Den ersten "Spaziergang nach Syrakus" unternahm Johann Gottfried Seume 1802; sein Reisebericht wurde ein Bestseller. Der Seume-Leser Klaus Müller wollte dem nacheifern - in der DDR der 1980er Jahre fast unmöglich.
Doch ihm gelang eine Flucht über die Ostsee, worüber der westdeutsche Autor F.C. Delius später einen Roman schrieb. Den hat Regisseur Lars Jessen nun verfilmt: Sein "Spaziergang nach Syrakus" ist eine wunderbar stimmige Tragikomödie über Segen und Fluch des Reisens; Charly Hübner spielt die Hauptrolle fantastisch.
Die Welt sehen, ohne die Heimat zu verlieren: Jahrelang plante ein Lebenskünstler seine Flucht aus der DDR, um nach Italien zu reisen – und zurückzukehren. Seine Geschichte verfilmt Regisseur Lars Jessen stimmig und einfühlsam; für die Hauptrolle ist Charly Hübner wie geschaffen.
Der Unterschied liegt im bestimmten Artikel. „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ ist ein Buch von Johann Gottfried Seume. Der hoch gebildete, aber recht arme Gelehrte und Schriftsteller war 1801/2 zu Fuß nach Sizilien und zurück gelaufen, um von ihm bewunderte Stätten der antiken Kultur mit eigenen Augen zu sehen.
Sein Reisebericht wurde überraschend ein Bestseller der Goethezeit:
Kein deutscher Autor zuvor hatte Italien derart down to earth beschrieben
Zwei Jahrhunderte später findet dieses Buch immer noch begeisterte Leser. Einer von ihnen ist der gebürtige Dresdener Klaus Müller, der in den 1980er Jahren in Rostock lebte.
Als Lebenskünstler hielt er sich damals mit Kellner-Jobs auf Ausflugs-Schiffen glänzend über Wasser. Müller verdiente in der Saison so viel, dass er im Winter nicht arbeiten musste, und konnte noch einiges Westmark-Trinkgeld abzweigen.
Die Seume-Lektüre weckte sein Fernweh und seine Italophilie: Er wollte auf seinen Spuren ebenfalls bis Sizilien reisen.
Über die Ostsee nach Dänemark
Doch die wenigen in der DDR dafür möglichen Wege – Gruppenreise mit Massenorganisationen, Verwandten-Besuch in Westdeutschland – wurden Müller verwehrt.
Also beschloss er, mit einer Jolle über die Ostsee nach Dänemark zu segeln – aber nicht zu fliehen, denn er wollte nach der Reise auf jeden Fall in seine Heimat zu seiner Frau zurückkehren. Diesen verwegenen Plan in die Tat umsetzen, kostete Müller sieben Jahre.
Im Sommer 1988 gelang es ihm endlich; knapp eineinhalb Jahre später fiel die Mauer.
Motive aus Roman + Autobiographie
Wenig später wurde der westdeutsche Schriftsteller Friedrich Christian Delius auf Müller aufmerksam; er verarbeitete dessen Erfahrungen zum Roman „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“, der 1995 erschien.
Abgesehen vom bestimmten Artikel und der Herkunftsbezeichnung im Titel hat dieses Buch auch sonst wenig mit Seumes Klassiker zu tun. Delius verwendet viele Seiten darauf, Müllers Vorbereitungen detailliert zu schildern – insbesondere Freizeitkapitäne kommen auf ihre Kosten.
Die eigentliche Reise nach Italien, die sein Held Paul Gompitz aus Zeitgründen vorwiegend in Zügen absolviert, wird dagegen eher summarisch geschildert.
Kunst+Film-Redaktion
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Günter (Thorsten Merten, re.) hat Paul (Charly Hübner) das Segeln beigebracht. Foto: © Copyright: Pandora Film
Paul (Charly Hübner) bei einer seiner Erkundungen an der Ostsee-Küste. Foto: © Sammy Hart/ Pandora Film
Endlich in Italien: Paul (Charly Hübner, li.) und Luigi (Max Tuveri) unterwegs in einer kleinen dreirädrigen "Ape", dem italienischen Kleintransporter. Foto: © Copyright: Pandora Film



