Usedom war 72 Jahre lang schwedisch, und man kann es heute noch sehen: an einem Findling in Peenemünde, an einem Stadttor in der Stadt Usedom, an einem Schanzenwall an der Swinemündung.
Das 33. Usedomer Musikfestival bespielt in seiner zweiten Hälfte bis zum 10. Oktober genau diese Orte – mit ABBA-Hits auf der polnischen Seite der Insel, mit Selma Lagerlöfs „Nils Holgersson", mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester und dem schwedischen Klarinettisten Martin Fröst, mit einem Buch über Königin Christina und mit einem Abschlusskonzert in jener Stadt, aus der Schwedens König 1633 die Insel wieder verließ.
Gastland des Festivals ist Schweden, im Jahr der 75-jährigen diplomatischen Beziehungen zu Deutschland. Karten: www.usedomer-musikfestival.de.
„Schweden ist für Usedom ein Blick in die eigene Geschichte", sagt Festivalintendant Thomas Hummel. „Wer in Wolgast oder in der Stadt Usedom ein Konzert hört, sitzt in Häusern, deren Steuern einmal nach Stockholm gingen.
Das kann man sogar hören, denn Usedomer Bauern schrieben auch Musikgeschichte."
1. Świnoujście: die Schwedenschanze und die ABBA-Hits
Die Mündung der Swine war stets ein Zugang zur Ostsee. Schon 1628, zu Beginn der schwedischen Präsenz, wurde hier zum Schutz vor feindlichen Landungen die erste Swineschanze aufgeworfen, im Volksmund später „Schwedenschanze" genannt.
Bis 1720 kontrollierte Schweden diesen Seeweg; erst nach dem Übergang an Preußen bauten Wilhelm I. und Friedrich II. an der Swine den Hafen für Stettin und Berlin aus, aus dem die heutige Stadt erwuchs.
Stadt Usedom: ein Stadttor, drei Tore, eine Landkarte
Die namensgebende Stadt am Schlossberg, wo 1128 die Pommernfürsten das Christentum annahmen, gehörte ab 1648 zur schwedischen Krone.
Die schwedische Matrikelkarte von 1693 zeigt sie noch mit drei Toren – dem Anklamer Tor nach Westen, dem Swinetor nach Norden und dem Peenetor nach Südosten.
Erhalten blieb allein das um 1450 errichtete Anklamer Tor, ein viergeschossiger Backsteinbau und ältestes Bauwerk der Stadt. Ein Brand von 1688, mitten in schwedischer Zeit, nahm Usedom endgültig seine überregionale Bedeutung.
Dass es diese Karte gibt, ist das bleibendste schwedische Vermächtnis der Insel – und es ist kein Bauwerk, sondern ein Kartenwerk:
Unter König Karl XI. vermaßen ab 1692 neun Landmesser, überwiegend Studenten aus Uppsala, ganz Schwedisch-Pommern und schufen das älteste Kataster auf deutschem Boden.
Über 1700 handgemalte Karten entstanden; 1455 von ihnen liegen heute im Landesarchiv Greifswald.
Peenemünde: wo Usedoms schwedisches Jahrhundert begann
Am Nordzipfel der Insel nahm alles seinen Anfang: Hier landete König Gustav II. Adolf am 6. Juli 1630 – nach dem damals in Schweden gültigen julianischen Kalender am 26. Juni – mit rund 13.000 Soldaten und griff damit aktiv in den Dreißigjährigen Krieg ein.
Binnen zehn Tagen nahm er Usedom, Wollin, Wolgast, Greifswald und Stralsund ein.
Ein über zwei Meter hoher Findling, 1930 zum 300. Jahrestag aus schwedischem Stein gehauen und heute neben der Peenemünder Kapelle aufgestellt, trägt die Worte „Verzage nicht, Du Häuflein klein!" – schwedisch „Förfäras ej, du lilla hop!".
Wenige Kilometer entfernt steht der außergewöhnlichste Konzertsaal der Insel. Am Samstag, 3. Oktober, 20 Uhr, spielt im Kraftwerk des Museums Peenemünde das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Andris Poga das Festkonzert zum Tag der Deutschen Einheit.
Solist ist Martin Fröst, einer der bedeutendsten Klarinettisten der Welt: Mit neun Jahren hörte er im nordschwedischen Sollefteå eine Aufnahme von Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur und legte die Geige für immer beiseite – in Peenemünde kehrt er zu diesem Werk zurück.
Dazu Hugo Alfvéns „Midsommarvaka", in Schweden so populär wie der Donauwalzer in Österreich, und Tschaikowskys Fünfte, deren Schicksalsmotiv nach vier Sätzen ins strahlende E-Dur umschlägt.
Schloss Pudagla: der Amtmann, der Christinas Musik bezahlte
Auf den Grundmauern eines 1535 säkularisierten Klosters ließ Herzog Ernst Ludwig 1574 das fast 49 Meter lange Amtshaus errichten.
Nach dem Westfälischen Frieden wurde das Amt Pudagla königlich-schwedisches Kammergut; schon während des Krieges residierten hier schwedische Gouverneure.
Vom Amtmann in Pudagla wurden jene Steuern von Usedomer Bauern eingezogen, mit denen Schwedens Königin Christina nach ihrer Abdankung in Rom Auftragswerke berühmter Komponisten bezahlte.
Usedom hat also, ganz konkret, europäische Musikgeschichte mitfinanziert.
Der Königin selbst ist der Mittwoch, 7. Oktober, 19:30 Uhr, gewidmet – im Steigenberger Grandhotel & Spa in Seebad Heringsdorf. Vor 400 Jahren geboren, verlor Christina als Sechsjährige ihren Vater Gustav II. Adolf, trat bald dessen Nachfolge an und zog sich mit 27 Jahren freiwillig vom Thron zurück, um ins römische Exil zu gehen.
Die Germanistin und Theaterwissenschaftlerin Jutta Jacobi stellt ihr Buch „Königin ohne Land. Kristina von Schweden" vor, moderiert von Festivaldramaturg Jan Brachmann – auf der Insel, deren Landesherrin die Königin war. Karten 18 Euro.
Wolgast: wo der König die Insel wieder verließ
Die Herzogstadt am Peenestrom ist bis heute das „Tor zur Insel". Nachdem Gustav Adolf 1632 in der Schlacht bei Lützen gefallen war, wurde sein einbalsamierter Leichnam wochenlang in der Schlosskirche der Wolgaster Herzogsresidenz aufgebahrt und erst am 16. Juli 1633 am Dreilindengrund nach Schweden eingeschifft.
Weil Wolgast nördlich der Peene bis 1815 schwedisch blieb, kam hier 1777 der Romantiker Philipp Otto Runge als Untertan der schwedischen Krone zur Welt – sein Jubiläum wird 2027 gefeiert.
Dort, wo Schwedens Geschichte auf Usedom endete, endet auch das Festival: Am Samstag, 10. Oktober, 19:30 Uhr, spielen in der Ev. Kirche St. Petri Martin Fröst und der Pianist Roland Pöntinen das Abschlusskonzert.
Ihr Programm „French Beauties & Swedish Beasts" schaut nach Frankreich – auf die elegante Kunst der Belle Époque und die frech-melancholische Welt von Francis Poulenc – und mit Anders Hillborg noch einmal nach Schweden.
Drei weitere schwedische Orte hat das Festival in seiner ersten Woche bereits bespielt: die Dorfkirche Krummin, deren Äcker und Katen die königlichen Vermesser mit dem Messtisch erfassten, die Kirche in Liepe auf der Route der Musikalischen Inselrundfahrt und das Wasserschloss Mellenthin, in dem zu schwedischer Zeit zeitweise der Sohn des schwedischen Reichskanzlers residierte.
Sa 03.10., 20 Uhr ·
Kraftwerk des Museums Peenemünde · Festkonzert zum Tag der Deutschen Einheit: NDR Elbphilharmonie Orchester, Andris Poga (Leitung), Martin Fröst (Klarinette) · Alfvén / Mozart / Tschaikowsky · Karten ab 28 €
Mi 07.10., 19:30 Uhr ·
Steigenberger Grandhotel & Spa, Seebad Heringsdorf · „Königin ohne Land": Jutta Jacobi (Lesung), Jan Brachmann (Moderation) · Karten 18 €
Sa 10.10., 19:30 Uhr ·
Ev. Kirche St. Petri Wolgast · Abschlusskonzert: Martin Fröst (Klarinette), Roland Pöntinen (Klavier) · Chausson / Hillborg / Saint-Saëns / Messiaen / Poulenc · Karten 20–55 €
Karten: alle Kurverwaltungen, +49 (0) 38378 346-47, www.usedomer-musikfestival.de


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