Gesellschaft Freunde der Künste
digitale Zirkus schlicht zu teuer

Marc Pritchard provoziert und bleibt auf digitalen Sparkurs

Der Chefredakteur von W&V Jochen Kalka hat mir zum Wochenschluß ein paar Worte geschrieben.

Er lässt nicht locker. Und das als größter Werbungtreibender der Welt: Marc Pritchard provoziert als Marketingchef von Procter & Gamble einmal mehr die digitalen Medien. Dabei geht es um nichts Geringeres als um die Wirkung des Werbekanals.

Nachdem P&G seinen Werbeetat für digitale Kanäle um 100 Millionen Dollar reduziert hatte, gab es laut Pritchard "keinen Rückgang im Absatz, bei keiner unserer Marken."

Ein harter Vorwurf, den Pritchard heute im "Handelsblatt" wiederholt. Doch wie bei einem Politiker ist das gesprochene Wort eines so mächtigen Marketers nicht unbedingt wörtlich zu nehmen. Hinter seiner Aussage steckt viel mehr:

Erstens, dass ihm der digitale Zirkus schlicht zu teuer ist und er mit seiner Kritik diesen Kanal madig machen möchte.

Zweitens, dass er damit den Druck erhöhen will, mehr Transparenz und mehr Standards im Online-Werbegeschäft durchzusetzen, wie er längst schon über den US-Dienst "Business Insider" verlauten ließ.

Drittens, um seine Mediaagenturen zu besseren Leistungswerten zu zwingen.

Viertens, dass er auch die anderen Medien wachrüttelt, um sie zu klaren Wirkungsnachweisen zu bewegen.

Fünftens, weil er damit schlicht das Reduzieren von Media-Millionen legitimiert, auch im eigenen Konzern.

Die Digitalzunft jedenfalls muss die Kritik mehr als ernst nehmen und aus ihrem arroganten Narzissmus erwachen. Hinzu kommt, dass kriminell anmutende Mechanismen wie Zauberclicks oder Sichtbarkeits- und Erscheinungswunder ausgerechnet Reichweitenmarktschreier nicht in den Griff bekommen.

Was gab es in der Historie - zurecht! - Aufschreie, wenn mal ein klassisches Medium fehlerhafte Leistungsnachweise an die Öffentlichkeit brachte. Wenn aber ein Digitalmedium – wie im Frühjahr Facebook – in gewissen Zielgruppen mehr Menschen in etlichen Ländern als eigene Reichweite kommuniziert, als es staatlich registrierte Einwohner gibt, bleibt der Aufschrei verhalten.

Insofern muss es viel mehr Marc Pritchards auf dieser Welt geben, die den Mut haben, heftige Kritik zu äußern. Hierzulande sind sie jedenfalls noch viel zu leise.

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