Gesellschaft Freunde der Künste
Das Problem an dieser Frage ist nicht, dass sie gestellt wird

„Wie geht's?" - Will das jemand wirklich Wissen, oder hören? - Ich glaube nicht

„Wie geht's?" ist der erste Text aus „Laufende Angelegenheiten", Jürgens neuer Kolumne über die kleinen, komischen und meistens unterschätzten Zumutungen des Alltags. Also über jene Momente, in denen der Alltag kurz den Raum betritt und so tut, als gehöre ihm hier irgendwas.

Viel Spaß damit.

Es gibt Fragen, die sind so klein, dass man sie manchmal kaum bemerkt. Sie stehen am Anfang von Gesprächen, Mails, Begegnungen, Telefonaten und zufälligen Zusammenstößen vor Bäckereien. Sie wirken harmlos. Freundlich. Fast hygienisch. Man benutzt sie nur, um den sozialen Raum kurz zu lüften, bevor man ihn betritt.

„Wie geht's?"

Das Problem an dieser Frage ist nicht, dass sie gestellt wird. Das Problem ist, dass sie theoretisch beantwortet werden könnte.

Und genau dafür ist sie in den meisten Fällen nicht gemacht.

„Wie geht's?" gehört zu jenen gesellschaftlichen Formeln, die nur funktionieren, solange sich niemand zu ernsthaft an ihren Inhalt hält. Es ist auch nicht wirklich eine Frage, eher ein akustischer Türöffner. So ein kleines soziales Räuspern. Eine Geste der Zuwendung, aber mit weit geöffneter Fluchttür.

Man fragt es morgens im Büro, obwohl man auf dem Weg zur Kaffeemaschine ist und innerlich bereits mit der Milchalternative verhandelt. Man fragt es im Supermarkt, wenn man jemanden trifft, den man eigentlich mag, aber nicht zwischen Kühlregal und Katzenstreu.

Man fragt es im Treppenhaus, obwohl beide Beteiligten wissen, dass Treppenhäuser für vieles geeignet sind. Hall. Paketboten. Räuberleiter. Aber nicht für seelische Inventuren.

Die erwartete Antwort lautet dann auch nicht: „Danke, schwierig. Ich denke in letzter Zeit viel über mein Verhältnis zu Nähe, Arbeit und dem langsamen Verfall meiner inneren Ordnung nach."

Die erwartete Antwort lautet: „Gut, und selbst?"

Diese Antwort ist einfach genial. Sie sagt fast nichts, aber sie erfüllt alle Anforderungen. Sie ist kurz, zurückhaltend, anschlussfähig und lügt nur in gesellschaftlich anerkannter Menge.

Wer „gut" sagt, behauptet ja nicht zwingend, dass alles gut ist. Er erklärt nur, dass er bereit ist, die Begegnung nicht unnötig zu beschädigen.

„Gut" ist ja kein Zustand. Es ist ein Friedensangebot. Natürlich gibt es durchaus brauchbare Varianten.

„Muss ja."
„Läuft."
„Alles gut."
„Kann nicht klagen."
„Viel los."
„Wie immer."
„Passt schon."

Das sind natürlich alles keine Antworten. Eher kleine Schutzschilde. Verbale Regenjacken, damit einen die Wirklichkeit nicht sofort durchnässt.

Besonders schön ist „Viel los". „Viel los" ist die perfekte Gegenwartsantwort. Sie klingt nach Bedeutung, ohne konkret zu werden. Nach Belastung, aber nicht nach Beschwerde. Nach Wichtigkeit, aber nicht nach Angeberei.

Wer „viel los" sagt, signalisiert: Ich bin beschäftigt genug, um interessant zu sein, aber noch funktionsfähig genug, um nicht unangenehm zu werden.

Auch „Alles gut" verdient durchaus unsere Aufmerksamkeit. Selten wurde eine größere Behauptung auf weniger belastbarem Fundament errichtet.

Alles gut.

Zwei Wörter, die ungefähr so realistisch sind wie ein Hotelprospekt, der bei Regen fotografiert wurde. Niemand meint alles. Niemand weiß, was alles überhaupt umfassen würde. Den Rücken? Die Ehe? Die Weltlage? Die Waschmaschine? Das Konto? Die Nachrichten?

Alles gut. Natürlich.

Manchmal passiert aber etwas Gefährliches. Jemand antwortet ehrlich.

Dann steht plötzlich ein Mensch vor einem, der die soziale Vereinbarung nicht gelesen hat. Man hat doch nur gefragt, wie es geht, und nun bekommt man es tatsächlich gesagt. Weil irgendwo in diesem Menschen noch der alte Glaube lebt, dass Fragen einen Inhalt haben.

Dann beginnt ein plötzlicher Ausnahmezustand.

Der Fragende muss sofort seine Gesichtsmuskulatur neu organisieren. Die Stirn darf nicht zu erschrocken wirken, der Mund nicht zu freundlich, die Augen nicht zu panisch. Man nickt. Man sagt „Oh". Man sagt: „Das klingt ja nicht so schön."

Diesen Thermomix unter den Trostsätzen.

Man sucht innerlich nach einem Stuhl, obwohl man draußen steht. Und während der andere spricht, merkt man, wie groß diese kleine Frage eigentlich ist. Wie viel in ihr lauert. Wie viele Türen sie öffnen kann, wenn man nicht aufpasst. Gesundheit.

Einsamkeit. Müdigkeit. Eltern. Kinder. Arbeit. Geld. Liebe. Angst. Das Gefühl, dass man irgendwie da ist, aber nicht ganz anwesend. Dinge also, die man nicht einfach zwischen zwei Terminen und einem Cappuccino to go auffangen kann.

Deshalb ist „Wie geht's?" wirklich heikel. Es ist eine Frage mit der Tiefe eines Brunnens, aber der Geduld eines Fahrstuhls. Man stellt sie im Vorbeigehen und hofft auf eine Antwort, die ebenfalls im Vorbeigehen bleibt.

Und trotzdem brauchen wir diese Frage. Sie ist oberflächlich, ja. Aber Oberfläche ist ja nicht immer schlecht. Oberfläche ist auch Kontaktfläche. Nicht jedes Gespräch muss sofort in den Maschinenraum.

Nicht jede Begegnung braucht Wahrheit in voller Länge. Manchmal reicht ein freundliches „Gut". Manchmal ist es sogar gnädig.

Am Ende ist „Wie geht's?" also gar keine schlechte Frage. Sie ist nur zu groß für den beiläufigen Gebrauch.

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