Die Rekonstruktion eines längst verblichenen Phänomens gelingt auch Regisseurin Mona Fastvold. Um 1770 gründete eine englische Arbeiterin die Shaker-Bewegung - benannt nach dem rituellen Schüttel-Reigen bei ihren Gottesdiensten.
Wie es der Analphabetin gelang, nur kraft ihrer Predigten eine zeitweise florierende Gemeinde aus der Taufe zu heben, zeichnet "The Testament of Ann Lee" mit mitreißenden Musical-Szenen nach - nur Amanda Seyfried in der Titelrolle bleibt etwas blass.
(Kinostart: 12.3.) Geburt einer Religion aus dem Geist sexueller Abstinenz: Um 1770 gründete Ann Lee die Glaubensgemeinschaft der Shaker; nach ihrer Emigration in die USA blühte sie auf.
Das zeichnet Regisseurin Mona Fastvold mit opulenten Musical-Einlagen nach – nur das Charisma von Amanda Seyfried ist begrenzt.
Auch Weltreligionen haben klein angefangen. Umgekehrt beanspruchen viele Sekten, die gesamte Menschheit zu ihrer Wahrheit bekehren zu wollen.
Ihre Anführer nennt man auf Deutsch „Religionsstifter“ – als könne man eine Glaubensgemeinschaft einfach per Willensakt aus der Taufe heben.
Dabei handelt es sich um einen höchst geheimnisvollen Vorgang. Viele Leute verkünden krause Ideen; aber nur wenige finden Anhänger, die ihnen Glauben schenken und sogar bereit sind, danach ihr Leben auszurichten.
Diese unbestimmbare Autorität heißt Charisma; das altgriechische Wort bezeichnet in der jüdisch-christlichen Tradition eine „von Gott geschenkte Gnadengabe“.
Ann Lee (1736-1784) hatte zweifellos Charisma. Andernfalls wäre es der analphabetischen Arbeiterin im britischen Manchester kaum gelungen, die Glaubensgemeinschaft der Shaker zu begründen – als Abspaltung von den Quäkern, die neben der Bibellektüre großen Wert auf innere religiöse Erfahrungen legten.
Vision Christi im Gefängnis
Anfangs fand Ann Lee für ihre Predigten über die Sünde und die „zweite Ankunft Christi“, die in den Herzen der Gläubigen stattfinden sollte, nur eine Handvoll Gefolgsleute.
Weil sie Irrlehren verbreite, wurde sie 1770 ins Gefängnis geworfen
Dort hatte sie nach eigenen Worten eine Vision Christi, schlug sich noch eine Weile mit der britischen Obrigkeit herum und wanderte dann 1774 mit acht Getreuen nach New York aus; die nordamerikanischen Kolonien sollten sich kurz darauf ihre Unabhängigkeit als Vereinigte Staaten erkämpfen.
Kunst+Film-Redaktion
Copyright Publishing Company Heilwagen GmbH
Angersbachstraße 12
34127 Kassel, Deutschland/ Germany
Tel. +49 – 561 – 80 99 3
Fax. +49 – 561 – 89 83 47


Ann Lee (Amanda Seyfried) als „Mutter Ann“ verehrt und gilt als wegweisende religiöse Führerin. Foto: © 2025 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.
Ann Lee (Amanda Seyfried) predigt Gleicberechtigung. Foto: © 2025 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.
Stacy Martin, Scott Handy, Viola Prettejohn, Lewis Pullman, Ann Lee (Amanda Seyfried), Matthew Beard, and Thomasin McKenzie . Foto: © 2025 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.



