Kennen Sie den „vergessenen Borough“ von New York City?
New York City kennt doch jeder! Oder glaubt es zumindest, denn Staten Island erzählt eine ganz andere Geschichte: von Nonnas, Schiffswracks, Spukhäusern, schwarzen Engeln und der spektakulären Verwandlung der größten Mülldeponie der Welt.
Nehmen Sie Ihre Leser:innen mit auf eine Entdeckungsreise durch New Yorks „forgotten borough“.
Für viele New York-Besucher ist die Staten Island Ferry nur eine schwimmende Aussichtsplattform: Die Kameras richten sich auf die Skyline von Manhattan, die Freiheitsstatue zieht vorbei, und kaum sind sie am St. George Terminal auf Staten Island angekommen, sind sie in Gedanken schon wieder in der City.
Ein Fehler! Denn wer bleibt, der kann hier wirklich unerwartete Entdeckungen machen: vom maritimen Lebensgefühl der Insel und ihrer überraschend vielfältigen Kulturszene bis zu den berühmten Nonnas aus einem Netflix-Film und echten Spukgeschichten.
Eine Entdeckungsreise in den „forgotten borough“
Staten Island nimmt innerhalb New Yorks eine Sonderrolle ein. Anders als Manhattan, Brooklyn, Queens oder die Bronx ist der Borough nicht an das New Yorker Subway-Netz angeschlossen.
Wer auf die Insel möchte, nimmt oft die Fähre durch den Hafen. Schon dadurch fühlt sich ein Ausflug hierher wie ein Urlaub im Urlaub an.
Die Atmosphäre ist spürbar entschleunigt. Statt dichter Straßenschluchten prägen Wohnhäuser, kleine Geschäftsstraßen, Kirchen, Parks und Uferpromenaden das Bild.
Der Stadtteil lebt von gewachsenen Nachbarschaften und kulturellen Traditionen, die über Generationen weitergegeben wurden.
Folklife: Die lebenden Geschichten der Insel
Kulturorganisationen wie Staten Island Arts verwenden den Begriff „Folklife“, um die lokale Alltagskultur aus Erzählungen, Musik, Handwerk, Festen, Ritualen und kulinarischen Traditionen zu beschreiben.
Dazu gehören beispielsweise liberianische Anansi-Geschichten rund um eine trickreiche Spinnenfigur aus Westafrika. Oder die Mixtec-Traditionen aus dem Süden Mexikos. Außerdem ist Staten Island Heimat einer lebendigen sri-lankischen Community.
Eine echte Institution und durch den Netflix-Film „Nonnas“ weltweit bekannt, ist das Restaurant „Enoteca Maria“, in dem Großmütter aus aller Welt authentische, traditionelle Gerichte aus ihrer Heimat kochen und mit Wein und Erinnerungen servieren.
Maritime Atmosphäre in New York City
Die Nähe zum Wasser hat Staten Island enorm geprägt. Entlang der Küste entstanden Werften, Hafenbetriebe, Werkstätten und kleine Industrien, die den Alltag vieler Familien bestimmten.
Besonders entlang der North Shore erinnern alte Lagerhäuser, ehemalige Hafenanlagen und historische Backsteingebäude an diese Zeit.
Der historische Gebäudekomplex Snug Harbor Cultural Center and Botanical Garden war einst eine Anlage für pensionierte Seeleute.
Wie eng Wasser, Geschichte und lokale Legenden auf Staten Island miteinander verbunden sind, zeigt der Staten Island Boat Graveyard im abgelegenen Rossville.
Zwischen Schilf und Uferlandschaften verrosten auf dem Privatgelände seit Jahrzehnten alte Schlepper, Fähren und Fischerboote.
Ein absolutes Must-see ist Fort Wadsworth, eine gewaltige Festung an der Nordostküste von Staten Island mit Blick auf die Verrazano Bridge und Brooklyn.
Der Standort wurde über Jahrhunderte zur Verteidigung der Hafenzufahrt genutzt. Die heute sichtbaren Befestigungsanlagen stammen vor allem aus dem 18. und 19. Jahrhundert.
Cropsey und Staten Islands düstere Seite
Vielleicht erklärt diese besondere Mischung aus Geschichte, Randlage und lokalen Erzähltraditionen, warum Staten Island ein Nährboden für urbane Legenden ist.
Die bekannteste ist die von Cropsey, Staten Islands eigenem „Boogeyman“, der nachts durch die Wälder streift und Kinder verschleppt. Jahrzehntelang war sie eine klassische Lagerfeuergeschichte, bis sich Mythos und Realität auf verstörende Weise miteinander vermischten.
Eine zentrale Rolle spielte dabei die Willowbrook State School. Die gigantische Einrichtung für Kinder und Erwachsene mit geistigen Behinderungen geriet in den 1970er-Jahren wegen katastrophaler Zustände in die Schlagzeilen.
Gleichzeitig erschütterten mehrere rätselhafte Vermisstenfälle und der schockierende Fall des Mörders Andre Rand, der einst als Hausmeister in Willowbrook angestellt war, die Insel. In der Öffentlichkeit wurde Rand anschließend mit der Cropsey-Figur gleichgesetzt.
Das Sea View Hospital und die Black Angels
Bis heute gehört Cropsey zu den bekanntesten Urban Legends von New York und inspiriert Dokumentationen und Geisterjäger-Podcasts.
Neben den Ruinen von Willowbrook soll er sich auch im weitverzweigten, unterirdischen Tunnelsystem des ehemaligen Sea View Hospital versteckt haben.
Das Sea View Hospital war ein riesiges Tuberkulose-Sanatorium. Hinter den mittlerweile verfallenen Fassaden verbirgt sich eine lange wenig beachtete Geschichte:
Die „Black Angels“. Diese afroamerikanischen Krankenschwestern, von denen viele aus dem Süden oder anderen Regionen der USA nach New York kamen, betreuten nicht nur Patienten, sondern wirkten auch an Studien mit, die zum medizinischen Durchbruch im Kampf gegen die „weiße Pest“ beitrugen.
Einige Gebäude des Komplexes wurden umgenutzt, andere stehen heute leer und sind dem Verfall preisgegeben.
Spuk im Vaudeville-Theater
Selbst um das fast 100 Jahre alte St. George Theatre ranken sich lokale Ghost Stories von flackernden Lichtern, Schritten auf verlassenen Korridoren und gespenstischem Kichern in den Garderoben.
1929 eröffnete der Vaudeville- und Filmpalast, verfiel aber in den 1970er-Jahren zusehends. Es war eine düstere Ära, in der nur noch Waschbären und Tauben die verlassenen Räume bewohnten.
Erst Ende des 20. Jahrhunderts wurde das Haus vor dem Abriss bewahrt und zählt seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 2001 wieder zu den kulturellen Wahrzeichen Staten Islands, mit Auftritten von Stars wie Tony Bennett, Cyndi Lauper und Jerry Seinfeld.
Freshkills: Der Müllberg und die Zukunft Staten Islands
So blickt Staten Island auch in die Zukunft, nirgendwo mehr als in Freshkills. Zeitweise war Freshkills die größte Mülldeponie der Welt, ein stinkendes Monument der Konsumgesellschaft.
Doch 25 Jahre nach der Schließung im Jahr 2001 entsteht hier eines der ambitioniertesten Stadtentwicklungs- und Umweltprojekte der USA.
Schritt für Schritt verwandelt sich das Areal in einen riesigen Park mit Feuchtbiotopen, Wanderwegen, Freizeitflächen und neuen Lebensräumen.
Wo einst tonnenweise Abfall lag, nisten heute wieder Fischadler, und im Wasser schwimmen Diamantschildkröten.
Nach seiner Fertigstellung wird der Freshkills Park fast dreimal so groß sein wie der Central Park. Einige Bereiche sind schon jetzt zugänglich.
Unter der grünen Idylle liegt ein umfangreiches technisches Sicherungssystem. Gasbrunnen sammeln das bei der Zersetzung organischer Abfälle entstehende Deponiegas, das aufbereitet und energetisch genutzt wird.


Für viele New York-Besucher ist die Staten Island Ferry nur eine schwimmende Aussichtsplattform



