Auf einer Silvesterparty begegnet Claire Gilles – und verliebt sich auf den ersten Blick. Aus dem Rausch des Begehrens wird eine scheinbar perfekte Beziehung, aus Nähe jedoch bald Kontrolle:
Eifersucht verdrängt Vertrauen, Zärtlichkeit weicht Macht. Als eine folgenschwere Auseinandersetzung Claire zwingt, hinter die gemeinsame Fassade zu blicken, erkennt sie den Mann, den sie zu kennen glaubte, kaum wieder.
Camille Laurens erzählt davon, wie Liebe in Abhängigkeit kippt – und wie Narzissmus aus Intimität ein zerstörerisches Machtspiel macht.
Mit ihrem neuen Roman "Was wir uns versprechen" legt die französische Autorin ein raffiniertes und verstörendes literarisches Kammerspiel vor: Liebesgeschichte, psychologischer Thriller, Autofiktion und Untersuchung einer zerstörerischen Beziehungsdynamik.
Laurens seziert dabei nicht nur die Beziehung von Claire und Gilles, sondern das Paarsein selbst – seine Sehnsüchte, Projektionen und Machtspiele.
Nach außen wirken Claire und Gilles perfekt. Doch hinter der glänzenden Fassade kippt etwas: Eifersucht ersetzt Vertrauen, Kontrolle die Zärtlichkeit, Wahnsinn die Leidenschaft.
Eine folgenschwere Auseinandersetzung bringt ans Licht, was Claire zunächst nicht wahrhaben will. Je weiter sie vordringt, desto deutlicher wird: Der Mann, den sie zu kennen glaubte, ist ein Fremder.
Gerade diese allmähliche Verschiebung macht den Roman so fesselnd.
Laurens interessiert sich nicht für den simplen Gegensatz von Täter und Opfer, sondern für die Grauzonen: jene Momente, in denen eine Beziehung ihre Richtung verändert, ohne dass sich der genaue Wendepunkt benennen lässt.
Daraus entsteht eine unangenehme, aber erkenntnisreiche Frage: Wie gut kennen wir den Menschen, den wir lieben – und wie viel dieser Liebe ist Projektion?
Besonders stark ist Laurens' Darstellung des Narzissmus als Beziehungsdynamik. Verführung und Idealisierung, Herabwürdigung, schließlich Vernichtung: Ein zerstörerisches Schema wird erschreckend konkret.
Was wie grenzenlose Aufmerksamkeit erscheint, verwandelt sich in ein Machtspiel; das Kompliment wird zur Waffe, die Nähe zur Kontrolle.
Dabei bleibt Laurens nicht bei der Psychologie stehen. Ihr eigentlicher Gegenstand ist eine Gegenwart, in der Selbstinszenierung, Anerkennungsbedürfnis und narzisstische Selbstbezogenheit zum Alltag gehören.
Der Roman erzählt deshalb weit über Claire und Gilles hinaus von einer Gesellschaft, in der Menschen einander lieben, aber auch benutzen, idealisieren und für das eigene Selbstbild instrumentalisieren.
Literarisch reizvoll ist die komplexe Konstruktion:
Gerichtsakten, Erinnerungen und autofiktionale Elemente greifen ineinander. Realität und Erzählung, persönliche Erfahrung und literarische Gestaltung lassen sich nicht eindeutig trennen.
Laurens zwingt ihre Leserinnen und Leser, die eigene Position zu überprüfen: Was ist geschehen, was wird erinnert, was erzählt? Und was kann Literatur sichtbar machen, das eine nüchterne Akte nicht erfasst?
Ihre Sprache ist intelligent, präzise und bissig. Laurens beschreibt psychologische Abgründe ohne Pathos und denkt essayistisch, ohne die Spannung zu verlieren. Ihr scharfer Humor wirkt gerade dort, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt. So entsteht ein Ton, der fordert und zugleich unterhält.
Der Roman verlangt Aufmerksamkeit: Verschachtelungen, Perspektivwechsel und gedankliche Umwege sind keine Schwäche, sondern seine Stärke. Laurens erklärt nicht alles und liefert keine einfachen Antworten.
Unter der intellektuellen Oberfläche arbeitet zudem ein Thriller – die Spannung der Erkenntnis. Man will wissen, was hinter Gilles' Verhalten steckt und wann Claire erkennt, dass ihre Wahrnehmung nicht mehr genügt.
Camille Laurens verbindet persönliche Erfahrung, gesellschaftliche Beobachtung und literarische Konstruktion zu einem Text, der sich jeder eindeutigen Einordnung entzieht.
Wer eine klassische Liebesgeschichte oder einen konventionellen Psychothriller erwartet, wird überrascht. "Was wir uns versprechen" ist beides – und zugleich eine Untersuchung darüber, wie gefährlich es werden kann, wenn Menschen einander nicht mehr als Gegenüber, sondern als Spiegel des eigenen Ichs betrachten.
Ein blitzgescheiter, fordernder und faszinierender Roman über Liebe, Macht und Narzissmus. Camille Laurens zeigt, dass der gefährlichste Fremde manchmal der Mensch ist, von dem wir glauben, ihn am besten zu kennen.
Für Leserinnen und Leser, die intelligente Spannung, literarische Raffinesse und psychologische Abgründe lieben, ist dieser Roman eine lohnende Entdeckung. Ein Buch, das unterhält, verstört und noch lange nach der letzten Seite weiterarbeitet: dtv-Verlag (www.dtv.de), 368 Seiten, 26 Euro.
Sönke C. Weiss


Camille Laurens erzählt davon, wie Liebe in Abhängigkeit kippt



