Regisseur Wolfgang Becker hat nur eine Handvoll Filme gedreht, doch alle waren mehr oder weniger Meisterwerke. Besonderes Gespür bewies der Westdeutsche für ostdeutsche Befindlichkeiten; so wurde "Good Bye, Lenin!" 2003 zu einem Welterfolg.
Becker starb Ende 2024; ein Jahr später kommt jetzt sein letzter Film ins Kino. "Der Held vom Bahnhof Friedrichsstraße" spießt feinsinnig und zugleich einfühlsam die Klischees bundesdeutscher Erinnerungskultur auf.
In der Hauptrolle des unfreiwilligen Helden glänzt Charly Hübner als knuffiger Schluffi. Schöner kann ein Cineasten-Vermächtnis kaum sein.
(Kinostart: 11.12.) Geschichte ist, was du draus machst: In Wolfgang Beckers letztem Film wird ein Mann unverdient zum Helden einer DDR-Fluchtgeschichte verklärt und nutzt dies zu seinem Vorteil.
Damit gelingt dem 2024 verstorbenen Filmemacher eine brillante Satire auf deutsche Erinnerungsrituale.
Regisseur Wolfgang Becker (1954 – 2024) hatte eine Vorliebe für zusammengesetzte Wörter wie zum Beispiel „Erinnerungskultur“.
Nicht von ungefähr sammelt auch eine der zahlreichen Figuren in seinem letzten Film „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ Komposita.
Das ist mehr als eine Hommage ihres Schöpfers an sich selbst. Diese Wörter dienen im Film als Metapher für die Verbindung von zwei unterschiedlichen Dingen zu etwas Neuem.
So wie die Vereinigung zweier getrennter deutscher Staaten zu einem neuen Ganzen. Allerdings ist diese Verbindung in den 35 Jahren seither nie krisenfrei gewesen.
Nun liefert sie Becker noch einmal Stoff für einen der schönsten und vielschichtigsten Filme über Ost und West seit langem. Wohl kaum ein anderer Filmemacher aus Westdeutschland hat das Wesen der DDR so gut verstanden wie er.
Hello again, Lenin
Wolfgang Becker hat seine wenigen Spielfilme immer akribisch vorbereitet und sich dabei selten um Moden geschert.
Auch das macht seine Werke so besonders.
Im Grunde knüpft der Regisseur mit seiner Adaption des gleichnamigen Romans von Maxim Leo an Themen an, die ihn schon bei seinem Welterfolg „Good Bye, Lenin!“ (2003) beschäftigt haben: das Verhältnis von Geschichte und ihrer Inszenierung sowie die Rolle der Medien dabei.
Reporter sucht Wende-Stor
Videotheken-Besitzer Michael Hartung (Charly Hübner) schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben, als er von einer fast vergessenen Episode aus seiner Vergangenheit eingeholt wird.
Der gewiefte Reporter Alexander Landmann (Leon Ullrich), der für das Wochenmagazin „Fakt“ schreibt, macht ihn ausfindig, weil er zum 30. Jahrestag des Mauerfalls unbedingt eine große Story braucht.
Hartung soll damals absichtlich eine Weiche falsch gestellt haben, so dass eine vollbesetzte S-Bahn aus Ost-Berlin in den Westteil der Stadt fuhr.
Damit sei er der bis dato unbekannte Held der größten Massenflucht aus der DDR. Dass die Weiche aus ganz anderen Gründen falsch stand, verschweigt der finanziell angeschlagene Mann dem Journalisten zunächst.
Die Rache des Bürgerrechtlers
Die Geschichte schlägt ein wie eine Bombe. Hartung wird ins Rampenlicht geschleudert; etwa in einen Talkshow-Auftritt mit DDR-Star-Eisläuferin Kati Witt.
Er bekommt auch einen Werbevertrag mit einem Veggie-Wurst-Anbieter. Sogar eine Rede vor dem Bundestag ist geplant; dafür wird der ursprünglich vorgesehene DDR-Bürgerrechtler Harald Wischnewsky (Thorsten Merten) ausgeladen.
Der nimmt seine Abservierung nicht so einfach hin und beginnt, mit Hilfe eines Kollegen vom „Dokumentationszentrum Unrechtsstaat DDR“ in den Archiven zu recherchieren.
Um das Lügengebäude von Hartung und Landmann zum Einsturz zu bringen, gehen die beiden Bürgerrechtler sogar eine unheilige Allianz mit dem Ex-Stasimann Fritz Teubner (Peter Kurth) ein.
Kunst+Film-Redaktion
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Charly Hübner als knuffiger Schluffi. Schöner kann ein Cineasten-Vermächtnis kaum sein. Foto: X Verleih AG
Alexander Landmann (Leon Ullrich), Alex Allonge (Daniel Brühl) und Micha Hartung (Charly Hübner). Foto: X Verleih AG
Der Journalist Alexander Landmann (Leon Ullrich) und der Berliner Videothekenbesitzer Micha Hartung (Charly Hübner) diskutieren über die Story. Foto: X Verleih AG



