Dagegen zählte Huguette Caland (1931-2019) zur exklusiven Oberschicht des Libanon: Ihr Vater war der erste Präsident des Landes nach der Unabhängigkeit.
Ihr privilegierter Status erlaubte Caland, sich in Kunst und Leben allerlei Freiheiten herauszunehmen, die im Nahen Osten unüblich sind, zumal für Frauen: Ihre berühmteste Bilderserie balanciert haarscharf zwischen Abstraktion und drastischer Erotik.
Mit der großen Werkschau "Huguette Caland: A Life in a few Lines" stellen die Deichtorhallen in Hamburg die außerordentlich unkonventionelle Künstlerin gebührend vor.
Pulsierende Farben, fließende Linien, abstrakte Erotik: Die erste Retrospektive der 2019 verstorbenen libanesischen Künstlerin Huguette Clanad in der westlichen Welt eröffnet einen umfassenden Blick auf ein vielschichtiges künstlerisches Universum, das eben erst international entdeckt wird.
Um ihre Flügel auszubreiten ging Huguette Caland nach Paris, so erzählte die 1931 im heutigen Libanon geborene Künstlerin später.
Und das tat Caland rebellisch und lebenshungrig, wie sie offenbar stets war. Ihr Ehemann und ihre drei Kinder, mittlerweile im Teenageralter, blieben in Beirut.
Sie dagegen, in der französischen Metropole angekommen, füllte großzügige Leinwände mit sanft pulsierenden Farbübergängen.
Hauchzartes Rosa oder Hellgelb dehnen sich, formen schwellende Volumina. Die lichten Töne nehmen partienweise enorm an Intensität zu, beginnen regelrecht zu glühen.
„Bribes de corps“, also „Körperteile“, nannte die Caland ihre Serie. Pralle Erotik am Rande der Abstraktion? Die berühmt gewordene Bildfolge füllt einen ganzen Ausstellungsraum.
Doch was heißt schon berühmt bei einer Künstlerin, deren Werk gerade erst international entdeckt wird. Auf der letzten Biennale von Venedig fiel ein abstraktes Gemälde Huguette Calands inmitten anderer Positionen der Moderne aus dem arabischen oder afrikanischen Raum durch dynamische Präsenz auf.
Jetzt entfaltet dieser Strom aus farbkräftig sich ineinander schlingenden Mustern auf heller Leinwand in den Hamburger Deichtorhallen seine Suggestivkraft.
Ornament und Moderne
In diesem Frühwerk verbindet sich die große Tradition islamischer Ornamentkunst mit dem Appetit der Moderne auf eine Bildsprache ohne Bindung an die sichtbare Wirklichkeit.
In Huguette Calands künstlerischem Universum haben beide Pole ihren Platz, das Figurative und das Gegenstandsfreie.
Am stärksten ist die Künstlerin, wenn diese sonst oft scharf getrennten Kunstsphären in Austausch geraten und man gar nicht sicher sein kann, was eigentlich dargestellt ist. Dann beginnt ein aktives Sehen, das die Betrachter in unwägbare Bereiche führt.


Huguette Caland: Rossinante Under Cover VII (Dragonfly), 2011. © Courtesy of Huguette Caland Estate. Fotoquelle: Deichtorhallen, Hamburg
Huguette Caland: Moi, Moustafa et Paul, 1970 Öl auf Leinwand | Oil on linen. © Courtesy of Huguette Caland Estate and LACMA, Los Angeles. Fotoquelle: Deichtorhallen, Hamburg
Huguette Caland with large brush. © Foto: Véronique Vial. Fotoquelle: Deichtorhallen, Hamburg



