Vor hundert Jahren starb Rainer Maria Rilke. Anlass genug für die Literaturkritikerin Iris Radisch, sich in ihrem Buch „Du musst das Leben nicht verstehen - Rilkes Tage und Träume" auf die äußeren wie inneren Spuren eines der bedeutendsten Lyriker und Erzähler deutscher Sprache zu begeben.
Sie folgt ihm dabei durch die verschiedenen geografischen Stationen seines Lebens, an denen er gelebt, gearbeitet und nach Inspiration gesucht hat.
Wie Prag oder Paris. Dabei geht es ihr nicht allein darum, eine Biografie des Mannes Rilke zu schreiben, sondern vor allem darum, dem Menschen Rilke zu begegnen.
Seiner Seele, seinen Ängsten, seinen Beziehungen und seinem offenbar schwierigen Verhältnis zum Leben.
Nach der Lektüre von knapp 300 Seiten bleibt ein merkwürdiger Eindruck zurück:
Hier ist ein Künstler, der uns mit Werken wie dem Stunden-Buch bis heute tief berührt, selbst aber offenbar nur selten wirkliche Freude empfunden hat.
Weder in Freundschaften noch in seiner Familie oder in den zahlreichen Liebesbeziehungen. Betrachtet man seine fotografischen Porträts, glaubt man beinahe, diese Schwermut in seinem Gesicht zu erkennen.
War Rilke also ein Mensch, mit dem man lieber keinen Abend verbringen wollte? Einer, dessen Gesellschaft einem die Lebensfreude eher ausgetrieben hätte?
Man könnte es nach der Lektüre dieses Buches beinahe glauben. Ein heiterer Gefährte scheint dieser Dichter jedenfalls nicht gewesen zu sein.
Seine Werke sind von einer überwältigenden Schönheit, zugleich aber durchzogen von Melancholie, Einsamkeit und einer tiefen Sehnsucht. Nach was eigentlich?
Was nun bringt Iris Radisch Neues? Vor allem einen bemerkenswerten Zugang zu diesem widersprüchlichen Menschen. Sie hat sich intensiv mit seinem Leben und Werk auseinandergesetzt und zeichnet ein Seelenporträt.
Ihr gelingt es, die innere Welt eines Mannes sichtbar zu machen, dessen Dichtung uns bis heute fasziniert, dessen Persönlichkeit aber nicht unbedingt dazu einlädt, mit dem Mann ein Bier trinken zu gehen.
Es ist ein sorgfältig gearbeitetes, kluges und aufschlussreiches Porträt, das den Leser Rilke anders betrachten lässt. Mehr noch:
Der Leser gewinnt den Eindruck, dass Radisch ihren Gegenstand nicht nur gründlich studiert, sondern tatsächlich verstanden hat.
Unter den Darstellungen Rilkes, die ich bislang gelesen habe, gehört dieses Buch zu jenen, die mir den Menschen hinter dem Dichter am überzeugendsten gezeigt haben. Chapeau!
Kann man das Buch empfehlen? Unbedingt. Wer Rilke liebt, sollte es lesen.
Nicht unbedingt, weil man den Menschen nach der Lektüre sympathischer finden wird, sondern weil man seine Werke anschließend vielleicht besser versteht.
Man erkennt deutlicher, aus welchen inneren Konflikten, welcher Einsamkeit und welcher Sehnsucht diese außergewöhnliche Literatur entstanden ist.
Iris Radisch ist ein eindringliches Porträt gelungen: das eines großen Dichters, dessen Werk uns das Leben auf wunderbare Weise immer wieder aufs Neue schenkt, während sein eigenes Leben offenbar nicht immer ein glückliches war.
„Du musst das Leben nicht verstehen" ist ein lohnendes Buch, erschienen im Rowohlt Verlag (www.rowohlt.de), 26 Euro.
Sönke C. Weiss


Rainer Maria Rilke



