Das von der Stadt Pulheim initiierte Synagogenprojekt in Pulheim-Stommeln hat seit 1991 im Verlauf seiner 35-jährigen Ausstellungsgeschichte mit zahlreichen künstlerischen Auseinandersetzungen zu einer Kultur der Erinnerung beigetragen und wird regional wie international mit großer Aufmerksamkeit verfolgt.
Zu den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern zählen Jannis Kounellis, Richard Serra, Mischa Kuball, Carl Andre, Rebecca Horn, Lawrence Weiner, Rosemarie Trockel, Max Neuhaus, Daniel Buren, Gregor Schneider und Franz Erhard Walther. Die Stadt Pulheim hat in diesem Jahr Paloma Varga Weisz gebeten, das Projekt fortzusetzen.Das Werk von Paloma Varga Weisz
Im nunmehr fast drei Jahrzehnte umfassenden Werk von Paloma Varga Weisz fließen unterschiedliche Stränge zusammen. Ausgebildet als Bildschnitzerin eignet sie sich eine der ältesten bildhauerischen Techniken an, um Wesen hervorzubringen, die einer anderen Zeit oder einer anderen Wirklichkeit anzugehören scheinen.
Doch ihre Figuren erschöpfen sich niemals in ihrer Gestalt. Sie sind Träger von Erinnerung, Echo eines verborgenen Wissens und Verweis auf etwas, das sich dem unmittelbaren Blick entzieht.
Ihre Arbeiten entstehen aus einem Gedächtnis, das weniger erinnert als freilegt. Schicht um Schicht legt sie Bilder, Erfahrungen und Geschichten frei, als grabe sie wie eine Archäologin in den verschütteten Sedimenten unserer Kultur.
Vergangenes, Erlebtes und Erdachtes verlieren dabei ihre Grenzen. Aus Geschichte und persönlicher Erinnerung entsteht eine Bildwelt, in der Magie und Wirklichkeit ununterscheidbar werden. Das Rätselhafte ist hier kein Motiv, sondern eine Form der Erkenntnis.
Mit der Arbeit „Paloma Varga WEISZ", die die Künstlerin für die Synagoge in Stommeln geschaffen hat, kehrt sie zu einer Erfahrung zurück, die ihr Werk seit vielen Jahren begleitet.
Es ist eine biografische Erinnerung, zugleich aber auch die Geschichte einer Leerstelle, eines Verschweigens, dessen Wirkung weit über das persönliche Schicksal hinausreicht.
Die Arbeit "Paloma Varga WEISZ" in Stommeln
Für die Stommeler Synagoge hat Paloma Varga Weisz das Atelier ihres Vaters rekonstruiert: einen winzigen Raum im zweiten Stock des Gründerzeithauses seiner Frau in Neustadt an der Weinstraße, hoch oben, dem Alltag entrückt.
Hier lebte Feri Varga in seiner eigenen Welt, umgeben von Erinnerungen - hier malte er und schuf seine Werke, Tür an Tür mit dem Kinderzimmer seiner Tochter.
Ausführlich erzählte er Paloma von seinem Leben in Ungarn und später in Paris, von wo er 1940 nach Cagnes-sur-Mer flüchtete. Bereits in Paris legte er seine jüdische Herkunft ab und nannte sich fortan nur noch Varga.
1961 folgte er seiner Frau Leonore von Cagnes-sur-Mer nach Neustadt an der Weinstraße. Der Schritt in diese deutsche Provinzstadt bedeutete für ihn einen tiefen Bruch – und als gebürtiger Jude die Rückkehr in ein Land, mit dem er auf traumatische Weise verbunden war.
Dieses Schweigen ist zu einem unsichtbaren Erbe geworden. Es hat das Leben und das Werk Paloma Varga Weisz' nachhaltig geprägt.
Im ehemaligen Kultraum der Stommeler Synagoge – einem Ort, der gleichermaßen für jüdisches Leben, Verdrängung und Überleben steht – verdichtet sich diese Auseinandersetzung zu einer räumlichen Erinnerung. Feri Varga ist anwesend, schweigend und unnahbar.
Der Besucher bleibt vor der Schwelle stehen. Er kann den Raum nicht betreten, so wie Geschichte sich nur vorstellen, niemals aber noch einmal erfahren lässt. Gerade in dieser Distanz entfaltet die Arbeit ihre eigentliche Kraft:
Das Vergangene bleibt unerreichbar und ist doch mit aller Gegenwart wirksam.
Eröffnung: 8. September 2026, 19 Uhr, Martinus-Haus, Venloer Straße 546, Pulheim-Stommeln, Ausstellung im Anschluss an die Eröffnung, Synagoge, Hauptstr. 85a
Laufzeit: 8. September bis 6. Dezember 2026


Black and white (Father), 2020, Keramik, glasiert, 106 x 80 x 80 cm Im Besitz der Künstlerin, Foto: Stefan Hostettler VG Bildkunst
links: Synagoge Stommeln, Foto: Thorsten Hallscheidt | unten: Synagoge Stommeln, Innenraum, Foto: Werner J. Hannappel | rechts: Eingang zur Synagoge Stommeln, Foto Archiv: Mischa Kuball, 2026



