Große Stimmen, mitreißende Musik und eine Inszenierung auf höchstem Niveau: Mit „Rebecca" beweist die Oper Dortmund, dass erstklassiges Musicaltheater auch international keinen Vergleich scheuen muss.
Das Musical „Rebecca" von Michael Kunze und Sylvester Levay, präsentiert von der Oper Dortmund in Zusammenarbeit mit den Vereinigten Bühnen Wien, basiert auf dem gleichnamigen Roman der britischen Schriftstellerin Daphne du Maurier.
Seine Uraufführung feierte das Werk bereits 2006 in Wien. Nun entfaltet der Musicalklassiker auch in Dortmund seine ganze Wirkung – und das mit einer Begeisterung, die sich unmittelbar auf das Publikum überträgt.
Die Geschichte um die junge, namenlose Ehefrau des wohlhabenden Maxim de Winter, die sich auf dessen Landsitz Manderley zunehmend dem unheimlichen Schatten seiner verstorbenen ersten Frau Rebecca ausgesetzt sieht, bietet reichlich Stoff für große Gefühle, psychologische Spannung und dramatische Konflikte.
Im Zentrum steht der subtile Kampf um Macht, Identität und Anerkennung, in dem Mrs. Danvers, die unheimliche Haushälterin, eine besonders verhängnisvolle Rolle spielt.
Musikalisch bietet „Rebecca" genau das, was das Herz eines Musical-Liebhabers höherschlagen lässt: große Melodien, eindrucksvolle Songs, mitreißende Tanznummern und eine dramaturgisch präzise Verbindung von Musik, Gesang und Schauspiel.
Hier stimmt das musikalische Handwerk von der ersten bis zur letzten Note. Alles greift ineinander, nichts wirkt beliebig. Die Inszenierung weiß genau, was sie erzählen will, und setzt ihre Mittel mit bemerkenswerter Sicherheit ein.
Besonders hervorzuheben ist die Besetzung. Antonia Kalinowski überzeugt als junge, namenlose Ehefrau mit einer wunderbaren Stimme und einer ausgesprochen präsenten, zugleich feinfühligen Bühnenpersönlichkeit.
Sie verleiht ihrer Figur jene Mischung aus Verletzlichkeit, Unsicherheit und innerer Stärke, die diese Rolle verlangt.
An ihrer Seite begeistert Mark Seibert als Maxim de Winter. Mit seiner ausdrucksstarken Stimme und seiner souveränen Bühnenpräsenz trifft er den Charakter der Figur auf den Punkt.
Beide Darsteller tragen wesentlich dazu bei, dass die emotionale Spannung der Geschichte jederzeit spürbar bleibt.
Ein besonderes Glanzlicht setzt Bettina Mönch als Mrs. Danvers. Sie verkörpert die Gegenspielerin der neuen Mrs. de Winter mit einer geradezu faszinierenden Mischung aus Kälte, Besessenheit und unterschwelliger Bedrohlichkeit.
Eine wunderbare Schurkin, die das Publikum in ihren Bann zieht und der Geschichte zusätzliche dramatische Kraft verleiht.
Auch das Ensemble präsentiert sich durchweg überzeugend. Die Tanznummern fügen sich stimmig in das Geschehen ein, die Choreografien sitzen, und das Zusammenspiel der Darsteller wirkt präzise und harmonisch.
Hinzu kommt eine Lichtgestaltung, die entscheidend zur Atmosphäre beiträgt. Sie unterstützt die düstere Spannung der Geschichte, setzt wirkungsvolle Akzente und verleiht den Szenen zusätzliche Tiefe.
Nicht zuletzt verdient das Orchester großes Lob. Unter der musikalischen Leitung von Olivia Lee-Gundermann entfaltet die Musik ihre ganze emotionale Kraft.
Der Klang ist wunderbar abgestimmt, die musikalische Umsetzung souverän. Hier wird nicht einfach begleitet, hier wird die Geschichte mit erzählt.
Ein kleiner Wermutstropfen bleibt allerdings das Bühnenbild
Es ist funktional, handwerklich solide und erfüllt seinen Zweck, lässt aber jene architektonische Raffinesse und visuelle Überraschung vermissen, die gerade bei einer Geschichte wie „Rebecca" zusätzliche Spannung erzeugen könnten.
Manderley ist schließlich mehr als nur ein Schauplatz: Das Anwesen ist selbst ein Teil des Dramas, ein Ort voller Erinnerungen, Geheimnisse und unsichtbarer Bedrohungen.
Hier hätte ich mir eine subtilere, visuell eigenständigere Gestaltung gewünscht. Denn wenn Musik, Darsteller und Licht bereits auf diesem Niveau arbeiten, darf auch die Bühne gelegentlich ein echtes Staunen auslösen.
Dieser Einwand schmälert den Gesamteindruck jedoch kaum. Die Dortmunder Produktion ist rundum stimmig, hervorragend gearbeitet und von einer spürbaren Liebe zum musikalischen Detail getragen.
Dass das Publikum am Ende mit frenetischem Applaus und Standing Ovations reagiert und kaum aufhören möchte zu applaudieren, kommt nicht von ungefähr.
Hier wird Theater mit Begeisterung gemacht – und mit ebenso großer Begeisterung angenommen.
Mein Fazit: „Rebecca" in Dortmund ist ein Fest für Musical-Liebhaber
Eine starke Besetzung, großartige Stimmen, ein exzellentes Orchester und eine präzise Inszenierung verbinden sich zu einem Gesamterlebnis, das auch im internationalen Vergleich bestehen kann.
Aus eigener Erfahrung mit Musicalproduktionen kann ich sagen: Diese Aufführung muss den Vergleich mit dem Broadway keineswegs scheuen.
Wer großes, klassisches Musicaltheater liebt, sollte sich diese Produktion nicht entgehen lassen. Eine klare Empfehlung – und für Musical-Fans eigentlich ein Muss (www.theaterdo.de).
Sönke C. Weiss


Rebecca in Dortmund. © Björn Hickmann



