Wie konnte die labile, aber lebendige Demokratie im Russland der 1990er Jahre zur neostalinistischen Diktatur von heute degenieren? Westliche Beobachter sind sehr auf die Person an der Spitze fixiert.
Der Polit-Thriller "Der Magier im Kreml" rückt dagegen Putins wichtigsten Berater ins Zentrum: Wladislaw Surkow (im Film verkörpert Paul Dano brillant sein alter ego) erfand Phantomparteien und verstörte mit Troll-Fabriken im Internet den Westen.
Zwei Jahrzehnte Weltgeschichte, so präzise wie fesselnd verfilmt von Regisseur Olivier Assayas - mit Jude Law als Wladimir Putin, dem er fast schon beängstigend ähnelt.
(Kinostart: 9.4.) Wie Russland wieder zu dem Gefängnis wurde, das es immer war: Regisseur Olivier Assayas verfilmt präzise einen Polit-Thriller über den wohl wichtigsten Präsidentenberater.
Paul Dano brilliert als feinsinniger Strippenzieher des Systems Putin, Jude Law als sein skrupelloser Dienstherr.
Polit-Thriller über noch amtierende Machthaber sind eine heikle Sache. Nicht nur, weil jeder potentielle Zuschauer seine eigene Meinung über die Hauptfiguren hat. Sondern vor allem, weil die Akteure noch allerlei bewerkstelligen können, das dem von ihnen gezeichneten Bild widerspricht – dann sieht ein Film über sie ganz schön alt aus.
Prognosen seien eine schwierige Sache, befand Mark Twain; vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.
Polit-Thriller über Russland sind besonders schwierig. Überall gibt es eine Differenz zwischen dem, was die Regierung über ihr Tun und ihre Ziele verlautbart, und dem, was die Medien verbreiten und die Leute denken.
Aber nur in wenigen Dikaturen ist der Abstand so groß wie in Russland. Die oft groteske Propaganda des Staatsapparats beansprucht gar keine Plausibilität; sie fordert nur Unterwerfung.
Und die Untertanen haben kaum seriöse Informationsquellen, um sich darauf einen Reim zu machen; daher kursieren die wildesten Gerüchte und Verschwörungstheorien.
Chimäre in der Kreml-Trutzburg
Um das System Putin zu verstehen, lohnt es daher wenig, Wladimir Wladimirowitsch selbst anzugehen, um sein Auftreten und Handeln zu analysieren.
Das geschieht seit einem Vierteljahrhundert im Übermaß; Autokraten-Exegese ist ein beliebtes Hobby der Russen.
Doch ihre unzähligen Beobachtungen, Anekdoten und Schlussfolgerungen fügen sich zu keinem kohärenten Bild; Putin bleibt eine undurchsichtige Chimäre, die ihre Kreml-Trutzburg nur für inszeniertes Staatstheater verlässt.
Kunst+Film-Redaktion
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Vladimir Putin (Jude Law) herrscht unangefochten wie ein Zar im Kreml. Foto: © Carole Bethuel
Moskauer Luxus-Nächte Vadim Baranov (Paul Dano, l.), Dmitri Sidorov (Tom Sturridge, m.) und Ksenia (Alicia Vikander) im Restaurant. Foto: © Carole Bethuel
Kreml-Berater Vadim Baranov (Paul Dano) will die "Nationalbolschewistische Partei" von Eduard Limonov für seine Zwecke einspannen. Foto: © Carole Bethuel



