Genau das Gegenteil gilt für "Gelbe Briefe". Regisseur İlker Çatak kommt mit Allerwelts-Schauplätzen aus, so dass Berlin für Ankara und Hamburg für Istanbul herhalten kann.
Das Geschehen könnte in vielen autoritären Ländern spielen: Ein oppositionelles Künstler-Ehepaar - sie Schauspielerin, er Dramatiker - wird politisch unter Druck gesetzt und verliert seine Jobs.
Doch ihr Verhalten inszeniert Çatak so subtil und plausibel, dass er zurecht mit dem Goldenen Bären prämiert wurde.
(Kinostart: 5.3.) Chronik einer Desillusionierung: Zwei türkische Künstler verlieren durch Behörden-Willkür erst ihre Jobs und dann den Boden unter den Füßen.
Das inszeniert Regisseur İlker Çatak als subtil austarierte Autoritarismus-Parabel, die überall spielen könnte – zurecht mit dem Goldenen Bären prämiert.
„Gelbe Briefe“ hat bei der Berlinale völlig verdient den Goldenen Bären gewonnen. Nicht etwa, weil seine Dramaturgie oder Bildsprache besonders avanciert wären:
Der Film ist ein konventionell gedrehtes Stationendrama im erweiterten Familienkreis. Auch nicht, weil es dabei aufsehenerregend oder kontrovers zuginge.
Im Gegenteil: Seine Klasse zeigt sich daran, dass er den Ausgangskonflikt unspektakulär, aber unerbittlich entfaltet.
Doch der eigentliche Geniestreich des deutschtürkischen Regisseurs İlker Çatak besteht darin, dass er schonungslos das Selbstverständnis des Autorenfilm-Publikums einem Stresstest unterzieht: Wie würden Sie sich verhalten?
Berlin ist Istanbul, Hamburg ist Ankara
Dafür benutzt er einen so simplen wie wirkungsvollen Trick: Da er diesen Film wohl kaum in der Türkei drehen könnte, deklariert er Berlin zu Ankara und Hamburg zu Istanbul – mit eingeblendeten Zwischentiteln.
Damit veranschaulicht er nicht nur, wie sehr die Lebenswelten in europäischen Metropolen sich mittlerweile ähneln; auch dank migrantisch geprägter Viertel.
Er macht ebenso deutlich, dass die Handlung keine Anti-AKP-Agitation bezweckt, sondern die Mechanismen autoritärer Ausgrenzung sich überall abspielen können.
Kunst+Film-Redaktion
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Derya (Özgü Namal, li.) und ihr Mann Aziz (Tansu Biçer), ein renommiertes Künstlerehepaar aus Ankara, entfremden sich nach ihrem Job-Verlust voneinander. Foto: Alamode
Vor Gericht muss sich Aziz (Tansu Biçer) für den Inhalt seiner Theaterstücke rechtfertigen. Foto: Alamode
Nach ihrem Job-Verlust müssen sich Derya (Özgü Namal, li.) und ihr Mann Aziz (Tansu Biçer) neu orientieren. Foto: Alamode



