In „Das Versagen" von Katja Gloger und Georg Mascolo wird die deutsche Russlandpolitik über Jahrzehnte hinweg beleuchtet, wobei so viele Fragen aufgeworfen werden wie Antworten fehlen.
Auf mehr als 400 Seiten beleuchten die Autoren die verheerenden Fehlentscheidungen und das Versagen politischer sowie wirtschaftlicher Akteure, die immer wieder klare Warnsignale ignorierten - meist rhetorischer Natur - nichtsdestotrotz.
Immer wieder wird dem Leser vor Augen geführt, dass die Zeichen auf eine kritische Konfrontation mit Putin standen, doch die Verantwortlichen blieben stumm oder blendeten ab.
Die zentrale Frage, die bei der Lektüre bleibt, ist jedoch drängend: Was mache ich mit all diesen Informationen?
Der Rest der Gesellschaft hat es offenkundig nicht gewollt oder gekonnt, die Realität wahrzunehmen.
Der Erkenntnisgewinn scheint im Sinne einer schlichten Diagnose liegen zu bleiben, während die dringend benötigten Lösungsansätze zur Überwindung des Desasters vermisst werden.
Die Autoren stehen in der Tradition einer westlichen Sichtweise, die oft in einem Schwarz-Weiß-Denken gefangen ist und die eigene Position als die einzig Richtschnur für Moral und Ethik inszeniert.
Während sie die Ignoranz und Hybris der westlichen Politiker anprangern, bleibt die Gegenüberstellung der Kulturen und deren vielschichtige Historien auf der Strecke.
Gloger und Mascolo lassen somit wenig Raum für Reflexion oder gar ein Umdenken des Lesers.
Statt einer tiefen Analyse der Ursachen und der Vielschichtigkeit politischer Beziehungen gibt es nur ein eindringliches, aber leider wenig hilfreiches „Wir hätten es besser wissen müssen."
Die wiederkehrende Klage über die kulturelle Blindheit des Westens verdeutlicht den Schwachpunkt des Buches:
Es entblößt nicht nur das Versagen der Politik, sondern auch das eigene Versagen im Verständnis komplexer geopolitischer Zusammenhänge. In dem Moment, in dem Schäuble feststellt:
„Wir wollten es nicht sehen", wird klar, dass damit nicht nur die politischen Akteure gemeint sind. Auch der Leser gerät in eine Position der Selbstreflexion, wird aber mit wenig mehr als einer schonungslosen Diagnose entlassen.
Insgesamt bietet „Das Versagen" einen prägnanten Überblick über die Versäumnisse und Fehlentscheidungen der letzten Jahre. Jedoch bleibt es bei einer bloßen Abhandlung.
Eine transformative Perspektive oder gar Handlungsvorschläge, um aus der gegenwärtigen Misere herauszukommen, sucht man vergebens.
Daher bleibt das Fazit:
Dieser historische Rückblick lässt das Gefühl zurück, dass wir zwar die Fehler kennen, aber keine Idee dafür haben, wie es weitergehen könnte.
Der Wert des Buches mag in seiner Lesbarkeit liegen, nicht unbedingt aber in seiner Fähigkeit, zukunftsweisende Lösungen zu präsentieren.
Ullstein (www.ullstein.de/nachhaltigkeit), 26,99 Euro.
Sönke C. Weiss


Die deutsche Russlandpolitik



