Pop-Oratorium war eine Auftragsarbeit der evangelischen Kirche in Deutschland, damals auch noch mit initiiert von der damaligen Bischöfin, Margot Käsmann, die übrigens eine tolle Frau ist und viel bewegt hat. Es war ein Zufall. Das Theater in St. Gallen ist sehr rührig und hat eben sofort zugegriffen. Auch ist es in Europa eine der Hochburgen für Weltpremieren.

Michael Kunze kannte darüber hinaus den Intendanten. Es läuft jetzt seit Februar 2013 sehr erfolgreich und geht noch bis Juni 2014. Wir hatten zuvor in deutschen großen Arenen die Runde gemacht und hatten 150.000 Zuschauer und 25.000 Mitwirkende. In jeder Veranstaltung hatten wir allein zweieinhalbtausend Chorsänger, die mitgesungen haben.

Michaela Boland: Wie castet man die alle?

Dieter Falk: Die castet man nicht. Man schreibt aus und dann bewerben sich Chöre. Daraus wurde eine richtige Sing-Bewegung. Bis heute wird das Ding einmal pro Woche irgendwo in Deutschland aufgeführt, aber in kleinem Rahmen. Das singen dann Jugendchöre, Schulchöre, Kirchenchöre, Gospelchöre und Altenchöre. Ich bekomme immer E-Mails, in denen beschrieben wird, wer es gerade wo aufgeführt hat. Also, das ist schon so eine Art Nachsingstück. Man könnte es "interaktives Projekt" nennen. Das ist natürlich schön und für Michael und mich sehr erfreulich. So ähnlich wollen wir es dann mit  dem "Luther"-Pop-Oratorium auch halten.

Michaela Boland: Worin bestand der Reiz für dich, mal so etwas zu schreiben?

Dieter Falk: Es hat sehr viel Spaß gemacht, einmal keine Dreieinhalb-Minuten-Hits schreiben zu müssen, die Radio-kompatibel sind, sondern mich auch mal musikalisch auszutoben. Mein Lieblingsmusical ist "Jesus Christ Superstar". In der Weise auch mal ein wenig wildere Titel auszuprobieren, war toll. Ich wollte schon ein poppiges Musical machen, was auch dem Musikgeschmack der jüngeren Leute entspricht.

Ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen. Nachdem ich mich innerhalb der letzten vier bis fünf Jahre nun auch intensiv mit dem Thema Musical beschäftigt habe, ist dies ebenfalls ein großer neuer Arbeitsbereich geworden.

Michaela Boland: Ist so etwas ein Angang im Sinne einer Hürde, wenn man es zum ersten Mal macht?

Dieter Falk:  Ich hatte  große Lust darauf, daher  habe ich es nicht als Hürde empfunden. Ich habe mich hier eingeschlossen und daran gebastelt. Die ganzen Demos habe ich selbst eingesungen und anschließend sämtliche Schauspieler geholt, die es später singen sollten. Dann wurde es mit ihnen aufgenommen, also vorproduziert. Ich bin möglicherweise anders herangegangen als die klassischen Musicalkomponisten. Als Musikproduzent habe ich ja alle Möglichkeiten.

Beispielsweise super Vorproduktionen zu machen, die schon toll klingen. Und wir mussten ja die 25.000 Chorsänger, die wir im Laufe der Jahre hatten, auch motivieren und das kann man am besten durch gute Musik und gute Produktionen schaffen. Die schickt man ihnen dann. Sie erhielten Noten dazu und haben dann alles eingeprobt.

Wir haben dabei tatsächlich ganze Familien gehabt, die mit drei Generationen am Projekt teilgenommen haben. Beispielsweise elfjährige Kinder und deren Großeltern. Da wir im Vorfeld der Uraufführung schon ganze Demos oder CDs gemacht haben, war es für die Teilnehmer auch motivierend, daran mitzuwirken

Michaela Boland: Würdest du dir auch zutrauen, ein klassisches Oratorium zu komponieren?

Dieter Falk: Das würde ich mir schon zutrauen. Ich habe ja die ganze klassische Ausbildung. Es würde jetzt natürlich nicht die Kopie eines neo-romantischen Stücks. Wenn ich zum Beispiel alte Klassiker verpoppe oder verjazze, wie Bach, was ja immer ein Thema für mich war, denn ich habe ja beispielsweise auch schon Choräle verpoppt, dann tue ich das, indem ich die klassischen Momente nehme, aber dann mit Jazzmomenten versmische.

Jeder hat da seinen eigenen Stil und ich habe ganz sicher auch meine eigene Handschrift. So würde ich Klassik nehmen, oder auch klassisch komponieren, aber eben mit den Einflüssen von Jazz bis Pop aus meiner Generation.

Michaela Boland: Gemeinsam mit deinen beiden Jungs bildest du die Gruppe "Falk & Sons". Ihr variiert Stücke aus Klassik und Barock, insbesondere von Johann Sebastian Bach, und macht aus ihnen zeitgemäße poppige Musik. Wie konntest du deine Kinder für dieses Unterfangen gewinnen oder kam es sogar von ihnen?

Dieter Falk: Nein, überhaupt nicht. Es kam nicht von ihnen. Letztlich aber auch nicht von mir. Unsere Söhne erhielten beide Klavierunterricht und haben fast nie geübt. Meine Frau und ich wollten sogar fast schon die Reißleine ziehen. Das werden sicherlich viele Eltern kennen. Man fängt mit einer Stunde Klavierunterricht in der Woche an und übt eine halbe Stunde am Tag. Daraus werden dann irgendwann mal gnädige fünf Minuten.

Im Zuge von G 8, wo die Kinder heutzutage ja immer länger in der Schule sitzen, ist es mit der Musikerziehung natürlich auch immer schwieriger. Wir haben dann gesagt, dass es sich gar nicht mehr lohne, da beide nicht übten. Dann kam jedoch ein befreundeter Theaterdramaturg aus meiner Heimatstadt  und lud mich dazu ein, gemeinsam mit meinen Söhnen im Apollo Theater in Siegen vorbeizukommen und vier Titel für ein Schulkonzert zu machen. Das haben wir gemacht und ab dem Moment haben meine Kinder erfahren, was es heißt, auf der Bühne zu stehen und Bühnenluft zu schnuppern. Das ist jetzt sechs Jahre her.

Michaela Boland: Blut geleckt?

Dieter Falk: Ja, sie haben wirklich Blut geleckt und ab diesem Moment haben sie auch angefangen wieder zu spielen und zu üben. Seither gibt es eigentlich Falk & Sons. Der Weg ist das Ziel. Wenn du weißt, wofür du übst, dann übst du auch viel leichter und zielgerichtet. In 2011 haben wir dann bei Universal das erste Album herausgebracht, jetzt gerade das zweite gemacht. So haben wir natürlich immer wieder ein bisschen mehr erreicht. Die Karriere entwickelt sich und der Spaß bleibt. Vor allem weil wir sehr viel live spielen.

Michaela Boland: Wie oft seid ihr da unterwegs?

Dieter Falk: Wir spielen 40-mal im Jahr irgendwo. Morgen spielen wir bereits zum dritten Mal in Folge bei der Kanzlerin anlässlich der Weihnachtsfeier der CDU-Fraktion und der Regierung. Da spielen wir dann in Berlin im Tipi. Das sind natürlich Highlights. Davon lebt dann auch die musikalische Arbeit.

Michaela Boland: Das klingt glücklicherweise nach einem ausgesprochen guten Verhältnis zwischen Vater und Söhnen.

Dieter Falk: (lacht) Ja, klar. Das gehört dazu. Das Schöne ist, wenn man so viele Konzerte miteinander spielt, verbringt man viel Zeit miteinander. Die nächtlichen langen Rückfahrten auf deutschen Autobahnen, wenn man in Bremervörde, am Arsch der Welt oder in Greifswald gespielt  hat, dann kann man die ganze Fahrt über quatschen und kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Familie ist uns sehr wichtig, daher verbringen wir auch viel Zeit miteinander. Auch haben wir viele Gäste, die meistens nicht nur mit meiner Frau und mir befreundet sind, sondern auch mit meinen Söhnen.

Michaela Boland: Wie schaffst du es bei all deinen Mega-Erfolgen immer so geerdet zu bleiben?

Dieter Falk: Ich bin immer ein Mann im Hintergrund gewesen. Vielleicht bin ich durch Popstars mal ein bisschen in den Vordergrund gerückt. Sicher taucht ab und zu auch mal das Fernsehen hier auf und macht O-Töne, aber ich bin kein Star in dem Sinne wie es andere sind. Klar kennen mich mehr Leute als andere, trotzdem bin und bleibe ich als Komponist und Musikproduzent eher jemand, der hinter dem Mischpult ist.

Michaela Boland: Nichts desto trotz ein ausgesprochen erfolgreicher Jemand hinter dem Mischpult.

Dieter Falk: Ja, aber was heißt erden? Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Meine Mutter und mein Vater haben beide nicht studiert. Wir waren nicht  gerade der sogenannte Intellektuellen-Haushalt. Doch wir Söhne haben beide studiert und aus uns ist etwas Ordentliches geworden. Aber, ich weiß, wie ich angefangen habe und das erdet einen sowieso.

In unserem Bekanntenkreis haben wir zwar viele Freunde in der sogenannten Showbranche, aber ebenso viele Freunde in ganz normalen Berufen. Meine Frau ist Grundschullehrerin, das erdet dich auch total, das sage ich dir (lacht). An einer Brennpunktschule, wo du auf der einen Seite privilegierte Familien hast, die ihre Kinder dort einschulen, doch interessanter Weise ebenso viele Migrantenkinder. Das mischt sich super, doch hat ganz eigene Befindlichkeiten. Dann bin ich ja auch Botschafter für die Arche. Wenn du dann siehst, was dort stattfindet, dann erdet dich das ebenfalls automatisch.

Michaela Boland: Seit diesem Wintersemester hast du auch regelmäßig mit jungen Menschen zu tun, denn du hast an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf eine Gastprofessur mit dem Schwerpunkt Musikproduktion und Populargesang inne. Wie oft bist du da zur Zeit im Einsatz?

Dieter Falk: Aktuell hatte ich jetzt gerade einen ganzen Samstag lang einen Crash-Kurs-Workshop mit den Kirchenmusikern. Mehrere Stunden am Stück. Da ging es dann darum, dass ich Kirchenmusikern Pop Piano- und Gospel Piano beibringe. Meine Botschaft ist die: Ein klassisches Studium ist total wichtig, aber es ist heutzutage genauso wichtig, dass man zweigleisig fährt.

Damit du auch als Kirchen- oder als Schulmusiker nicht nur vor einer Klasse oder in der Kirche sitzt und "Großer Gott wir loben dich" an der Orgel spielst, sondern, dass du auch "Oh happy day" authentisch am Klavier spielst und nicht nur so von Noten herunter liest. Es muss grooven, der große Zeh muss mitwippen, wenn du Klavier spielst.

Und wenn du eine Kirchengemeinde zum mitsingen eines Liedes begeistern willst, dass du es auch swingig umsetzen kannst. Musik muss anstecken und das ist so viel leichter, wenn es Groove und Swing hat. Das brauchen Kirchenmusiker auch heutzutage. Das ist ein Teil meiner Aufgabe im Rahmen dieser Professur.

Michaela Boland: Kann man bemessen wie viele Wochenstunden du gibst.

Dieter Falk: Es ist eine halbe Gastprofessur, das heißt neun Semester-Wochenstunden. Die verteile ich auf Blöcke. Dann sitze ich vor Kirchenmusikern, aber auch vor kommenden Musikproduzenten. Es gibt ja in Düsseldorf diese einzigartige Möglichkeit am Institut für Musik und Medien, IMM, unter anderem auch Musikproduzent zu werden. Toningenieur und Musikproduzent, das nennt sich dann Ton- und Bild-Studium und Musik und Medien.

Das ist schon eine spannende Ausbildung. Sie müssen nämlich sowohl künstlerisch als auch technisch gut sein. Da helfe ich jetzt meinen Professoren-Kollegen, dass man auch die Produktionen, die diese jungen Studenten machen, unter Marktbedingungen bewertet, zumal ich ja mit einem Fuß in der Branche auch noch am Puls des Marktes bin. Ich kann den Leuten daher relativ authentisch  sagen, das, was ihr macht, hat meines Erachtens eine Chance oder nicht. Die guten Studenten empfehle ich dann auch der Branche gleich weiter.

Michaela Boland: Dann bist du auch eine Art Türöffner?

Dieter Falk: Ich versuche es. Den guten Leuten werde ich natürlich sagen, "Ihr komponiert gut, ihr solltet euch unbedingt mal bei diesem oder jenem A&R oder Verleger melden, denn ihr seid wirklich talentiert". Das ist so ein bisschen meine  Funktion.

Michaela Boland: Gab es darüber hinaus noch ein persönliches Anliegen für dich, die Professur anzutreten?

Dieter Falk: Diese Gastprofessur ist ja von der Stadt Düsseldorf finanziert und nicht vom Land NRW. Mir ist wichtig, dass man etwas für die Musikszene der Stadt Düsseldorf, die ja nach den Toten Hosen oder Kraftwerk noch nicht so richtig viel hervorgebracht hat, tut.

Michaela Boland: Doro Paesch kommt doch auch hierher.

Dieter Falk: Ja, aber das sind die großen Alten, um es mal so zu sagen. Man sollte hier etwas für die Szene tun. Ich veranstalte ja auch ab und zu ein Nachwuchsfestival mit dem Titel "Ton-Talente", in der Tonhalle. Ich möchte, dass man die Leute, die da in der Stadt Musik machen, mit den Studenten aus der Musikhochschule zusammenbringt, mehr Teamwork durchführt, mehr Synergie und Networking betreibt.

Michaela Boland: Düsseldorf soll ohnehin als Kreativstandort im Hinblick auf Musik gefördert werden. Welche weiteren Ansätze sind neben deiner Arbeit dafür noch vonnöten?

Dieter Falk: Ich bin natürlich weit davon entfernt zu sagen, ich sei der Allein-Selig-Machende für das Betreiben, die Medienstadt Düsseldorf musikalisch weiterzubringen. Es gibt ja viele Leute, die an der Front arbeiten, Düsseldorf auch  musikalisch ein bisschen nach vorne zu bringen. Düsseldorf ist eine Museumsstadt, eine Kunststadt, eine Werbe-Agentur-Stadt, eine Medienstadt. An der Musikszene kann noch etwas getan werden.

Da bin ich einer von mehreren, die daran arbeiten, dass das so wird. So war der Eurovision Song Contest eine riesen Nummer. Darauf aufbauend kann man etwas für die Musikszene hier tun. Das fängt damit an, dass man auch Lobbyarbeit betreibt, dass beispielsweise neue Proberäume gebaut werden und. Aber das Rathaus weiß das und ist da bereits auf einem sehr guten Weg, wie ich finde.

Michaela Boland: Interessierst du dich für bildende Kunst?

Dieter Falk: Ja, ich gehe sehr gerne in Museen. Ich liebe Popart. Meine Frau ist auch an Malerei interessiert. Sie malt auch selbst ein bisschen. Da wir lange in Holland gelebt haben, kennen wir die Museen in Amsterdam alle in und auswendig. Wenn wir reisen, und das tun wir ganz gerne und viel, sind wir in den Städten eigentlich auch immer in den einschlägigen Museen. Ob in New York oder in London, da sehen wir uns Ausstellungen an, die wir sonst nicht mitkriegen. Köln ist überdies auch eine ganz tolle Museumstadt, wie Düsseldorf auch. Das ist auch Teil unseres Freizeitprogramms.

Michaela Boland: Was liest du zurzeit?

Dieter Falk: Ich bin natürlich absoluter Thriller-Fan. Ich habe gerade von Joe Nesbo "Koma " gelesen. Eigentlich alle Jo Nesbos wie alle Stieg Larssons.

Michaela Boland: Wie läuft es konkret ab, wenn jemand sich bei dir meldet und dich bittet, einen oder mehrere Songs zu schreieben und zu produzieren?

Dieter Falk: Viele kenne ich ja auch schon, wenn sie anrufen und fragen, "hast du einen Song für mich". Aber, wenn ich jemanden noch nicht kenne, dann lade ich den- oder diejenige ein, ich setze mich hier ans Klavier und wir jammen ein bisschen. Oft ist es ja auch so, dass die Künstler auch selbst musikalische Ideen haben. Dann ist es ganz gut, wenn man es dann zusammen macht. Ich mache das super gerne im Teamwork.

Zum Beispiel die Schlagersängerin, Francine Jordi, deren letztes Album ich gemacht habe und die in der Schweiz ein großer Star ist, kommt hierher und wir setzten uns einfach ans Klavier und wir schreiben zusammen. Oder sie kommt auch schon mit fertigen Songs und die arrangiere ich dann.

Bei mir ist es keine Pflicht, dass ich alles selbst geschrieben haben muss. Bei meinen größten Produzentenerfolgen, wie beispielsweise bei PUR war es ja auch so, da war ich nicht als Komponist beteiligt. Dass ich jetzt mehr komponiere hat vor allen Dingen mit den Musicals zu tun. Das sind dann meine Projekte und auch meine Ideen.

Michaela Boland: Lieber Dieter, vielen Dank für dieses ausführliche Gespräch und viel Erfolg auch weiterhin für die Zukunft.

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10.09.2019 Geheimnis der Reisebranche

GFDK - Interview und Potraits

Die Zeit am Flughafen vor dem Abflug oder beim Zwischenstopp ist für viele Reisende das Gegenteil von Erholung – während Business- oder First-Class-Passagiere es sich in einer Lounge gut gehen lassen. Was viele nicht wissen:

Ein Aufenthalt dort ist über Holiday Extras ganz unkompliziert und günstig buchbar. Der Münchner Spezialist für Reise-Extras vermittelt Zugang zu mehr als 140 Lounges weltweit.

Doch was gilt es zu beachten, wenn man erstmal drin ist? Vielflieger und Holiday-Extras-CEO Jerome Danglidis gibt im Interview hilfreiche Tipps für Lounge-Neulinge.

Herr Danglidis, wenn man nicht gerade Vielflieger-Status genießt oder ein Flugticket für die Business Class besitzt: Wie einfach ist es, in eine Flughafen-Lounge zu kommen?

Airport Lounges sind das vielleicht bestgehütete Geheimnis der Reisebranche. Der Zutritt erfordert weder einen Vielfliegerstatus noch eine spezielle Kreditkarten- oder Lounge-Mitgliedschaft.

Die Lounge ist im Reisebüro und unter www.holidayextras.de online buchbar. Dabei spielt es keine Rolle, mit welcher Fluggesellschaft man fliegt oder in welcher Klasse.

Rucksackreisende, Single Traveller oder Familien-Trip: Für wen eignet sich eine Airport Lounge am besten?

Eine Airport Lounge ist ein Ruhe- und Entspannungsbereich fern von den Massen an Urlaubern und Geschäftsreisenden in Flugterminals und an Gates. Ein Aufenthalt eignet sich für Privat- oder Businessreisende, mit oder ohne Begleitung.

Was erwartet mich in einer Lounge?

Bequeme Sitzgelegenheiten, unbegrenzt Speisen und Getränke, oft auch eine offene Bar mit alkoholischen Getränken. Es gibt kostenlos WLAN, Zeitungen und Zeitschriften, außerdem reichlich Ladesteckdosen und vor allem einen ruhigen Bereich, in dem Sie gelassen auf Ihren Flug warten oder schlafen können.

Lounges sind meist deutlich ruhiger und weniger frequentiert als Flugsteigbereiche. Einige verfügen über Duschen und sogar Spas.

Kinder sind am Flughafen erfahrungsgemäß sehr aufgeregt – dürfen sie trotzdem mit in die Lounge? Gibt es dort einen spannenden Zeitvertreib für Kids auf Reisen?

Sie bieten ein sicheres und übersichtliches Umfeld für Kinder. Dort steht eine Auswahl an Zeitschriften, Malbüchern und Fernsehsendern zur Verfügung. Zahlreiche Lounges haben einen ausgewiesenen Kinderbereich.

Aber sie sind natürlich kein Spielplatz: Eltern sollten dafür Sorge tragen, dass sich ihre Kids entsprechend verhalten.

Hand aufs Herz: Gibt es in den Lounges einen Dresscode?

Ja, es muss allerdings kein schicker Anzug sein – gepflegte Freizeitkleidung ist in Ordnung.

Was sind absolute No-Gos in der Lounge?

Auch wenn der Eindruck entsteht, dass es alles im Überfluss gibt, sollten Reisende keine Snacks oder Getränke für später in ihrem Gepäck verstauen. Was beispielsweise gar nicht geht: laut Musik hören.

Kopfhörer sind selbstverständlich, Elektronikgeräte sollten in den Vibrations- oder Stummmodus geschalten werden. Lounges haben gewöhnlich eine gedämpfte Atmosphäre, deswegen sollten sich Besucher an die umgebende Lautstärke anpassen und nicht zu laut telefonieren.

Es ist kein Verstoß gegen die Hausregeln, sich am Platz übermäßig auszubreiten, jedoch nicht gerade rücksichtsvoll. Erhöhter Alkoholkonsum ist ein absolutes No-Go. Man riskiert aus der Lounge verwiesen oder sogar vom Boarding ausgeschlossen zu werden.

Was dagegen ist ein „Must-Do“ in der Lounge und darf auf keinen Fall fehlen?

Die Airport Lounge bietet Ihnen die Gelegenheit, Ihr Handy zu laden und die letzten E-Mails zu checken. Bei der Zwischenlandung nach einem langen Flug gibt es nichts Schöneres als eine heiße Dusche und ohne Hektik etwas zu essen.

Einen riesigen Vorzug sehe ich darin, einen eigenen Sitzbereich zu haben und das Gepäck nicht immer mitnehmen zu müssen.

Haben Sie weitere Tipps für den Lounge-Aufenthalt?

Die Lounges sind sehr unterschiedlich. Informieren Sie sich vorab über Ausstattung und Annehmlichkeiten. Größere, internationale Flughäfen haben meist mehr als nur eine Lounge. Wo befinden sich diese? Welche ist näher an meinem Flugsteig?

Mein Tipp: Die Wartezeit am Airport lässt sich nicht nur bei Reiseantritt, sondern auch beim Zwischenstopp oder vor der Rückreise entspannt in einer Lounge verbringen.

Interview: Janina Reich/AHM PR

Preisbeispiel: Die meisten Lounge-Aufenthalte sind zwischen zwei und vier Stunden buchbar, Gäste können bis zu zwei Tage vorher kostenlos stornieren. An deutschen Flughäfen wie beispielsweise in Leipzig sind drei Stunden ab 19,90 €/Pers. zu haben. Während eines Layover in Abu Dhabi kostet die dreistündige Nutzung der „Al Reem Lounge“ (Premium) ab 39 €/Pers.

 

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09.09.2019 Metarmorphosen von Mensch und Tier

GFDK - Interview und Portaits - Dr. Frank Maier-Solgk

Was haben Ziegenfrauen, Adler und Wolf, Wolf und Ziege mit Boris Becker, Claudia Schiffer und Dieter Bohlen gemeinsam? Es sind Bildmotive, die von der Hand der jungen russischen Malerin stammen. Die Künstlerin ist Berühmt für ihre Metarmorphosen von Mensch und Tier.

Zum einen fantastisch arrangiert, ins Mythische reichende Übergänge zwischen Mensch und Tier, Tierkörper mit Menschenköpfen zum Beispiel, die die Urgewalt der Triebe ebenso demonstrieren wie die Physiognomie menschlicher Eitelkeit.


Diese großformatigen surrealen Körperporträts gehören zur Reihe „Metamorphosen", die in der Ausstellung des Kunst- und Kulturfestivals „The Exhibition - Women Only 2002" des Kunstvereins Gesellschaft Freunde der Künste Düsseldorf - Berlin - GFDK zu sehen war.

Gottfried Böhmer, künstlerischer Leiter des Vereins hatte die junge Künstlerin, Anna Vilents, beim Rundgang an der Kunstakademie entdeckt und sofort unter Vertrag genommen.

Ab Freitag den 14. März präsentiert die Künstlerin ihre Ausstellung erneut - erweitert um die vollständige Bilderreihe „Pseudo-Stars" in den Atelierräumen des Messemagazins Düsseldorf, die bereits im Vorfeld für Medienresonanz gesorgt hat.

Eine neue Variation des Themas „Triebe und Eitelkeiten", die in diesem Fall ihre Allgegenwärtigen Medien-Ikonen als Aufhänger nutzt? „Was wären unsere heutigen Stars ohne RTL, VOX, Pro 7, Bild, Bunte oder Gala? Würde sie wirklich jemand kennen? fragt sich Anna Vilents.

„ In uns ist immer auch Tierisches, dass wir zu zivilisieren nur versuchen können", meint die jüngste Meisterschülerin an der Düsseldorfer Akademie, die für ihre jungen Jahre bereits eine bemerkenswerte Entwicklung absolviert hat.
1980 wurde sie in der Ukraine geboren.

Nach der Wende kam sie 1993 mit ihren Eltern und ihrem Bruder nach Deutschland: es folgten Jahre, die vor allem von schwierigen schulischen Problemen geprägt waren. Mit 18 erreichte sie eines ihrer wichtigsten Ziele, die Aufnahme in die Kunstakademie, da sie kein Abitur besaß, über eine besondere Begabtenprüfung.

Und nun, 22-jährig ist sie Schülerin von Prof. A. R. Penck zugleich wie gesagt jüngste Meisterschülerin der Akademie und auf dem besten Weg zu einer vielversprechenden Künstlerkarriere.

In den vergangenen 2 Jahren nahm sie bereits an Ausstellungen in Frankfurt, Berlin und Köln teil und sie erhielt die Silber-Medaille des Europäischen Preises für jüdische Kunst.

Ihr Ausgangspunkt scheint ein ausgesprochen analytisches Interesse zu sein. Dass aber wird nicht intellektuell, sondern plastisch in ausdrucksstarker Eindeutigkeit umgesetzt - ohne absichernde Orientierung am bekannten ästhetischen Größen.

Für ihre Metamorphosen-Reihe hat Anna Vilents dabei eine raffinierte Tropftechnik verwendet, mit der sie aber - anders als ihr berühmter Erfinder Jackson Pollock im figürlichen bleibt. Und was ihre aktuelle Reihe „Pseudo-Stars" betrifft, so begegnen wird Becker & Co verfremdet im Gewand von Heiligen und Madonnen zur Zeit der Renaissance.

Aber Anna Vilents ist keine Zeitgeist-Reporterin, ihr kritischer Blick gilt ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Phänomenen, die sie mit viel Kraft und Scharfblick unter die Lupe nimmt. Zunehmend offenbar auch mit einem Schuss Ironie.

Dr. Frank Maier-Solgk

Messemagazin Ausgabe 2/2003

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09.09.2019 verbitterter Opferrollenmelancholie

GFDK - Interview und Portraits

Weibliche Figuren, nackt, in expressivem Rot – mit überprägnanten Geschlechtsmerkmalen, oft ohne den Körper im Gesamten darzustellen, stattdessen die natürliche Gestalt beinahe in sich auflösend.

Will Barbara Rapp die Frau auf ihre Sexualität reduzieren? „Ja, in gewisser Weise tue ich das, aber keinesfalls in dem Sinne, dass ich eine solche Reduktion wünsche oder favorisiere“, stellt sie richtig.

Vielmehr reagiert Rapp mit ihrer selektiv überzeichneten Bildsprache auf die Überpräsenz des weiblichen (aber auch des männlichen) Körpers, funktionalisiert in der Medien- und Werbewelt.

Sie bewegt sich also aus der Passivität eines Medienkonsumenten heraus und übernimmt selbst die Kontrolle über den Einsatz von Körperlichkeit, agiert und spielt, nutzt dieses „Werkzeug“ aktiv zur visuellen Umsetzung ihrer Inhalte. 

Abseits verbitterter Opferrollenmelancholie ist sie fest davon überzeugt, mit selbstkritischem Humor viel offener auf die - nicht nur für Frauen - neuen Herausforderungen unserer Zeit reagieren zu können.

Ihr Ziel ist es aufmerksam zu machen, Fragen aufzuwerfen, für gesellschaftliche Probleme zu sensibilisieren, ohne dabei jedoch den Anspruch zu erheben, allgemeingültige Antworten bieten zu können und zu wollen.

Denn auch damit würde letztlich die Verantwortung abgegeben: An ein Lösungsmodell von außen, das pauschal angewendet werden kann und nicht reflektiert werden muss.

Verfremdete, überblendete, oft verzerrt gedruckte Fotografien kombiniert Barbara Rapp mit Malerei und Grafik zu Mischtechnik-Collagen mit starker Aussagekraft. Sie erweitert praktisch die klassische Malerei um zeitgemäße Disziplinen und Techniken, was auch als Tribut an die behandelten Themen zu verstehen ist.

So hinterfragt sie beispielsweise das katholische System rund um den Zölibat mit ihrer visualisierten Aufforderung ‚nehmet und trinket alle davon‘, oder stellt im ‚schauraum‘ die angesichts hereinstürzender Schlagzeilen zunehmende Resignation und Praktik des Wegschauens auf den einbeinig fragilen Pranger.

Und sie beschreibt die Hintergründe zu ‚gluttony‘, das sie für ein italienisches Kunstprojekt geschaffen hat:  „Interpretation der Völlerei als Zivilisationskrankheit, mit Umkehrwirkung hin zur Magersucht/Bulimie.

Dritte-Welt-Kinder werden körperlich ausgebeutet und intellektuell „unten gehalten“; praktisch dazu genötigt, ihren Kopf für die physische und psychische „Verstopfung“ der westlichen Gesellschaft hinzuhalten. Derweilen träumen magersüchtige Party-Girls von monströsen Silikon-Titten und kotzen sich unter Zwangsernährung die Seele aus dem Leib.“

Assemblage, Objektkunst und Video behält sich Barbara Rapp als weitere Disziplinen offen, um zusätzliche visuelle Möglichkeiten je nach inhaltlicher Notwendigkeit auszuloten.

Wo beispielsweise zwanghaftes Ausbrechen aus normativen Strukturen zur Persiflage seiner selbst wird, setzt ihre ‚IndividualistenBox‘ die vermeintliche Errungenschaft „ich bin ja so was von individuell“ in kursorische Verschachtelungen zurück.

Eine ‚GenderBoxOpen‘ verschachtelt ebenso, lässt unspezifische Körperlichkeit mit symbolisierter Männlichkeit oder Weiblichkeit kokettieren. Doch im kontrollierten Durcheinander der Orientierungslosen bleibt der Blick nach draußen frei.

Marcel Ambrusch im März 2011
(mit Auszügen aus Texten von Simone Kraft und Karl-Peter Gerigk)

2011 erhielt Barbara Rapp von der Gesellschaft Freunde der Künste - GFDK den Kaiserswerther Kunstpreis, der mit 5000 Euro notiert war.

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30.08.2019 michaela boland trifft ha schult

GFDK - Interview und Portraets - Michaela Boland

Die Müllmenschen von HA Schult stehen gerade vor den “Höhlen von Matera” Hier noch einmal das Gespräch was wir 2014 mit HA Schult geführt haben. Michaela Boland trifft HA Schult für die Gesellschaft Freunde der Künste zu einem sehr ausführlichen Interview: Den Müll hat er schon lange als reale Bedrohung der modernen Industriegesellschaften entlarvt.

Im Rahmen seiner Aktionskunst schafft er seit Jahrzehnten ein Bewusstsein für das leichtfertige Verhalten der Wegwerf-Society. Doch nicht immer hat er sich mit seinen außergewöhnlichen Aktionen nur Freunde gemacht.

So zählte Franz Josef Strauß wohl eher nicht zu seinen Bewunderern als dieser versuchte, Museumsdirektoren ihrer Ämter zu entheben, nur weil sie IHN ausstellten: HA Schult.

Der Ausnahme- und Medienkünstler der ersten Stunde, der durch seine bekannten 1000 Trash-People zu Weltruhm gelangte, hat sich längst lautstark gegen mangelnde Nachhaltigkeit und reine Konsumorientierung positioniert. Ob seine Botschaft nach mehr als 50 Jahren kontinuierlicher Arbeit in der Kunst angekommen ist, habe ich ihn gefragt.

Michaela Boland: Sowohl auf Deiner Hompage als auch auf Deinem Facebook-Profil ist zu lesen, "Art is Life". Ist das eine im Laufe Deines Arbeitslebens von Dir gezogene Conclusio oder war das schon immer Dein Credo?

HA Schult: Das ist schon mein Lebensmotto.

Michaela Boland: Als einem der bedeutendsten Objekt- und Aktionskünstler Deutschlands kommen einem bei Deinem Namen unweigerlich schnell die berühmten "Trash People" in den Sinn, die schon weltweit für Furore gesorgt haben.

Sie standen nicht nur auf dem Roten Platz in Moskau, vor den Pyramiden von Gizeh oder im ewigen Eis der Arktis, sondern auch an der Chinesischen Mauer, in New York, Rom, Barcelona oder Kairo, sowie im  April 2014 auf dem Recycling Hill des Ariel-Sharon-Parks im israelischen Tel-Aviv. Kann man sagen, dass gerade jene Schrott-Armee in den Augen vieler Menschen im Laufe der Zeit zu einer Art Sinnbild für HA Schult geworden ist?

HA Schult: Nicht für mich, sondern für den Zustand unseres Planeten. Wir leben ja auf einem Müll-Planeten. Wir haben ihn zu diesem Müll-Planeten gemacht. Und so sind diese 1000 Skulpturen unser aller Ebenbild. Sie reisen wie Asylanten um die Erde.

Sie leben in 20 Seefracht-Containern, so wie die Asylanten, die dort am Mittelmeer ankommen oder die an den Küsten angeschwemmt werden. Deshalb sind sie ein Sinnbild für den Zustand dieser Erde.

Michaela Boland: Ungeachtet der Tatsache, dass du für ausgesprochen viele bemerkenswerte Kunstwerke verantwortlich zeichnest, sind die Müllmenschen jedoch dennoch etwas, dass die Öffentlichkeit häufig zuerst mit dir assoziiert, sobald dein Name fällt.

HA Schult: Naja, es ist so, wenn ein Kölner am Tresen steht, dann sagt er: "Das ist der mit dem Flügelauto." Wenn er über einen etwas größeren intellektuellen Radius verfügt, dann sagt er schon mal: "Wo ist denn meine Kugel geblieben?

Wer hat mir die denn weggenommen?" (Anm. d. Red.: HA Schult schuf eine Weltkugel, die 1996 in rund 70 Metern Höhe auf dem Pylon der Kölner Severinsbrücke befestigt und zum festen Bestandteil des Rheinpanoramas wurde.

Im Jahre 2000 sollte die Kugel sodann auf Anordnung der Stadt ihren bisherigen Standort verlassen. Anschließend fand das beliebte Kunstwerk auf dem Dach der Zentrale des Versicherungsunternehmens DEVK ein neues Zuhause). Und wenn er dann noch über die Stadtgrenze guckt, dann sagt er: "Wo ist denn das Hotel Europa?

Das ist ja gesprengt worden. Warum?" So sagte der damalige Bundeskanzler seinerzeit zu mir: "Sieh zu, dass das Hotel Europa stehen bleibt!" Und ich erwiderte ihm: "Bist du hier der Kanzler oder ich? Die wollen das sprengen." So hat eben jeder seinen Blickpunkt.

Wenn ich nämlich in München bin, dann wird ein Münchener sagen: "Hör mal, das ist doch der, der damals die Straße vermüllt hat." Wenn ich dagegen in China bin und Menschen deiner Generation treffe, dann sagen sie mir: "Ich habe etwas über dich im Schulbuch gelernt.

Viele, die zwischen 25 und 30 Jahren sind und in China Abitur oder ihr Examen machten, haben in ihren Büchern von mir gehört. Also, man kann sagen, dass alle Projekte regionalbezogen jeweils für sich bekannt sind.

So weiß man beispielsweise auch in St. Petersburg, dass ich das Auto von Lenin, von dem aus er im Jahre 1917 die Oktoberrevolution ausgerufen hat, gegen ein zu Marmor gewordenes Auto ausgetauscht habe, das vorher auf dem Heinrich-Böll-Platz in Köln stand.

Und in Ludwigshafen wird man sich daran erinnern, dass ich irgendwann mal bei dem besten Italiener der Stadt gegessen habe (lacht). Also, was solls, die Kunst ist heute global. Es gibt Künstler, die im Atelier leben und die wunderbare Bilder machen und es gibt Künstler, die haben die Welt zur Leinwand erklärt und so einer bin ich.

Michaela Boland: Schon 1972 hast du mit der Biokinetischen Landschaft auf der Documenta 5 die Besucher der Ausstellung in großes Erstaunen versetzt. Dabei stand das Verhältnis zwischen natürlicher Zersetzung und zivilisatorischer Zersetzung im Vordergrund.

Zu diesem Zeitpunkt warst du gerade mal Anfang 30. Seit wann genau spielte das Thema Umwelt und vor allem der menschliche Umgang mit derselben eine entscheidende Rolle in deinem Leben?

HA Schult: Seit den 50er Jahren. Als ich auf die Kunstakademie in Düsseldorf ging, war diese noch ziemlich vermieft. Man hatte Paul Klee in den 30er Jahren ja bekanntermaßen verjagt. Gründgens lief noch durch die Stadt, Gerling finanzierte immer noch Arno Breker, der in Düsseldorf lebte und die Professoren dort waren ein ziemlich müder Haufen. Inklusive Matare, der hier in Köln die Dom-Türen gemacht hat.

Inspiriert von Künstlern wie Yves Klein oder Jackson Pollock, Georges Mathieu und Karl Otto Götz, dachte ich damals, nachdem sie alle zu ihrer Zeit so eine Art Schallmauer der Künste durchbrochen hatten, man könne danach nicht weiter mit dem fortfahren, was zuvor gemacht wurde.

Und so kam ich auf die Idee, die Welt durch sich selbst darzustellen. So habe ich die Welt nicht abgepinselt, sondern ich habe sie stattfinden und sich sodann in den Medien wiederfinden lassen.

Damit gehöre ich zu den Medienkünstlern der ersten Stunde. Das, was du gerade erwähnst, das biokinetische Labor auf der Documenta 1972, war ein Altarbild. Sozusagen ein Medienaltar über den damaligen Zustand der Welt, als es noch keine grüne Partei in der Form gab und als der Club of Rome noch kein Wort über das ökologische Ungleichgewicht verloren hat. Wir Künstler waren es, die damals dieses Thema in die Umlaufbahn der Menschen gebracht haben.

Michaela Boland: Hat es zur damaligen Zeit eigentlich ausschließlich Zuspruch oder auch kritische Stimmen im Hinblick auf deine Arbeiten gegeben?

HA Schult: Es gibt bis heute, Gott sei Dank, nicht nur Zuspruch, denn sonst wäre ich ja überflüssig. Ich glaube, das geht jedem Künstler so. Ob man nun ein Bild malt oder eine Skulptur herstellt, je besser der Künstler ist, desto mehr Ärger hat er.

Michaela Boland: Was war deine ursprüngliche Motivation dafür, Künstler werden zu wollen?

HA Schult: Ich bin in einer Trümmerlandschaft in Berlin aufgewachsen. Mein Vater war erst bei Adolf Hitler, dann bei Stalin und letztendlich in der SPD. Ich wollte so etwas nicht sein. Ich wollte mich nicht anpassen.

So habe ich in dieser Stadt, die ja wirklich ein Spiegelbild des Krieges war, sehr früh gelernt, mich als kleiner Junge zu behaupten. Außerdem hatte ich mir vorgenommen, mich nie so einzuordnen wie meine Eltern oder die Umgebung, in der ich war, es getan haben.

Michaela Boland: Wie kam das bei deiner Familie an? Hast du ihnen ganz direkt gesagt, dass du auf die Kunstakademie wolltest?

HA Schult: Ich war immer auf Internaten und habe mir meine Freunde stets woanders gesucht. Zum Entsetzen solcher Leute, die ihre Eltern sehr lieb hatten, habe ich immer gesagt: "Ich kann ja nichts dafür, dass ich meine Eltern nicht sonderlich schätze."

Später war das dann egal, aber in der Zeit habe ich mich von meinem Elternhaus getrennt, bin auf die Kunstakademie gegangen und habe meinen Lebensunterhalt selbst verdient. Ich habe 56 unterschiedliche Jobs gemacht.

Michaela Boland: Was war alles dabei?

HA Schult: Natürlich Taxifahrer. Ich habe Autos nach Teheran und Kairo überführt. Wahrscheinlich saß ich letztes Jahr sogar noch in einem Taxi, das ich damals, 1958, selbst dahin gefahren habe, denn die scheinen da immer noch zu fahren.

Heute ist es leider nicht möglich, so leicht nach Kairo zu reisen, weil sich seitdem sehr viel dort getan hat. Aber, wenn du dich umguckst, dann siehst du, dass dort unterhalb der Pyramiden schon die 1000 Skulpturen standen, dass da Rommel stand und zuvor auch schon Napoleon. Doch die beiden sind nicht so heil wieder weg gekommen wie ich und, Gott sei Dank, auch meine Skulpturen.

Michaela Boland: Nach welchen Kriterien entscheidest Du eigentlich, wohin die Skulpturen reisen? Sie waren ja weltweit an geschichtsträchtigen Plätzen in den Metropolen dieser Welt.

Doch zuletzt standen sie in Monschau in der Eifel und genauso reisten sie auch schon an den Fuß des Westerwaldes nach Wissen an der Sieg.Ist das so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit, Motto: Nach einigen Hotspots auch immer mal wieder ein kleines Nest?

HA Schult: Naja, ich habe am Anfang meine Aktionen an Orten durchgeführt, die signifikant für die Menschheit sind. Das war damals natürlich New York, die größte Müllhalde der Welt, Staaten Island. Da habe ich im Rahmen eines Crashs das Flugzeug zur Documenta 1977 abstürzen lassen. Es war die erste Satellitenübertragung einer Kunstaktion.

Das konnte natürlich nicht auf der Müllkippe in Paderborn oder Krefeld stattfinden, denn die Menschen gucken natürlich eher nach New York als nach Braunschweig. Wenn man sich dann überlegt, was das für einen Radius hat.

Von der CIA und dem FBI wurden die Reste des World Trade Centers später alle auf jene Müllkippe geschafft, auf der ich 1977 den Crash veranstaltet hatte. Es sind insoweit immer Schauplätze gewesen, die von der Geschichte der Menschheit geprägt oder auch von ihrem Blut getränkt waren.

Sei es der Rote Platz in Moskau oder der Schlossplatz in St. Petersburg oder die Chinesische Mauer bei Jiinshanling oder auch Rom auf der Piazza del Popolo. Ich bin jetzt auch auf dem Weg nach Israel, ebenfalls zu einem sehr wichtigen Ort, genauso wie auf dem Weg nach Lhasa zu einem wichtigen Ort.

Ich suche mir diese Orte also schon sehr gezielt aus. Alle zwei bis drei Jahre einen dieser großen Plätze, die Geschichte geschrieben haben und dazwischen gehe ich aber auch nach Monschau.

Michaela Boland: Warum gerade Monschau?

HA Schult: Monschau hat Kunstgeschichte geschrieben, weil die erste internationale Straßenkunstaktion, die je auf diesem Planeten stattgefunden hat, in Monschau war. Das wissen nur wenige.

Doch damals, im Jahre 1970, hat Klaus Honnef die seinerzeit aktuelle Avantgarde als Kurator nach Monschau geholt. Dazu zählten Günther Uecker ebenso wie Dipiz oder Daniel Büren und unter anderem eben auch ich.

Als ich nun kürzlich zu einem Jubiläum in Monschau eingeladen war und dort mit den ganzen Künstlern, die bis dahin überlebt haben, zusammenkam, hat sich herausgestellt, dass von den ursprünglich 30 Künstlern, die 1970 dabei waren, 15 heute noch weltberühmt sind.

Daraufhin hat die Stadt mich dazu eingeladen, noch einmal als Solist wieder zu kommen und so bin ich der Einladung gefolgt. Wir haben sehr viele Besucher in Monschau gehabt. Auch waren nie zuvor derartig viele Chinesen dort, was dadurch kam, dass ich in China sehr populär bin.

Da haben die Reisegruppen aus China auf dem Weg nach Trier extra einen Umweg über Monschau gemacht. Es ist ja letztendlich eine globale Skulptur, die sowohl den Menschen und vor allem den Kindern, sowohl in China als auch denen in Ägypten oder in Russland, das Thema, das die Zukunft und die Politik entscheidend beeinflussen wird, vor Augen führt. Nämlich, die Luft, die wir atmen, darzustellen.

Michaela Boland: Zu China hast du eine besondere Verbindung, denn du hast dort auch eine Professur inne. Wie kam es dazu?

HA Schult: Ich habe in China deshalb eine hohe Popularität, weil es diese Art von Kunst zu dem Zeitpunkt als ich sie machte, dort noch nicht gab. Das hat sich dann zwar, so wie alles in China, in rasendem Tempo entwickelt.

Aber in den 80-er Jahren, als ich dort antichambrierte und mich darum bemühte, in China ein Projekt zu machen, war diese Kunst genauso wie in der damaligen DDR kaum vorstellbar.

Das hielten die gar nicht für Kunst. Beim ersten Mal als mir während der Besuche ein Minister zur Seite gestellt wurde, war das der Maschinenbauminister, denn sie haben gesagt, "der Kultusminister kann für so einen Irren nicht zuständig sein.

Aber, da er wahrscheinlich zu Hause einen elektrischen Rasierapparat haben wird, geben wir ihm mal den Maschinenbauminister als Begleiter mit". (lacht) Damals war Picasso ja sogar noch verpönt.

Als ich in den 80-er Jahren schon einmal eine Gastprofessur in China hatte, hat  eine meiner Studentinnen dort beispielsweise eine Aktion durchgeführt, bei der sie eine Telefonzelle rekonstruierte, darin eine Puppe aufgestellt und mit einer Schrotflinte auf dieselbe geschossen hat.

Die Studentin wurde daraufhin verhaftet und ging für zwei Jahre ins Gefängnis, denn sie hatte mit ihrer Aktion die Unterdrückung der Meinungsfreiheit dargestellt. China ist ein Land, das alles in rasender Eile macht und das versucht, all diese Probleme, die wir in Europa haben, auf einmal zu bewältigen.

Da gibt es jetzt, überspitzt gesagt, genau die gleichen Formen von Gefangenenlagern wie in den USA, es gibt sie sogar vielleicht so wie bei uns noch vor dem Zweiten Weltkrieg. Es gibt aber genauso gut auch eine Freiheit exzessivster Art wie in Moskau.

Also, dieses Land ist so vielbödig wie kaum ein anderes Land auf dieser Erde. Und das, was derzeit an moderner Kunst in Shanghai oder auch in Peking geschieht, macht heute das Klima der Weltkunst aus, so wie in den 70er Jahren in New York.

Michaela Boland: Wie oft bist du für deine Aktivitäten in China?

HA Schult: Oft. Ein paar Mal im Jahr. Ich bereite gerade ein Projekt in Shenzhen vor. Auch bin ich in Tsingtao. Als ich das erste Mal in dieser Stadt war, einer ehemaligen deutschen Kolonie, hatten sie dort gerade mal 100.000 Einwohner. Jetzt haben sie 8 Millionen Bewohner.

Dort gibt es ein Bier, das auf Platz 10 der meistverkauften Biere der Welt steht.  Auch gibt es dort Kartonagen-Fabriken, die hier alles beliefern, was du bei der Deutschen Post kaufen kannst. All diese Dinge spielen in meine Kunst hinein, nämlich im Hinblick auf die Globalisierung eines Planten, der im Augenblick zu Tode globalisiert wird.

Michaela Boland:  Allenthalben wir dem Land China aus unterschiedlichsten Wirtschaftszweigen vorgeworfen, heimlich ausgesprochen viel von anderen Ländern zu kopieren. Erlebst du das auch und wenn ja, bedeutet das, dass eigene Kreativität dort eher Mangelware ist?

HA Schult: Nein, die Kreativität in China ist sehr ausgeprägt. Nur sind sie eben sehr tüchtig im Kopieren. Ich leide ja auch darunter, denn ein Weiwei ist eine Kopie von mir.

All das, was ich und Joseph Beuys oder Wolf Vostell gemacht haben, kopiert derzeit ein chinesischer Künstler, der, als ich ihn kennenlernte, noch gar kein Künstler war, sondern ein Werbeunternehmer und der nun weltweit als Aktionskünstler gehandelt wird, wie Spiegel, Bild oder Stern berichten.

So gesehen werde ich da also auch kopiert und das ist nur gut so. So ist zum Beispiel auch eine Skulptur von mir, die gefälscht war, dort für 20.000 Dollar verkauft worden, während das Original nur 8000,- Euro kostet.

Also, ich finde es sehr anerkennenswert, dass die Fälschung schon teurer ist als das Original. Das ist noch nicht mal Picasso zu Lebzeiten passiert. Insofern sind die Chinesen in Allem Vorreiter.

Michaela Boland: Nachahmung soll ja die höchste Form der Anerkennung sein.

HA Schult: Ja, richtig. Eine Fälschung ist die einfachste Form und wichtiger als eine gute Kunstkritik. Denn die Fälschung multipliziert den Gedanken des Künstlers ja wieder weiter.

Außerdem sind die Museen voller Fälschungen. Auktionshäuser und Museen würden ja gar keinen Zulauf mehr haben, wenn sie keine Fälschungen zeigen würden, dann wäre ja nichts los.

Sie haben darüber hinaus auch viel Müll. Was die römische Scherbe heute ist, wird die Coca Cola Dose in wenigen Jahren sein. Das wissen wir ja schon von der Pop Art, dass die Cola-Dose eine vorweggenommene Archäologie ist, so wie meine Skulpturen eben auch.

Michaela Boland: Wenn es darum geht, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass beispielsweise die Müllberge weltweit immer mehr wachsen, lässt sich dann heute womöglich im Rückblick messen, inwieweit gerade deine Trash People in den vergangenen Jahren für ein Umdenken gesorgt haben? Vermag die Kunst, Leute in dem Sinne wachzurütteln, dass sie tätig werden?

HA Schult: Nein, das lässt sich alles nicht messen. Es lässt sich ja auch nicht messen, warum die Mona Lisa ein besonders wichtiges Bild ist, warum sich van Gogh das Ohr abgeschnitten hat oder warum Richter immer wieder Kerzen malt.

Kunst ist, Gott sei Dank, im Vergleich zu anderen Dingen wie Mathematik oder andere Formen von Wissenschaften nicht messbar. Alchemie ist vielleicht noch mit der Kunst vergleichbar.

Wir wissen überhaupt nicht, warum ein bestimmter Sänger uns mehr fasziniert als ein anderer, der dasselbe Lied singt. Auch können wir nicht ausmachen, warum das Lächeln eines Schauspielers oder einer Schauspielerin mehr Faszination in uns auslöst als das Lächeln aller anderen Schauspieler zusammen.

Das sind glücklicherweise immer Werte, die die Welt verändert haben, von denen wir selber in allen Epochen überrascht wurden und die eigentlich den Wert der Kunst ausmachen.

Aber, es ist bewiesen, dass das, was wir Künstler gesagt haben, in das Denken der Kunstpädagogen, in viele Seminararbeiten, Abiturarbeiten oder Doktorarbeiten, die ja auch häufig über meine Kunst geschrieben worden sind, miteingeflossen sind.

Insofern haben sie dann später sehr viel im Denken der Menschen bewirkt. Viel mehr als Politiker. Nehmen wir ein Beispiel. Ich habe eine Skulptur beim Umweltminister der Bundesrepublik Deutschland stehen. Jetzt ist es eine Ministerin.

Dieser Müllmann, diese Skulptur stand erst bei Minister Trittin, dann bei Minister Gabriel, anschließend bei Minister Röttgen, danach bei Minister Altmaier und jetzt bei einer Ministerin (Anm. d. Red: Barbara Hendricks).

Wenn da nun Besucher kommen, dann denken die, der Müllmann ist der Minister, denn die Minister kommen und gehen, aber der Müllmann steht da und der ist auch ein Botschafter für den Zustand unserer Zeit.

Wenn du einen Müllmann in einer Bank, bei einem Vorstandsmitglied oder beim Zahnarzt stehen hast, dann ist zunächst mal das Thema Umwelt in Diskussion.

Viele meiner Sammler haben mir genau das erzählt. So ist jede einzelne Skulptur, ob in Moskau oder in Kairo, ein Botschafter dieser Message, sich mit dem Thema Umwelt einmal kritischer auseinander zu setzen als man es vielleicht sonst tut.

Aber, das ist eine kollektive Entwicklung. Jeder Müllmann ist natürlich ein Beweger. Doch im Vergleich kann man auch sagen, die eine Dom-Tür von Matare hat mal irgendetwas bewirkt. Mir ist das zwar nicht ganz klar, was sie bewirkt hat, aber sie muss ja auch einen Sinn gehabt haben (lacht).

Michaela Boland: Ist es für dich ausreichend, wenn die Leute, die zur Ausstellung kommen, deine Werke bewundern, darüber nachsinnen und denken, "aha, wir müssen wohl mal etwas tun“ und wieder gehen. Oder ist dir wichtig, auch tatsächlich Ergebnisse bei den Menschen zu erleben?

HA Schult: Die Menschen haben schon reagiert. Während wir als Künstler so etwas gemacht haben, wie beispielsweise die Stadt mit Müll zuzuschütten, bevor es dann wirklich alle taten, um darauf aufmerksam zu machen, was wir Menschen im Begriff sind, anzurichten, hat durchaus der eine oder andere reagiert. Allerdings nicht immer zum Guten.

Als Franz Josef Strauß noch bayerischer Landesvater war, hat er zum Beispiel so gegen meine Kunst polemisiert, dass er Museumsdirektoren abberufen wollte, nur weil sie mich ausstellten. Ich bin politischer Flüchtling, denn ich bin über die Mainlinie vor der CSU nach Nordrhein Westfalen geflüchtet.

(lacht) Insofern findet das nicht nur in China statt. Das Denken der Leute und vor allem der Irrtum, dass Kunst etwas schmücken soll, wogegen ja grundsätzlich nichts zu sagen ist, wenn man mal ein Bild an die Wand hängt. Aber, das Bild an der Wand bewegt ja nichts in den Köpfen der Menschen.

Das hat sich abgenutzt. Genauso wie in der Formel Eins die ganzen Autos, die da im Kreis herumfahren, ja auch nichts bewirken, so ist es auch mit der modernen Kunst, die bewirkt sehr wenig. Das, was ich tue, bewirkt sehr viel. Ich habe vor 40 Jahren ein ganz neues und breites Publikum für die Kunst entdeckt.

Hier in Köln leben eine Million Menschen, davon sind einige Hunderttausend in irgendeiner Form mit meiner Kunst in Berührung gekommen und sprechen mich darauf an.

Das ist bei Ai Weiwei so, das ist bei mir so, das war bei Beuys vielleicht so. Dann ist allerdings die nächste Frage, ob diese Kunst in den Köpfen der Leute überhaupt etwas bewirkt oder ob sie nur sagen, "da geht der Irre vom Dienst"? Dann trennt sich schon langsam die Spreu vom Weizen.

Michaela Boland: Worin siehst du heute die Problematiken von bildender Kunst?

HA Schult: Eins der größten Probleme von heute ist, dass die Kunst, die in den Museen oder bei den reichen Sammlern ist, auch dazu missbraucht wird, um Steuern zu hinterziehen, um im wirtschaftlichen Bereich Landesgrenzen zu verwischen und dass sie eigentlich zu einer Art Ersatzwährung hochgefeatured wurde. Diese Kunst, die heute so teuer ist, bewirkt überhaupt nichts.

Wenn, höchstens eins, nämlich, dass sie, Gott sei Dank, in drei bis vier Jahrzehnten einem Verfall unterliegt. Derart, dass sie nichts mehr wert ist. Insofern bewirkt sie dann doch noch etwas und zwar eine ziemliche Ebbe im Portemonnaie der Erben.

Michaela Boland: Gerade erwähntest du bereits, dass du in den Trümmern Berlins aufgewachsen bist. Welche konkreten Erinnerungen hast du noch an deine Kindheit?

HA Schult: Ich kann mich an alles erinnern. Zum Beispiel daran, dass ich meine erste Lehrerin aus der Badewanne zog, weil sie Morphinistin war. Aber, das musste man auch verstehen, denn ihr Bruder war der Leibarzt von Hitler. So gesehen waren das üble Zeiten. Da kann man sich schon dran erinnern.

Michaela Boland: Hat dich das geprägt?

HA Schult: Wahrscheinlich prägt das auch. Es hat mich aber davor bewahrt, Drogen abhängig zu werden, denn ich habe in frühester Kindheit an anderen Menschen gesehen, wie das die Leute zerstört hat. Es war auch eine Zeit, die mit dieser Zeit heute gar nicht zu vergleichen ist, die aber leider in der Zeit, in der wir uns jetzt unterhalten, sehr stark mit dem zu vergleichen ist, was beispielsweise gerade in der Ukraine passiert.

Von Beirut und all diesen Schauplätzen gar nicht erst zu sprechen. Genauso wie von Afrika, Mexiko und anderen Grenzbereichen. Uns geht es in diesem Land im Vergleich zu vielen Menschen auf diesem Planeten enorm gut. Das lernt man natürlich besonders gut kennen, wenn man, so wie ich, in all diesen Ländern beruflich zu tun hat.

Michaela Boland: Findest du, dass die Menschen aus der Geschichte lernen oder eher nicht?

HA Schult: Ja, das sind so Wellen der Geschichte. Natürlich machen wir Erfahrungen. Es gibt Menschen, die machen das mit Tieren, dass sie diese immer wieder in Versuchsreihen schicken, bei dem sie zu so einem Elektrozaun laufen und untersucht wird, ob die Tiere endlich kapieren, dass sie dort einen Schlag kriegen. Die Tiere merken das. Und nach einiger Zeit merken es sogar die Menschen.

Michaela Boland: Es gibt also Hoffnung. Hast Du Geschwister?

HA Schult: Nein.

Michaela Boland: Gibt es bei dir noch Verbindungen zu deinem einstigen Geburtsort, Parchim?

HA Schult: Ja, ich habe eine Verbindung zu diesem Geburtsort, weil ich ihn immer verheimlicht habe. Dieser Ort war so schäbig und meine Mutter hat sich lediglich zur Entbindung dort hinbegeben. Ich bin ja in Berlin aufgewachsen, aber die Schwiegereltern meiner Mutter wohnten in Parchim in Mecklenburg.

Dann fuhr meine Mutter dorthin, was ich ihr nie verziehen habe, und dort wurde ich auf dem Esszimmertisch geboren. Deshalb steht in meinem Pass Parchim.

Michaela Boland: Statt Berlin.

HA Schult: Ja, und das war in der Schule in Berlin natürlich erst mal ganz schrecklich, wenn ich immer diesen Namen sagen musste. Dafür war es aber während des Krieges ganz gut, denn dort gab es etwas zu essen.

So wurde man dann als Kind von Berlin, wo es nichts zu essen gab, nach Parchim gebracht und da gab es Spargel und Eier und Erdbeeren. So gesehen war Parchim natürlich ganz toll.

Ich war dann eigentlich undankbar, dass ich meinen Geburtsort später immer verheimlicht habe. Nun kam aber 2001 der Bürgermeister von Parchim zu einem großen Projekt, das ich in Berlin machte und sagte: "Herr Schult, Sie sind ein ganz unangenehmer Mensch.

Wir mögen Sie alle nicht in Parchim, weil Sie uns verheimlichen." Da erwiderte ich: "Ja, dann muss ich das wohl ändern, aber dann müsst Ihr was kaufen."

Da haben sie etwas gekauft, ich bin hingefahren, habe ihnen eine Skulptur von mir gebracht und als ich sie auslieferte, erhielt ich vor dem Rathaus ein Strafmandat. Für fünf Euro. Ich kann daher nur jedem empfehlen, in Parchim falsch zu parken.

Es ist billiger als in Köln richtig zu parken. (lacht) Für den ganzen Tag fünf Euro, was ist das? Im Vergleich zu Köln, wo man in einer halben Stunde oder Stunde fünf Euro bezahlt.

Michaela Boland: Wie ging die Geschichte weiter?

HA Schult: Das Kuriosum an der Sache war, dass ich in einem Halteverbot innerhalb eines Bereichs stand, der eigens für mich eingerichtet worden war. Nur die Politesse wusste das nicht.

Dann gab ich jenes Strafmandat dem Bürgermeister signiert zurück und drei oder vier Wochen später las ich in einem Presseclip auf Seite drei der Schweriner Volkszeitung - also ganz prominent - wie klug doch die Parchimer seien, da sie für fünf Euro einen HA Schult erworben hätten.

Denn, nachdem ich es signiert hatte, haben sie das Mandat dann gerahmt und ins Museum gehangen. Insofern habe ich an diese Stadt sehr angenehme Erinnerungen. Das führte allerdings zu einer Kettenreaktion. Ein in der Gegend ansässiger Sender nämlich rief alle dazu auf, ihre Strafzettel doch künftig nach Parchim zu schicken.

So kamen hunderte von Strafmandaten in der Stadt an. Das nahm eine solche Eigendimension an, dass sogar der jetzt amtierende Bundespräsident mir einmal bei irgendeinem Empfang vorwarf, dass ich ja gar kein echter Mecklenburger sei, zumal ich die Stadt immer wieder verheimlicht hätte. Also auch nachtragend, er war ja Pfarrer in der Region.

Michaela Boland: Bist du denn mittlerweile Ehrenbürger dort?

HA Schult: Ich befürchte, dass sie die Plakette von meinem Geburtshaus wieder abnehmen, wie sie mir gedroht haben, wenn ich nicht endlich zugebe, dass ich aus Parchim bin. Aber jetzt hat es sich ja herumgesprochen.

Michaela Boland: Dein Studium hast du, wie erwähnt, an der Kunstakademie Düsseldorf unter anderem bei Karl Otto Götz, einem der führenden Vertreter des Art Informel absolviert.

Da ging es ja eher um Stilrichtungen der abstrakten, insoweit nicht geometrischen, gegenstandslosen Kunst in den europäischen Nachkriegsjahren mit Ursprung im Paris der 1940er und 1950er Jahre.

Wie absehbar war insofern, dass du dich am Ende in eine ganz andere Richtung, nämlich der Aktionskunst entwickeln würdest?

HA Schult: Doch sehr schnell. Ich war der erste Student bei Karl Otto. Er war relativ unbekannt, denn die Düsseldorfer konnten damals nur bis nach Köln oder bis zum Niederrhein gucken. Paris war schon ein bisschen zu weit. Doch Karl Otto Götz war ein Weltmann.

Der kam von überall her. Er ist genauso alt wie Willy Brandt jetzt wäre. Auch hat er den Zweiten Weltkrieg in Norwegen überlebt wie Willy Brandt und besitzt noch eine weitere Parallelqualität: Er hatte schon damals ein Netzwerk, das international war.

Das hat auch Willy Brandt gehabt und ist dadurch zu der Politikergestalt geworden, weil er mit Leuten wie Olof Palme und wie sie alle hießen, sehr früh eine internationale Sprache pflegte.

So ging ich zu diesem Professor, weil er der einzige war, von dem ich annahm, dass er mir Informationen geben konnte. Und das hat er auch getan. Gleichzeitig waren Yves Klein und Georges Mathieu in Düsseldorf.

Alles Größen der damaligen Zeit, die für einen seinerzeit 20-jährigen jungen Künstler natürlich ganz wichtig waren. Düsseldorf war für einige Jahre die Keimzelle der Moderne nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Gruppe-Zero bis heute, die weltberühmt wurde.

Dann die Künstler die dorthin kamen. Außerdem die Nähe zu Paris, zu Brüssel, zu Amsterdam und Antwerpen. Berlin war demgegenüber ja kurz vor Moskau, München war schon damals eine Rentnerstadt und Hamburg hat bis heute von Kunst keine Ahnung. Insofern war Düsseldorf damals die Startbasis für einen Künstler.

Heute ist das nicht mehr so in dem Maße. Heute leben wir ja auch durch soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook alle miteinander. Wir korrespondieren ja mit Australien oder Singapur genauso wie mit Bielefeld oder mit Wattenscheid. Damals aber kannte man die internationale Kunst gar nicht.

Die zweite Documenta 1959 hat dann erst den westlichen Künstlern, denen das ja durch den Zweiten Weltkrieg zunächst vorenthalten wurde, die Augen für die Realität geöffnet. Und da war Karl Otto Götz federführend. Dann kam nach mir, zu dem Zeitpunkt war es vielleicht noch die Ostzone, auch Gerd Richter dahin, der ein paar Jahre älter ist als ich.

Michaela Boland: Trafst du dort auch Sigmar Polke?

HA Schult: Ja, dann kam auch Polke aus Köln dazu. Eigentlich kam bei Karl Otto Götz die größte Dichte an Schülern, die einmal als Künstler prominent werden würden, zusammen, die ein Professor nur haben kann.

Michaela Boland: Karl Otto Götz hat vor kurzem seinen 100.sten Geburtstag gefeiert. Hast du noch Kontakt zu deinem ehemaligen Lehrer?

HA Schult: Vor zwei oder drei Jahren habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Seine Frau habe ich jetzt zu einer Eröffnung in Berlin getroffen. Sie war seine zweite Studentin.

Als ich ihn 1969, zehn Jahre nachdem ich bei ihm gewesen war und zwischenzeitlich als Künstler schon bekannt war, einmal besuchte, da machte sie mir die Tür auf und ich fragte: "Studierst du immer noch?" Da antwortete sie, "nein, ich bin seine Frau".

Michaela Boland: Wie ist dein Verhältnis zu Gerhard Richter als ehemaligem Kommilitonen?

HA Schult: Wir essen meistens in denselben Restaurants. Dann grüßen wir uns oder kommen zueinander an den Tisch. Oder sein Kind läuft mal zu mir herüber.

Michaela Boland: Du hast die Kunstakademie 1961 verlassen. Hast du das eigentlich als Meisterschüler getan?

HA Schult: Nein, nein. Ich war erst bei Meistermann und dann bei Fassbender. Das waren Regionalgrößen. So richtig im besten Sinne deutsche Künstler. Dann war ich längere Zeit bei Karl Otto Götz. Den Begriff Meisterschüler gibt es überhaupt nicht.

Michaela Boland: Obwohl es in vielen Lebensläufen von Künstlern renommierter Schulen ausgewiesen ist?

HA Schult: Den gibt es nirgendwo. Da sagt der Professor, "Du bist mein Meisterschüler". Das ist Unsinn. Das mag vielleicht für Maler gelten, die schon acht Jahre studiert haben. Ich kann mir das auch bei mir nicht vorstellen.

Das ist ein Begriff, der geistert so bei den Leuten herum. Und vielleicht gibt es auch Maler, die da nicht widersprechen. Graubner war bei Karl Otto Götz Meisterschüler, weil er so alt war.

Und Richter war auch schon so alt. Der Beuys war Meisterschüler bei Matare, weil er ihm beim Arbeiten geholfen hat, aber, was heißt das? Nein, das ist ja kein Gesellenberuf, wo es dann eine Meisterprüfung gibt.

Ich war ein Künstler, der die Kunstakademie benutzte, um sich aller Medien zu bedienen, die damals zugänglich waren. Und als ich 1959 beim ersten Happening auf deutschem Boden stand, war Nam June Paik dabei, ein Klavier zu zerlegen, es kaputt zu machen.

Das fand ich natürlich viel spannender als nur Klavier zu spielen. Parallel war in London jemand, der ein Theaterstück mit einem Pressluftbohrer darstellte, also ein Konzert gab. Ungefähr zehn Jahre später kam dann Vivian Westwood und hat die Klamotten alle zerschnitten.

Daraus entstand dann das, was man Punkmode nennt. Insofern war das eine Zeit, in der man etwas zerlegte, um es dann wieder neu zusammenzubauen. Das ist bis heute auch meine Kunst: Bei mir entstand dann daraus das, was man heute Aktionskunst nennt. Das war ja damals kein Begriff.

Michaela Boland: Dann hast du den Begriff des Aktionskünstlers überhaupt erst geprägt?

HA Schult: Ja, ich war ohne Zweifel der erste Aktionskünstler, der sich von dem Begriff "Happening" gelöst hat und den Alltag, die Aktion zur Kunst gemacht hat.

Michaela Boland: Könnte Beuys auch in einer ähnlichen Richtung eingestuft werden?

HA Schult: Beuys ist ein Fluxus Künstler. Während ich als junger Künstler bei Karl Otto Götz davon träumte, mich von der herkömmlichen Kunst zu lösen und es, Gott sei Dank auch mit Hilfe von Götz, vielen Freunden und auch selbst geschafft habe, war Beuys noch ein traditioneller Künstler, der sehr traditionelle Zeichnungen angefertigt hat.

Beuys hat bei Matare, einem Bildhauer als, nennen wir es dann mal "Meisterschüler" geholfen und mitgearbeitet.

Er war damals auch bei diesem Happening von Nam June Paik und hat gesehen, welche Aufmerksamkeit Paik in der Öffentlichkeit erreichte, indem er dieses Klavier zertrümmerte.

Da hat er gesagt, das sei viel besser. Dann hat er sich eine Angelweste gekauft, den Hut aufgesetzt, so eine Charlie Chaplin Nummer, denn vorher hat er keinen Hut aufgehabt, und hat daraus die Kunstfigur Beuys gemacht. Das verlief alles parallel zu mir.

Nur Beuys war einige Jahre älter und er lebte im Rheinland, wo sich die Kunst entwickelte, während ich in München eine starke existenzielle Phase durchmachte. Nämlich von irgendetwas leben zu müssen und mich in 56 Berufen herumzuschlagen bis ich dann 1969 schlagartig berühmt wurde, indem ich eine Straße zumüllte.

Dann war ich 1972 als sehr junger Künstler ein Shootingstar auf der Documenta und konnte mit meinen Picture Boxes sehr viel Geld verdienen.

Michaela Boland: Konntest du das verdiente Geld gut anlegen?

HA Schult: Dieses Geld habe ich dann in meine Aktionskunst investiert, was oft nicht mehr ausreichte, weil die Projekte ja viele Hundertausende kosteten. Dann konnte ich allerdings meine Projekte mit Sponsoren und Freunden, die Kunstsammler sind, in die Tat umsetzen.

Michaela Boland: Hat sich deine Auffassung von Kunst von heute im Vergleich zu der von früher verändert?

HA Schult: Nein, da hat sich überhaupt nichts verändert. Ich habe eigentlich schon immer gedacht, man müsse das Leben durch sich selber darstellen. Das ist auch ganz im Sinne des Existentialismus und der französischen Bewegung.

Michaela Boland: Sind die Vertreter dieser Bewegung in gewisser Weiser Vorbilder für dich gewesen?

HA Schult: Damals als ich auf vielen verschiedenen Internaten war, waren Francoise Sagan und Jean Cocteau für mich die Idole. Oder auch Sartre und Camus, die Vereinsamung des Menschen. Wenn du dir nochmal die Weltkugel auf dem Pylon der Severinsbrücke vergegenwärtigst, erinnerst du dich, dass dort ja nur ein Mensch drauf war.

Unser aller Stellvertreter. Ebenso wie die Skulpturen, die um die Welt reisen, unser aller Stellvertreter sind. Das ist auch das, was bei Beckett in der Literatur und ebenfalls bei Brecht auf eine andere Art vorkommt.

Das waren meine Lehrmeister. Das Leben darzustellen, wie das auch ein Maler will. Aber eben nicht, indem ich einer mehr bin, der da pinselt, sondern indem ich einer bin, der es durch sich darstellt.

Michaela Boland: Welche besonderen Dinge hast du im Rahmen deiner Arbeit bereits erlebt?

HA Schult: Eines der wunderbarsten Ereignisse fand gerade in New York statt. Ich habe ja dort als Kunstaktion vor vielen Jahren einen Crash mit einem Flugzeug durchgeführt, das ich abstürzen ließ und einer meiner Fans war damals Roy Lichtenstein. Er hat sofort verstanden, dass der Crash stattfand, während er ihn in vielen seiner Bilder umgesetzt hat.

Das Kuriosum ist, dass der Fotograf, Harry Shunk, der bis heute als einer der berühmtesten Fotografen der Kunstgeschichte gilt, und der den Crash damals für mich fotografiert hat, vor wenigen Jahren jämmerlich in seiner Dunkelkammer verstorben ist.

Man hat ihn dann lange nicht gefunden, doch aufgrund des Gestanks hat man irgendwann die Bude geräumt. Ein schwarzer Kunsthistoriker, der zu der Zeit gerade bei der Müllabfuhr arbeitete, sollte die Hinterlassenschaft von Shunk dann entsorgen. Er ist dabei allerdings auf die Negative der Fotos von meinem Crash gestoßen.

Und zwar eine riesige Fotosequenz. Der Fotograf, der wie eine Kakerlake in seinem Labor gelebt hatte, ist immerhin weltberühmt gewesen, obwohl er dort vermodert ist.

Mit der Fotostrecke wandte sich der Müllmann-Kunsthistoriker an die sehr reiche Nachlass Stiftung von Roy Lichtenstein, der zwischenzeitlich auch längst verstorben war.

Diese Stiftung hat nun für zwei Millionen Dollar das ganze Material gekauft. Und wie das Schicksal so spielt, schrieb mir gerade eine Kritikerin der New York Times, stellen sie derzeit meinen Crash aus.

In der Straße, die direkt auf das World Trade Center zuführte, und die ich wiederum 1983 einmal mit hunderttausend Zeitungen  zugeschüttet habe, und in der sich heute die Roy Lichtenstein Foundation befindet.

Michaela Boland: Anscheinend schließt sich der Kreis wieder in jener Straße, die du in New York einst mit Altpapier zugestopft hast.

Die Fotografie jener Aktion von damals mutet übrigens beinahe so an wie die Bilder, die man von genau derselben Straße aus dem Jahre 2001 kennt, kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center.

HA Schult: Nicht nur dich, sondern alle, die es gesehen haben, erinnert es daran. Durch genau diese Straße sind die Menschen später vor der Staubwolke geflohen, die sich nach dem Zusammensturz der Gebäude entwickelt hatte. In dieser Straße leben viele Künstler. Arman hat dort gelebt, Roy Lichtenstein und auch Claes Oldenburg um die Ecke.

Insofern ist völlig verrückt, dass genau in dieser Straße gerade eine Ausstellung von meinem Crash stattfindet. Ich habe mich immer gewundert, warum sie mir zu Weihnachten und Ostern immer so nette Karten schicken. Die haben schon lange die Aktion Crash in ihre Sammlung aufgenommen. Das ist schon verrückt, wie Kunst nicht kaputt zu machen ist.

Michaela Boland: Besteht hinsichtlich der ausgestellten Bilder deiner Aktion ohne deine vorherige Kenntnis und vor allem der Hinterlassenschaft des toten Fotografen keine Rechteproblematik?

HA Schult: Nein, das ist doch in Ordnung. Schließlich ist es auch eine Anerkennung, denn dass sie eine Ausstellung von mir machen, ist doch prima. Ich habe es nur nicht gewusst und jetzt sehe ich es gerade.

Auch die Frau Christo, die sich zu Beginn ihrer gemeinsamen Karriere darüber aufregte, dass die Leute das fotografierten, hat da völlig falsch gedacht.

Kunst ist nun mal öffentlich und das gehört jedem und das ist auch gut so. Kunst ist schließlich für alle da. Nur Kunst hat ja die Welt bewegt, die Politiker tun es wenig.

Michaela Boland: Wann und wie kommen dir deine Ideen?

HA Schult: Die Ideen, die kommen gar nicht mehr, denn die sind schon alle gekommen als ich zwölf oder 18 war. Und indem ich all die Ideen, die ich als Kind hatte, noch immer aufarbeite, habe ich noch so viel zu tun. Bei jedem guten Künstler ist das so.

Der Fassbinder hat immer denselben Film gemacht, der Picasso hat immer dieselben Bilder gemalt, nur mehr variiert. Das läuft dann durch dich durch. Ein guter Künstler muss nie nachdenken und warten.

Das kommt von allein. Wenn du dann schon anfängst, dich hinzusetzen und darauf wartest. Das kann natürlich sein, wenn du Schriftsteller bist und du das Blatt füllen musst und dies natürlich nicht einfach ist. Oder wenn du als Bildhauer den Stein behandeln musst.

Ich habe sicherlich auch, während ich hier sitze, hundert Probleme im Hinblick auf den Transport oder mit der Versicherung und der Hotelbuchung, wenn es darum geht, die Skulpturen in Israel, Ägypten oder China auftreten zu lassen. So etwas bedeutet in der Regel ein Jahr Arbeit. Da muss man sich natürlich Gedanken machen und dran bleiben.

Michaela Boland: Glücklicherweise kannst du diesbezüglich auf jahrelange Erfahrung zurückgreifen, wobei dir deine Muse und Ex-Gattin, Elke Koska, ja in puncto Organisation immer sehr viel abgenommen hat.

HA Schult: Elke tut das bis heute. Sie hat ja diese Sache mit mir aufgebaut. Es ist wie ein Betrieb oder wie ein Film, den man macht. Ich bin der Filmregisseur und der Buchautor.

Dann gibt es den Produzenten, da würde ich Elke benennen, denn über sie laufen die finanziellen Abwicklungen, sie macht die Buchhaltung und auch Teile der Öffentlichkeitsarbeit.

Natürlich muss man dann in anderen Ländern Leute für die Öffentlichkeitsarbeit und für das Financing dazu nehmen. Bei Elke lief früher alles zusammen. Jetzt machen wir das alle im Team.

Michaela Boland: Ein Zitat von dir lautet: "Die Freiheit einer Gesellschaft ist so groß wie die, die sie ihrer Kunst gibt." Wie groß ist demnach die Freiheit unserer Gesellschaft zur Zeit?

HA Schult: So groß wie nie zuvor. Die einzigen, die sich im Wege sind, sind wir selber. Ansonsten können wir diese Freiheit jeden Tag erleben. Vielleicht mit Geschwindigkeitsbegrenzungen, die womöglich für manche Leute ein bisschen hemmend sind, aber danach kann man sich ja richten.

Also, ich sehe keine Einschränkung der Freiheit in dieser Gesellschaft. Die beginnt natürlich schnell jenseits der Landesgrenzen. Und sie beginnt durch uns selbst durch Abhängigkeit, Hörigkeit, Suchterscheinungen und Konsum.

Michaela Boland: Bist du auch konsumabhängig?

HA Schult: Nein. Ich habe kein eigenes Auto und auch ansonsten keine großen Konsumabhängigkeiten. Außer der, dass ich gerne besser als schlechter Esser gehe. Doch, es ist ja keine Abhängigkeit, wenn man einfach einen besseren Wein trinken will als einen schlechten Wein.

Aber, wenn man zu viel trinken will, fängt die Abhängigkeit dann an oder wenn man sich das Rauchen nicht abgewöhnen kann, beginnen gewisse Unfreiheiten, die sich summieren können.

Die darf man jedoch nicht irgendeiner politischen Situation zuschieben. Ich finde beispielsweise Amerika jetzt viel unfreier. Ich war acht Jahre lang in Amerika zu einem Zeitpunkt als das die freieste Nation der Welt war.

Michaela Boland: In New York?

HA Schult: Ja. New York war die freieste Stadt der Welt. Mittlerweile bleiben die alle bei Rot an der Ampel stehen. Das ist ja wie in Bielefeld. Das hat dieser Bürgermeister erreicht.

Michaela Boland: Du hast schon an unzähligen Orten auf der Welt ausgestellt und in unterschiedlichsten Ländern gelebt. Gibt es für dich einen Ort, an dem Kunst mehr Spaß macht als in Deutschland?

HA Schult: Israel.

Michaela Boland: Warum?

HA Schult: Weil das Wetter besser ist.

Michaela Boland: Das ist natürlich ein Argument und wenn mal etwas schief geht, ist die Klagemauer ja auch direkt in der Nähe. Hast du einen Ratschlag für Künstler, wie man in der Szene erfolgreich werden kann?

HA Schult: Aufpassen! Immer auf das, was passiert reagieren! Ich denke, dass das das Wichtigste ist. Sich nicht unbedingt einmischen, aber registrieren und dann umsetzen.

Michaela Boland: 1986 hast du das HA Schult-Museum für Aktionskunst in Essen gegründet, seit 1992 ist es in Köln beheimatet. Ist das nun deine Gallery?

HA Schult: Ja.

Michaela Boland: Ist sie denn für Besucher zugänglich?

HA Schult: Um Gottes Willen. Das Schlimmste in Museen sind ja die Besucher. Das sieht man ja am Louvre. Da kommt ja überhaupt niemand mehr zur Ruhe. Besser ist, ein Museum zu machen, das imaginär ist, das im Kopf stattfindet und wo keiner rein darf.

Michaela Boland: So etwas würde gewiss die Spannung erhöhen. Du wirst in diesem Jahr 75. Bist du jemand, der sagt, ich ziehe mich irgendwann aus der Kunst zurück oder würdest du das niemals tun?

HA Schult: Nein, ich glaube, das hat noch kein Künstler gesagt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Künstler in Rente geht. Das Abschreckenste für mich war neulich ein Bekannter, der seit zehn Jahren Rentner ist und zu mir sagte, "Ich fahr in Urlaub".

Da antwortete ich ihm: Wieso fährst du in Urlaub? Du bist doch Rentner." Ich verstehe nicht, wieso ein Rentner in Urlaub fährt. Das ist doch ein unmögliches Ding. Wovon macht der denn Urlaub?

Michaela Boland: Gäbe es für dich eigentlich einen würdigen Nachfolger, den du dir exakt in deinem Bereich vorstellen könntest?

HA Schult: Weiß ich nicht. Werden wir schon merken. Es gibt ja keinen Nachfolger von
Picasso, es gibt keinen Nachfolger von Chagall oder von Beuys. Es gibt keinen Nachfolger von mir. Warum soll man denn einen Nachfolger haben?

Dann wäre man ja austauschbar. Epigone. Ein Weiwei ist mein Nachfolger (lacht), der hat mich aber nicht gefragt, hat alles falsch verstanden. Meistens sind die Nachfolger der dritte Teebeutelaufguss. Frag mal einen Teebeutel, wer sein Nachfolger ist.

Michaela Boland: Die Kopisten sind ja offenbar auf dem Vormarsch, wie du vorhin ausgeführt hast.

HA Schult: Das sind ja Fälscher. Das muss man unterscheiden. Nachfolger oder Fälscher.

Michaela Boland: Seit mehr als 20 Jahren lebst Du nun in Köln. Was bietet dir die Stadt im Vergleich zu anderen?

HA Schult: Die Menschen. Die sind doch nett hier. Berlin ist näher an Moskau und Warschau. Köln ist näher an Paris. Hier ist ja vielmehr los. Berlin ist ja ein Ghetto.

Am Wochenende ist die Stadt voller Touristen und in der Woche sind alle Aschaffenburger und Stuttgarter da, weil sie vom Volk gewählt wurden, dahin zu müssen.

Sie kommen alle mit ihrem Rollkoffer rein, fahren dann wieder mit ihrem Rollkoffer raus, verbringen die Abende in komischen Schachteln, gehen meistens abends weg, betrinken sich und morgens müssen sie wieder neu anfangen. Berlin hat überhaupt keine Identität.

Dazwischen laufen Japaner und Chinesen herum, die die Mauer suchen, denn das war die größte Attraktion. Die wurde dummerweise weggeschafft. Die hätte man auch stehen lassen können, war doch eine wunderbare Skulptur.

Michaela Boland: Du warst 2009 Gründungsdirektor des Öko-Globe Instituts an der Universität Duisburg-Essen. Der Öko-Globe ist ein Preis für Nachhaltigkeit, mit dem wegweisende Innovationen zur nachhaltigen Mobilität, wie ökologisch fortschrittliche Fahrzeuge und sonstige Mobilitätskonzepte ausgezeichnet werden. Wie kam es zur Allianz zwischen dir und der Universität?

HA Schult: Ich habe 17 Jahre für die Automobilwirtschaft einen Autopreis inszeniert. Der war in Insiderkreisen sehr berühmt. Das war mehr so ein Happening. Aktionskunst. Da sind alle Manager der Automobilwelt einmal im Jahr bei mir durchgelaufen. Nach 16 Jahren war ich es leid.

Ein paar Jahre später sprach mich die Versicherung an, die meine Kugel gekauft hat. Sie fragten, ob ich nicht für sie noch einmal so etwas machen wolle.

Da habe ich es gemacht. Nun brauchte ich eine Jury: Umweltminister, Professor. Da habe ich den Dudenhöfer genommen. Da gab es noch keinen goldenen Engel. Den gibt es erst seit vier oder fünf Jahren.

Dann haben wir dafür ein Institut an der Uni gegründet, wo der Dudenhöfer Professor ist. Das war alles. Jetzt erweitere ich das gerade, aber durch diesen ganzen Rummel um den ADAC bin ich ein wenig geschockt.

Michaela Boland: Was sagst du zum Skandal rund um den ADAC?

HA Schult: Den hat mein Hauptjuror ausgelöst. Vom ADAC werde ich immer abgeschleppt.

Michaela Boland: Du hast selbst keinen eigenen Wagen, aber du fährst Auto. Besitzt du einen Leihwagen oder wie fährst du?

HA Schult: Nein,  so wie die Fußballspieler. Die fahren auch. Als Boris Becker berühmt wurde, bekam er ein Auto, dafür, dass er damit fährt. Das ist alles. Und so habe ich mein Auto. Und ich habe schließlich das Auto von Lenin gegen einen Ford ausgetauscht.

Michaela Boland: Du bist gerade in vierter Ehe mit der russisch-stämmigen Violinistin, Anna Zlotovskya, verheiratet.

HA Schult: Glücklich. Eigentlich war ich meistens glücklich. Das liegt ja an einem selbst.

Michaela Boland: Das ist besonders schön. Nach drei vorangegangenen Ehen scheinst du immerhin noch an die Ehe als Institution zu glauben.

HA Schult: Das ist ja bei Reisen, beim Finanzamt und bei der Bank mit gewissen Privilegien verbunden, wenn man verheiratet ist. In Bayern, wenn man in einem Dorf wohnte, war gar nicht denkbar, dass ich nicht verheiratet war mit Elke. Also haben wir geheiratet. Das sind Rituale. Glauben muss man ja nicht daran. Ich glaube, ich zahle auch immer noch Kirchensteuer.

Michaela Boland: Ist deine jetzige Gattin, Anna, nach wie vor als Violinistin aktiv?

HA Schult: Ja, Anna stand bereits mit fünf Jahren auf der Bühne in Moskau und war Jahre lang erste Geige des Bolschoi-Theaters. Wow. Das ist wie ein Libero beim FC Bayern. Das Bolschoi-Theater ist die Nummer Eins.

Michaela Boland: Sie lebt ja bereits seit ungefähr zehn Jahren in Köln. Wo habt ihr euch getroffen?

HA Schult: Auf der Straße oder bei Freunden. Wie das so ist.

Michaela Boland: Schafft man es, zu den Events des anderen zu gehen, wenn zwei Menschen in einer Beziehung jeweils eine eigene Karriere im Kunstbereich haben?

HA Schult: Man meint, man muss mehr Geld für das Flugzeug ausgeben als man als Gage einnimmt.

Michaela Boland: Man muss wohl Prioritäten setzten, wenn man liebt, oder?

HA Schult: Als ich in Madrid war, hatte sie ein Konzert. Beim Konzert verdiente sie weniger als die Flugreise kostete, aber sie wollte eben zum Konzert und das ist völlig in Ordnung. Das kann man schon arrangieren. Und als erste Geige hat sie schon auf der ganzen Welt gespielt.

Vor jedem Präsidenten, vor jedem Minister und im Weißen Haus. Nach dem Dirigenten ist die erste Geige eben die Erste Geige, Das macht sie nicht mehr.

Wenn du so etwas Jahrzehnte machst, das ist ja wirklich eine Galeere: Morgens proben und dann mittags irgendwo hinfliegen. Nach Sibirien oder Los Angeles. Das erfährst du oft erst Tage vorher. Und gleich, wenn du aus dem Flieger fällst, vielleicht um 17.00 Uhr, wird geprobt und dann spielst du da irgendwo.

Das ist ein ganz harter Job. So wie auch Schauspielerin. Ich habe ja meistens Frauen gehabt, die eigene Berufe hatten. Oder Freundinnen, die Ärztinnen waren. Das ist auch schlimm, wenn die ganze Nacht der Pieper geht, und sie dann als Anästhesistin auf die Entbindungsstation muss. Jeder hat so sein Schicksal mit Berufen.

Michaela Boland: Gehörst du eigentlich zu den Männern, die auch etwas im Haushalt machen?

HA Schult: Ja, alles. Ich war ja nach der Trennung von Elke jahrelang Single. Ich hatte zwar wechselnde Freundschaften, habe aber 20 Jahre lang in einem Singlehaushalt gelebt. Meine Freundinnen haben nie bei mir gewohnt. Und meine Frauen auch nicht.

Die haben eine eigene Wohnung gehabt. Ich habe dann selbst gekocht und alles selbst gemacht. Innerhalb von 22 Jahren habe ich noch zwei Mal geheiratet, aber die Putzfrau war immer dieselbe.

Michaela Boland: Und bügeln und Ähnliches machst du auch selbst?

HA Schult: Bügeln, das kann man ja lassen. Heute hat man ja Sachen, die man nicht zu bügeln braucht. Das macht man in der Reinigung. Ich habe wieder ein bisschen Geld, da kann ich morgen einen neuen Pullover kaufen.

Den, den ich gerade trage, der übrigens sehr fotogen ist, habe ich 2011 in der Arktis gekauft. (Anm. d. Red.: HA trägt während unseres Interviews einen schwarzen Langarm Sweater mit ausgewachsenem Eisbären auf einer Eisscholle auf der Brust) Mit dem war ich neulich im teuersten Restaurant von Paris.

Die haben mich damit reingelassen. Am Nebentisch saß jemand aus Norwegen. Die sind ja da alle sehr reich. Der sprach mich dann wegen des Pullovers an. Dabei stellte sich heraus, dass er noch nie in Norwegen in dem Ort gewesen ist. In der Arktis. Dieser Pullover hat fotografisch einen sehr hohen Wiedererkennungswert und kommt immer gut an.

Michaela Boland: Du bist auch Vater. Wie viele Kinder hast du?

HA Schult: Ja, zwei Söhne

Michaela Boland: Dein Sohn Kolin Schult ist als Film-Regisseur tätig?

HA Schult: Ja, er ist Grimme-Preisträger.

Michaela Boland: Wie alt ist er?

HA Schult: Älter als Anna. So in der Richtung. Irgendwas mit 40.

Michaela Boland: Deine Anna ist 1967 geboren, wenn ich richtig recherchiert habe.

HA Schult: Da bist du die erste, die das sagt. Denn ich habe nie in die Ausweise meiner Frauen geguckt. Davor habe ich mich immer gescheut.

Michaela Boland: Warum? Gibt es ein Alters-Limit für dich in puncto Frauen?

HA Schult: Nein, aber ich habe mich nie für das Alter interessiert.

Michaela Boland: Bist du ein gläubiger Mensch?

HA Schult: Nein. Ich glaube an die Kunst. Das reicht auch.

Michaela Boland: Wie hältst du dich fit?

HA Schult: Ich habe einen Physiotherapeuten und bin früher mal ins Sportstudio gegangen.

Michaela Boland: Du hast dich 2009 im Bundestagswahlkampf für Angela Merkel engagiert. Wie sah das Engagement konkret aus?

HA Schult: Dass ich gut über sie geredet habe. Reicht doch. Die anderen Künstler sind immer bei Schröder gewesen. Da gab es dicke Zigarren und Rotwein. Und als er dann ging, habe ich gedacht, da gehe ich lieber zur Merkel, da gibt’s noch `ne Stulle.

Michaela Boland: Auf einem deiner Fotos auf deiner Seite sieht man dich in jungen Jahren beim Shaking Hands mit Willy Brandt. Vertreter einer anderen Partei als Frau Merkel. Hatte es damals etwas mit der politischen Gesinnung zu tun?

HA Schult: Ja.

Michaela Boland: Dann gab es diesbezüglich zwischenzeitlich offenbar einen Wechsel?

HA Schult: Die politische Gesinnung kommt durch die Persönlichkeiten, die diese Politik vertreten, Das war Willy Brandt während der 70er Jahre. Aber ich habe mich auch für die FDP eingesetzt. Ich bin als Künstler nicht an irgendeine Partei gebunden.

Nachdem ich sah, was der Schröder da angerichtet hatte, das sieht man ja auch an seinem jetzigen Zustand, das war ja ein Parvenü. Der kam aus einfachen Verhältnissen und so habe ich ihn kennengelernt. Als Anwalt, da war er schon mein Sammler. Und später hat er sich da als Kanzler aushalten lassen.

Das ist nicht mein Stil. Du kannst dir nicht vorstellen, dass Frau Merkel oder Willy Brandt sich von Gazprom einkaufen ließen. Aber Schröder hat es getan.

Wenn ich Politiker bin, dann muss ich mich entscheiden, Politik zu machen und nicht Geld zu verdienen. Wenn ich ein bisschen was in der Birne habe, kann ich dann die Welt bewegen, weil ich Einfluss habe. Das Schlimmste ist Joschka Fischer. Ich war mit ihm mal in einer Kommune als Gast in Frankfurt.

Da war er auch Taxifahrer. Metzger-Sohn, einige Jahre jünger. Ich schlief da in der Kommune und morgens war der Kühlschrank immer leer. Da sagten die Mädchen“, ah, Joschka war hier. Da hat er schon wieder den Kühlschrank leer gefressen". Und heute hat er einen vollen Kühlschrank, weil er bei REWE als Repräsentant arbeitet. Das ist doch absurd. Repräsentant bei REWE.

Michaela Boland: Könntest du dir vorstellen, dich auch aktiv parteipolitisch zu engagieren?

HA Schult: Nein, das ist mir zu blöd. Was soll ich denn da? Und da ist man meistens mit ziemlich durchschnittlichen Leuten zusammen. Wer macht das schon?

Michaela Boland: Welches Buch hast du zuletzt gelesen?

HA Schult: Meins. Korrektur.

Michaela Boland: Wie sieht es mit Fernsehen aus?

HA Schult: Ich zappe. Alle Programme gleichzeitig. Nachts kann ich zwei bis drei Stunden alles durchzappen. Ab Mitternacht ist es am besten. Dann zeigen die lauter Sachen, die die Leute nicht sehen dürfen

Michaela Boland: Hast du den Dschungel verfolgt?

HA Schult: Nein.

Michaela Boland: Sagst du kategorisch "Nein" zum Dschungel?

HA Schult: Nein, ich bin ja der Böse, der das alles mit bewirkt hat. Mit meinen Aktionen. Das, was da heute geschieht, das haben wir vor 30 Jahren gemacht. Ich habe 1980 einen lebenden Gärtner ausgestellt. Da gingen die Leute gleich hin, um den Gärtner schlafen zu sehen.

Ich habe auch im Ruhrgebiet den Alltag der Familie Masslabai einen Monat lang in den Vorgarten übertragen. Da kamen die ganzen Nachbarn um zu gucken, was die machen.

In jedem Zimmer waren Kameras. Das war das Medienhaus. Das war das, was heute bei RTL dauernd geschieht. Damals war das Kunst. Diese Unterhaltungssender leben alle von uns. Früher habe ich Autos zerhauen, heute machen sie das in der Werbung. Das brauche ich mir nicht anzugucken.

Michaela Boland: Lieber HA, für dieses ausführliche Gespräch und den schönen Abend recht herzlichen Dank und viel Erfolg für deine anstehende Kunstaktion in Israel.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Die GFDK - Gesellschaft Freunde der Künste macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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20.07.2019 Keiner braucht drei Ferraris, auch kein Künstler

GFDK - Interview und Portraits - Michaela Boland

Das Gespräch haben wir 2013 mit Herrn Horbach geführt. Fast wie im Märchen: Er hat bereits in jungen Jahren Millionen gemacht. Nicht umsonst bemühte sich Veronica Ferres-Freund, Carsten Maschmeyer, einige Zeit intensiv darum, ihm sein lukratives Business mit Erfolg abzukaufen. Die Rede ist von Michael Horbach. Die Erfolgsstory des Aacheners begann schon 1983

Als 23-jähriger Student, kurz nach dem Studium, der Volkswirtschaftslehre nämlich wurde der Sohn eines Pflasterers von seiner damaligen Freundin, einer Medizinstudentin, dazu angehalten, ihr für die Zukunft Tipps bei allen Vorsorge-und Versicherungsfragen zu geben.

Gesagt, getan. Nachdem die Beratung sich schnell in barer Münze auszahlte, ward der Entschluss, aus dem Talent eine Profession zu machen, flink gefaßt. Und so trug es sich zu, dass schon bald Heerscharen potenzieller und gegenwärtiger Gutverdiener ihn umgaben, um seinen Rat einzuholen.

Mit 50 aber machte der smarte Geschäftsmann dann jedoch planungsgemäß Schluß mit der Arbeit und widmete sich seinem eigentlich ebenfalls arbeitsreichen Vergnügen, der Kunst, ganz und gar.

Im Jahre 2000 investierte der langjährige Wahlkölner einen großen Teil des Vermögens in seine Stiftung, die nicht nur Künstler und vor allem Künstlerinnen fördert, sondern auch sozial schwachen Menschen tatkräftig unter die Arme greift.

Im Rahmen seiner Ausstellung mit dem Titel "Mein Cuba" demonstrierte Horbach, dass er sich auch höchst selbst auf die Kunst des Fotografierens versteht.

Heute zeigt mir der Vater eines 38-jährigen Sohnes seine schönen Ausstellungsräume in der Kölner Südstadt und spricht ohne Vorbehalt, Strich und Komma wie ein Mensch von Angesicht zu Angesicht. Von den üblichen Plattitüden von Managern, Moderatoren und Politikern ist der sympathische „Wahlkölner“ weit weg.

Michaela Boland:

Herr Horbach, ihr aktuellstes Kunstprojekt  ist neben  der Verleihung des Fotopreises, welcher in diesem Jahr an den Künstler Thomas Karsten gegangen ist, auch die Ausstellung "5 Räume - 5 Ausstellungen", die noch bis zum 20. August 2013 in ihren Kölner Räumlichkeiten zu bewundern ist. Was genau erwartet das kunstinteressierte Publikum hierbei?

Michael Horbach:

Das übergeordnete Thema lautet "Wunden". Zum einen werden wunderschöne Fotografien aus Afghanistan  von Professor Jaro Poncar zu sehen sein. Bei diesen Arbeiten sieht man keine Wunden,  es sind insoweit also keine Kriegsbilder, aber jeder hat diese Bilder bei dem Thema Afghanistan nun mal im Kopf.

Heiner Schmitz präsentiert Fotos aus Palästina. Ihm war es wichtig, bei den Portraitarbeiten an der Mauer, die seit 2004 zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten gebaut wird, Aussagen von betroffenen Menschen in seine fotografische Arbeit einzubinden.

Außerdem stellt Pari Moradi, die erste Stipendiantin der Michael Horbach Stiftung, die 2007 als Autodidaktin mit der Malerei begann,  Zeichnungen aus. Darüber hinaus sehen wir Marcos Zimmermanns Fotos aus Argentinien, sowie die Fotos des diesjährigen Fotopreisträgers, Thomas Karsten, aus Uganda, auf denen Mütter mit ihren behinderten Kindern zu sehen sind.

Michaela Boland:

In den 80-er Jahren haben sie die Kunstgalerie des renommierten Galeristen Hans-Jürgen Müller in  Köln übernommen.

Dort haben sie Künstler wie Blalla W. Hallman unter Vertrag ausgestellt, der kurz vor seinem Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt alle ihm verfügbaren eigenen Arbeiten zerstört haben soll und u.a. an der University of California in San Francisco sowie der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig gelehrt hat.

Sein Werk hat sich vor allem in blasphemischer und obszöner Weise mit existenziellen Grundfragen wie Religion oder Sexualität beschäftigt. Muss es für ihren Geschmack denn immer ein wenig exzessiver sein?

Michael Horbach:

Ich bin in meinem Leben schon immer gegen den Strom geschwommen. Blalla Hallman habe ich damals zunächst übernommen. Er war zu dem Zeitpunkt bereits Künstler der Galerie Hans-Jürgen Müller. Ich hatte zu der Zeit noch meine Firma und habe das Ganze damals noch mehr als Hobby betrieben. So habe ich zuerst einmal einfach sämtliche Künstler übernommen.

Michaela Boland:

Betraf das ebenfalls die bekannte belgische Fotografin und Videokünstlerin Marie Jo Lafontaine, der ihr internationaler Durchbruch 1987 auf der Documenta 8 mit einer Videoinstallation in Kassel gelang?

Michael Horbach:

Nein, die war nicht bei Hans-Jürgen Müller. Sie hatte ich zuvor akquiriert und ausgestellt.

Michaela Boland:

Für die damalige Zeit schon recht außergewöhnlich, nicht wahr?

Michael Horbach:

Ja, das kann man sagen. Ich wollte sie jetzt noch mal ausstellen und habe Kontakt mit ihrem Galeristen aufgenommen. Der hat dann aber gesagt, "Oje, Herr Horbach, die ist inzwischen sehr bekannt und dementsprechend auch anstrengend". Dann hat er mir so ein paar Fakten genannt und dann habe ich gesagt, " Nein, danke, das möchte ich nicht."

Michaela Boland:

Obwohl man sich bereits kennt und einen persönlichen Bezug zueinander hatte?

Michael Horbach:

Ja, aber das ist dann einfach zu anstrengend. Ich habe das lediglich gehört, aber sie soll beispielsweise darauf bestehen, dass jemand ihre Arbeiten aufhängt, der am Tag tausend Euro dafür kassiert.

Die Kisten für ihre Kunstwerke sollen ein Vermögen kosten. Da möchte ich das Geld doch lieber den jüngeren Künstlern zukommen lassen. Außerdem mache ich das ja alles privat, dieses Geld zahle ich nicht aus meiner Stiftung.

Michaela Boland:

Klingt beinahe wie das, was man hin und wieder von exzentrischen Popdiven zu hören bekommt.

Michael Horbach:

Ja, da gibt es Sachen. Jetzt habe ich gehört, dass Andreas Gursky angeblich drei Ferrari fährt. Das ist so eine Geschichte die ich nicht besonders gut finde.

Michaela Boland:

Soweit er es vermag, alle gleichzeitig zu fahren, wäre es doch cool.

Michael Horbach:

(lacht)  Ja, gut.

Michaela Boland:

Der von ihrer Stiftung alle zwei Jahre ausgeschriebene und mit 10.000 Euro dotierte Fotopreis geht in diesem Jahr an den Künstler Thomas Karsten. Worum geht es in dem von ihm dokumentierten Projekt?

Michael Horbach:

Dieses Projekt heißt "Räder für Uganda". Da haben wir 60 Fahrräder gestiftet und Thomas Karsten hat diese vor Ort verteilt. Er hat dort einen Transporter gemietet und ist anschließend durch die Dörfer gefahren und hat die Räder an arme Familien verteilt.

Am Anfang wollten wir das ganze über eine Stiftung organisieren, daher hat er zunächst zwei Fahrräder jener Stiftung übergeben, jedoch hat er schnell gemerkt, dass am Ende doch wieder nur solche Menschen mit den Rädern fuhren, die eigentlich gar nicht so arm waren.

Das sah man dann beispielsweise an solchen Dingen wie Armbanduhren. Insoweit haben solche Projekte nur Sinn, wenn man sie selbst in die Hand nimmt. Die zweite Arbeit, für welche Thomas Karsten den Fotopreis erhält, ist die Ausstellung, die zur Zeit in unseren Ausstellungsräumen hängt. Es geht um Frauen aus Uganda mit ihren behinderten Kindern.

Michaela Boland:

Nicht gerade eine Schön-Wetter-Thematik.

Michael Horbach:

Manchmal muss man durchaus zwei oder dreimal hinsehen, um es überhaupt zu bemerken. Ich finde, die Menschen auf den Fotos präsentieren sich voller Stolz und Selbstbewußtsein. Zwar durchaus zurückhaltend, aber dennoch merkt man, da ist Stolz. Ich halte das für eine gelungene Arbeit.

Michaela Boland:

Ist es grundsätzlich einfacher als Künstler Aufmerksamkeit innerhalb der Öffentlichkeit zu generieren, wenn man sich schlichtweg mit gesellschaftskritischen, sozialen oder unästhetischen Themen befaßt?

Michael Horbach:

Eher nicht. Wenn man Mainstream machen will und einen Galeriebetrieb hat, dann auf keinen Fall. Das hier ist ja keine Galerie, ich verkaufe ja nicht. Die Künstler können in ihrem Namen verkaufen.

Ich gebe nur Geld aus und tue das gerne und bekomme das alles auf irgendeine Art und Weise zurück. Mich interessiert sozialkritische Fotografie am meisten und der mit 10.000 Euro dotierte Fotopreis sieht das auch als Kriterium.

Michaela Boland:

Man könnte ihren Fotopreis mit rein ästhetisch-schöner Fotografie also eher nicht erhalten?

Michael Horbach:

Auf keinen Fall. Also, ich bin sehr offen für sogenannte schöne und ästhetische Fotografie, habe im ersten Jahr 2011 in diesem Raum eine Ausstellung zum Thema Erotik ausgestellt und da waren sehr schöne ästhetische Fotografien dabei. Insoweit habe ich da überhaupt nichts gegen.

Allerdings empfinde ich die normale Schönheit, die uns immer präsentiert wird, langweilig. Wenn ich also sehe, was uns durch bestimmte Models als Schönheit verkauft wird, dann kann ich nur traurig sein.

Michaela Boland:

Warum wird der Fotopreis nicht jedes Jahr, sondern nur alle zwei Jahre vergeben?

Michael Horbach:

Ich wollte hierfür eine bestimmte Summe ausschreiben und 10.000 Euro sind für einen Fotopreis schon ganz kräftig. Jedes Jahr wäre das ein bisschen viel gewesen. Das kommt ja aus meiner Stiftung. Da habe ich eine größere Summe hineingesteckt als ich meine Firma verkauft habe.

Davon lebt die Stiftung hauptsächlich. Es ist nicht so, dass ich viel akquiriere und sage, "bitte spendet", denn da habe ich zu sehr die Angst, dass der eine oder andere sagt, "du hast Geld genug, mach du das mal".

Michaela Boland:

Heißt das, es gibt einen Topf, aus dem sich bedient wird?

Michael Horbach:

Ja, da ist ein Topf und von Zinsen wird die Arbeit finanziert (Anmerkung Redaktion: Das ist das deutsche Stiftungsgesetz). Darüber hinaus gibt es noch andere Gelegenheiten, bei denen ich dann sage, "o.k., du kannst deine Wohnung mit meiner Kunst ausstatten und dafür spendest du etwas".

Oder, wenn mich Freunde, die es sich leisten können, auf Mallorca besuchen, dann zahlen auch die in die Stiftung ein. Drei-Gewinnerprinzip nenne ich das.

Michaela Boland:

Welche Art von Kunst hängt denn so privat bei ihnen?

Michael Horbach:

Früher, als ich jung war, Blalla Hallmann. Aber das geht heute nicht mehr. Ich möchte heute schon Kunst um mich haben, die positiv wirkt. Ich habe zum Beispiel fünf wunderschöne schwarzweisse Fotografien des kubanischen Fotografen Korda, der einst das berühmte und meistverbreitete Foto der Welt gemacht hat, nämlich das von Che Guevara.

Neben diesem Foto hängt ein wunderschönes beeindruckendes Foto eines Mädchens, das einen Holzscheit als Puppenersatz an die Brust drückt. Korda hat ja immer gesagt, dass er kein Kommunist sei und rein gar nichts mit Kommunismus am Hut habe, aber, dass er Fidelist sei.

Fidel habe alles richtig gemacht und zu diesem Foto hat er speziell gesagt, "ich werde so lange für die Revolution kämpfen bis jedes kubanische Mädchen eine richtige Puppe hat".

Genau das habe ich auch in Kuba erlebt, dass junge Mütter, mit denen ich ins Gespräch kam, zu mir sagten, "wenn du noch mal kommst, kannst du meiner Tochter bitte eine Puppe mitbringen". Außerdem mag ich den italienischen Künstler Salvo oder auch die Kölner Künstler Heinz Zolper und Michael Buthe. Von den jungen Künstlern gefällt mir die Iranerin Pari Moradi

Michaela Boland:

Was tun sie eigentlich in ihrer Freizeit oder sind sie gar rund um die Uhr mit der Stiftungsarbeit beschäftigt?

Michael Horbach:

Ich versuche eine Harmonie zwischen Verantwortung und Vergnügen zu schaffen. Wobei Vergnügen ist, sich mit Kunst zu beschäftigen, viel zu reisen und zu fotografieren. Darum habe ich ja auch meine Firma mit 50 verkauft, weil ich frei sein wollte.

Es gibt so viele schöne interessante Sachen, die ich im Leben kennenlernen möchte. Ich mache zudem auch etwas für meinen Körper und mache Sport.

Michaela Boland:

Was für einen Sport treiben sie?

Michael Horbach:

Ich habe einen Trainer, der zwei Mal die Woche kommt, dann werde ich so richtig gequält.

Michaela Boland:

Einen Personaltrainer?

Michael Horbach:

Ja, denn ich habe einfach Angst, dass ich zu viele Fehler mache, wenn ich allein oder in einer Gruppe Sport treibe. Das kann ich mir nämlich nicht mehr leisten, weil dann meine Knochen noch mehr schmerzen würden.

Michaela Boland:

Mit ihren eigenen Fotos von Kuba, die teilweise augenblicklich noch in ihren Ausstellungsräumen zu bewundern sind, haben sie für große Aufmerksamkeit gesorgt. Zwischenzeitlich ist sogar ein eigener Bildband ihrer Arbeiten erschienen. Wann haben sie selbst damit begonnen, die Kamera zu zücken und zu fotografieren?

Michael Horbach:

Ich habe immer schon geknipst und Urlaubsfotos gemacht. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich eigentlich einen ganz guten Blick habe. Mit der Technik habe ich es nicht so, da kenne ich wirklich nur das Notwendigste.

Allerdings habe ich jetzt auch immer wieder in Fachbüchern gelesen, dass das gar nicht sein muss, wenn man Fotografie künstlerisch betreiben will, wobei ich den Anspruch noch immer nicht erhebe ein Künstler zu sein.

Ich war vor ungefähr sieben Jahren zwei Jahre hintereinander in Argentinien, Buenos Aires, in Patagonien, da habe ich angefangen, intensiver zu fotografieren. Dabei hatte ich immer im Kopf, meiner Umgebung ein anderes Gesicht von Schönheit zu zeigen.

Michaela Boland:

Wie sollte das aussehen?

Michael Horbach:

Gesichter sollten einfach natürlich sein, möglichst ungeschminkt. Gesichter, die auch Spuren aufweisen, da wo nichts bearbeitet wird, wo Augen sind, die einen einfach umhauen. Dafür sterbe ich, dafür lebe ich. Das kann man bei kleinen Kindern bekommen, bei alten Männern oft und bei Frauen natürlich.

Da habe ich schon sehr viele Portraits fotografiert. Ich nehme mir dann Amateure aus der Umgebung, spreche junge Frauen auf der Straße an und sage sofort, "es geht nur um Portraitfotografie, um interessante Gesichter“

Michaela Boland:

Und die sagen dann immer sofort, "ja"?

Michael Horbach:

In der Regel ja, nicht alle, aber der überwiegende Teil schon.

Michaela Boland:

Gab es eine bestimmte Motivation, ausgerechnet kubanische Gesichter für ihre Fotografie zu wählen?

Michael Horbach:

Ich habe Kuba durch mehrere Besuche sehr schätzen gelernt, vor allen Dingen die Menschen, die Lebensweise, die Landschaft und die Natur.

Michaela Boland:

Was zeichnet die Menschen dort ihrer Meinung nach aus?

Michael Horbach:

Dass sie einfach erstens Zeit haben und zweitens in der Regel immer gut drauf sind. Sie sind noch befreit vom Wettbewerb, also dem, was unser System natürlich ganz stark fördert. Außerdem habe ich das Gefühl, die Menschen dort haben noch soziale Bindung.

Die sind zwar materiell arm, aber von denen könnten wir sehr viel lernen. Die sind auf ihre Art auch reich. Beispielsweise vom Charakter her, einfach von der Weise her, wie diese Menschen leben. Und das ist das, was ich zeigen wollte.

Das Negative kennen wir durch unsere Presse zur Genüge. Das ist ja eine Diktatur, die sind ja alle arm und das ist natürlich alles der Kommunismus schuld usw.

Ich wollte da einfach einen Gegenpol bilden und den Menschen, seine Schönheit, seine Heiterkeit und den Reichtum Kubas durch meine Fotografie zeigen und ich denke, das ist mir ganz gut gelungen. Die meisten kommen, staunen und sagen: "Ja, die lachen ja alle. Hast du die dazu aufgefordert?" Das habe ich kein einziges Mal gemacht.

Michaela Boland:

Insofern ist die Lebensfreude der Menschen offenbar eine ganz andere als hier bei uns. Woran, glauben sie, liegt das?

Michael Horbach:

Jetzt kann man sagen, das ist das Wetter, das ist die Karibik, o.k. In jedem Fall kann man aber sagen, durch das System wird das nicht zerstört. Dazu kommt, dass auch viele Halbwahrheiten oder Unwahrheiten in unserer Presse stehen.

Es ist ein anderes System und da muss offenbar aus Sicht unserer bürgerlichen Presse immer alles schlecht sein. Ich wäre daher froh, wenn wir so ein Selbstbewußtsein hätten, dass wir zwar auf die Fehler hinweisen, aber vor allen Dingen auch zeigen, wo wir von dem anderen System etwas lernen könnten. Soweit müssten wir eigentlich sein.

Michaela Boland:

Fotografieren sie die Menschen auch schon mal hier in unseren heimischen Gefilden oder gehen sie dafür dann regelmäßig in andere südliche Länder?

Michael Horbach:

Ich habe das schon hier in der Galerie, auch auf Mallorca gemacht, aber sehr oft mit meinem Lieblingsmodel und das ist die Iranerin Pari Moradi.

Michaela Boland:

Die nicht nur Stipendiantin ihrer Stiftung, sondern jetzt auch ihre Lebensgefährtin ist.

Michael Horbach:

Ja (lacht), es macht einfach Spaß, weil sie natürlich ist. Ich brauche im Grunde gar nichts zu sagen (beim shooting), sondern nur abzuwarten und dann zu fotografieren.

Michaela Boland:

Wie alt ist sie?

Michael Horbach:

36.

Michaela Boland:

Wie hat sich die Liebesgeschichte zwischen ihnen beiden entwickelt?

Michael Horbach

Das war eigentlich beim ersten Treffen klar. Manchmal geht das so. Außerdem wollte ich nur eine Marokkanerin oder eine Iranerin als Partnerin haben. Männer haben ja manchmal so einen Spleen. Ich war acht Jahre mit einer Marokkanerin zusammen, aber das ging aus religiösen Gründen nicht mehr, das war alles ein wenig kompliziert.

Pari ist Iranerin, hat aber mit Religion "nichts am Hut", wie man  so schön sagt. Aber der sogenannte Unreligiöse kann religiöser sein als der, der jeden Tag in die Kirche geht. Es kommt immer darauf an, was man tut.

Michaela Boland:

Sie fördern insbesondere KünstlerInnen. Unter anderem auch durch einen mehrmonatigen gesponserten Aufenthalt hier bei ihnen vor Ort. Wie sieht das konkret aus?

Michael Horbach:

Ich habe hier auch ein Atelier, das ich jungen Künstlerinnen aus dem Ausland für drei bis sechs Monate zur Verfügung stelle. Sie erhalten ein kleines Stipendium, das mit einer monatlichen Zahlung von 300.- bis 600,- Euro verbunden ist. Sie können hier arbeiten und wohnen. In der Regel mache ich auch anschließend eine Ausstellung.

Michaela Boland:

Welche besonderen Vorteile hat das für die Künstlerinnen? Geht es für Nicht-Europäerinnen in erster Linie darum, Kontakte zu knüpfen?

Michael Horbach:

Ja, natürlich. Meine Vorliebe ist Südamerika und wenn es sich ergibt, sage ich eben, "ja, o.k."

Michaela Boland:

Che Guevara ist übrigens in ihren Ausstellungsräumen, wie ich gerade sehe, auch recht präsent.

Michael Horbach:

Eine Sache, bei der ich emotional immer sehr berührt bin, ist, wenn versucht wird, ihm irgend etwas vorzuwerfen. Che ist ein Mensch, der bestimmt viele Fehler gemacht hat, aber es war Krieg, Revolution. Was soll man da mehr zu sagen? Für mich ist sein Lebensweg einfach etwas besonderes.

Dass er als Medizinstudent in Südamerika diese unglaubliche Armut kennengelernt und sich deshalb verpflichtet hat, in Lepra-Stationen ärztlich tätig zu werden.

Wer macht das? Das sagt doch alles. Es wird ihm vorgeworfen, dass er „während der Revolution Verräter hingerichtet habe. Diese hatten drei, vier Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und hunderte Menschen wurden dabei getötet.

Dass man im Kriegszustand das nicht einfach hinnimmt und selbst irrationale Entscheidungen trifft, das hat die Geschichte in den letzten 2.000 Jahren hundertmal bewiesen.

Heutzutage wird ihm ja auch vorgeworfen, er hätte selbst Leute erschossen. Ob das stimmt, weiß man nicht. Aber, was ist heute? Heute läuft alles vom Schreibtisch aus. Wenn man überlegt, was Amerika so alles in 50 Jahren verursacht hat, aber das sind die feinen Herren hinter den Schreibtischen, die gab es zu allen Zeiten in allen Ländern.

Michaela Boland:

Kommen wir einmal zu ihrer früheren sehr erfolgreichen Karriere als Anlageberater. Sie haben in kurzer Zeit ein Vermögen gemacht. Ist ihnen das leicht gefallen?

Michael Horbach:

Ich bin wie die Jungfrau zum Kinde dazu gekommen, Unternehmer zu werden. Ich habe das mit Begeisterung gemacht und ich denke, ich habe es auch gut gemacht. Gerade in dieser verrufenen Branche habe ich ein Beispiel dafür abgegeben, dass man es auch ganz anders machen kann und dass es dafür auch einen riesigen Bedarf gibt.

Denn jeder Deutsche braucht in finanziellen Bereichen Beratung. Ob das Finanzierungen und Versicherungen sind oder Existenzgründungen betrifft.

Jeder wünscht sich einen Berater, dem er vertrauen kann und das ist sehr wichtig. Dies wird von Banken und den meisten Finanzdienstleister in der Regel nicht abgedeckt. Wenn man es dann mal anders macht, dann kann man einen Riesenerfolg haben.

Michaela Boland:

Wie schafft man denn dieses Vertrauen?

Michael Horbach:

Nach meinem Studium war es mein Ziel 2000,- DM im Monat zu verdienen. Ich hatte es nicht im Sinn, dass ich Millionär werden muss. Aber wenn man das macht, wozu man super geeignet ist und das auch noch vernünftig macht, dann kommt das Geld von allein.

Ob man vertrauenswürdig ist oder nicht, hängt natürlich auch vom Charakter ab. Da kann man zum Teil gar nichts für, das hat man geerbt. Viele sagen immer zu mir, "dein Vater war genauso". Man kann sehr ehrgeizig sein, man darf arbeiten wie verrückt, aber man sollte ehrlich arbeiten.

Mich hat die fünfte Stelle nach dem Komma auch nicht mehr interessiert, aber mein Prinzip war stets: Ich empfehle dem Kunden immer das, was ich an seiner Stelle auch machen würde.

Das ist eigentlich das eine Geheimnis. Und das zweite Geheimnis ist, dass ich wohl eine Selbstverständlichkeit ausgestrahlt habe. Für mich war immer klar, das hatte ich in mir, "dem anderen kann nichts Besseres passieren als in meine Finger zu geraten".

Michaela Boland:

Klingt recht selbstbewußt.

Michael Horbach:

Ja, in dem Bereich. Ich habe auch Bereiche, in denen ich mit Sicherheit nicht so selbstbewußt bin, wie es immer scheint.

Michaela Boland:

Welche wären das?

Michael Horbach:

Das hat man als Aachener oder Kölner allein durch die Sprache (lacht).  Egal, wo man auftaucht in der Welt, kommt die Frage: "Kommst du aus Köln?"

Michaela Boland:

Sie haben eine langjährige Verbindung zu Köln. Wie oft sind sie noch in der alten Heimat, Aachen?

Michael Horbach:

In Aachen-Würselen steht mein Elternhaus. Ich war in der letzten Woche gerade dort und werde im alten Rathaus und in zwei Krankenhäusern meine Kuba-Fotos ausstellen. Zuerst habe ich mich gefragt, ob das einen Sinn hat, aber dann war mir plötzlich klar, dass gerade kranke  Menschen Trost durch die Lebensfreude erhalten könnten, die die Kuba-Bilder ausstrahlen.

Michaela Boland:

Leben ihre Eltern noch?

Michael Horbach:

Nein, die sind schon mehr als zehn Jahre tot.

Michaela Boland:

Sind sie Einzelkind gewesen?

Michael Horbach:

Nein, ich habe noch einen jüngeren Bruder und eine jüngere Schwester.

Michaela Boland:

Sind ihre Geschwister in ähnlichen Bereichen wie sie tätig?

Michael Horbach:

Nein, mein Bruder ist Arbeiter. Er hat Fliesenleger gelernt. Ich war im ganzen Familienumkreis der einzige, der studiert hat. Mein Vater war Arbeiter, Pflasterer, aber höchstwahrscheinlich war er der Beste in Aachen.

Michaela Boland:

Was haben sie aus ihrem Elternhaus an persönlichen Dingen mitgenommen?

Michael Horbach:

Einmal das Vorbild. Ich habe einmal in einer Rede zum 10-jährigen Jubiläum der Firma Horbach als meine Eltern anwesend waren gesagt, "Papa, ich habe im Grunde genommen nichts anderes gemacht als du. Ich habe immer mit viel Pflichtbewußtsein und Emotionen gearbeitet".

Das ist eigentlich dasselbe. "Im Grunde", habe ich gesagt, "bin ich Arbeiter". Auch wenn ich in einem Bereich gearbeitet habe, in dem es um Finanzen ging. Wobei mich die Finanzen, das Geld oder die Geldanlage  selber nie sehr interessiert haben.

Dafür hatte ich später sehr schnell meine kompetenten, qualifizierten Mitarbeiter. Mich hat es interessiert, den Menschen zu gewinnen und zu überzeugen. Sowohl den Kunden in der Beratung als auch später bei der Mitarbeitersuche.

Ich habe nichts lieber getan als zur Uni zu gehen und junge Studentinnen und Studenten, von denen ich dachte, dass sie zu uns passen könnten, anzusprechen. Dann habe ich sie gefragt: "Hören sie mal, Finanzberatung, wäre das was für sie? Sie würden gut zu uns passen." Das habe ich nachdem beurteilt, was von den Menschen herüber kam. Da kann man sich manchmal irren, aber oft hatte ich auch Erfolg.

Michaela Boland:

Was wollten sie eigentlich ursprünglich mal werden?

Michael Horbach:

Ich wollte eigentlich einen Beruf im sozialen Bereich, also beispielsweise in Richtung Gewerkschaften oder Journalismus. Das war eher mein Wunsch. Ich war ein schlechter oder sagen wir, ein durchschnittlicher Schüler, so war das einzige, was ich damals studieren konnte, die Volkswirtschaftlehre.

Ich wußte ehrlich gesagt nicht wirklich, was das ist. Aber da lag genau meine Begabung, wirtschaftliche Zusammenhänge zu erkennen.

Darum sage ich heute auch immer zu jungen Leuten, "sucht, guckt, wo ihr emotional betroffen seid und nicht, wo man viel Geld verdienen kann und was in fünf Jahren gefragt ist".

Wenn ich kein wirkliches Interesse habe, kriege ich keinen Job, kann vor allen Dingen nicht vernünftig Geld verdienen und die Familie ernähren usw.  Man sollte dahin gehen, wo seine Emotionen liegen. Und wenn es Ethnologie ist, dann eben Ethnologie. Das ist übrigens ein fantastischer Beruf.

Michaela Boland:

Glauben sie an Vorhersehung?

Michael Horbach:

Hm, da bin ich hin und her gerissen. Ich habe nicht so viele Bereiche, wo ich schon weiß, das ist so. Manchmal denke ich, das kann kein Zufall sein, wie jetzt die Geschichte mit meiner Lebensgefährtin.

Auch habe ich durch Zufall Roger Willemsen kennengelernt und das ist eine Freundschaft geworden, von der ich sehr viel profitiere. Ist das Schicksal? Der hat ja nun wirklich sehr wenig Zeit, trotzdem war er hier in meinen Kunsträumen und hat eine Lesung aus seinem Buch "Die Enden der Welt" gehalten.

Ich sage immer, Deutschland bräuchte tausend Roger Willemsens. Von seiner kritischen Einstellung und seinem Hinterfragen her.

Mein Wunsch ist es, dass er irgendwann mal zwei Tage Zeit hat, mit mir auf Mallorca auf der Finca zu sitzen, was er im übrigen schon seit fünf Jahren vorhat, damit er mir vielleicht mal erklärt, wie er es aushält, dieses ganze Wissen darüber zu haben, wie Gesellschaft funktioniert und wie brutal Geld und Macht eine Gesellschaft lenken. Ich würde gerne wissen, wie er das verarbeitet und wie er damit umgeht.

Michaela Boland:

Wie häufig verbringen sie Zeit miteinander?

Michael Horbach:

Er war für die Lesung hier und ich habe zwei Stunden vorher mit ihm gequatscht, da war ich so aufgedreht, dass ich keine Ansprache mehr halten konnte. Und dann hat er zwei Stunden aus seinem Buch gelesen, aber ohne Buch, sondern auswendig.

Danach sind wir noch zu mir herübergegangen und es fiel irgendwo das Stichwort "Afghanistan", da hat er nochmal einen zweistündigen Vortrag über Afghanistan gehalten. Das ist unglaublich (lacht).

Michaela Boland:

Wodurch entstand eigentlich ursprünglich ihre Liebe zur Kunst?

Michael Horbach:

Als ich damals meine Firma hatte, habe ich irgendwann gespürt,  zwei Seelen schlagen, ach in deiner Brust. Ich war ungefähr 25 als ich angefangen habe, Kunst zu sammeln. Damals noch sehr bescheiden. Von meinem Elternhaus her war da ja nichts.

Null Komma null, außer dem, was man natürlich auch braucht, nämlich eine intakte Familie, Wärme, Anstand usw. Das erste Bild habe ich dann mal auf der Art Cologne gekauft. Das war natürlich eine Zeichnung von einer schönen Frau.

Michaela Boland:

So lockt das holde Geschlecht wohl doch immer wieder?

Michael Horbach:

(lacht). Immer und immer wieder. Das wird auch nie enden. Dann habe ich in bescheidenem Maße gesammelt. Dabei habe ich nie die bekannten, also die teuren Künstler gewählt, sondern ständig versucht, junge Künstler zu unterstützen.

Das hat mir einfach emotional mehr Spaß gemacht. Für mich war eben Kunst auch immer so eine Oase abseits des Kapitalismus und abseits vom harten Wettbewerb.

Michaela Boland:

Klingt nach der ausgleichenden Waagschale als Gegengewicht zum wohl eher harten Wirtschaftsbusiness.

Michael Horbach:

So kann man das von außen sehen, aber ich habe es eben gemacht. Mir ging es nie um Business. Ich war, glaube ich, der erste, den Vorstände mit Bart, langen Haaren und Rollkragenpullover empfangen haben.

Ich war immer dagegen. Einige haben das auch nicht kapiert und gefragt, "was will der denn", aber der eine oder andere hat doch gemerkt, da brennt etwas.

Nun gut, irgendwann habe ich auch einen Anzug angezogen und irgendwann hatte ich auch Spaß daran, eine Krawatte zu tragen. Aber Kunst war für mich immer etwas, was nichts mit Kapitalismus zu tun haben darf. Jetzt habe ich mich allerdings durch diese Kunsträume und durch die Stiftung noch einmal damit beschäftigt, was in der Kunst wirklich los ist und das ist gruselig.

Michaela Boland:

Warum geht es teilweise in die falsche Richtung?

Michael Horbach:

Da gibt es Künstler und Galeristen, die sind durch die Kunst Milliardäre. Aber das sind null Komma null ein Prozent. 99 Prozent der Künstler sind froh, wenn sie im Jahr drei oder vier Mal ein Bild verkaufen, so dass sie davon leben können. Mit speziell jener Kunst, die inzwischen auch ganz klar von der Schickeria und den Superreichen besetzt ist, will ich nichts zu tun haben.

Michaela Boland:

Ist es ihnen insoweit ein regelrechtes Anliegen, dort eine Gegenströmung als Akzent zu setzen?

Michael Horbach:

Ja, genau. So will ich beispielsweise in meinen Kunsträumen künftig Rheinländer ausstellen, die schon eine gewisse Vita haben und schon bekannt sind. Aber eben keinen Richter oder Polke. Die sind in Museen, die brauchen das nicht.

Dann will ich in einem Raum drei bis vier Mal im Jahr junge Künstler ausstellen, aber auch ältere Künstler, die gut sind, es aber nicht mehr in bekannte Galerien schaffen, weil sie für diese nicht mehr lukrativ sind. Solche, die quasi bereits ein bisschen vergessen worden sind, denen will ich auch eine Heimat geben.

Michaela Boland:

Mit ihrer Stiftung wollen sie ja neben Künstlern auch armen Menschen helfen. Aus welchem Grund apostrophieren sie auch dabei besonders die Frauen?

Michael Horbach:

Ich denke eben, dass Frauen am meisten benachteiligt werden. Ich will ja besonders armen Familien helfen und da eben insbesondere alleinstehenden Frauen mit Kindern. Denn die haben es nun mal besonders schwer. Bei Künstlern ist es ähnlich. Ich brauche das auch, ich muss mich auch mit dem Weiblichen umgeben.

Mit zu viel Männlichem und diesem ständigem Wettbewerb, das gegenseitige Aufplustern, das muss ich in meinem Alter nicht mehr haben. Ich bin davon überzeugt, dass es uns wesentlich besser ginge, wenn Frauen die Welt regieren würden. Natürlich keine Margaret Thatcher. Also, wenn Frauen schlimmer werden als Männer, naja.

Michaela Boland:

Daraus ist wohl zu schließen, dass sie kein Anhänger der Politik der kürzlich verstorbenen eisernen Lady waren?

Michael Horbach:

Nein, die ganze neo-liberale Wirtschaftstheorie- und Politik hat entsetzlichen Schaden in der Welt angerichtet. Da gibt es tolle Bücher drüber und wenn man das liest, dann denkt man, das kann nicht wahr sein. Aber sogar Sozialdemokraten sind zeitweise darauf reingefallen.

Deregulierung der Märkte heißt ja nichts anderes als dass das Geld frei und ohne Beschränkung wandern können muss. Das ist genau das Falsche. Dadurch haben wir jetzt eine Weltwirtschaftskrise, die sehr wahrscheinlich 50 Millionen mehr Hungernde besorgt hat.

Michaela Boland:

Also sind doch nicht nur Lehman Brothers die Buhmänner, wozu man sie so gerne gemacht hat, soweit der Ursprung des ganzen Desasters in Wahrheit wesentlich weitreichendere Ursachen aufweist?

Michael Horbach:

Ja, das ganze ist ja auch vorbereitet worden durch eine Philosophie, die wie Adam Smith sagt, "Das freie Spiel der Kräfte" lautet. Da ist eine unsichtbare Hand, die regelt alles.

Die regelt zu 90 Prozent alles, aber es gibt eben 10 Prozent, wo bei Angebot und Nachfrage der Marktmechanismus nicht funktioniert, sondern Stilblüten in die Welt setzt.

Menschen, die gesellschaftlich wertvollste und harte Arbeit leisten, wie Krankenschwestern und Pfleger, die von ihrem Geld kaum leben können, stehen beispielsweise Angestellten bei der Deutschen Bank gegenüber, die mit Derivaten spekulieren und zum Teil 20 Millionen Jahreseinkommen haben.

Man sagt uns ja immer, "wer viel Geld verdient, der schafft auch viele Werte. Die haben eine Weltwirtschaftsfinanzkrise geschaffen. Und da sage ich, das kann man nicht laufen lassen. Da bin ich wirklich erbitterter Gegner jeder liberalen Wirtschaftspolitik.

Und das ist der große Fehler der FDP, dem Markt total zu vertrauen. Ich sage, der demokratisch legitimierte Staat muss eingreifen, wo der Marktmechanismus nicht funktioniert. Das ist seine Pflicht, dafür ist er gewählt.“

Michaela Boland:

Wie sollte konkret eingegriffen werden?

Michael Horbach:

Man muss nach unten korrigieren. Wenn ich höre, "wir leben in einer Zivilisation" und dann gibt es welche, die für fünf Euro hart arbeiten, dann ist das ein Widerspruch. Das geht nicht. Genauso oben.

Es kann nicht sein, dass auch von Politikern gesagt wird, wenn einer zehn Millionen im Jahr verdient, dann hat der keine Lust mehr, wenn er nicht die Möglichkeit hat 15 Millionen zu verdienen oder wenn er nur zwei Millionen verdient, dann sei er demotiviert.

Was ist das für ein Menschenbild? Wenn das stimmen würde, dann sage ich, "gute  Nacht". Die Politiker, die so etwas von sich geben, und das sind ja nun eher mal die Liberalen und Konservativen, die müssten mal darüber nachdenken, was sie für ein Menschenbild haben .

Michaela Boland:

Was kann man ihrer Meinung nach, abgesehen vom Absehen davon, sein Votum zum nächsten Stimmabgabezeitpunkt erneut in gleicher Weise zu setzen, denn dagegen unternehmen?

Michael Horbach:

Mehr Demokratie. In allen Bereichen mehr Demokratie.

Michaela Boland:

Lohnt es sich heute noch, auf die Straße zu gehen?

Michael Horbach:

Das ist natürlich ein Mittel, um zu zeigen, wir sind wach. Es gibt durch Facebook oder Youtube ja inzwischen auch andere Mittel oder was auch immer.

Michaela Boland:

Etwa die sogenannten Shitstorms?

Michael Horbach:

Ja. Ich denke, links sein, kann nur bedeuten, mehr Demokratie und mehr Kontrolle zu fordern. Und da haben wir viel zu wenig. Alle vier Jahre mal wählen zu gehen, das ist der Anfang.

Michaela Boland:

Würden sie insoweit in einer verkürzten Legislaturperiode eine mögliche Lösung sehen?

Michael Horbach:

Hm, eher einfach ein wenig mehr Basisdemokratie. Ich bin ganz klar dafür, dass erstens die, die die Krise verursacht haben, und das sind nun mal die Reichen, mit dazu beitragen, dass wir aus der Krise herauskommen. Ich bin derjenige, der auch Interviews zum Thema Reichensteuer gibt. Also, ich bin bereit dazu, deutlich mehr Steuern zu zahlen.

Michaela Boland:

Würden sie in dem Zusammenhang auch die augenblickliche Politik der EU auf Zypern hinsichtlich der Enteignung Reicher als gerechtfertigt und moralisch vertretbar ansehen?

Michael Horbach:

Ich versuche, möglichst nur noch den Kulturteil zu lesen und Politik nur so im Groben, nicht mehr so sehr in die Tiefe gehend, denn ich will mich emotional nicht mehr so hinein begeben.

Ob die in Zypern jetzt damit die Richtigen packen, also, ob wirklich die Milliardäre, die da anlegen, jetzt auch zehn oder zwanzig Prozent ihrer Einnahmen zahlen, ist fraglich.

Wenn das so wäre, dann wäre das o.k. Wenn Europa, also die anderen Steuerzahler, nicht helfen würden, dann wären die Einlagen auch sehr wahrscheinlich sehr viel weniger wert.

Die Frage ist nur, und da bin ich sehr skeptisch, trifft es wirklich die, die man treffen will? Wir müssen den Markt da regulieren, wo er nicht funktioniert.

Das ist ja auch in dem System der Marktwirtschaft möglich, denn da wo keine Marktwirtschaft mehr ist, weil Monopole da sind oder Milliardäre regulieren, da muss der Staat eingreifen. Das ist Pflicht, um die Marktwirtschaft zu erhalten. Das hat also nichts mit Sozialismus oder Kommunismus zu tun.

Michaela Boland:

Und welchen Ansatz sehen sie da?

Michael Horbach:

Ich habe im Grunde zwei Ansätze: Zurück zu den Zeiten Helmut Kohls und der war kein Sozialist. Da zahlte man aber 53 Prozent Steuer. Da gab es Vermögenssteuer. Heute werden unglaubliche Leitartikel in der FAZ und so weiter darüber geschrieben, dass Vermögenssteuer überhaupt nicht ginge.

Vor 15 Jahren ging das noch. Das würde überhaupt nicht funktionieren und wäre auch rechtlich gar nicht möglich. Da denke ich, "nanu, wo sind wir denn? Wir hatten es doch".

Das Zweite, was ich vorschlage, ist folgendes: Ich würde mir wünschen, das dass, was in den letzten zehn Jahren passiert ist, wieder rückgängig gemacht wird. Dass wir also wieder die Verteilung haben wie bei Helmut Kohl.

In den letzten zehn Jahren hat ja eine eindeutige Umverteilung stattgefunden, aber von unten nach oben. Ich will zwar keine Umverteilung von oben nach unten, ich will nur wieder, dass das, was in den letzten zehn Jahren passiert ist,  rückgängig gemacht wird. Bin ich jetzt Sozialist?

Michaela Boland:

Dass insoweit also die Ober- und Unterschicht nicht mehr so weit auseinanderklafft und die Mittelschicht droht, gänzlich wegzukippen?

Michael Horbach:

Genau. Es werden ja immer Zahlen genannt. Zehn Prozent der Deutschen gehört 50 Prozent des Vermögens. Die Zahl ist nicht schön, aber viel schlimmer finde ich die Zahl, die dafür steht, wieviel die 50 Prozent von unten aus betrachtet an Besitz haben. Wissen sie das?

Michaela Boland.

Nein.

Michael Horbach:

1,2 Prozent. Es waren vier Prozent vor ca. sieben oder acht Jahren und das ist auf 1,2 herunter gegangen. Das ist die schlimmste Zahl und die liest man  viel zu selten. Und das macht klar, dass etwas passieren muss.

Michaela Boland:

Wenn man ein derart soziales Denken hat, wie es offenbar bei ihnen der Fall zu sein scheint, inwieweit berührt einen dann, wenn man erfährt, dass ausgerechnet das Unternehmen, an welches sie wahrscheinlich zu keinem allzu schlechten Kurs ihre Firma veräußert haben, öffentlich stark ins Kreuzfeuer der Kritik gerät, weil ahnungslose Kunden durch Fehlberatung im Hinblick auf den Erwerb hochriskanter Anlagen um ihr Erspartes gebracht wurden?

AWD-Kunden soll ja bereits von verschiedenen Gerichten Schadensersatz zugesprochen worden sein. Ihr Lebenswerk steckte nun mit im Unternehmen, was war das für ein Gefühl?

Michael Horbach:

Ja, das war ja immer so. Ich merke dadurch eben, was für eine tolle Arbeit die Firma Horbach macht. Die Firma Horbach besteht ja vom Namen her noch, sie nennt sich jetzt Horbach Finanzplanung. Das war ja AWD und dann hat der Maschmeyer an Swiss life, eine Schweizer Versicherungsgesellschaft, verkauft.

Den Name AWD gibt es nun nicht mehr. Aber Horbach gibt es noch. Bei Hannover 96 gibt es sogar jetzt Bandenwerbung, da steht Horbach Finanzplanung für Akademiker. Wenn es 20 solcher Firmen gäbe, sähe es in der Finanzberatung besser aus.

Das Problem sind ja die Strukturvertriebe. Der größte ist, glaube ich, DVAG. Die haben ungefähr 10.000 Mitarbeiter, wie die allerdings ausgebildet werden, ist eher ein Wahnsinn. Die tun so als wenn sie Makler wären, sind aber im Grunde ein Firmenvertreter der AachenMünchener.

Wenig Ausbildung und viele arbeiten nur nebenberuflich. Auch wenn die Mitarbeiter es gut meinen würden. Sie können es nicht anders. Sie können nicht ordentlich beraten. Darum habe ich immer gesagt, man sollte als Berater möglichst ein abgeschlossenes Studium mit sich bringen.

Es gibt zwar auch Berater ohne Studium, die hervorragend sind, aber die mit Studium wollen in der Regel einen Beruf ausüben und nicht nur einen Job machen. Als ich an AWD verkauft habe, war außerdem meine Bedingung, dass es keinen Strukturvertrieb und keine nebenberufliche Mitarbeiter mehr gibt. Das hatte Maschmeyer mir zugesagt.

Die Idee war, durch unser Geschäftsmodell AWD beeinflussen zu können. Und Maschmeyer hat mir am Anfang auch ganz klar das Gefühl gegeben, dass er sich daran hält. Der Maschmeyer ist ja ein sehr Geschickter.

Das hat zwar gedauert, aber irgendwann, als die merkten, dass wir weiterhin super super erfolgreich waren, da hat der schon geguckt nach dem Motto: Was ist los? Und dann ist die eine oder andere Leitidee oder Vision vom AWD übernommen worden.

Michaela Boland:

Wie kam es überhaupt zum Verkauf an Carsten Maschmeyers AWD?

Michael Horbach:

Natürlich gebe ich auch gerne zu, dass ich mit 50 frei sein wollte. Ich habe mich lange gegen ein Treffen mit AWD, also Maschmeyer, gewehrt. Irgendein Vorstand sagte mir dann, "komm, dann lernst du den doch mal kennen". Eigentlich war der Strukturvertrieb ja mein Feindbild.

Dann habe ich aber irgendwann gesagt, "naja, warum nicht". Und Maschmeyer hat mir den Hof gemacht. Also, das können sie sich nicht vorstellen, aber der kann das.

Michaela Boland:

Also, ist er ein charismatischer Mensch?

Michael Horbach:

Ja. Im Nachhinein muss ich sagen, es war alles richtig. Da war auch kein anderer Interessent. Wir waren seiner Zeit in Deutschland die Nr. 2 und sind es ja heute auch noch. Wir hatten uns ja  auf Akademiker spezialisiert. Das, was AWD gemacht hat, war ja mehr so das Normale. Eigentlich haben die uns nur gekauft, um ihr Ansehen vor dem Börsengang aufzupolieren.

Michaela Boland:

Wie hat sich die Firma Horbach zu dem entwickeln können, was sie wurde?

Michael Horbach:

Meine damalige Freundin wurde mit dem Medizinstudium fertig und sagte zu mir, "du bist kritischer Verbraucher, ein Volkswirt. Was muss ich machen". So ist die Firma Horbach entstanden. Ich habe mich dann schlau gemacht und sie beraten, dann hat sie andere PJ-ler herangebracht.

Irgendwann wusste ich, es gibt Krankenhäuser, wo sich weitere PJ-ler aufhalten, dann bin ich dahin gegangen. (Anmerkung der Redaktion: Als PJler bezeichnet man einen Medizinstudenten bzw. eine Medizinstudentin im Praktischen Jahr oder auch „Hakenhalter“.

Michaela Boland:

Dann haben sie quasi Krankenhäuser nach Kunden abgeklappert?

Michael Horbach:

Ja, ich bin dann vom einen zum anderen gegangen, von einer Empfehlung zur nächsten. Auch heute sage ich noch zu den Leuten, die mich fragen, wie ich das damals gemacht habe, "gib mir einen guten Kunden, der davon überzeugt ist, dass ich alles für ihn richtig gemacht habe, mit dem baue ich die Firma Horbach nochmal auf".

Michaela Boland:

Aber PJ-ler verdienen doch noch kaum etwas und haben früher gar nichts verdient.

Michael Horbarch:

Ja, aber da habe ich die schon beraten und ihr Vertrauen gewonnen. Natürlich gibt es da noch nichts zu verkaufen (verdienen), denn die haben ja noch kein Einkommen. Aber denen konnte ich schon wertvolle Tipps geben wie z.B dass es für das PJ (praktische Jahr) eine kostenlose Berufshaftpflicht gibt usw.

Irgendwann treten sie ins volle Berufsleben ein und dann brauchen sie eine Krankenversicherung. Für die meisten Ärzte ging es darum, "wie kann ich jetzt sparen, also investieren, damit ich später günstig eine Niederlassung finanzieren kann".

Michaela Boland:

Ist speziell die Branche der Anlageberatung dazu geeignet, schnell aus dem Ruder zu laufen?

Michael Horbach:

Maschmeyer ist natürlich einer, der im Mittelpunkt steht und sie deshalb  von rechts und links um die Ohren kriegt. Es gibt ja noch andere. Andere sind eigentlich von dem her, was sie machen, viel viel schlimmer.

Da sitzen dann im Aufsichtsrat irgendwelche Politiker, da kommt keine Kritik. Die werden mit Geld gefüttert und gemeinsame Fotos des Chefs z.B mit dem damaligen Bundeskanzler oder anderen Politikern auf irgendwelchen Veranstaltungen fotografiert.

Und die Mitarbeiter sind dann zu den Kunden gelaufen, zu den alten Omas, und haben gesagt, "gucken sie mal, der Chef mit dem Bundeskanzler. Kann da was  falsch sein? Um Gottes Willen, unterschreiben sie". Das hasse ich bei den Politikern, dass sie sich kaufen lassen.

Nun, was die Strukturvertriebe auf der einen Seite anbelangt, so gibt es da genug Kritik und ich denke, wir haben dadurch schon etwas verändern können. Wenn man sich allerdings mal den ganzen Bereich der Banken ansieht, ist das, was da passiert, noch viel schlimmer.

Dagegen ist der Maschmeyer ein kleiner Wurstel. Als die Firma Horbach größer wurde, hat man mir gesagt, "du musst einen Namen haben, du musst die Deutsche Bank als Bankverbindung haben". So bin ich dort Kunde geworden. Aber, wenn ich den Ratschlägen der Deutschen Bank gefolgt wäre, hätte ich die Hälfte meines Vermögens verloren.

Also, was die Banken da machen und was da passiert, nehmen wir zB die Steueroasen, ist das doch viel schlimmer. Das mit den Banken, das können sie über Jahrhunderte hinweg zurück verfolgen. Es war immer so. Die Banken haben die Politik nicht nur beeinflusst, sondern auch die Macht über die Politik gehabt und das ist bis heute so.

Michaela Boland:

Das Sprichwort "Geld regiert die Welt" trifft also ausnahmslos zu?

Michael Horbach:

Ja. Es ist so. Darum sage ich, "mehr Demokratie" und ich sage, "es  muss einen Mindestlohn geben", denn alles andere ist menschenunwürdig  und hat nichts mit Zivilisation zu tun. Kein Mensch braucht mehr als eine Million im Jahr zu verdienen.

Wer nur Geld als Motivation hat, wäre bei mir an der falschen Adresse. Eine Gesellschaft lebt davon, dass alle Menschen innerhalb einer Gesellschaft von ordentlichen Einkommen leben können. Das wird heute vernachläßigt.

Außerdem muss man schauen, wen bevorteilt der Marktmechanismus und wen nicht. Wo funktioniert er überhaupt nicht, Beispiel Krankenschwestern und Spekulanten.

Deshalb sollte es oben und unten Grenzen geben. Wenn man demokratisch denkt, muss man verhindern, dass Menschen so viel Geld haben, dass sie zum Beispiel die Presse regulieren können. Ein national-konservativer Peter Scholl-Latour sagt zum Beispiel, "Pressefreiheit? Ja, gibts: für einige Milliardäre"

Michaela Boland:

Pressefreiheit ist nach ihrem Dafürhalten insoweit nicht existent?

Michael Horbach:

In Kuba gibt es drei Zeitungen, das stellt die gesamte Presse dar. Wir haben sehr wahrscheinlich 3000, aber die gehören fünf Milliardären. Also, wo ist der Unterschied? Wenn man es abstrakt sieht, also wirklich einmal über das Kleinkarierte blickt, ist das doch alles ein Einheitsbrei.

Alles, was beispielsweise, Russland, China oder Kuba anbelangt, muss schlecht sein. Ich möchte nicht dort leben, ich möchte auch nicht solche Systeme haben, aber ich möchte, dass wir objektiv sind und nicht dasselbe machen, was wir diesen Ländern vorwerfen.

Michaela Boland:

Woran machen sie das Nicht-Objektive konkret fest?

Michael Horbach:

Ich kann ihnen ein gutes Beispiel nennen. Das betrifft Kuba und ich mache es an meiner eigenen Erfahrung fest. Vor wenigen Monaten kam groß in der Presse, "Endlich Reisefreiheit für Kuba". Vorher hieß es ja immer, die Kubaner sind unfrei, dort herrscht eine Diktatur. Ich habe vor fünf Jahren eine nette Kubanerin aus dem Kulturbereich kennengelernt.

Die wollte auch mal hierher nach Deutschland kommen. Es ging daher zunächst um ein Visum. Also ging sie zur kubanischen Botschaft in Havanna und erhielt sofort ein Visum. Das wird dort für ein Jahr ausgestellt. Das Ganze hat nur einen Haken:

Wenn die Kubaner dann nicht innerhalb eines Jahres nach Kuba zurückkehren, dann heißt es von kubanischer Seite, "dann bleibt draußen". Das Problem sind aber hier wir Deutschen.

Michaela Boland:

Inwiefern?

Michael Horbach:

Nun, meine Bekannte benötigte ja auch ein deutsches Visum für die Einreise. Dafür musste ich sorgen. So ging ich zur deutschen Botschaft. Dort teilte man mir komischerweise mit, " Nein, diese Leute bleiben nachher hier".

Also antwortete ich, " ich habe eine Stiftung und  hinterlege 50.000 Euro als Sicherheit". Da haben sie zuerst gesagt: "Nein, nein, das wollen wir nicht." Aber dann haben sie es nachher doch gemacht.

Also, Tatsache ist, die Kubaner dürfen verreisen, aber wir verhindern, dass die Kubaner frei verreisen können. Ich kann sogar verstehen, dass sie die Kubaner und auch die Afrikaner nur eingeschränkt hierher lassen, denn wir können weder ganz Kuba noch ganz Afrika hier unterbringen. Aber ich möchte zumindest in der Presse die Wahrheit lesen, damit das auch alle verstehen.

Michaela Boland:

Sie halten mit ihrer Meinung glücklicherweise nicht hinterm Berg.

Michael Horbach:

Natürlich ist es einfacher, wenn man mit dem Strom schwimmt. Ich habe immer alles kritisch hinterfragt. Der liebe Gott hat mir nun mal so einen Kopf gegeben. Das tut zwar hin und wieder auch ein bisschen weh, aber so ist es dann eben.

Michaela Boland:

Ist es leichter, nicht mit dem Strom zu schwimmen, wenn man über die finanziellen Mittel verfügt, sich den möglichen Konsequenzen dafür gegebenenfalls nicht ausgesetzt sehen zu müssen?

Michael Horbach:

Nun, ob das einfacher ist? Ich habe den einen oder anderen Kontakt zu vermögenden und eher konservativen Leuten, wo ich mir nicht sicher bin, dass ich sie von meinen Ansichten überzeugen könnte. Gerade hatte ich wieder einen Fall, da dachte ich mir, "ich lasse es einfach, denn das macht mich nur wahnsinnig".

Die sagen dann tatsächlich zu mir, "du bist durch dieses System reich und unabhängig geworden, also schieß jetzt gefälligst auch nicht dagegen".

Dann frage ich zurück: "Moment mal, wo steht das denn geschrieben?" Nun habe ich sehr wahrscheinlich das Glück, dass ich zwar keinen Euro zu Unrecht verdient habe, allerdings habe ich für meine Arbeit viel zu viel verdient.

Der Markt gibt das so her, dass es, wenn du eine Lebensversicherung verkaufst oder ein Haus finanzierst, eben zwei oder viertausend Euro gibt. Jetzt habe ich natürlich nicht gesagt, "nein, ihr braucht mir nur die Hälfte zu überweisen". Klar. Aber, mir ist schon bewußt, dass ich durch drei oder vier Beratungen am Tag das verdient habe, was eine Krankenschwester in drei Monaten verdient.

Michaela Boland:

Ist das auch ein Grund dafür, dass sie heute verhältnismäßig viel an die Gesellschaft zurück geben?

Michael Horbach:

Ich habe mit Sicherheit kein schlechtes Gewissen, weil ich etwas Positives in die Welt gesetzt habe. Gerade in der Branche, wo es am dringendsten notwendig ist.

Denn die Firma Horbach lebt weiter und ist gerade im Hinblick auf das Management mit Menschen besetzt, die mir aus der Seele sprechen. Die sind alle sozial eingestellt und leben den sozialen Gedanken weiter.

Bei mir war es auch schon im Alter von 30 Jahren so, dass ich zehn Prozent meines Einkommens in soziale Belange investiert habe. Das habe ich sowohl während meiner Zeit mit der Firma Horbach so gehalten, als auch später beim Verkauf des Unternehmens.

Augenblicklich wird es zwar nicht mehr im selben Maße von meiner früheren Firma, die nach wie vor meinen Namen trägt, gehandhabt, aber immer noch recht engagiert durchgeführt. Das ist schon irgendwo drin.

Michaela Boland:

Lieber Herr Horbach. Für die Ausstellung sowie alle weiteren Projekte auch weiterhin viel Erfolg und vielen Dank für dieses Interview.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

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20.07.2019 MICHAELA BOLAND TRIFFT INGRID STEEGER

GFDK - Interview und Portrait - Michaela Boland

Das Große Exklusivinterview für freundederkuenste.de - MICHAELA BOLAND TRIFFT INGRID STEEGER

Mit ihrem Nachnamen wollte sie sich schon in ihrer Jugend nicht abfinden. Weil sie mit Stengert nichts anfangen konnte, wandelte sie ihn kurzerhand in Steger um als sie ihren Stenotypistinnen-Job in einem Architekten-Büro antrat.

Womöglich die einzige Rebellion ihres Lebens. Nur einige getippte Ausschreibungen und ein weiteres "e" im Namen später sollte die Öffentlichkeit noch eine ganze Menge von der schönen Blondine zu hören und sehen bekommen.

Durch die legendäre und prämierte Fernsehunterhaltungsproduktion "Klimbim" avancierte sie in den 70er Jahren zum Kultstar. Zeitgleich haftete auch das Image der sexy, aber leicht dösigen Ulknudel an ihr.

Mit zahlreichen Rollen in anerkannten Fernsehformaten zeigte sie danach immer wieder, dass sie sich nicht nur auf das schwierige Fach der Komik, sondern ebenso gut auf Ernstes versteht. Die Aufs, doch vor allem die Abs ihres Privatlebens wurden durch Medien im Laufe der Jahre immer wieder gnadenlos detailliert vor Millionen ausgebreitet.

Doch kaum ein Prominenter hat es vermocht, so aufrecht und geradlinig durch schlechte Zeiten zu gehen, wie sie. Zurzeit gibt es sie nur im Doppelpack. Yorkshire-Lady Eliza Doolitle, ein Geschenk ihrer Kasseler Theater-Kollegen, ist seit einiger Zeit ihre ständige Begleitung.

So auch im Kölner Theater am Dom, wo sie bis zum 09. Februar neben Simone Rethel, Beatrice Richter, Christine Schild und Volker Brandt in dem Stück "Der Kurschattenmann" zu sehen war, bevor die Produktion nach Bonn zog.

Ich bin sehr gespannt auf dieses Zusammentreffen und freue mich darauf. Als Kind der 70er Jahre war es stets etwas Besonderes für mich, abends hin und wieder "Klimbim" sehen zu dürfen.

Die blonde Gabi mit Zöpfen, Sommersprossen, Nickelbrille und bezeichnender Zahnlücke war mir die Liebste, weil sie, rotzfrech, die Wahrheit auf den Punkt zu bringen schien, zwar regelmäßig  eine schallende Ohrfeige ob des Wagemutes einstecken und anschließend heulen musste, sich jedoch niemals entmutigen ließ.

Ihre Darstellerin, Ingrid Steeger, hatte längst Kultstatus erreicht als sich die ersten weniger ruhmreichen Schlagzeilen über deren Privatleben durch die Printmedienlandschaft zogen.

Über zerbrochene Beziehungen und Ehen der einst so gefeierten Mimin mit Idealfigur bis hin zum traurigen Hartz IV-Antrag vor wenigen Jahren, einem Zeitpunkt, der für die Schauspielerin längst von Depressionen bestimmt war.

Wie auch immer Ingrid Steeger in den Medien beurteilt wurde, bei ihrem Publikum zeichnete sie sich wegen ihrer sympathischen Art kontinuierlich durch Beliebtheit aus.

Im gemütlichen Theater am Dom treffe ich die 65-Jährige. Von ihrer jungendlichen Frische hat sie kaum etwas eingebüßt, sondern sieht nach wie vor einfach ausgesprochen gut aus. Alter ist offensichtlich bei ihr tatsächlich nur eine Ziffer.

Selbst ihre Stimme hat sich im Laufe der Jahre kaum verändert. Ihre zweijährige Yorkshire-Terrier-Hündin, Eliza Doolittle, die sie auf Schritt und Tritt begleitet und ihr nur gelegentlich, wenn sie einen Knochen oder gar Luftballons zum hineinbeißen und platzen lassen sucht, von der Seite weicht, ist zu einem wichtigen Faktor im Leben der Schauspielerin geworden.  

Michaela Boland:

In ihrem aktuellen Theaterstück, "Der Kurschattenmann" im Kölner Theater am Dom, geht es um einen alternden Casanova , der, nicht ganz ohne Hintergedanken, versucht, direkt mehrere Damen gleichzeitig zu beglücken. Was für eine Rolle spielen sie dabei?

Ingrid Steeger:

Ich spiele eine Dauerpatientin, eine Frau, die eine sehr schwierige Ehe hatte und unter Depressionen leidet. Alle Damen in diesem Stück leiden unter Depressionen. Jede ist ein wenig vom Leben geschädigt und wir verlieben uns alle in diesen Ulrich" (gespielt von Volker Brandt), der ein Charmeur ist, allerdings auch ein kleiner Hochstapler, und der versucht, an das Geld der Frauen zu kommen. Aber natürlich auf amüsante Art.

Michaela Boland:

Wie haben sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ingrid Steeger:

Ich habe den Text gelernt (lacht).

Michaela Boland:

Hin und wieder besteht ja die Notwendigkeit, sich intensiver in bestimmte Charakterzüge einer Rolle hineinzufinden. Man liest gelegentlich, dass Schauspieler für eine Rolle zu- oder abnehmen, manchmal sogar ein Stück weit real in ein solches Leben eintauchen müssen, um so authentisch wie möglich zu sein.

Ingrid Steeger:

Es ist ein Boulevardstück und das ist natürlich auf Komödie aufgebaut. Wir müssen uns also in keine Depression hineinfinden, ganz anders als zum Beispiel bei dem letzten Stück, dass ich in Kassel gespielt habe, "Gatte gegrillt". Das war ein völlig anderes sich Heranarbeiten.

Da ging es um eine Frau, die nach 20 Jahren Ehe von ihrem Mann für eine jüngere Geliebte verlassen wurde. Diese Frau kommt einfach nicht damit klar, dass er sie einfach so in die Ecke gestellt hat, und versucht, dies auch noch nach Jahren aufzuarbeiten.

Das ist etwas ganz anderes, da muss man dann mehr dran arbeiten. Aber hier geht es im Grunde genommen nicht nur um die Depression, sondern darum, was dieser Ulrich erfindet und wie wir darauf hereinfallen und später versuchen, ihn auszutricksen und uns schließlich zu distanzieren.

Es ist insoweit eine lockere Unterhaltung, denn wenn sich die Depression im Text widerspiegeln würde, wäre es keine Unterhaltung mehr.

Michaela Boland:

Das andere Stück, das sie gerade ansprachen, "Gatte gegrillt" spielten sie in Kassel?

Ingrid Steeger

:Ja, das war eine Tragikomödie, eine englische, schwarze Komödie. Wir spielten es in Kassel und Bremen. In Bremen wird es wohl auch noch einmal aufgeführt werden.

Michaela Boland:

Wenn sie ein Stück zeitversetzt noch einmal spielen und zwischendurch für andere Produktionen zur Verfügung stehen, bleibt ihnen der Text dann eigentlich trotzdem im Gedächtnis oder müssen sie den alten Text dann in der Tat von Grund auf neu erlernen?

Ingrid Steeger

Nein, das Hirn ist ja ein Computer. Da ist alles gespeichert, wenn man noch einmal darüber geht. Ich habe gerade drei Stücke drauf. Das Stück "Gatte gegrillt" werde  ich wahrscheinlich noch einmal in Bremen spielen. Außerdem werde ich jetzt damit anfangen, noch ein anderes Stück für Kassel zu lernen. Also, das ist alles abrufbereit. Man geht natürlich nochmal drüber, das ist ganz klar.

Michaela Boland:

Gibt es bei ihnen auch schon mal Angst vor einem Blackout?

Ingrid Steeger:

Doch, die hat jeder Schauspieler, aber ich hatte das Problem bis jetzt glücklicherweise noch nicht. Manchmal kommt es vor, dass man in der einen Sekunde denkt, "Oh Gott, wie gehts jetzt weiter", aber in letzter Sekunde ist der Text dann wieder da. Es kann auch passieren, wenn man zu oft spielt und man sich dann einfach zu sicher ist und manchmal ein bisschen vor sich hin träumt.

Michaela Boland:

Kannten sie die Kollegen aus ihrem aktuellen Stück schon durch frühere Zusammenarbeit?

Ingrid Steeger:

Die Simone Rethel kannte ich schon, Christine Schild zuvor noch nicht. Aber Beatrice Richter und Volker Brandt kannte ich ebenfalls schon lange.

Michaela Boland:

Funktioniert die Zusammenarbeit grundsätzlich leichter, wenn man sich bereits kennt?

Ingrid Steeger:

Die Phase des Kennenlernens kann man dann natürlich überspringen. Man lernt sich selbstverständlich bei den Proben noch besser kennen. Das Gute an den Proben ist dann immer, dass es sowohl ein berufliches als auch ein privates Zusammenraufen ist.

Michaela Boland:

Setzen sie sich im Anschluss an die Vorstellungen immer noch privat mit den Kollegen zusammen?

Ingrid Steeger:

Also, heute setzen wir uns zum Beispiel zusammen. Oder als der Jopie 109 Jahre alt wurde (Anm. d. Red.: Johannes Heesters wäre am 05.12.2012 109 Jahre alt geworden, verstarb allerdings am 24.12.2011) haben wir uns in seiner Abwesenheit zusammengesetzt.

Das war übrigens nicht dramatisch, sondern es war sogar sehr lustig. Da hat die Simone gesagt, dass der Jopie Heesters zu seinem Geburtstag immer sehr gerne viel Leute um sich gehabt habe.

Da haben wir gesagt, "o.k., dann machen wir das auch", und haben uns alle zusammen gesetzt. Auch zum Geburtstag von Beatrice Richter und Christine haben wir das getan. Manchmal setzten wir uns auch alle zusammen, wenn irgendjemand Besuch bekommt.

Aber eben nicht jeden Abend. Auf Tournee ist man natürlich automatisch mehr zusammen, aber hier in Köln hat jeder seine eigene Wohnung oder sein Appartement und so sein Eigenleben. Das ist üblich, wenn man irgendwo fest spielt.

Michaela Boland:

Montags ist spielfrei. Was tun sie an diesem Tag üblicherweise?

Ingrid Steeger:

Es ist eigentlich immer irgendetwas. Irgendwelche Interviews oder sonstige Termine. Auch arbeite ich gerade an einem Buch und der Lübbe-Verlag ist ja hier in Köln ansässig, insofern ist da immer irgendetwas zu tun.

Nur abends versuche ich zumindest immer, in meiner Wohnung zu sein, auf die Uhr zu gucken und zu sagen, "jetzt wäre ich normalerweise auf der Bühne und jetzt bin ich nicht auf der Bühne". Wir spielen hier ja sieben Tage die Woche. 

Michaela Boland:

Worum wird es in ihrem Buch gehen?

Ingrid Steeger

Natürlich, um mein Leben (lacht). Worum soll es sonst gehen?

Michaela Boland:

Also eine Autobiografie. Packen sie da alles hinein oder werden bestimmte Themen ausgeklammert?

Ingrid Steeger:

Es wird natürlich immer etwas bleiben, was nur mir gehört, das ist ganz klar. Aber es stand ja sehr viel in der Presse, doch das ist ja immer alles nur recht oberflächlich angedeutet und die Hintergründe nicht. In meinem Buch wird viel drin stehen, was auch nicht immer lustig sein wird, auch viel Neues. Es ist jedoch kein ab- oder aufrechnen.

Michaela Boland:

Wann wird es erscheinen?

Ingrid Steeger:

Im August.

Michaela Boland:

Steht der Titel bereits fest?

Ingrid Steeger:

Ja, es heißt "...und find es wunderbar". Also nach dem ..."dann mach ich mir `n Schlitz ins Kleid", das lassen wir natürlich weg, sondern nur ".und find es wunderbar".

Michaela Boland:

War Klimbim für sie eigentlich Fluch, Segen oder beides?

Ingrid Steeger:

Beides natürlich, beides. Ohne Klimbim würde ich heute nicht hier sitzen und sie würden mich nicht interviewen.

Michaela Boland:

Man weiß es nicht.

Ingrid Steeger:

Ich hatte kein Verlangen nach diesem Beruf. Vielleicht hatte der Beruf Verlangen nach meiner Person, aber ich nicht nach dem Beruf. Das hat sich so ergeben. Ich bin rein geschlittert und bin dabei geblieben.

Michaela Boland:

Sie haben die Handelsschule abgeschlossen und in einem Architekturbüro gearbeitet.

Ingrid Steeger:

Kurzfristig, sehr kurzfristig.

Michaela Boland:

Was gehörte da zu ihren täglichen Aufgaben?

Ingrid Steeger:

Schreibmaschine schreiben. Ausschreibungen tippen. Ich war als Stenotypistin tätig, es gab ja noch keine Computer und dergleichen.

Michaela Boland:

War das nicht so geplant?

Ingrid Steeger:

Es war nie mein Traum im Büro zu arbeiten. Es war auch nicht mein Traum, auf die Handelsschule zu gehen. Das waren damals andere Zeiten. Mein Vater hat bestimmt, dass ich auf die Handelsschule gehe und damals hat man halt das gemacht, was die Eltern gesagt haben.

Michaela Boland:

Was haben sie da für einen Abschluss gemacht?

Ingrid Steeger:

Wirtschaftsabitur.

Michaela Boland:

Was war ihr eigener Plan für ihr Leben?

Ingrid Steeger:

Ich wollte ganz einfach nicht  im Büro arbeiten. Damals kamen gerade die Discotheken auf, das war ja damals was ganz Neues. Und dann fing ich an, in Berlin als Go-Go-Girl in Diskotheken zu tanzen. Allerdings nicht wie die Go-Go-Girls heute sind.

Wir haben Röckchen angehabt, Stiefel und lange T-Shirts und standen nur so da und haben so vor uns hingetanzt. Und dann habe ich auch teilweise zwischendurch im Büro gearbeitet und habe das natürlich zu Hause auch nicht so genau erzählt.

Dann habe ich aufgehört, regelmäßig bei dem Architekten zu arbeiten und zwischendurch immer, wenn das Geld knapp war, dann als Sekretärin gejobbt und immer wieder mal getanzt. Und so hat sich das alles irgendwie ergeben. Bei mir hat sich immer alles ergeben, das griff stets ineinander über, ob ich wollte oder nicht.

Michaela Boland:

Haben sie denn auch ein wenig darauf vertraut, dass immer irgendetwas kommt?

Ingrid Steeger:

Ich habe auf gar nichts vertraut. Ich wusste nur etwas: Mein Leben sollte nicht im Büro enden. Allerdings sollte es auch nicht vor der Kamera enden.

Michaela Boland:

Glauben sie an Schicksal?

Ingrid Steeger:

Ja, wenn man sein Leben beobachtet, liegt das Schicksal eigentlich in meiner eigenen Hand. Wenn man das im Nachhinein sieht, ging eigentlich alles ineinander über. Nur leider kapiert man das in dem Moment nicht, sonst könnte man seine Fähnchen rechtzeitig besser danach ausrichten

Michaela Boland:

Sie haben beschrieben, dass sie in ihrem Leben vieles gemacht machen, was andere von ihnen verlangt haben. Würden sie dies, rückwirkend betrachtet, heute anders handhaben?

Ingrid Steeger:

Mit diesem Satz kann ich gar nichts mehr anfangen. Ich überlege da auch gar nicht. Was sage ich? Wenn ich das und das gemacht hätte, wäre vielleicht nicht das und das passiert. Wenn ich keine Sexfilmchen gemacht hätte, hätte ich nicht Klimbim gemacht.

Mich mochten damals die Kinder, die Frauen und die Männer und wenn ich kein Ja-Sager gewesen wäre, wäre mein Sex, den ich nicht freiwillig gegeben habe, sondern, den ich gab, weil ich ihn geben musste, weil man es von mir verlangte, vielleicht nicht so sauber rüber gekommen, dass mich wiederum dann nicht  die Kinder und die Frauen geliebt hätten.

Also, das ist alles so ein Gemisch. Wenn, wenn, wenn und hätte. Dieses Wort "hätte", habe ich eigentlich aus meinem Leben getan. Ich kann es nicht ändern und ich will auch gar nicht darüber nachdenken, was dann passiert wäre, denn ich weiß es nicht.

Michaela Boland:

Eigentlich sind sie über all die Jahre bei Jung und Alt  nahezu dauerbeliebt.  Erinnern sie sich überhaupt an Negativ-Kritik?

Ingrid Steeger:

Negative Kritik in dem Sinne eigentlich kaum. Aber, sagen wir mal, es hat vieles, was die Presse geschrieben hat, nicht gestimmt. Die Presse hätte eigentlich wissen müssen, dass sie mir mit dem, was sie da  hin und wieder schreibt, schadet.

Aber sie haben es halt  geschrieben, weil es aufreißerisch ist und weil sie eben etwas schreiben müssen. Aber, dass mich jetzt jemand verdammt hat, in dem Sinne, eigentlich nicht. Nun muss ich sagen, lese ich auch sehr wenig die Presse, weil ich mich nicht ärgern will.

Denn einiges stimmt und einiges stimmt natürlich nicht. Und wenn man das dann so liest, wie man es nun gar nicht gesagt oder gemeint hat, ist das nicht schön. Oder es kommen so schlimme Mutmaßungen, die dann mein Leben schon vorausbeschreiben, wo ich denke, das kommt einer Verurteilung gleich, wobei sie ganz genau wissen, dass das nicht stimmt. Aber wir wissen ja, wie die Medien sind.

Michaela Boland:

Also, egal, wie lange man im Business ist, man ärgert sich immer mal wieder über Berichterstattung hinsichtlich der eigenen Person?

Ingrid Steeger:

Darum lese ich es mir erst gar nicht durch, dann braucht man sich auch nicht zu ärgern. Aber es gibt leider Gottes immer Leute, die einem das dann schicken.

Michaela Boland

Man hat ihnen für viele Jahre den Stempel "Ulknudel" verpaßt.1992 kam dann "Der große Bellheim" unter der Regie von Dieter Wedel, mit dem sie auch privat liiert waren. Es wurde vielerorts so formuliert, dass sie  nun in das sogenannte "seriöse Fach" wechselten. War es ihnen selbst ein Bedürfnis, vom Image der lustigen erotischen Frau in das sogenannte seriöse Schauspielfach zu überzugehen?

Ingrid Steeger:

Also für mich ist alles seriös. Klimbim war die härteste Arbeit meines Lebens. Ich habe vor dem Bellheim auch schon zweimal Derrick und den Kommissar gemacht. Außerdem habe ich darüber hinaus bereits in Fernsehspielen Rollen übernommen.

Also, ich habe nicht nur Komik gemacht. Die Leute hängen sich nur immer an der Komik und insbesondere an Klimbim fest. Bellheim ist nicht das erste in dieser Richtung gewesen. Ich habe nämlich auch einen anspruchsvollen Derrick gemacht.

Das ist das gleiche in grün. Nur damals wurde das durch den Dr. Dieter Wedel, weil ich ja auch noch mit dem liiert war, einfach groß herausgehoben. Bellheim war natürlich ein riesen Erfolg, ist auch in einer Zeit entstanden, in der ich mit ihm liiert war. So habe ich auch den ganzen Aufbau mit verfolgt. Dadurch wurde die Rolle natürlich stark überbewertet.

Michaela Boland:

Wie haben sie sich eigentlich ineinander verliebt? Ich selbst hatte noch keine Gelegenheit, ihn kennenzulernen, habe allerdings das eine und andere Mal von Schauspielern gehört, dass er auch recht streng sein könne. Können sie das bestätigen?

Ingrid Steeger:

Streng ist ein sehr nettes Wort. Ja, er ist ein sehr schwieriger Mensch. Aber  immerhin haben wir es ja fünf Jahre miteinander geschafft. Und es war keine unglückliche Zeit. Im Nachhinein sieht man vieles anders. Aber wir hatten eigentlich eine sehr gute Zeit, die nicht immer einfach war. Doch schwierige Menschen sind nun mal schwierig und das wusste ich natürlich.

Michaela Boland.

War es Liebe auf den ersten Blick?

Ingrid Steeger:

Nein, ich habe mich ja auch mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, weil ich ja wusste, dass er schwierig war. Aber, da ich nun mal gelernt habe, im Leben mehr auf andere Leute einzugehen, ist mir das vielleicht nicht so schwer gefallen wie den anderen Frauen.

Michaela Boland:

Ist das heute noch immer so bei ihnen, mehr auf die Bedürfnisse anderer Menschen einzugehen als auf ihre eigenen?

Ingrid Steeger:

Ich habe schneller den Durchblick als früher und versuche da schon, meine Distanz zu halten. Jedoch glaube ich, dass es einfach ein Teil meines Charakters ist, das ich vielleicht immer ein bisschen mehr in den Menschen sehe und dann tut man auch mehr für die anderen.

Ich kann dann deren Bedürfnisse nicht einfach an mir abprallen lassen. Ich versuche, die Menschen mehr zu ergründen und bringe womöglich einfach manchmal ein bisschen zu viel Verständnis für andere auf und das merken natürlich manche Leute und die wissen das dann schon zu benutzen.

Michaela Boland:

Kommen wir noch einmal auf Klimbim zurück. Sie sagten gerade, es sei für sie die härteste Arbeit ihres Lebens gewesen. Inwieweit hatte das mit dem Regisseur Michael Pfleghar zu tun?

Ingrid Steeger:

Ja, es war sehr schwierig. Und auch hier kommt wieder hinzu, dass wir miteinander liiert waren und dass ich ihm dann gehört habe, beruflich wie privat. Das war für mich zum damaligen Zeitpunkt durchaus in Ordnung. Im Nachhinein sieht man vieles anders.

Im Hinblick auf meine Jugend sagen die Leute ja auch, "deine Jugend war ja schrecklich", aber in meiner Jugend fand ich meine Jugend in Ordnung. Mit dreißig vierzig Jahren dann nicht mehr.

Aber, das ist auch vielleicht etwas, das man überlebt, wenn man es in dem Moment so sieht. Aber Klimbim war eben deshalb so schwierig, weil ich vor der Kamera nicht so agieren konnte, wie ich es gerne getan hätte.

Oder der  Pfleghar hat es auch einfach nur nicht so gesehen und er hat es natürlich, ich sage immer "rausgeprügelt" in Anführungsstrichen. Ich wusste nicht, dass ich komisch sein würde und er hat es mit Gewalt herausgeholt und ich habe gehorcht.

Also ich habe wieder mal gehorcht. Wie immer im Leben, habe ich auch ihm gehorcht. Und das war ja offensichtlich richtig so. Es hat nicht unbedingt Spaß gemacht, aber es kam etwas dabei heraus. Und das durfte das Publikum ja nun auch nicht merken.

Das war wichtig. Wenn wir das jetzt zusammen durchgehen würden, könnte ich ihnen jede Szene nennen, bei der ich geheult habe. Auch beim Schneemann. Das war nicht im Studio, sondern das war wirklich draußen im Schnee. Und das im Abendkleid.

Und das mussten wir zehn bis zwanzig Mal drehen und da bin ich fast erfroren und bin seiner Meinung nach immer falsch um den Schneemann herumgelaufen. Das war dann auch nicht komisch.

Michaela Boland:

Als vorlaute Gabi haben sie in der Klimbim-Familie regelmäßig Backpfeifen kassiert. Wurden die Schläge gefakt oder mussten sie den Schmerz tatsächlich aushalten?

Ingrid Steeger:

Es war real. Das war nicht komisch. Die Volkmann hat eine gute Handschrift gehabt.

Michaela Boland:

Hatten sie denn nie das Bedürfnis, Elisabeth Volkmann bei Gelegenheit mal eine schallende Ohrfeigen-Retourkutsche zu verpassen?

Ingrid Steeger:

Nein, ich dachte ja, das muss so sein.

Michaela Boland:

Schauen sie sich Wiederholungen von Klimbim gelegentlich an? Können sie das gut sehen?

Ingrid Steeger:

Nein, das gucke ich mir nicht an. Ich sehe mir auch keinen Talk, den ich gemacht habe, an. Ich gucke mich überhaupt nicht an. Machen aber viele Schauspieler nicht. Ich kann mich nicht ertragen. Klimbim, kann ich nicht mehr verbessern.

Man ärgert sich auch nur darüber. Bei Talks zum Beispiel, dann denkt man, wieso hast du nicht dieses oder jenes gesagt oder, das hättest du machen können. Ich weiß das in dem Moment selbst, wenn ich den Mund aufmache, weiß ich schon, was falsch ist und dann brauche ich mir das nicht noch einmal anzuschauen.

Michaela Boland:

Sie haben früher auch Fernsehwerbung für Rolo Schokoladenkaubonbons und Old Spice gemacht. In was für einer Erinnerung haben sie die Spots?

Ingrid Steeger:

Rolo, das war eine süße Werbung. Das waren die größten Werbespots, die ich gemacht habe. Für Rolo haben wir sogar auch Preise erhalten.

Michaela Boland:

Im Rolospot haben sie gesungen, ebenso wie regelmäßig in Klimbim. Gab es auch Anfragen von Produzenten für Plattenproduktionen?

Ingrid Steeger:

Ja, klar. Ich habe auch einige gemacht.  Auch hier wollte ich eigentlich gar nicht, aber die wollten. Ich fand mich nie gut als Sängerin. Selbst da habe ich mich Satz für Satz gequält. Ich habe auch Musical gemacht, bin zur Falckenbergschule gegangen, habe die Lieder einstudiert.

Und dann kam ich bei den  Freilichtspielen auf die Bühne und da hatten wir kein Mikroport und nichts und meine Stimme hat total versagt. Wenn ich Theater spiele, geht meine Stimme bis ganz nach hinten, auch wenn tausend Leute da sind.

Dann hole ich mir meine Stimme einfach tief aus dem Bauch, aber wenn ich singe, dann rutscht mir die Basis nach oben. Ich kann nicht singen und ich will auch nicht, weil ich nicht kann (lacht).

Michaela Boland:

Haben sie zu irgendeinem Zeitpunkt eigentlich noch eine klassische Schauspielausbildung absolviert?

Ingrid Steeger:

Nein.

Michaela Boland:

Funktionierten Dinge wie auf der Bühne laut und deutlich sprechen zu können dann aufgrund ihrer gesammelten Erfahrung?

Ingrid Steeger:

Das habe ich mir erarbeitet. Beim ersten Theaterstück habe ich das nicht gehabt. Zwischen Bühne und Fernsehen liegen natürlich Welten. Mein erstes Stück war ein Zwei-Personenstück mit Harald Leipnitz und da ging meine Stimme gar nicht nach hinten und da haben die Leute auch immer gerufen "lauter, lauter".

Da habe ich mir die Bühnenwirksamkeit dann mit der Zeit vom Spielen her erarbeitet. Wer Fernsehen spielt, gewährleistet noch lange nicht, dass er eine Bühnenwirksamkeit hat. Umgekehrt genauso.

 

Michaela Boland:

Halten sie eigentlich noch Kontakt zu ihren früheren noch lebenden Klimbim-Kollegen, wie Wichard von Roell oder Peer Augustinski?

Ingrid Steeger:

Zu Peer ja. Er wohnt ja auch hier in Köln. Der war auch schon hier im Theater. Wichart, also zum Opi, weniger. Die anderen sind ja schon tot.

Michaela Boland:

Sie haben vor einigen Jahren bereits ein Buch herausgebracht, in dem es um ihre Männer gehen soll.

Ingrid Steeger:

Nein, das ist kein Buch, bitte. Oh, da bin ich auch so was von stinkig. Das ist auch nur wieder aus Blödsinn entstanden, weil jemand das wollte. Das ist ja kein Buch, das sind Karikaturen. Es ist gezeichnet und dann steht da jeweils so ein blöder Text drunter.

Also das kann man vergessen, da stehe ich auch nicht zu, zu diesem Buch. Das ist aus Blödsinn entstanden und der Verkauf versucht das halt bis heute noch das zu vermarkten. Ich finde auch den Vertrag nicht mehr, habe da auch nie eine Abrechnung oder sonst was gekriegt und das ärgert mich immer.

Michaela Boland:

Nichts desto trotz haben sie ja bereits die eine oder andere Erfahrung mit Männern in ihrem Leben gemacht, die nicht unbedingt immer nur schön war, wie man im Laufe der Jahre auch in den Medien mit verfolgen konnte. Wofür sind Männer aus ihrer heutigen Sicht eigentlich gut?

Ingrid Steeger:

Ja, das frage ich mich auch. Ja, gut, es gibt schon gute Beziehungen.

Michaela Boland: Was macht eine gute Beziehung nach ihrem Dafürhalten aus?

Ingrid Steeger:

Einfach eine gute Gemeinschaft, etwas zusammen erleben und durchleben. Ich kann nicht behaupten, dass ich nur schlechte Beziehungen hatte. Ich denke, der Anfang ist immer schön und man hat immer eine schöne Zeit gehabt.

Und dann irgendwann merkt man, dass die Zusammengehörigkeit doch nicht so gegeben ist und dann geht man halt auseinander. Ich finde das schön, wenn ich sehe, dass Leute 25, 30, 40, 50 Jahre verheiratet sind, aber auch die hatten natürlich ganz harte Zeiten. Und die haben sich im Alter dann wieder zusammengerauft.

Also eigentlich müsste man versuchen, das durchzustehen. Also an Treue oder so etwas glaube ich prinzipiell nicht. Nicht nur in Bezug auf das, was ich erlebt habe, sondern auch, was ich bei den anderen Leuten sehe.

Ich glaube, das ist auch irgendwie nicht im Menschen drin, was ich sehr traurig und schade finde. Der Körper gehorcht offensichtlich nicht immer so ganz. Aber ich finde es schön, dass man trotz allem zusammenbleiben kann. Wenn ich ältere Ehepaare sehe, die Hand in Hand herumlaufen, finde ich das herrlich.

Und jeder hat da mal ein außereheliches Verhältnis gehabt, das geht ansonsten ja nicht über eine so lange Zeit, aber ich finde es einfach toll, dass man dann trotzdem zusammenbleibt.

Michaela Boland:

Bei Bettina Böttinger im Kölner Treff haben sie geäußert, dass sie Angst vor einer Beziehung hätten. Ist das nach wie vor so? Könnten sie sich nicht vorstellen, noch einmal die Liebe zu finden?

Ingrid Steeger:

Ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen. Nein.

Michaela Boland:

An Angeboten mangelt es mit großer Wahrscheinlichkeit kaum. Wie könnte ein potentieller Kandidat denn idealerweise sein?

Ingrid Steeger:

Weiß ich nicht. Der müsste gebacken werden. Ich kann es nicht sagen. Ich möchte keinen Jüngeren haben und ich möchte auch keinen Älteren haben. Also so einen alten Mann möchte ich auch nicht unbedingt nackt sehen. Und einen Jüngeren, nun, als ich 50 war, hatte ich mal eine Beziehung mit einem jüngeren Mann.

Ich kann gar nicht verstehen, wie ältere Frauen sagen können, dass sie sich mit einem jüngeren Mann an der Seite jung fühlen. Ich habe mich alt gefühlt. Zuerst einmal, mit welchen Leuten der sich umgeben hat, da war ich schon längst einen Zacken drüber.

Das war einfach nicht mehr meine Welt. Vielleicht gaukelt man sich da für eine Zeit etwas vor. Dann ist das sicherlich schön, weil man für eine Weile mal wieder in etwas anderes eintaucht.

Aber mit der Zeit merkt man irgendwie, das ist vorbei, da bin ich schon mal durch. Es ist fein, wenn das andere durchmachen, das freut mich für sie. Man soll natürlich auch nie sagen.

Aber ich hätte Schwierigkeiten damit, da wieder Kompromisse zu machen und mich anzupassen. Dann saust da wieder einer in der Gegend herum, nein, das ist mir zu anstrengend.

Michaela Boland:

Sie haben deutlich geschildert, dass sie in ihrem Leben immer wieder anderen Menschen gehorcht haben. Wären sie denn heute sicher davor, zu gehorchen, gesetzt den Fall, sie verlieben sich allen Widerständen zum Trotz doch  erneut?

Ingrid Steeger:

Das ist ja eben das Problem. Ich wäre mir da nicht so sicher, dass mir das nicht mehr passiert. Und ich habe keine Lust, dass das wieder von vorne losgeht. Denn ich würde wahrscheinlich automatisch, also nicht mehr gehorchen, aber ich würde einfach sehen, dass es meinem Partner gut geht und der würde das dann wieder ausnutzen und so weiter.

Ich will auch nicht ständig jemanden um mich herum haben. Wissen sie, ich bin jetzt 65 und kann nicht mehr mit einem Mann zusammen alt werden. Wenn ich jetzt einen mit 30 kennengelernt hätte, dann wird man zusammen alt.

Ich würde es vom Optischen her erleben. Sein Körper verändert sich, mein Körper verändert sich. Wenn ich aber jetzt einen kennenlerne, dann sehe ich den schon mal alt und er sieht mich alt. Diese Entwicklung ist gar nicht mehr gegeben, gar nicht mehr zu schaffen. Selbst wenn ich jetzt einen Mann in meinem Alter kennenlerne, ist der ja schon voll entwickelt.

Wir können nicht mehr in dem Sinne zusammen alt werden. Natürlich gibt es Wunder, vielleicht gibt es auch noch mal eins. Aber darüber denke ich nicht nach. Ich habe gute Freunde und ich habe Eliza Doolittle, meinen Hund.

Die ist jetzt zwei Jahre alt. Wenn man mal überlegt, kleine Hunde werden alt, wenn sie nicht krank werden. In fünfzehn Jahren bin ich achtzig, also, was soll das?

Michaela Boland:

Sie sind das jüngste von drei Geschwistern. Wie ist das Verhältnis zu ihrer Familie?

Ingrid Steeger:

Ich habe einen Bruder, der ist in Berlin. Der hat mich gerade angerufen und eine Schwester, die mich ebenfalls heute angerufen hat. Das Verhältnis zu meinen Geschwistern ist sehr gut, zu meiner Schwester enger als zu meinem Bruder.

Mein Bruder hat mich angerufen, um mir den Hörer hinzuhalten, weil meine Mutter mal einen lichten Moment hatte und vor sich hingesprochen hat. Sie ist 100 Jahre alt und dement. Sie ist eigentlich gar nicht mehr, quasi ein lebender Leichnam und alle paar Monate redet sie irgendetwas vor sich hin.

Michaela Boland:

Wie oft sehen sie sich?

Ingrid Steeger:

Wir haben uns am 17. August gesehen. Das war ihr 100.ster Geburtstag. Da hat sich die Familie getroffen. Dazu muss ich sagen, dass eigentlich bekannt ist, dass wir nie eine glückliche Familie waren und da auch keine Liebe zwischen der Mutter und uns war. Sie tut mir einfach nur leid.

Michaela Boland:

In einer Boulevardzeitung war zu lesen, dass  sie geäußert hätten, ein Ableben sei eine Erlösung für ihre Mutter.

Ingrid Steeger:

Ja. Sie hat kein Leben mehr. Ich wünsche das jedem Menschen, wenn er mal so dran ist wie sie. Sie wird gewickelt, sie wird gefüttert. Das habe ich dem Express, den Blödmännern, nicht gesagt, das haben sie sich aus "Volle Kanne" herausgezogen und haben natürlich die Überschrift gemacht "Ingrid Steeger wünscht sich den Tod ihrer kranken Mutter".

Meine Mutter kriegt nichts mehr mit, liegt nur apathisch herum und dämmert vor sich hin. Das ist kein Leben mehr. Das ist entwürdigend. Ab und zu redet sie, da muss das Langzeitgedächtnis durchkommen, aber auch das hat keinen Zusammenhang mehr. Es ist einfach kein Leben.

Michaela Boland:

Dass sie in finanzieller Hinsicht einmal durch eine sehr schwierige Zeit gegangen sind, konnte ganz Deutschland durch sensationslüsterne Boulevardmedienberichterstattung mit verfolgen.

Wie haben sie es geschafft, derart bemerkenswert aufrechten Ganges durch diese Lebensphase hindurchzugehen und welchen Tipp geben sie Menschen in ähnlichen Lebenssituationen?

Ingrid Steeger:

Ich bekomme viele Anfragen in dieser Hinsicht. Viele Menschen fragen mich, die in der Situation sind. Doch das kann man nicht mit meiner Situation vergleichen. Erstens mal war ich ja in einer schweren Depression. Da kamen viele Dinge, wie Depression und Krankheiten zusammen.

Das Ganze hat sich auch jahrelang vorher angekündigt, so etwas kommt ja nicht von heute auf morgen. Durch meinen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad hatte ich jedoch das Glück, dass die Leute mich aufgefangen haben. Ein normaler Mensch wird ja leider nicht so aufgefangen wie ich aufgefangen wurde.

Dadurch, dass das so groß in der Presse stand, was für mich ein schlimmer Schlag war, musste ich mich ja dazu stellen. Es ging nicht anders.

Michaela Boland:

Hat da jemand aus ihrem direkten Umfeld geplaudert oder wie kam ans Licht, dass sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr aus eigener Kraft bestreiten konnten?

Ingrid Steeger:

Natürlich, bestimmt. Ich weiß es nicht. Die Bildzeitung hat es herausbekommen und die haben perfekt daran gearbeitet, bestimmt zwei, drei Monate. Die wussten alles ganz genau, mehr als ich. An welchem Tag und um wie viel Uhr ich den Antrag gestellt habe.

Da konnte man auch gar nichts widerlegen. Da muss man ja dann zu stehen, denn das waren alles Fakten. Es war alles nachzuweisen und da kam ich dann gar nicht mehr drum herum.

Michaela Boland:

Sie hätten versuchen können, sich mit der empfundenen Schmach zu verkriechen, haben jedoch tapferer weise gegenüber der Öffentlichkeit regelmäßig Rede und Antwort gestanden. Wie haben sie sich dazu motivieren können?

Ingrid Steeger:

Mich zu verstecken, ging ja gar nicht, denn dann wäre ich tot gewesen. Tot für mich und für die anderen. Dann wäre ich wirklich am Boden gewesen. Es gab wirklich nur die Möglichkeiten, entweder bleibe ich liegen, weiterhin in meinem Koma und in meiner Depression verhaftet oder ich stehe auf.

Und dadurch, dass ich mich dazu gestellt habe, also, ich bin wieder einmal dazu gezwungen worden, etwas zu machen, habe ich dann auch die Kraft bekommen.

Dann standen nämlich auch die Medien zu mir, ebenso wie die Leute. Dadurch kam ich nach vier Monaten bereits aus Hartz IV heraus, denn die Gagen bei den Talks waren sehr gut. Das Sozialamt hat mir sofort berechnet, wie lange ich davon zu leben habe. Und dann kam sofort das Theaterstück und alles Weitere ging direkt ineinander über.

Ich kann somit einem normalen Menschen, in Anführungsstrichen, überhaupt keinen Tipp geben, denn das war bei mir ein Ausnahmefall. Denn ein normaler Mensch wird nicht aufgefangen und kriegt auch keine guten Gagen in Talks.

Natürlich muss man stark sein und Kraft haben und Freunde haben. Viele meiner Freunde wussten ja gar nicht, was mit mir los war. Meine Freunde wohnen ja nun alle nicht bei mir oder in meiner näheren Umgebung.

Sie wussten schon, irgendwas funktioniert nicht mehr so. Es ging ja, wie gesagt, über Jahre. Die Depression hat sich tatsächlich über Jahre erstreckt.

Michaela Boland:

Wie geht es ihnen heute in Bezug auf ihre Depression? Ist sie überstanden?

Ingrid Steeger:

Ich gehe mal davon aus, dass die Depression schon länger vorüber ist, sonst würde ich gar nicht auf der Bühne stehen.

Michaela Boland:

Die Gefahr eines Rückfalls ist bei Depressionen nicht immer auszuschließen.

Ingrid Steeger:

Ich war auch mit Depressiven zusammen und habe das sehr studiert. Es gibt so viele verschiedene Arten von Depressionen. Depression ist nicht gleich Depression. Klar kann man von heute auf morgen wieder in eine Depression verfallen, wenn irgendetwas passiert.

Es gibt auch eine akute Depression. Jeder Mensch hat mal eine akute Depression gehabt, fällt da kurz rein und ist dann wieder da. Die schlimmste ist die endogene, also die vererbte Depression, die dann sporadisch in Abständen immer wieder kommt.

Michaela Boland:

Aber jetzt geht es ihnen gut?

Ingrid Steeger:

Mir geht es sehr gut.

Michaela Boland:

Das ist schön. Interessieren sie sich eigentlich auch für bildende Kunst?

Ingrid Steeger:

Meine ganze Wohnung ist vollgepflastert mit Bildern von guten Künstlern.

Michaela Boland:

Bevorzugen sie da eine bestimmte Stilrichtung?

Ingrid Steeger:

Ich bin ein sehr großer Fan der Impressionisten. Van Gogh, Gauguin, Manet, Monet usw.

Michaela Boland:

Vermissen sie als Berlinerin eigentlich manchmal ihre Heimat?

Ingrid Steeger:

Nicht ein bisschen.

Michaela Boland:

Was sagen sie denn zu der Flughafenaffaire rund um den regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit?

Ingrid Steeger:

Da habe ich mich, ehrlich gesagt, nicht so viel drum gekümmert. Viele Leute denken immer, ich wohne noch in Berlin. Berlin ist für mich ein Kapitel, das schon lange vorbei ist. Dort zieht mich auch nichts mehr hin zurück.

Michaela Boland.

Gibt es für sie eine Lieblingsstadt?

Ingrid Steeger:

Hamburg und Zürich.

Michaela Boland:

In Zürich haben sie auch einmal gelebt?

Ingrid Steeger:

Ja. Und was mir augenblicklich auch gut gefällt, ist Köln. München war für mich immer so eine Anlaufstätte, wenn ich aus Frankreich kam. Jetzt lebe ich fast schon wieder zehn Jahre in München. In Hamburg habe ich ja auch fünf Jahre gewohnt. Jetzt wird es mal Zeit, dass ich wieder umziehe.

Michaela Boland:

Wie stehen sie zu sozialen Netzwerken wie Facebook? Haben sie einen Account dort?

Ingrid Steeger:

Nein, ganz bestimmt nicht. Was soll ich da reinschreiben? Meinen Freunden schreibe ich entweder eine Mail oder wir telefonieren. Und ich will das nicht, dass da jeder Einblick erhält. Das sind ja nicht alles meine Freunde, auch, wenn sie sich so nennen. Ich kenne die doch gar nicht.

Michaela Boland:

Googeln sie sich gelegentlich selbst?

Ingrid Steeger:

Dann müsste ich ja von morgens bis abends beim Anwalt sitzen. Nein, ich habe eine sehr gute Website, die wird unentwegt aktualisiert. Das ist für Berufliches und für Fans und das reicht mir total.

Und wann ich nun morgens einen Kaffee getrunken habe, oder ob ich hingefallen bin, das muss ich den Fans nicht mitteilen. Das sollen mal alles die Jüngeren machen. Oder ich finde das  für Schlagersänger ganz gut, die ihre Platten verkaufen wollen.

Michalea Boland:

Oder, wenn man ein neues Buch promoten möchte?

Ingrid Steeger:

Das kommt alles auf meine Website. Dann sollen sie sich das da angucken, da steht das dann alles drin. Aber, was ich jetzt alles privat tue, wann ich den Hund gehauen habe oder etwas über mich und meine Gefühle, das muss nicht  sein. Die Medien, die kriechen dann sowieso da herum und ziehen sich dann da etwas heraus.

Michaela Boland:

Wird es im Rahmen ihrer geplanten Buchveröffentlichung ".und find es wunderbar" auch Lesungen geben?

Ingrid Steeger:

Bestimmt.

Michaela Boland:

Mit Peer Augustinski haben sie in jüngster Vergangenheit auch verschiedene Lesungen durchgeführt. Wird es da Wiederholungen geben?

Ingrid Steeger:

Ja, das einzige Problem besteht nur darin, dass es immer sehr schwierig ist, wenn ich, wie jetzt, Theater spiele.

Michaela Boland: Ihre Stimme ist nach wie vor sehr wohlklingend und vor allem junggeblieben. Nutzen sie diesen Umstand beispielsweise auch zum Synchronsprechen?

Ingrid Steeger: Wenig, aber Hörspiele mache ich jetzt. Ich habe gerade einen Krimi gemacht. Synchron weniger.

Michaela Boland:

Wenn man sie direkt anblickt, sieht man sie verhältnismäßig häufig charmant lächeln, obgleich sie zwischendurch in unbeobachteten Momenten immer wieder ein wenig ernst  wirken. Wann und über was können sie manchmal so richtig herzhaft lachen?

Ingrid Steeger:

Weiß ich nicht. Vielleicht über Blödsinn. Über Eliza Doolittle muss ich manchmal herzhaft lachen.

Michaela Boland: Wie kam es zu der Namensgebung?

Ingrid Steeger:

Ich habe die Eliza Doolittle gespielt. Ich spielte Pygmalion. Diese Rolle habe ich auch sehr gerne gespielt.

Michaela Boland:

Gibt es eine Rolle, die sie heute besonders gerne noch einmal spielen würden?

Ingrid Steeger:

Eliza Doolittle, doch leider bin ich dafür zu alt. Es ist ja ein Mädchen aus der Gosse, die zur Dame erzogen wird. Das geht nur, wenn man jünger ist.

Michaela Boland:

Liebe Frau Steeger, vielen Dank für dieses Interview und alles erdenklich Gute weiterhin für ihre Zukunft.

Infos unter:

www.ingridsteeger.de

de.wikipedia.org/wiki/Ingrid_Steeger

www.sueddeutsche.de/geld/reden-wir-ueber-geld-ingrid-steeger-ich-habe-um-euro-gebettelt-1.1031386

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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12.06.2019 Die Rote Anna malt Böse Bilder

GFDK - Interviews und Potraits

Lange, sehr lange ist das her. Ein Rückblick in das Jahr 2003. Was wären die „Stars" ohne RTL, VOX, Pro 7, Bild, Bunte oder Gala?

von Peter Hauptvogel

Die 22-jährige Ukrainerin Anna Vilents hat die omnipräsente Medien-Prominenz unserer Zeit mit Pinsel und Acrylfarbe aufs Korn genommen und in bitter süßen Bildern porträtiert. Sie wollte nur eins: Malerin werden.

Die rothaarige Malerin, die 1993 mit ihren Eltern „als Kontigent-Flüchtling" aus der Ukraine an den Rhein kam, weiß genau wie man Publicity macht. Und ihr Mentor Gottfried Böhmer von Gesellschaft Freunde der Künste Düsseldorf - Berlin weiß das auch. Wohl deshalb wirkten beide auf der Vernissage auch so vergnügt.

Doch Anna ist mehr als ein kleines Schlitzohr, sie ist eine begnadete Künstlerin. Die jüngste Meisterschülerin der alterehrwürdigen Düsseldorfer Kunstakademie. Immerhin einer Institution, die 17 von 100 Namen für die aktuelle Weltrangliste der bildenden Künstler dieser Welt liefert.

18 Jahre alt war Anna als sie angenommen wurde. Sie sprach kaum ein Wort deutsch und besaß kein Abitur. Aber bei der Begabtenprüfung überzeugte sie, wurde sie Meisterschülerin von Prof. A. R. Penck. Dass allein ist schon ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Fachleute schätzen vor allem ihre raffinierte Tropftechnik.

Anders als deren berühmter Erfinder Jackson Pollock bleibt sie jedoch im figürlichen, wenn sie Tierkörper mit Menschenköpfen malt, und dabei Übergänge findet, die ins Mystische reichen. Gut und gerne 4.000 € muss man heute schon für ein Vilents-Bild auf ein Tisch blättern.

Am Ende der jetzt laufenden PR-Show mit den Promi-Motiven wird der Preis gewiss noch gestiegen sein, man darf ihr das gönnen. Allein schon die Zielstrebigkeit mit der sie ihre Künstler- Karriere verfolgte, verdient Anerkennung. Konsequent lehnte sie jeden anderen Berufsvorschlag von Eltern und Lehrern ab, wollte Malerin werden - und wurde es.

Air Berlin Magazin Ausgabe 2/2003

Claudia Schiffer, Boris und Barbara Becker, Verona Feldbusch, Thomas Gottschalk, Ariane Sommer - alle sind sie da. Unsere Medien-Stars im Format 100 x 90 cm. Anna Vilents, in diesem Semester die jüngste Meisterschülerin (Prof. A. R. Penck) an der Düsseldorfer Kunstakademie, porträtiert die „Stars" aus Film und Fernsehen wie die Fürsten, Mönche und Madonnen der Renaissance-Zeit.

Jedoch mit streng kritischem Blick. Auf den 13 „Star-Porträts" wird mit diesen streng ins Gericht gegangen: Dieter Bohlen als Florentiner in der Hand seinen Bestseller als Bibel. Nina Hagen wird als kleines Mädchen dargestellt. Barbara Becker als leidende Heilige.

Anna Vilentsist jedoch keine Zeitgeist-Reporterin, ihr Scharfblick gilt verschiedenen gesellschaftlichen Phänomenen mit einem Schuss Ironie. Ausstellung: Gesellschaft Freunde der Künste Düsseldorf - Berlin.

Messemagazin Ausgabe 1/2003

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11.06.2019 die bekannteste Fair-Fashion-Influencerin

GFDK - Interviews und Portaits

Jedes  Jahr  werden  100  Milliarden  Kleidungsstücke  hergestellt. Umweltauswirkungen  entstehen  über  den gesamten  Lebensweg eines  Textils: von  der Rohstoffgewinnung und der Herstellung von Fasern über die Textilproduktion, den Gebrauch bis hin zur Entsorgung. In kaum einer anderen Branche wird so viel Wasser benötigt  wie in  der  Bekleidungsindustrie. 

So werden um ein Kilo Stoff  zu produzieren bis zu 100 Liter verbraucht. Das meiste Wasser, das die Menschen  verbrauchen, bekommen sie jedoch gar  nicht  zu Gesicht. Die Wassermengen, die in einem Produkt oder einer  Dienstleistungenthalten sind und zur Herstellung  verwendet werden, nennt man deshalb „virtuelles  Wasser“. 

Besonders  viel  von  diesem „unsichtbaren“ Wasser wird bei der Produktion von Kleidung verbraucht. Zur   Minimierung   der   Umweltauswirkungen   hat   sich   in   der   Modebranche  „Fair  Fashion“  als  eine Gegenbewegung zu der sogenannten „Fast Fashion“ entwickelt.

Hierbei geht es nicht nur um Materialien, sondern um eine ganze Reihe von Aspekten, die mit Nachhaltigkeit in Zusammenhang stehen, wie z.B. der Verzicht  auf  Kinderarbeit, existenzsichernder Lohn, keine exzessiven  Arbeitszeiten oder Tierschutz. 

Denn schöne Mode sollte nicht unter hässlichen Bedingungen entstehen. Eine der Vorreiterinnen in Sachen nachhaltiger Mode ist die Wiener Aktivistin Madeleine Alizadeh (29) alias DariaDaria. Sie hat konventionelle Mode gegen grüne, faire Fashion eingetauscht und ist die bekannteste Fair-Fashion-Influencerin.

Sie zeigt,  welche tollen  Looks man  mit nachhaltigen  Labels  tragen  kann  und ist das  beste  Beispiel  dafür,  dass  nachhaltige  Mode und  Modebewusstsein  sich  nicht  ausschließen.  Im Interview  erklärt sie uns,  warum und  wie  wir alle etwas  zu  einem Wandel in  der Modeindustrie beitragen können.

Was macht Ihnen mit Blick auf die Zukunft unseres Planeten besonders große Sorgen?

Mir bereitet der IPCC-Report (Intergovernmental Panel on Climate Change,  Weltklimarat), der im Herbst 2018  erschienen  ist,  sehr  große  Sorgen.  Dieser  besagt,  dass  wir  nur  noch  12  Jahre  Zeit  haben,  um  der Erderwärmung entgegenzuwirken.

Warum müssen wir mehr Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Mode schaffen?

Die Textilindustrie ist die zweitschmutzigste Industrie, nach Öl. Das Volumen an Textilien, das jährlich auf den Markt  kommt  und  in  Umlauf  gebracht  wird,  ist  nicht  mehr  tragbar.  Neben  den  ökologischen  Faktoren spielen die Ausbeutung von Mensch und Tier eine große Rolle.

Das Kaufen von fairer Mode ist für mich auf jeden Fall auch eine feministische Angelegenheit.  Wenn  man  für  sich  selbst  Rechte  beansprucht,  die anderen Frauen nicht zuteil werden, muss man sich doch die Frage stellen, was für einen Feminismus man lebt,  in  dem  man  Kleidung  von  Frauen  kauft,  die  keine  Stimme  und  keinerlei  Rechte  wie  beispielsweise Mutterschutz, soziale Absicherung, faire Löhne oder humane Arbeitszeiten haben.

Wie könnte man in der Gesellschaft dieses Bewusstsein für nachhaltige Mode schaffen?

Das ist eine sehr große Frage, um sie so kurz zu beantworten. Ein möglicher Ansatz ist, die Menschen darauf aufmerksam  zu  machen,  dass  die  Modeindustrie  Auswirkungen  auf die  Umwelt  hat  und  sich  langfristig etwas ändern muss.

Das große Problem ist, dass wir gar nicht mehr wissen, was z.B. 1 Meter Stoff kostet, wir sehen  einfach  kein  Verhältnis  mehr.  Indem  junge  Menschen  schon  in  der  Schule  aufgeklärt  und Produktionszyklen erläutert werden, sowie der Wert eines gefertigten Produkts verdeutlicht wird, können wir ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit schaffen.

 

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