Trainiert wird ja immerhin schon seit 13 Jahren. Jazz kann erstaunlich viele Dinge gleichzeitig sein. Leise und laut, hundert Jahre alt und fünf Minuten jung, konzentriert und entfesselt, akustisch, elektronisch, kompliziert oder eingängig.
Und manchmal treffen sich all diese Adjektive in einem einzigen Stück. Ohne sich vorher groß zu einigen, denn da ist genug Platz für alle. Und ordentlich Dynamik – nicht umsonst gibt es das schöne Wort Hochjazzen.
Beim NUEJAZZ Festival in Nürnberg gehört diese Beweglichkeit seit 2013 zum Programm. Damals veranstalteten Frank Wuppinger und Marco Kühnl die erste Ausgabe und waren sich einig:
Jazz wird bei uns nicht als abgeschlossene Stilrichtung betrachtet, sondern als offene Angelegenheit. Dreizehn Jahre später ist aus dieser Grundidee eine feste Größe der deutschen Jazzlandschaft geworden. 2024 gab es sogar den Deutschen Jazzpreis für das „Festival des Jahres".
Angefangen hatte alles wesentlich pragmatischer. Nach dem Ende von Jazz Ost-West fehlte Nürnberg ein internationales Festival. „Da mussten wir als Musiker einfach beherzt eingreifen und Abhilfe schaffen", erinnert sich Leiter Wuppinger.
Gut, andere gründen in solchen Situationen erst mal eine Arbeitsgruppe, Wuppinger und Kühnl legten gleich los.
Dabei ging es von Anfang an nicht nur darum, internationale Jazzgrößen nach Nürnberg zu holen. Das auch, aber da war noch mehr. NUEJAZZ sollte anders aussehen, anders klingen und vor allem: andere Menschen erreichen.
„Da sollte ein modernes Festival mit einem möglichst diversen Publikum entstehen", sagt Wuppinger. „Urban, modern, etwas muskulöser – auch, um den Jazz aus seiner Nische zu befreien."
Dazu gehörte auch, gewohnte Spielorte zu verlassen. NUEJAZZ zog in Indie-Treffs wie die DESI oder den Z-Bau, bespielte die Kulturwerkstatt Auf AEG, das Heizhaus und das E-Werk in Erlangen.
Jazz fand plötzlich dort statt, wo Kultur, Nachtleben und Stadtgesellschaft ohnehin unterwegs waren. Nicht darauf warten, dass die Leute zum Jazz kommen, den Jazz schon mal losschicken.
Inzwischen ist daraus ein Festival geworden, bei dem Grenzen serienmäßig mit Durchgangstüren ausgestattet sind. 2026 trifft eine Violine auf Elektronik, ein Klaviertrio auf Rock.
Bill Frisell zeigt, wie viel in einem einzigen Gitarrenton stecken kann, wenn man ihn nicht sofort mit fünf weiteren bedrängt.
Neun Trompeterinnen stehen gemeinsam auf einer Bühne. Funk, Hip-Hop, Soul und Gospel mischen sich ein, Musik trifft auf Design
und visuelle Kunst. Kinder erleben Sounds mit Livemalerei.
Wer Jazz für eine klar umrissene Sache hält, wird einiges zu tun bekommen. „Er ist für uns eben keine fixe Stilkategorie", sagt Wuppinger. „Jazz ist Musik, die kulturelle und soziale Grenzen überwindet."
Und dann sind da in diesem Jahr natürlich zwei Herren, die ganz erheblich dazu beigetragen haben, dass Barrieren so schön brüchig geworden sind.
Miles Davis und John Coltrane wären 2026 hundert Jahre alt geworden.
Beim NUEJAZZ bekommen sie deshalb einen Ehrenplatz – wenn auch nicht hinter Glas.
Ihre Musik wandert auf die Bühne, durch einen Wettbewerb, in eine Lesung und von dort wieder zurück in die Gegenwart.
Beim NUECOMER Award „Miles & Trane" beschäftigen sich Studierende bayerischer Musikhochschulen mit ihrem musikalischen Erbe, bei MILES100 nähert sich Autor Stefan Hentz in seinem Buch dem Jahrhundertmusiker Davis, bevor Marco Kühnl und Estelle Dupont die Geschichte musikalisch weiterschreiben.
Das alles passt ziemlich gut zu zwei Musikern, die nur selten Interesse daran hatten, dort zu bleiben, wo es bequem geworden war.
Diese Idee zieht sich durch das gesamte Festival. Junge Talente aus Deutschland, Frankreich und Dänemark bilden das European Jazz Companions Orchestra.
Bei der Hochschulsession gehört die Bühne Studierenden, beim offenen Groove Gathering trifft sich die regionale Szene. Es wird improvisiert, diskutiert, vorgelesen. Musiker*innen begegnen Künstler*innen, Nachwuchs trifft auf etablierte Namen, Nürnberg auf weltoffene Gäste.
„Wir wollten mehr sein als ein normales Festival", erklärt Wuppinger. Vielleicht ist deshalb das wichtigste Wort bei NUEJAZZ gar nicht Jazz, sondern „und".Jazz und Elektronik. Musik und Bild. Nachwuchs und Weltstars.
Nürnberg und Europa. Konzert und Vermittlung.
Tradition und die dringende Frage, was man hier und heute damit anfängt. NUEJAZZ versucht dabei nicht, Jazz künstlich jung zu operieren. Niemand wird Miles Davis nachträglich einen TikTok-Account einrichten, keine Angst.
Stattdessen beherbergt das Festival die Kunstform vollkommen artgerecht: als Musik, die davon lebt, weitergegeben zu werden und sich dabei ständig verändert.


Jowee Omicil. Foto: Juri Hiensch



