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nach dem Roman von Rocko Schamoni

Zurück: Dorfpunks – Die Blüten der Gewalt am 12. Juli am Schauspielhaus Hamburg

Gewalt ist unser Geld – und wir möchten gerne zahlen.
Nach der erfolgreichen Umsetzung von Heinz Strunks Roman »Fleisch ist mein Gemüse« als Bühnenstück (»Phoenix – Wem gehört das Licht?«), gibt es ein weiteres Projekt von Studio Braun am Schauspielhaus: Rocko Schamonis Erfolgsroman »Dorfpunks« wird von der Kaderschmiede des psychedelischen Humors zur Aufführung gebracht. Studio Braun versucht – ganz dem eigenen Programm verpflichtet – ein farbenfrohes Feuerwerk der Gewalt am schnöseligen Firmament des Hamburger Kulturhimmels erstrahlen zu lassen.

 Sinnlich choreographierte Prügelorgien und dörflich-dialektischer Wortwitz garantieren ein bourgeoises Ballerlebnis der Extraklasse. Getreu dem Schamonischen Wahlspruch »Dein Dorf trägst du für immer mit dir rum« wird Hamburg für die Zeit der Aufführung zu einer norddeutschen Kleinstadt modelliert, die weder stark genug ist, um zu erblühen, noch mutig genug, um den Löffel endgültig abzugeben.

 Was tun, wenn man Anfang der Achtziger in eine Kulisse geworfen wird, die äußerlich einer Märklin-Eisenbahnlandschaft gleicht, innerlich aber von den Sporen des Misstrauens, der Gewalt und der provinziellen Großmannssucht befallen ist? Man versucht, anders zu werden, sich und das Leben neu zu erfinden, neue Musik, neue Kleidung, neue Gedanken zu generieren. Eine nervige Welt zu erbauen.

Eine nervige Welt, gegen die sich die Alteingesessenen aus ihrer Sicht zu Recht wehren. »Vertreibt die jungen Hunde aus der Stadt, sie stinken, fressen den Müll und schänden unsere Hühner.« Zwei grausame Kosmen brechen aufeinander. Wer gewinnt? Wer behält die Oberhand? Wer hat das letzte Wort? Studio Braun sucht nach der Antwort. »Rocko Schamoni hat auch beim Schreiben keine Angst. Wie schön.« Stuttgarter Nachrichten

Studio Braun (verantwortlich für Text und Regie) wurde 1998 in Hamburg gegründet. Studio Braun, das sind Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger, »drei verdiente Musiker, Schauspieler, Autoren und Entertainer, die in Deutschland seit Jahren für Humor jenseits des öden Comedymainstreams stehen, in der Tradition von Karl Valentin, Gerhard Polt, Loriot, Helge Schneider und Heino Jäger«, bekannt als die »Paten des Telefonterrors«. (Süddeutsche Zeitung) Veröffentlichung von sechs gemeinsamen Telefoncomedy-LPs/CDs, Veranstaltung diverser Studio Braun Shows, am Schauspielhaus u.a. »Fear of a Gag Planet Show«, »Schlaf in den Mai« und »Bürgertreff«.


Schauspielhaus Hamburg www.schauspielhaus.de am 12.7.2009 um 20 Uhr

Die Vorstellung dauert eine Stunde und fünfzig Minuten. Keine Pause.

Regie Studio Braun
Bühne Damian Hitz
Kostüm Dorle Bahlburg
Choreographie Rica Blunck
Puppenbauer Thomas Klemm
Dramaturgie Gabriella Bußacker
Licht Rebekka Dahnke
Video Marcel Didolff, Peter Stein
Mit Rica Blunck, Achim Buch, Stephan »Partyschaum« Cay, Felix Kramer, Marie Leuenberger, Hagen Oechel, Jacques Palminger, Jens Rachut, Rocko Schamoni, Jana Schulz, Tristan Seith, Heinz Strunk
Musiker Lieven Brunckhorst, Carsten »Erobique« Meyer, Matthias »Tex« Strzoda
Puppenspieler Michael Hatzius/Philipp Pleßmann

 

Pressestimmen:

Komisch, überdreht und phantasievoll umgesetzt.«, NDR 90,3

»›Dorfpunks‹ bewegt sich in einem choreographischen Neuland, irgendwo zwischen Spagettiwestern-Atmosphäre, Musikrevue und dem verdrogten Um-Kopf-und-Kragen-Reden eines Lenny Bruce.«, Die Tageszeitung

»So grandios wie Faust auf LSD«, Die Welt

»Lustvoll operiert das anarchistische Dreigestirn am offenen Herzen des Spießbürgers. Und das überwiegend junge Ensemble zieht feurig mit. Das ist hochkomisch, unerhört sprachwitzig, mitunter klamaukig, aber immer schwer unterhaltsam.«, Hamburger Abendblatt

»Palminger, Strunk und Schamoni in Hochform«, Hamburger Abendblatt

»Wunderbar schräg und fantasievoll, dabei manchmal herrlich blöd und pathetisch sind diese ›Dorfpunks‹. Dabei immer respektlos – auch sich selbst gegenüber. Und das macht diesen Abend zu einem einzigartigen Vergnügen.«, NDR Kultur


Zeit Online, 13.5.2008
BIENEN, DIE VON WESPEN TRÄUMEN
Rocko Schamoni und Heinz Strunk entdecken das Hamburger Schauspielhaus als Bühne des Punk
Von Peter Kümmel

Der englische Schriftsteller C. P. Snow hat in seinem Kriminalroman Mord unterm Segel geschrieben, nur das flache Land könne einem Menschen wahre Gelassenheit verschaffen. Wenn man in Deutschland dem Ruf des flachen Landes folgt und zu den Küsten hinfährt, gewinnt man den Eindruck, Snow habe recht: Wie kühl und nachsichtig hier der Verkehr rollt! Wie dezent untertourig die Menschen gestikulieren! Wie sparsam sie beim Sprechen ihre Worte beatmen!


Verglichen mit einem Nord- und Flachländer, ist jeder Südländer und Mittelgebirgler ein Faxenmacher, ein Marktschreier seiner selbst. Das deutsche Wesen scheint, zu den Küsten hin ausrollend, alles aufbäumend Theatralische zu verlieren. Es herrscht hier eine spezielle Art der Schicksalsergebenheit. Man spielt sich nicht auf, man steht im Wind. Man schlägt sich nicht auf die Schenkel, man bringt die Pointe mit zusammengebissenen Zähnen: Norddeutscher Witz zischt wie Löschsand.


Flachlandgelassenheit erkennt man allerdings auch daran, dass sie von den Silberfäden der Traurigkeit durchzogen ist. Der Flachländer hat keine Berge, die er bezwingen müsste, aber es mangelt ihm auch an Kulissen, die ihn in den Glauben versetzen könnten, es sei etwas »dahinter«. Wahre Norddeutsche müssen nicht auf Berge, aber sie glauben auch nicht an Gipfel.


Nehmen wir zwei erfolgreiche Erzeugnisse jüngerer norddeutscher Literatur, Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse und Rocko Schamonis Dorfpunks. Beide gelten als komische Dorf- beziehungsweise Vorortbiografien. Wenn man sie genauer liest, erweisen sie sich als Früchte der Traurigkeit und einer lakonischen Einsicht ins Graue, Endliche, Hohle des Daseins.


Beide Bücher handeln von Orten, »die man früh verlassen sollte, wenn man noch etwas vorhat im Leben« (Strunk). Strunks Buch spielt am »falschen Ufer der Elbe«, in Hamburg-Harburg, wo er aufwuchs (und sein Spruch gewinnt diabolische Tiefe, wenn man an Mohammed Atta denkt, der hier gelebt hat). Rocko Schamonis Buch spielt in Lütjenburg (Romandeckname: Schmalenstedt) nahe der Ostsee, wo Schamoni seine Jugend verlebte abseits der Dorfgemeinschaft, die ihn mied, weil er, das Lehrerkind, nicht bei der Feuerwehr war und im örtlichen Fußballverein nicht die nötigen Liter Kuschelbier trank.


Beides sind Musikerbücher. Heinz Strunk erzählt von seiner späten Jugend als Dorf- und Ballmusiker, Schamoni berichtet davon, wie Punk, mehr die Haltung als die Musik, sein Leben gerettet hat. Strunk hatte als Musiker nur bescheidenen Ruhm, Schamoni aber war einer der Großen der »Hamburger Schule« der Popmusik.

 Mittlerweile haben sich beide als Autoren durchgesetzt. Strunks Fleisch ist ein Bestseller, die Verfilmung läuft derzeit in den Kinos. Auch Schamonis Dorfpunks wird verfilmt. Der Erfolg beider Bücher hängt damit zusammen, dass die Autoren, hinter einem Netz feiner Beobachtungen und herber Pointen, das Nichts ahnen lassen, das hinter allem steckt. Und er hat damit zu tun, dass sie es nicht von fern beschreiben, sondern sich selbst hineinstürzen.


Niederlagen müssen gefeiert und Talsohlen mit Gold ausgegossen werden
Strunk und Schamoni verdrücken sich nicht in die Rolle des allwissenden, aber abwesenden Erzählers, sie destillieren Komik nicht aus Szenen, in denen Stellvertreter Peinliches erleiden, nein, sie sind selbst die Peinlichen. Beide eint die Zeigelust in der Not, die helle Freunde daran, Niederlagen zu feiern und Talsohlen mit Gold auszugießen.

Ihre Freude am Ungeschick ist so groß, dass sie auch auf die Theaterbühne drängen, als Vertreter einer offensiven neuen deutschen Peinlichkeit – wie vor ihnen Christoph Schlingensief und Jonathan Meese (an der Volksbühne Berlin) und Helge Schneider (in Bochum).


Vor einigen Jahren haben Strunk und Schamoni im Hamburger Schauspielhaus Strunks Fleisch ist mein Gemüse dramatisiert (unter dem Titel Phoenix, wem gehört das Licht?). Nun bringen sie Schamonis Dorfpunks auf die Bühne mit dem festen Willen, das größte deutsche Schauspielhaus »auf eine einfache Kasperbühne einzudampfen«. Sie spielen selber mit, in kleinen Rollen, und Heinz Strunk hat als Mutter des Protagonisten einen gespenstisch komischen Auftritt.

 Sie setzen alle Räder in Gang, um ein Spiel von Faustischen Dimensionen zu inszenieren. Aus Lütjenburg wird ein hochgetürmtes Lummerland, das auf der Drehbühne die zwei Seiten der Provinz zeigt: den Wald und das Dorf, die Wildnis und die Ordnung oder, frei nach Lévi-Strauss, das Rohe und das Gekachelte.


Schamoni hat in seiner Jugend eine Töpferlehre absolviert, und so ist die Drehbühne als Symbol tauglich: Sie weitet sich zu Gottes Töpferscheibe, auf welcher die Menschen, Lehm in Händen des Schöpfers, ihre Runden drehen. Es drehen sich ein Famila-Supermarkt, ein Kurzwarenladen, ein Kirchturm, eine Disco, und inmitten all dessen Sören, Schamonis Stellvertreter auf der Bühne (Felix Kramer), »eingeklinkert in Arschlochstadt«.


Die Dorfbewohner sind in Loops gefangen, in Zeitschleifen. Entkommen können sie nicht. Sie prügeln sich, übergeben sich, pinkeln in Vorgärten, und all das tun sie immer wieder, sie sitzen fest wie auf Fliegenpapier. Liebe bedeutet, dass sich zwei Zeitschleifen überlagern, und Dorfgemeinschaft bedeutet, dass viele Zeitschleifen einen erstickenden Knoten bilden. Für junge Menschen ist das unerträglich. Die Erwachsenen stellen ihnen nach und verfolgen sie mit ihrem Hass: »Ihr seid jung und krank! Wir haben Euch gemacht, und wir werden Euch auch wieder vernichten. Wir werden Euch dichtkacheln« (– das wurde geschrieben, ehe der Fall von Amstetten publik wurde).


Schamoni sagt über sein Buch: »Mir ging es darum, aufzuzeigen, wo und wie die Punkfans gelebt haben, denn ganz große Teile der Bewegung haben auf dem Land gelebt und haben dort ihr tristes Dasein gefristet und haben sich gewünscht, in die Großstadt zu kommen, kamen aber aus ihrem Dorf nicht weg.«


Wir sind wie Schnecken: Wir nehmen unser Haus überallhin mit
Im riesigen Hamburger Schauspielhaus zeigen nun also Schamoni, Strunk und ihr Kompagnon Jacques Palminger, mit dem sie das komische Künstlerkollektiv Studio Braun unterhalten, dass das Herz jeder großen Stadt und der Kern jeder Revolte ein träges Dorf ist, das erst mal verlassen werden muss und das man, ob man will oder nicht, immer mit sich trägt. Die schönste Figur in Dorfpunks ist daher eine riesige Schnecke, die sich, »Scheiße, Scheiße« nuschelnd, mit ihrem Haus einen Felsen hinaufquält und immer wieder abrutscht.


Dieser Teil von Dorfpunks spielt im Wald und erinnert an die Walpurgisnacht aus dem Faust. Sören, verschleppt und unter LSD gesetzt von der Dorfschönheit Maria, verirrt sich in den Schlingen seiner Fantasie und trifft unheimliche Gestalten, die ihn verführen wollen, namentlich den »Wespenzüchter«. Dieser hält eine flammende Lobrede auf die Wespe, in der sich wohl auch die verantwortlichen Künstler dieses Abends wiedererkennen:


»Wespen wirken zersetzend und spaltend
Bienen dagegen systemerhaltend.
Bienen sind die letzten Spießer.
Befotzte Freunde der Blumengießer.«

Allerdings, dass es bei ihnen zur rabiaten südlichen Kampfwespe nicht gereicht hat, das wissen Strunk und Schamoni schon selbst. Sie sind eher stoische norddeutsche Frohsinnswespen geworden, die es gelernt haben, vom Nektar des Systems zu leben. Wie sagt Schamoni am Schluss der umjubelten Premiere zu seinem Hauptdarsteller Felix Kramer, einem gelernten Tischler:»Zwei ausgebildete Handwerker in den ältesten Berufen der Welt – und wo sind wir gelandet?« Darauf Kramer: »Hamburger Schauspielhaus.« Dann Schamoni: »Richtig. Und betreiben die Ausbeutung des eigenen vergangenen Elends.«Ein Wespensatz, von uns Bienen mit neidvollem Flügelschlag quittiert. 

Hamburger Abendblatt, 2.5.2008
DER UNTERHALTSAME CHARME DER ANARCHIE
Palminger, Strunk Und Schamoni In Hochform
Studio Braun inszeniert Rocko Schamonis Erfolgs-Roman »Dorfpunks« als psychedelisches Rockmusical.
Von Annette Stiekele

Es dampft aus dem Bühnenboden des Schauspielhauses. Da braut sich was zusammen. Kasperlepuppen kämpfen sich ins Freie und liefern einen Prolog mit theoretischem Überbau: »Denn unter Herrschaft gab's schon immer das Sehnen nach Herrschaftslosigkeit.«


Für das anarchistische Telefonterror-Trio Studio Braun - Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger - passt das alles wunderbar zusammen: Die öde Jugend in den 70er-Jahren auf dem Dorfe, die autoritären Eltern, die spießigen Nachbarn, schließlich die Rettung durch den Punk - und das Gedankengut eines Michail Bakunin.


Mit der sehr freien Inszenierung von Rocko Schamonis zwischen zwei Buchdeckel gepresster Jugendbewältigung »Dorfpunks«, Untertitel »Die Blüten der Gewalt«, wagt sich das Trio Infernale nach »Phoenix« ein zweites Mal in den Regiestuhl des Stadttheaters. Sie hätten den Roman auf eine »einfache Kasperlebude heruntergedampft«, erläutert Heinz Strunk.

 Und womöglich ist mit ebendiesem Kasperletheater soeben ein Bühnenrenner entstanden.
Vor den Augen der Zuschauer erheben sich die symmetrischen Rotklinkerfassaden des schleswig-holsteinischen 5000-Seelen-Kaffs Lütjenburg. In diesem Vorhof zur Hölle nimmt die Jugend des noch fusseligen und ein wenig richtungslosen Rocko, im Stück Sören genannt und von Felix Kramer gespielt, ihren verhängnisvollen Lauf.


Der Schulversager landet in einer ungeliebten Töpferlehre bei seiner ewig nörgelnden Mutter, die Heinz Strunk als hysterische Hausfrau im Blümchenkleid mimt. Sören fühlt sich »eingeklinkert in Arschlochstadt«. Einziger Lichtblick ist die dauerbesoffene Freundesclique aus Torben (Hagen Oechel), Malte (Tristan Seith) und Jana Schulz als Urte, die sich den ganzen Abend Bier über ihre geflickte Cordhose speit. Und natürlich das Radio, das neue, laute Töne von der britischen Insel verkündet. AC/DC und Whitesnake heißen die Heilsbringer.
Weil die Revolution in der Repression bekanntermaßen am besten gedeiht, beschließen die Freunde, keine Regeln mehr zu akzeptieren, gründen eine Band und ändern ihre Namen.

 Als Punk-Formation mit Namen »Scheiße«, der Name ist auch Mode- und Frisur-Konzept, tingeln sie durch dörfliche Bandwettbewerbe. Derlei dramaturgische Momente nutzt Studio Braun für einige charmant eingestreute musikalische Höhepunkte. Mal schmettert »Mukker« Heinz Strunk mit Rokoko-Perücke das Saxofon-Solo aus George Michaels 80er-Jahre-Hit »Careless Whisper«, mal agiert Jacques Palminger als anarchistisch verbrämter Wespenzüchter im Taucheranzug.


Dem armen Dorfpunk Sören bereiten zu allem Übel auch die Frauen einigen Verdruss. Die rasante Motorradbraut Maria (Marie Leuenberger) lässt ihn erst einmal auf einem herben Drogentrip im Wald zurück, wo Sörens Bewusstsein von kriechenden Schnecken, säuselnden Kätzchen und Riesenköpfen belagert wird. Spätestens hier erlangt die Entwicklungsgeschichte Sörens fast goethesche Züge. Eine Mephistopuppe mimt den gefährlichen Substanz-Verführer und die Walpurgisnacht lässt grüßen.


Lustvoll operiert das anarchistische Dreigestirn am offenen Herzen des Spießbürgers. Und das überwiegend junge Ensemble zieht feurig mit. Das ist hochkomisch, unerhört sprachwitzig, mitunter klamaukig, aber immer schwer unterhaltsam. Zu guter Letzt wird der arme Dorfpunk - anders als im Buch - nach bestandener Töpferlehre von einem Anruf des stumpfen Technopredigers H.P. Baxxter (Scooter) erlöst. Mit der Hymne »Du trägst dein Dorf immer mit dir rum« endet der Abend. Mit »Dorfpunks“ sind die Subkulturhelden von Studio Braun endgültig im Mainstream des Entertainments angekommen.

 

Die Welt, 2.5.2008
SO GRANDIOS WIE FAUST AUF LSD
In Hamburg wird aus Rocko Schamonis Roman »Dorfpunks« ein Musical
Von Matthias Heine

Bei vielen, die keine Ahnung haben, gilt Theater ja immer noch als elitär. Dabei gibt es wohl keine dermaßen offene Hochkultur-Anstalt wie das deutsche Stadttheater: Bis an die Grenzen der Selbstaufgabe müht man sich hier immerfort, Maler, Migranten, Filmemacher, Behinderte, Popmusiker, Unterprivilegierte usw. zum Mitmachen zu überreden. Lustig daran ist: Wenn diese Theaterfremden erst einmal den Apparat der Bühnen in die Finger kriegen, sind sie meist völlig begeistert von den ältesten Bühnenspielzeugen. So war es bei Christoph Schlingensief, Helge Schneider oder Jonathan Meese, und so ist es jetzt bei Studio Braun, die in Hamburg Rocko Schamonis Buch »Dorfpunks« vermusicalt haben.


Zwar hat das Musikkomiker-Trio aus Heinz Strunk ( »Fleisch ist mein Gemüse«), Rocko Schamoni (acht Auflagen seines Debütromans seit 2005) und Jacques Palminger (noch ohne Bestseller) schon mehrfach im Hamburger Schauspielhaus gearbeitet, aber immer noch sind sie spürbar fasziniert von den Möglichkeiten der Drehbühne, des Lichtzaubers (sogar die gute alte Diskokugel kommt mal wieder zu Einsatz), der Windmaschinen und des Kunstnebels.

Und was für tolle Kopfbedeckungen (Wikingerhelme, Versailles-Perücken - alles da) oder Kostüme man sich in den Werkstätten anfertigen lassen kann! Einmal kriecht einer im putzigen Schneckenkostüm einen Berg hinauf. Das ist Weihnachtsmärchen und Hochphilosophie zugleich, denn dieser Schnecken-Sisyphos rutscht immer wieder runter, wenn er oben angekommen ist.


Schamonis autobiographischer Roman über eine Punkjugend in der Holsteinischen Schweiz wird nicht brav nachbuchstabiert, sondern sehr frei neu erzählt. Wenn der Autor nicht auch der Regisseur wäre, würde bestimmt irgendein Regietheater-Verächter sich darüber aufregen, wie hier wieder mal der Autorenwille missachtet wird.

 Auf der Bühne geht die Geschichte so: In der aus Backsteinen erbauten Kleinstadt Lütjenburg dauern die Siebzigerjahre frisurtechnisch (alle tragen Vokuhila und Oberlippenbart) und musikalisch (man bewundert AC/DC und Whitesnake) auch um 1980 noch an. Bis Sören (Felix Kramer) und seine dauersaufenden Kumpels von einem mephistophelischen Affen (Puppenspiel:

Philipp Pleßmann) zum Haareschneiden (selbstverständlich mit Nagelschere) und zum Punk bekehrt werden. Sie gründen eine Band mit dem schönen Namen »Scheiße aus Lütjenburg«, werden aber von Vertretern der Obrigkeit unterdrückt. Zu denen gehören neben der Polizei und dem örtlichen Discobesitzer auch Sörens Mutter (Heinz Strunk), die ihn ausgerechnet in eine Töpferlehre zwingt. Was für ein Punkalptraum!


Überhaupt sind die Erwachsenen hier wesentlich brutaler und verständnisloser als im Roman. »Die Blüten der Gewalt« blühen keineswegs nur bei den missratenen Kindern im scheinbar so beschaulichen Lütjenburg. Frau Spremberg eine bedrohlich erotische Betonblondine im Dirndlkleid (Rica Blunck) formuliert das Credo eines Bürgerkriegs zwischen Spießern und Punks: »Unser Hass ist auch nicht von schlechten Eltern.«


Einfacher werden die Dinge auch dadurch nicht, dass Sören sich in das coolste Mädchen des Dorfes, eine Charlotte-Roche-Doppelgängerin namens Maria (Marie Leuenberger) verliebt, die ihn aber nicht an ihre Feuchtgebiete lassen will. Stattdessen fesselt sie ihn während eines LSD-Trips nackt an einen Baum im Wald.

 Hier begegnet Sören außer der Schnecke noch einem riesigen Kopf, einer sprechenden Katze (Jana Schulz) und dem »Wespenzüchter«, einem in Sadomasoleder gekleideten Hohepriester des Anarchismus (Jacques Palminger).
Spätestens in dieser Walpurgisnacht-Szene kapiert der Besucher, dass er in einer heimlichen »Faust«-Paraphrase gelandet ist.

 Schon dern Prolog hatte die Affenpuppe in goetheschen Knittelversen gesprochen, und die Dorfdisco »Schröder« ist eindeutig identisch mit Auerbachs Keller. Auch sonst ist diese Inszenierung bildungsgesättigt: Die Szene, in der Sören vom Obertöpfermeister Paco di Luscha (Rocko Schamoni) die Sinnlichkeit des Töpfern demonstriert bekommt, spielt gleichzeitig auf den Achtziger-Liebesfilm“Ghost“ und auf dessen Verhohnepiepelung in »Die Nackte Kanone 2 ½« an.

Und wer weiß heute schon noch, dass »Schneid dir die Haare bevor du verpennst!« ein genialer Slogan des Fehlfarben-Sängers Peter Hein war? Bestimmt nicht der normale silberhaarige Schauspielhaus-Abonnent. Aber auch nicht der theaterfremde Mittzwanziger, den man mit dem »Dorfpunks«-Musical hierher locken möchte.


Müssen sie auch gar nicht! Denn die Aufführung ist so komisch, so bunt, aber auch so tiefsinnig und voller Sprachwitz, dass man nicht jeden Insidergag entschlüsseln muss, um von ihr zwei Stunden lang bestens unterhalten zu werden. Am schönsten funktioniert sie naturgemäß, wenn Musik im Spiel ist: Höhepunkt ist der von einem schmierig-jovialen Conferencier à la NDR-Regionalradio moderierte Talentbewerb im »Soldatenheim«. Die Konkurrenten der Punks sind zwei auch kostümstilistisch grandiose Neue-Deutsche-Welle-Parodien und ein Hippieduo, das zur instrumentalen Kombination Keyboard und Flöte »die Politiker« und den »Atomkrieg« anklagt.


Von all dem erlöst nicht das Ewigweibliche den Provinzpunkfaust. Sondern es ist der Anruf eines Musikbosses, der Sören nach Hamburg holt und ihm mitteilt, es gebe »eine neue Bewegung, mächtiger als alles zuvor«. Der Anrufer ist der Stumpftechno-Papst H. P. Baxxter von der Gruppe Scooter. In der großen Welt muss Sören noch lernen, was der altersweise Rocko Schamoni im Schlusschor: »Du trägst dein Dorf immer mit rum«.

http://www.schauspielhaus.de/