Noch trüber sind die Aussichten für die Hauptfigur des türkischen Films "Yurt": Ein zwölfjähriger Junge muss vormittags eine säkulare Privatschule ertragen, anschließend den Drill einer Koranschule.
Die weltanschauliche Zerreißprobe interessiert Regisseur Nehir Tuna aber weniger als die pubertäre Seelenpein seines Protagonisten.
(Kinostart: 19.6.) Coming of Age im Kulturkampf:
Ein türkischer Junge pendelt täglich zwischen Eliteschule und Islamisten-Kaderschmiede. Aus dieser weltanschaulichen Zerreißprobe macht Regisseur Nehir Tuna wenig; lieber beobachtet er seine Hauptfigur beim elegischen Seelenpein der Pubertät.
Der zwölfjährige Ahmet (Doğa Karakaş) führt ein Doppelleben:
Vormittags geht der Sohn wohlhabender Eltern auf eine säkulare Privatschule, die kemalistische Prinzipien und guten Englisch-Unterricht lehrt.
Am Nachmittag wechselt er in ein muslimisches Wohnheim; dort werden Gottesfurcht und fromme Lebensführung gepredigt. Bar jedes weltlichen Luxus‘:
Die Schlafsäle für Jungen sind genauso spartanisch wie die Verpflegung.
Warum dieser Spagat? Ahmets Vater (Tansu Biçer), ein erfolgreicher Unternehmer, hat sich kürzlich einer strenggläubigen Gemeinde angeschlossen, offenbar einer Art Sufi-Orden.
Nun soll sein Sohn auf dem Pfad der Tugend nachfolgen.
Was ihm schwer fällt: Die freudlose Atmosphäre einer ärmlichen Jugendherberge behagt ihm ebenso wenig wie der geistlose Drill durch beschränkte Hodschas (Lehrer).
Am allermeisten stört ihn, dass er sein neues Zuhause vor den Kameraden in der Privatschule verbergen muss.
Freund als Überlebenshilfe
Kurzum: Ahmet fühlt sich verloren und verlassen – bis sich Hakan (Can Bartu Arslan) seiner annimmt.
Der etwas ältere Junge stammt vom unteren Ende der sozialen Leiter, ist vermutlich sogar Waise:
Wenn die übrigen Zöglinge Urlaub bekommen, muss er im Internat bleiben, weil er nirgendwo erwartet wird.
Gewieft bringt Hakan dem Neuankömmling bei, wie man tricksen kann, um sich im strengen Regiment durchzumogeln. Bald werden sie ziemlich beste Freunde.
Yurt
Regie: Nehir Tuna,
116 Min., Türkei/ Deutschland/ Frankreich 2023;
mit: Can Bartu Aslan, Doğa Karakaş, Ozan Çelik
Kunst+Film-Redaktion


Ahmet (Doğa Karakaş, li.) schließt im muslimischen Wohnheim mit Hakan (Can Bartu Arslan) eine enge Freundschaft. Foto: déjà-vu film
Ahmet (Doğa Karakaş, li.) und Hakan (Can Bartu Arslan) erlauben sich kleine Regelverletzungen, etwa Zigaretten rauchen. Foto: déjà-vu film
Ahmet (Doğa Karakaş) und seine Mutter (Didem Ellialtı), die unter der Abwesenheit ihres Sohnes leidet. Foto: déjà-vu film



