Gesellschaft Freunde der Künste

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Jeder Mensch ein Abgrund

Woyzeck, am 24.11.2009, Theater im Pfalzbau

Als weltweit einzige Bühne hat das Theater Oberhausen zur Eröffnung der Spielzeit 2008 die Nachspielrechte für die Woyzeck-Opera von Tom Waits erhalten, nachdem das Werk nach seiner Uraufführung durch Robert Wilson am Betty Nansen Theater 2000 in Kopenhagen für neue Inszenierungen gesperrt worden war. Da Tom Waits für die Uraufführung jedoch nicht alle Noten notiert hatte, griff der knorrige Bluesbarde gar nochmals höchstpersönlich zur Feder.

Es zeigt sich, dass die Bezeichnung »Opera« tatsächlich nicht übertrieben ist, denn Tom Waits behandelt seine Songs trotz des rumpeligen Jahrmarktsounds, den sie verströmen, wie Arien. Tom Waits’ balladenselige Musik schafft eine Stimmung, die mit der Regie-Konzeption des spanischen Musiktheaterregisseurs Joan Anton Rechi aus dem engen Umkreis des skandalumwitterten Calixto Beito eine perfekte Symbiose eingeht. Rechi siedelt Büchners todtrauriges Theaterfragment im Rotlichtmilieu an.

Die Welt wird focussiert auf ein freudloses Freudenhaus, in dem traurige Schicksale aus- und eingehen und jeder Mensch – im Sinne Büchners – ein Abgrund ist. In dieser Manege des Lebens wird die tragische Liebesgeschichte zwischen Woyzeck und Marie auf ihre unspektakuläre Weise nachvollziehbar erzählt. Der schüchterne, stille Woyzeck wird Marie schlichtweg zu langweilig, überdies schämt sie sich für ihn, weil es ihm nicht gelingt, sich aus dem Pfuhl der alltäglichen Schmähungen zu befreien.

Ihre Affäre ist nur noch der eine Tropfen, der das Fass bei Woyzeck zum Überlaufen bringt, der aus dem Einsamen einen Mörder macht – aus Angst, das Liebste zu verlieren, was ihm das Leben lebenswert macht:

»›All the world is green‹ singen Woyzeck und Marie. Sie nehmen sich in die Arme. Jetzt könnte alles anders werden, hier muss kein Mord passieren. Die beiden zerbeulten Seelen, denen Tom Waits einen zärtlichen Song in die Kehle legt, könnten einfach miteinander fortgehen. Aber der Text erzählt von der Vergeblichkeit: ›Let’s pretend we can bring back the old days‹. Sie können halt nur so tun, als seien die alten Zeiten nicht längst vorbei. Sie sind es, und Woyzeck schlitzt Maries Kehle auf, während er sie fest im Arm hält. Zärtlich lässt er den zuckenden Körper zu Boden sinken, während die Musik weiterläuft: ›The band is playing our song‹.«

Stefan Keim, Frankfurter Rundschau, 22.9.2008

Aufführungen am 24 und 25.11.2009, Theater Oberhausen

Von Robert Wilson / Tom Waits / Kathleen Brennan
Nach dem Stück von Georg Büchner
Songs und Liedtexte: Tom Waits und Kathleen Brennan
Originalproduktion, bild und visuelles Konzept: Robert Wilson
Neuinszenierung von Joan Anton Rechi
Bühne: Alfons Flores
Kostüme: Moritz Junge
Musikalische Leitung: Otto Beatus
Mit Marianne Burkhard, Nora Buzalka, Henry Meyer,
Jürgen Sarkiss, Peter Waros, Michael Witte, Klaus Zwick

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