Wiederum zwei Dekaden danach wagten westeuropäische KPs die Emanzipation von Moskau: Eurokommunismus sollte Sozialismus und Demokratie vereinen.
Ihr Wortführer war KPI-Chef Enrico Berlinguer - sein "historischer Kompromiss" schlug fehl, weil Aldo Moro 1978 von Terroristen entführt und ermordet wurde.
Diese "bleiernen Jahre" in Italien lotet Regisseur Andrea Segre im Dokudrama "Enrico Berlinguer - La Grande Ambizione" kleinteilig, aber informativ aus.
(Kinostart: 14.5.) Vor 50 Jahren war Eurokommunismus eine Verheißung und Berlinguer ihr Prophet: Der unorthodoxe PCI-Chef wurde international geachtet.
Seine Strategie historischer Kompromisse mit bürgerlichen Parteien zeichnet Regisseur Andrea Segre kleinteilig nach – mit charismatischem Hauptdarsteller.
Eurokommunismus – was heutzutage wie ein Widerspruch in sich klingt, galt in den 1970er Jahren als zukunftsweisendes linkes Projekt: das Streben, den Sozialismus im Rahmen liberaler und pluralistischer Demokratien zu erreichen.
Also nicht als sowjetisch gesteuerte „Diktatur des Proletariats“, bemäntelt als „proletarischer Internationalismus“, sondern als solidarische Gesellschaftsordnung, die Marktwirtschaft teilweise und individuelle Freiheiten vollständig beibehält – errungen durch Regierungsbeteiligung nach fairen Wahlen.
Der führende Vordenker des Eurokommunismus war Enrico Berlinguer, von 1972 bis 1984 Generalsekretär der „Partito Comunista Italiano“ (PCI).
Er setzte eine Linie fort, die bereits seine Amtsvorgänger Palmiro Togliatti und Luigi Longo eingeschlagen hatten: weitgehende Distanzierung von der KPdSU in Moskau.
So verurteilte der PCI die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 durch Truppen des Warschauer Pakts. Danach wurden Italiens Kommunisten wie ihre Genossen in Frankreich und Spanien vom Ostblock zunehmend misstrauisch beäugt.
Attentatsversuch in Bulgarien
Wie weit dieses Misstrauen geht, erfährt Berlinguer – im Film verkörpert durch Elio Germano – im Oktober 1973 bei einem Besuch in Bulgarien.
Nachdem er vom sowjettreuen Staatschef Todor Schiwkow für seinen Kurs gerügt worden ist, entgegnet Berlinguer höflich:
„Das ist Ihre Meinung. Und wir respektieren sie.“ Doch auf dem Weg zum Flughafen wird sein Wagen in einen schweren Autounfall verwickelt. Für den PCI-Chef ist klar: Das war ein Attentatsversuch.


Auf der Festa dell’Unità in Florenz ruft Enrico Berlinguer (Elio Germano) vor über einer halben Million Menschen seinen großen Wunsch aus, die PCI in die Regierung des Landes zu führen. Foto: © Arsenal Filmverleih
Enrico Berlinguer (Elio Germano) mit seiber Familie. Foto: © Arsenal Filmverleih
Enrico Berlinguer (Elio Germano) hält eine Rede. Foto: © Arsenal Filmverleih



