Man kann sich eine Spielzeiteröffnung einfacher machen. Man nehme ein großes Ensemble, ein großes Bühnenbild, ein paar spektakuläre Einfälle und möglichst viel Theaterdonner.
Das Schauspiel Dortmund entscheidet sich mit „Salome" von Einar Schleef nach Oscar Wilde für das Gegenteil: drei Schauspieler, die sämtliche Rollen übernehmen, und eine Geschichte, die ohnehin schon genügend Sprengstoff besitzt.
Das hätte schiefgehen können. Tut es aber nicht
Sarah Quarshie, Luis Quintana und Viet Anh Alexander Tran teilen sich die Figuren und wechseln Rollen, Haltungen und Identitäten mit einer Präzision, die erstaunlich schnell selbstverständlich wirkt.
Man vergisst irgendwann beinahe, dass hier nur drei Menschen auf der Bühne stehen. Und genau darin liegt eine der großen Leistungen der Inszenierung. Regie führt Madita Scülfort, die auch für die Fassung des Stücks verantwortlich zeichnet.
Und sie macht etwas, das im Theater keineswegs selbstverständlich ist: Sie vertraut ihrem Ensemble. Sie überlädt den Abend nicht mit Regieeinfällen, erklärt nicht alles und versucht auch nicht, Oscar Wilde zwanghaft für das 21. Jahrhundert zu aktualisieren.
Stattdessen lässt sie den Stoff atmen – und setzt ihre drei Darsteller sehr genau ein.
Dabei ist Sarah Quarshie eindeutig der Fixpunkt des Abends. Sie hat jene seltene Bühnenpräsenz, bei der man nicht darüber nachdenkt, ob jemand gerade gut spielt. Man schaut einfach hin. Quarshie erinnert in ihrer Direktheit und Intensität an die junge Eva Mattes.
Sie ist der Kompass dieser Inszenierung. Die beiden Männer sind ihre Co-Piloten – und sie fliegen gemeinsam erstaunlich sicher durch einen Stoff, der jederzeit abstürzen könnte.
Denn „Salome" ist schließlich kein harmloses Märchen
Oscar Wilde erzählt von Begehren, Macht, religiösem Fanatismus und sexueller Obsession. Salome will Johannes, den Täufer, Johannes aber weist sie zurück, Herodes begehrt Salome – und aus diesem Geflecht gegenseitiger Begierden entsteht eine Katastrophe.
Männer und Frauen wollen besitzen, was sich nicht besitzen lässt. Macht und Sexualität liegen gefährlich dicht beieinander. Und am Ende ist der Tod die konsequente Antwort auf ein Begehren, das keine Grenze mehr kennt.
Das alles könnte sehr schwer, sehr bedeutungsschwanger und sehr anstrengend werden. Ist es aber nicht.
Die Inszenierung hat Tempo, Humor, Abgründigkeit und immer wieder diese angenehm irritierende Leichtigkeit, die einen daran erinnert, dass Theater nicht nur eine Veranstaltung zur Verbesserung des Menschen ist, sondern zunächst einmal ein ziemlich guter Ort sein sollte, um ihn zu beobachten.
Über das Bühnenbild könnte man dagegen diskutieren. Oder es auch einfach lassen. Es ist vorhanden, aber nicht unbedingt notwendig. Der Abend würde vermutlich auch ohne irgendetwas funktionieren.
Die Kostüme erinnern an einen Besuch im Berliner KitKatClub – was bei „Salome" allerdings keineswegs völlig danebenliegt. Auch das funktioniert.
Das Licht tut seinen Dienst, ohne sich wichtig zu nehmen. Und vielleicht ist genau das die Stärke des gesamten Abends: Nichts schreit permanent danach, gesehen zu werden. Die Inszenierung will nicht ständig beweisen, wie klug sie ist. Sie funktioniert.
Und zwar als Ganzes. Das ist am Ende vielleicht das schönste Kompliment, das man einem Theaterabend machen kann. Man sitzt da, schaut zu, lässt sich hineinziehen und stellt irgendwann fest, dass man aufgehört hat, über die Inszenierung nachzudenken.
Man ist einfach mitten in ihr. Das Dortmunder Publikum scheint das ähnlich zu sehen. Das Haus ist ausverkauft, und am Ende gibt es großzügigen Applaus für das Ensemble – zu Recht auch für das technische Team, das einen solchen Abend erst möglich macht.
Mit „Salome" eröffnet das Schauspiel Dortmund seine Saison 2026/27 also nicht mit einem Knall, sondern mit etwas viel Schwierigerem: mit einer Inszenierung, die ihre Mittel kennt und sie beherrscht.
Drei Schauspieler. Ein großer Stoff. Eine kluge Regie. Und ein Theaterabend, der funktioniert. Mehr muss ein Saisonauftakt eigentlich gar nicht können. Tickets und Spielzeiten unter: www.theaterdo.de
Sönke C. Weiss


Luis Quintana (Herodes) und Sarah Quarshie (Salome) in Madita Scülforts Fassung von Einar Schleefs „Salome“ am Dortmunder Schauspiel.© Schauspiel Dortmund | Birgit Hupfeld



