Krzysztof Pastors Choreografie, Wojciech Kilars mitreißende Musik und ein herausragendes Ensemble machen die Premiere am Ballett Dortmund zu einem packenden Theatererlebnis.
Mit tosendem Applaus feierte das Publikum am Samstag die Premiere von Dracula am Ballett Dortmund. In zweieinviertel Stunden inklusive Pause wurde Bram Stokers berühmter Vampirroman zu einem atmosphärischen Ballettabend voller Dramatik, düsterer Romantik und tänzerischer Ausdruckskraft.
Die Begeisterung im voll besetzten Saal zeigte: Diese Inszenierung spricht nicht nur Ballettliebhaber an.
Die Produktion entstand als Koproduktion des West Australian Ballet und des Queensland Ballet und wurde am 6. September 2018 uraufgeführt.
Nun ist sie in Dortmund zu erleben
Die Geschichte kennt wohl fast jeder: Bram Stokers Roman Dracula erzählt von einem geheimnisvollen Grafen aus Transsilvanien, der nach England kommt, um seinen Blutdurst zu stillen.
Der junge Anwalt Jonathan Harker gerät in seinen Bann, während Mina und Lucy mit der unheimlichen Macht des Vampirs konfrontiert werden. Es entspinnt sich ein Kampf zwischen Verführung, Angst und dem Versuch, das Böse aufzuhalten.
Wie aber lässt sich eine solche Geschichte allein durch Tanz erzählen? Krzysztof Pastor gelingt das mit bemerkenswerter Klarheit.
Eng an der literarischen Vorlage orientiert, führt seine Choreografie durch die wesentlichen Stationen der Handlung.
Gestik, Bewegung und Körpersprache machen die Beziehungen und Konflikte verständlich, ohne dass ein einziges Wort gesprochen werden muss.
Gerade bei einem Stoff wie Dracula besteht die Gefahr, dass Blutdurst, Vampirismus und übernatürliche Verführung auf der Bühne unfreiwillig komisch wirken.
Doch die Inszenierung umgeht diese Klippe souverän. Sie nimmt die Geschichte ernst, entwickelt Spannung und lässt die unheimliche Atmosphäre wirken, ohne ins Lächerliche abzugleiten.
Die großen Gruppenszenen überzeugen durch Präzision und Dynamik, während die Soli den Figuren Raum für individuelle Ausdruckskraft geben.
Die Tänzer erzählen nicht bloß eine bekannte Geschichte, sondern machen ihre emotionalen Konflikte körperlich erfahrbar.
Guillem Rojo i Gallego als älterer Dracula und Javier Cacheiro Alemán als junger Dracula prägen den Abend mit ihrer Präsenz und tänzerischen Intensität.
Beide gestalten die Figur auf ihre Weise und verbinden Eleganz mit Bedrohlichkeit. So entsteht ein vielschichtiges Bild des Vampirs, das weit über die bekannte Schreckgestalt hinausgeht.
Auch Ekaterine Surmava als Mina und Sae Tamura als Lucy setzen markante Akzente. Ihre Figuren erhalten eine eigene Persönlichkeit und emotionale Tiefe.
Besonders viel Applaus erntet António Ferreira als Renfield, der Patient der psychiatrischen Anstalt.
Mit seiner expressiven Körpersprache und der nervösen Unberechenbarkeit seiner Figur zieht er die Aufmerksamkeit auf sich. Renfield wird so zu einer der eindrücklichsten Gestalten des Abends.
Einen entscheidenden Anteil an der Atmosphäre hat die Musik von Wojciech Kilar. Ihre dramatischen, dunklen Klangwelten erinnern bisweilen an große Filmmusik und verstärken die Spannung auf der Bühne.
Das Orchester begleitet das Geschehen nicht nur, sondern gestaltet die emotionalen Höhepunkte wesentlich mit.
Die Komposition besitzt eine solche Wirkung, dass man sie gern auch unabhängig von der Aufführung hören würde. Eine Veröffentlichung der Musik wäre deshalb sehr willkommen. Die musikalische Leitung lag bei Olivia Lee-Gundermann und Koji Ishizaka.
Die Kostüme fügen sich mit ihrer klassischen Gestaltung stimmig in die Welt der Dracula-Geschichte ein. Sie unterstützen die Charaktere, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Das Bühnenbild erfüllt seinen Zweck, bleibt jedoch vergleichsweise konventionell. Hier wäre mehr visuelle Eigenständigkeit denkbar gewesen.
Die Wirkung des Abends wird dadurch allerdings kaum beeinträchtigt, denn seine Stärke liegt vor allem im Zusammenspiel von Tanz, Musik und darstellerischer Präsenz.
Die Reaktion des Publikums sprach für sich: Der Schlussapplaus war lang und laut, das Ensemble wurde begeistert gefeiert.
Dieser Zuspruch galt einer Inszenierung, die einen berühmten Stoff verständlich und zugleich künstlerisch anspruchsvoll auf die Bühne bringt.
Gerade für Menschen, die bislang wenig Berührung mit Ballett hatten, ist Dracula eine gute Gelegenheit, diese Kunstform neu zu entdecken.
Die vertraute Handlung bietet Orientierung, die Musik schafft Atmosphäre, und die Körpersprache der Tänzer macht die Geschichte unmittelbar nachvollziehbar. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.
Mit dieser Premiere zeigt das Ballett Dortmund, wie überzeugend sich klassischer Stoff und zeitgenössische Bühnenwirkung verbinden lassen.
Nicht jeder gestalterische Aspekt ist gleichermaßen prägnant, doch die tänzerische Qualität und die musikalische Dramaturgie tragen den Abend mühelos.
Fazit: Dracula ist ein packendes Ballett über Verführung, Angst und die dunklen Seiten der menschlichen Natur.
Wer einen ebenso zugänglichen wie eindrucksvollen Theaterabend erleben möchte, sollte sich diese Produktion nicht entgehen lassen.
Das Ballett Dortmund liefert dafür einen überzeugenden Grund. (Weitere Infos und Tickets unter www.theaterdo.de).
Sönke C. Weiss


Javier Cacheiro Alemán und Guillem Rojo i Gallego
Foto: Leszek Januszewski



