Gesellschaft Freunde der Künste
Eva-Maria Horstick 2025

Galeriesterben und das Ende der Kunst als Lebensgrundlage

In den Metropolen dieser Welt, von Berlin über New York bis Tokio, verschwinden Galerien leise aus dem Stadtbild.

Hinter jeder geschlossenen Tür steckt mehr als nur eine wirtschaftliche Entscheidung – sie erzählt vom schleichenden Ausverkauf eines Systems, das Kunst einst als lebendige, gesellschaftlich relevante Praxis verstand.

Heute scheint Kunst, sofern sie nicht posthum in Millionenhöhe gehandelt wird, ökonomisch wertlos. Kaum eine lebender Künstler*in kann noch von ihrer oder seiner Arbeit existieren.

Ein System in der Krise

Das klassische Modell: Eine Künstlerin produziert, eine Galerie verkauft, Sammlerinnen uns Sammler kaufen – und ermöglichen so ein Leben mit und durch Kunst.

Doch dieses Modell bricht zunehmend weg.

Die Fixkosten für Galerien steigen, Mieten explodieren, das Publikum wird selektiver, und der globale Kunstmarkt ist zunehmend auf Superreiche und Auktionshäuser konzentriert.

Statt lebendige Positionen zu fördern, investieren Sammlerinnen und Sammler  in sichere Werte: tote Künstler, deren Marktwert nicht schwankt.

„Wir sind in einer Situation, in der der Tod fast zur Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg eines Künstlers geworden ist", sagt eine Berliner Galeristin, die anonym bleiben möchte.

Ihre Galerie schließt nach 18 Jahren. „Ich kann meine Künstler*innen nicht mehr fair vertreten, wenn niemand mehr bereit ist, in Gegenwartskunst zu investieren."

Die prekäre Realität der Künstler*innen

Laut aktuellen Studien leben über 80 % der bildenden Künstler*innen weltweit unterhalb der Armutsgrenze oder sind auf Nebenjobs angewiesen.

Viele verzichten auf Atelier, Material oder gar auf Ausstellungen, weil sie schlicht nicht leistbar sind. Förderungen sind rar oder bürokratisch unerreichbar, und selbst große Institutionen zahlen oft nur symbolische Honorare – wenn überhaupt.

Die Folge: Eine Kulturproduktion, die sich nur noch für jene lohnt, die bereits abgesichert sind. Wer jung, neu oder kritisch ist, hat es besonders schwer.

Auch die Theater werden limitiert, was Theatermache und Schriftsteller zunehmend in eine Krise stürzt. 

Kunst als Spekulationsobjekt

Der Kunstmarkt hat sich vom kulturellen zum spekulativen Markt gewandelt. Hedgefonds kaufen Kunstwerke als Kapitalanlage.

Große Auktionshäuser erzielen Rekordpreise mit Künstlern  –die  lange tot, längst in Sammlungen institutioneller Anleger integriert.

Die Frage, was Kunst inhaltlich bedeutet, tritt hinter die Frage zurück, wie viel Rendite sie bringt.

Dabei geht es nicht nur ums Geld. Es geht um kulturelle Vielfalt, um gesellschaftliche Relevanz, um Stimmen, die gehört werden müssten.

Wenn Kunst nur noch überlebt, wenn sie sich verkauft – was passiert dann mit der unbequemen, der experimentellen, der politischen Kunst?

Gibt es Auswege?

Einige Alternativen entstehen: Kollektive Strukturen, solidarische Verkaufsplattformen, Atelierhäuser in Selbstverwaltung oder staatlich geförderte Projekte wie die Künstler*innenhonorare in Skandinavien.

Auch digitale Räume bieten Möglichkeiten, neue Publika zu erreichen – doch echte strukturelle Lösungen sind rar, gerade in DE. 

Was fehlt, ist nicht Kreativität, sondern ein gesellschaftlicher Wille, Kunst nicht nur als Luxusgut zu sehen, sondern als Teil des öffentlichen Lebens, als Arbeit, die bezahlt gehört. Als Investition in eine Energie, die mehr ist als z.B.  ein iPhone jemals sein könnte.

Fazit:

Das Galeriesterben ist kein ästhetisches, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Wenn die Gesellschaft Kunst nicht mehr als lebensnotwendig begreift, stirbt nicht nur ein Markt – sondern eine ganze Kulturform.

Die Frage ist nicht, ob wir uns Kunst leisten können. Sondern: Können wir es uns leisten, sie zu verlieren?

Kunst als Überlebenskampf – Ein persönlicher Erfahrungsbericht

Nach über einem Jahr intensiver Recherche, Gesprächen und eigener Erfahrung komme ich zu einem bitteren Schluss:

Selbst renommierte, international anerkannte Künstlerinnen und Künstler können heute kaum noch von ihrer Kunst leben.

Das gilt umso mehr für jene, die eine Familie ernähren müssen – oder alleinerziehende Mütter, die sich täglich durch den Wahnsinn eines Systems kämpfen, das ihnen kaum Luft zum Atmen lässt.

Wir Künstlerinnen und Autorinnen sind längst nicht mehr nur Kreative – wir sind Selbstvermarkterinnen, Antragsstellerinnen, Projektmanager*innen, PR-Abteilungen in eigener Sache.

Neben der oft ausbleibenden Unterstützung durch Galerien versenden wir hunderte Bewerbungen an Museen, Kunstorte, Institutionen – meist ohne eine einzige Antwort.

Nicht einmal eine Absage. Nichts.

Gleichzeitig explodieren die Zahlen von Kunstwettbewerben, bei denen für jede Einreichung Gebühren von 30 Euro und mehr verlangt werden.

Es gibt Bewerbungen, da zahlen Künstler 250 Euro - z.B. aus Italien werde ich zuggebombt mit Anfragen.

Niemand verdient dort offensichtlich als Künstlerin oder Künstler, ausser die Organisatoren dieses ausbeuterischen Systems. Das ist keine Chance, ich nenne es einfach Abzocke. 

Manche „Galerien" vermieten ihre Wände für teils absurde Summen – nicht, um Kunst zu fördern, sondern um den Status einiger weniger zu erhalten, die es einzig darauf abgesehen haben, Künstler*innen zur Kasse zu bitten.

Eine Investition in Sichtbarkeit? Oder ein modernes Schneeballsystem, das von der Hoffnung lebt, endlich gesehen zu werden?

Ich persönlich mache bei „bezahlten Ausstellungen" nicht mit. Auch Wettbewerbe, die von vornherein nach Geld riechen, meide ich.

Und ich kann nur jeder Kollegin und jedem Kollegen raten: Schaut genau hin, wo ihr eure Energie und euer Geld investiert. Nicht alles, was glänzt, ist auch wirklich eine gute Galerie.

Der Fall Martina – eine reale Warnung

Ein besonders bitteres Beispiel ist eine Künstlerin aus dem Ruhrgebiet, nennen wir sie Martina. Sie bewarb sich für eine Ausstellung in New York.

Alles schien offiziell: eine Galerie mit Online-Auftritt, professionell gestaltete Kommunikation, internationale Ambitionen.

Sie zahlte Teilnahmegebühren, Versandkosten, investierte Zeit und Herzblut – und stand am Ende vor einem Totalverlust.

Denn: Die Galerie existierte vor Ort schlichtweg nicht.

Die angebliche Galeristin tummelt sich bis heute auf Plattformen wie Instagram, LinkedIn und Facebook – mit Fotos von Galerieräumen, die wohl nie real waren.

Ich selbst habe sie vor einem halben Jahr kontaktiert, mit der höflichen Frage, wo sich denn ihre Pariser Galerie befinde, ich würde gern persönlich vorbeikommen.

Die Reaktion? Blockiert. Keine Antwort.

Wir vermuten dahinter eine organisierte Masche – eine Art Kunstmafia, die gezielt auf die Hoffnungen und Träume von Künstler*innen setzt. Anzeigen bei der Polizei?

Blieben bislang ohne Ergebnis. Die Frau ist bis heute nicht über eine feste Adresse erreichbar – aber sehr aktiv in der Akquise neuer Kunstschaffender.

Was bleibt?

Was bleibt, ist Ernüchterung – aber auch Klarheit. Kunst hat doch eine kulturelle Aufgabe, aber so nicht, indem ein Markt ohne feste Regeln, der  gerade heute zu ca. 70 Prozent aus Ungleichheit und Verwertung beruht. 

Profitgier auf Kosten der Künstlerinnen und Künstler weltweit. Ich bin froh mit Galerien arbeiten zu dürfen, die seriös und zuverlässig arbeiten. Dafür danke ich dem Universum. 

Aber auch diese nicht mir nicht zugeflogen.

Es bedarf einen langfristigen und guten Kunst- Seelen- Strategie, sich selbst niemals aufzugeben und seinen eigenen Weg zur gehen. 

Wir müssen uns gegenseitig stärken, warnen, vernetzen. Und wir müssen laut bleiben. Denn wenn wir schweigen, wird es niemand für uns tun.

Für eine Frau namens Martina, die trotz Erfahrungen auf diesen Markt hereingefallen ist, wie viele andere auch.

Sie wird sich erkennen im Text und möchte auch nicht ihren kompletten Namen genannt haben. Es ist ihr so peinlich, auf eine Frau herein gefallen zu sein, die keine Kunstmassstäbe setzt, sondern Künstlerinnen und Künstler  einfach nur ausbeutet.