Gesellschaft Freunde der Künste
Brillanter Polit-Thriller über die Militärdiktatur

Ein „brasilianisches Zeugenschutz-Programm“, in "The Secret Agent"

Dass ein Film aus einer nichtwestlichen Kino-Nation beim Festival in Cannes gleich zwei Preise erhält, kommt selten vor: "The Secret Agent" hat sie bekommen - für die beste Regie und den besten Hauptdarsteller.

Zurecht: Regisseur Kleber Mendonça Filho ist ein fantastisch facettenreicher Polit-Thriller gelungen, der die Atmosphäre im Brasilien der 1970er Jahre unter der Militärdiktatur so anschaulich wie authentisch schildert - in der Hauptrolle glänzt Wagner Moura.

(Kinostart: 6.11.) Alle Wege führen nach Recife: In Brasiliens Nordosten erweitert Regisseur Kleber Mendonça Filho seinen brillanten Polit-Thriller zum Epochen-Panorama der Militärdiktatur.

Mit dem atemberaubend nuanciert agierenden Walter Moura in der Hauptrolle – zurecht mit zwei Cannes-Preisen prämiert.

Alles beginnt ganz harmlos, beinahe heiter. Der 40-jährige Technik-Experte Armando (Wagner Moura) fährt in einem VW Käfer auf der Überlandstraße in Richtung Recife, der Metropole des Nordostens von Brasilien.

Im Autoradio trällert beschwingte Tanzmusik – es ist die Woche des Karnevals, der in dieser Region besonders ausgelassen gefeiert wird: Am Straßenrand tauchen zuweilen wild kostümierte Gestalten auf.

Der Autofahrer braucht Benzin und hält an einer einsam gelegenen Tankstelle.

Ein schlampig gekleideter Provinz-Polizist bedeutet ihm, er müsse seinen Wagen auf Drogen untersuchen, und filzt diesen gründlich, findet aber nichts.

Dann fordert er vom Lenker ohne Begründung Geld. Was dieser ablehnt, weil er soeben seine letzten Real für Sprit ausgegeben habe – bietet ihm aber ein halbleeres Päckchen Zigaretten an, die der Ordnungshüter sofort einsteckt. Keiner verliert ein Wort über eine auf der Straße liegende Leiche, die von Pappe notdürftig zugedeckt wird.

Routinierter Militär-Autoritarismus

In dieser gemächlich ausgebreiteten Eingangsszene sind schon die meisten Bausteine und Motive enthalten, die in „The Secret Agent“ eine Rolle spielen – nur dauert es eine Weile, bis der Zuschauer das versteht, weil Regisseur Kleber Mendonça Filho sie ganz bedächtig entfaltet und entwickelt.

Brasilien 1977, im 13. Jahr der Militärdiktatur:

Die brutale Repression ihrer Anfangszeit ist routiniertem Autoritarismus gewichen, an den sich das Volk quasi zähneknirschend gewöhnt hat – ähnlich wie in der Spätphase der DDR. Was nicht bedeutet, dass Oppositionelle nichts mehr zu fürchten hätten.

Protegé des korrupten Polizeichefs

Das erklärt nicht, warum Armando nach Recife fährt: Er will vor allem seinen Sohn Fernando sehen, den er nach dem Tod seiner Frau bei den Schwiegereltern zurücklassen musste.

Aber es erklärt, wie er das tut: Armando schlüpft bei Dona Sebastiana (Tânia Maria) unter. Mit einem Decknamen – wie ein gutes Dutzend politischer Flüchtlinge, denen die alte Dame in ihrem Haus Schutz gewährt.

Sie gehört zu einem landesweiten Untergrund-Netzwerk, das brisantes Material und Verfolgte vor der Obrigkeit verbirgt; Armando nennt es ein „brasilianisches Zeugenschutz-Programm“.

Kunst+Film-Redaktion

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THE SECRET AGENT (Deutscher Trailer) | Ab 6. November im Kino