Als unbequemer Einzelgänger ist Arno Schmidt (1914-79) schon früh in die deutsche Literaturgeschichte eingegangen. Weitgehend unbekannt war, dass der Schriftsteller bereits ab 1949 als hochbegabter Amateur leidenschaftlich fotografierte. Über 190 Arbeiten des Literaten zeigt im Frühjahr 2009 das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg. Mehr als 100 Schwarz-Weiß-Aufnahmen werden zum ersten Mal einem breiten Publikum vorgestellt. Die Ausstellung entsteht in enger Zusammenarbeit mit der Arno Schmidt Stiftung und dem renommierten Fotohistoriker Janos Frecot. Zur Ausstellung wird mit „SchwarzWeißAufnahme – Fotografien von Arno und Alice Schmidt aus drei Jahrzehnten“ ein weiterer Bildband aus dem Schmidt’schen Fotoarchiv präsentiert.
Mit der Ausstellung „Schmidts Fotoalbum“ präsentiert das Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg das fotografische Werk eines der bedeutendsten und zugleich umstrittensten Schriftsteller der Bundesrepublik. Die Ausstellung entsteht in enger Zusammenarbeit mit der Arno Schmidt Stiftung und Janos Frecot, dem ehemaligen Leiter der fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie, anlässlich des Erscheinens von „SchwarzWeißAufnahme“, des zweiten Bandes aus dem Schmidt’schen Fotoarchiv.
Der seit 1958 in Bargfeld in der Lüneburger Heide äußerst zurückgezogen lebende Autor hatte neben dem literarischen Werk seit 1949 bis zum Todesjahr 1979 weit über 2.500 Farbdias und mehr als 1.000 Schwarz-Weiß-Aufnahmen hergestellt.
Eine prägnante Auswahl von etwa 70 Farb- und 120 Schwarz-Weiß-Fotografien beleuchtet im Kunstforum eine weitgehend unbekannte Seite des Literaten. Etwa 100 Schwarz-Weiß-Fotografien sind in der Ausstellung und im Fotoband erstmalig zu sehen. 20 weitere unveröffentlichte Aufnahmen werden ausschließlich im Kunstforum präsentiert.
„Wie in seinen Büchern zielt Schmidt in seinen Fotografien auf die Abläufe und inneren Zusammenhänge der Welt in ihrer Gesamtheit ab“, erklärt Dr. Roman Zieglgänsberger, Leiter der Grafischen Sammlung des Kunstforums. „Als stiller Chronist schildert er präzise sein direktes Umfeld, sein Dorf, sein Haus oder seinen Garten. All diese Details stehen bei ihm jedoch, quasi als pars pro toto, immer für das Ganze. Erst durch diese beharrliche Beobachtung verschafft er den oberflächlich gesehen eigentlich langweiligen Dingen eine unermessliche bildliche und emotionale Präsenz.“
Arno Schmidt, der Außenseiter der deutschen Literatur:
Arno Schmidt (1914-79) wird als Sohn eines Polizeibeamten in Hamburg geboren und wächst in einem Arbeiterviertel auf. Bereits im Alter von drei Jahren lernt der Junge, der zeitlebens ein „Bücherfresser“ bleibt, das Lesen. 1928 stirbt überraschend sein Vater, Schmidt wird mit 14 Halbwaise. Gemeinsam mit seiner Mutter und seiner drei Jahre älteren Schwester siedelt Arno Schmidt nach Lauban in Schlesien um, von wo die Vorfahren stammen.
Um den Lebensunterhalt für seine Familie zu sichern, wird Schmidt nach seinem Abitur 1933 zunächst Lagerbuchhalter in einer Textilfabrik. 1937 heiratet er seine Arbeitskollegin Alice Murawski (1916-1983), die ihren Mann künftig bei zahlreichen literarischen Projekten unterstützt.
1939 wird Arno Schmidt zur Wehrmacht eingezogen und kommt gegen Ende des Krieges in englische Kriegsgefangenschaft. Diese Erfahrungen machen den Schriftsteller zu einem radikalen Oppositionellen der Wiederbewaffnung der BRD.
Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er zunächst als Dolmetscher. Erst Ende der 1940er Jahre beschließt Schmidt, freier Schriftsteller zu werden. Für das Ehepaar beginnt damit ein Leben in Armut und Entbehrung.
1949 erscheint mit „Leviathan“ Arno Schmidts erstes Buch. Ein Jahr nach der Veröffentlichung wird der Autor für den Erzählband mit dem Großen Preis der Mainzer Akademie ausgezeichnet. Dennoch kann Schmidt bis etwa 1970 von seiner Schriftstellerei nicht leben. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, nimmt er „Brotarbeiten“ an wie Übersetzungen, Aufsätze und Kurzgeschichten für Zeitungen oder literaturhistorische Gespräche für den Rundfunk.
Ende 1958 zieht Schmidt nach Bargfeld, einem kleinen Dorf in Niedersachsen. Es wird der letzte Wohnort des Dichters, den er nur selten verlässt. Bargfeld und seine Landschaft spielen fortan in seinem literarischen Schaffen eine entscheidende Rolle, so z.B. in seinem letzten vollendeten Roman „Abend mit Goldrand“. Die flache, eintönige Landschaft bietet auch dem Fotografen Schmidt reichlich Stoff.
1964 erhält Schmidt den Fontanepreis. In völliger Zurückgezogenheit schreibt er in den folgenden Jahren sein Hauptwerk „Zettel’s Traum“. Nach mehrjährigen Vorarbeiten erscheint das Buch 1970. Im Juli 1972 erleidet Schmidt, der seit Mitte der 1950er Jahre mit Herzproblemen kämpft, einen Herzinfarkt.
1973 steht Arno Schmidt auf dem Höhepunkt seines Ruhmes: mit dem Goethepreis verleiht ihm die Stadt Frankfurt am Main den meist angesehenen und höchstdotierten Kulturpreis der Bundesrepublik. Diesen Preis haben vor ihm u.a. Stefan George, Albert Schweitzer, Sigmund Freud, Max Planck, Thomas Mann und Walter Gropius erhalten. Aus gesundheitlichen Gründen kann Schmidt den Preis nicht persönlich entgegennehmen.
Mitten in der Arbeit an seinem Roman „Julia, oder die Gemälde“ erleidet Arno Schmidt im Sommer 1979 einen schweren Schlaganfall und stirbt im Alter von 65 Jahren.
Der letzte Satz, den er geschrieben hat, lautet: „Ist Fleiß für Menschen & Tiere eine einfache (Lebens)Notwendigkeit?“
Arno Schmidt. Schriftsteller, Mensch, Fotograf
Als unbequemer Einzelgänger ist Arno Schmidt schon früh in die deutsche Literaturgeschichte eingegangen. Seine Romane „Brand’s Heide“, „Das steinerne Herz“ und „Kaff auch Mare Crisium“ oder der Erzählband „Kühe in Halbtrauer (Ländliche Erzählungen)“ haben ihm diesen Status verliehen. In seinem Werk verbindet Schmidt traditionelle Erzählweise mit avantgardistischer Schreibtechnik.
Dies macht ihn zu einem der bedeutendsten Schriftsteller im deutschen Sprachraum nach dem Zweiten Weltkrieg.
Auch seiner Auseinandersetzung mit der Kultur und Gesellschaft verdankt er diese herausragende Stellung. 1973 ehrte ihn die Stadt Frankfurt als einen „[…] Menschen, der sich aus der Grundhaltung kritischer Vernunft und überlegenen Humors für die mögliche Wahrheit und Freiheit im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft kompromisslos einsetzt […]“.
Dass der Schriftsteller bereits im Alter von 35 Jahren bis zum Lebensende als hochbegabter Amateur leidenschaftlich fotografierte, ist hingegen weitgehend unbekannt. „Arno Schmidts Foto-Ästhetik verdankt ihren Reiz der Ereignislosigkeit, die der Lüneburger Heide zu Eigen ist“, so Dr. Zieglgänsberger. „Diese weite Landschaft wird durch den insistierenden Blick des Fotografen magisch aufgeladen. Als Dia an die Wand geworfen wird ihre langweilig-schöne Realität plötzlich verblüffend bedeutsam.“
Publikation Ausstellung
Zur Ausstellung erscheint das Buch „SchwarzWeißAufnahme - Fotografien von Arno und Alice Schmidt aus drei Jahrzehnten“ hrsg. v. Janos Frecot, Frankfurt am Main 2009. (Suhrkamp Verlag, 123 Seiten, 49,90 Euro).
Ausstellungsort: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, www.kunstforum.net vom 8.3. bis 1.6.2009
www.kunstforum.net, info@kunstforum.net
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr

