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Das Erste, So, 20. Nov., 20.15 Uhr

TV-Tipp - „Der Tote im Nachtzug“ - Mit dem Kameramann am Tatort - der zweite „Tatort“-Fall des neuen Frankfurter Ermittlerteams

„Der Tote im Nachtzug“: Im November läuft der zweite „Tatort“-Fall des neuen Frankfurter Ermittlerteams Nina Kunzendorf und Joachim Król. Unsere Autorin hat dem Kameramann beim Dreh über die Schulter geschaut, die Schauspieler hautnah erlebt und trotz gebührendem Abstand eine Szene vermasselt.

Kameramann Armin Alker ist ganz entspannt. Heute beginnt der Dreh erst um die Mittagszeit. Beim Meeting am Morgen mit dem Regisseur und den Schauspielern hat er die Szene besprochen, die heute dran kommt. Jetzt kann er in Ruhe Licht, Blickwinkel, Atmosphäre ausprobieren.

Regisseur Lars Kraume sagt, er habe den besten Kameramann engagiert. Alker will das nicht hören und schon gar nicht kommentieren. „Beim Tatort hast du das Glück, gefragt zu werden“, so formuliert er es lieber. „Ich hab das Vergnügen, bei vielen ganz tollen Filmen mitarbeiten zu dürfen“.

Er tut das schon seit 26 Jahren, und gerne beim hr, denn hier gebe es „diese Mischung aus Geschichten und Bildern“, die seinen Job als Kameramann so spannend mache: anspruchsvolle Fernsehspiele, Spielfilme, Märchenfilme und natürlich der „Tatort“.

Gleich sein zweiter Film, den er für den hr drehen durfte, war ein „Tatort“. Es folgten weitere – für ihn ist die Serie Kult, ein Traum und immer noch das absolute Highlight.

Heute wird in einer riesigen Lagerhalle der Frankfurter Hafenbahn gedreht. Hier ist viel Platz für das Equipment des Drehteams und für ein ganzes Zugabteil. Das wurde extra für die Szenen im Zug nachgebaut.

Es ist ein polnischer Wagen, denn „Der Tote im Nachtzug“ ist offenbar auf dem Weg von Warschau nach Frankfurt gestorben. Die Hauptdarsteller Nina Kunzendorf – sie spielt Kommissarin Conny Mey – und Joachim Król – er spielt Kommissar Frank Steier – sitzen vor der Halle in der Sonne und warten auf ihren Einsatz.

Der erste „Tatort“ des neuen Ermittlerteams erzielte eine Traumquote. Die beiden haben sichtlich Spaß an ihren Rollen, dem Drehbuch und dem Ambiente in der doch recht ungemütlichen Lagerhalle.

Rund 30 Leute sind heute mit dem Ablauf beschäftigt, allein sechs kümmern sich mit Armin Alker um die große Kamera. Jeder hat seinen Platz, bei aller Hektik ist die Atmosphäre entspannt, der Ton ausgesprochen freundlich. Man kennt sich und arbeitet gern miteinander. Vor allem auf den Kameramann wird es jetzt ankommen, doch der hält sich im Hintergrund.

Auf das Stichwort "Peng“ bricht Mey zusammen

"Ruhe bitte, Probe“ – auf das Stichwort des Regisseurs wirft Nina Kunzendorf ihr Jäckchen über, Joachim Król zwängt sich trotz der Sommerhitze in Anzugjacke und Mantel, und beide verschwinden in dem engen Zugabteil. Armin Alker hat seine Kamera aufgebaut, Lars Kraume wird die zweite Kamera bedienen.

Die Kommissare spielen nach, wie der Mord passiert sein könnte. Mey gibt kurz den Schaffner, der an die Abteiltür klopft – "Sie wollten geweckt werden?“ –, dann ist sie das Opfer. Steier spielt den Mörder, der die Pistole immer wieder etwas anders in der Hand hält. Auf das Stichwort "Peng“ bricht Mey zusammen und sinkt theatralisch am Abteilfenster zu Boden.

"Für die Geschichte ist diese Szene gar nicht so wichtig“, sagt Armin Alker. Eine Schlüsselszene sei sie allerdings, wenn man das Verhältnis der beiden Ermittler zueinander skizzieren und zeigen will, wie sie an die Arbeit rangehen. Und deshalb müsse er mit seinem Objektiv ganz nah dran sein.

Der erste Drehversuch dauert nur ein paar Minuten. "Der Vorhang muss anders hängen“, sagt Alker. Dass der zweite Versuch nichts wird, daran bin ich schuld. Ich stehe im Weg, irgendwo spiegelt sich irgendwas in der Wagonscheibe, dabei stehe ich doch ganz am Rand.

"Macht nichts“, meint der Kameramann, "manches siehst du erst beim Dreh, dann, wenn du durchs Objektiv schaust.“ Außerdem wird eine einzige Szene unter Umständen ohnehin ein paar Dutzend Mal wiederholt. "Wenn eine Szene 15 Einstellungen hat, brauchst du genau so viele Drehs, damit du hinterher schneiden kannst.“

„Wir probieren’s mal anders“

Die erste Perspektive ist okay und im Kasten, ob sie verwendet wird, weiß jetzt noch niemand, auch nicht der oberste Kameramann. "Wir probieren‘s mal anders“, sagt er. Also kommt hier eine Wand weg und dort ein Podest hin, die Lampen werden mal links, mal rechts aufgebaut, die riesige Kamera einmal durch den Raum geschoben.

15 Minuten Umbaupause, ein Assistent versorgt das Team mit belegten Brötchen und Getränken. Danach steht die Kamera mal im Abteil, mal schaut sie von außen hinein, probiert verschiedene Blickwinkel.

Mit 15 Drehs kommt das Team heute nicht hin, Armin Alker findet immer noch eine Kleinigkeit, die man besser oder anders machen kann. "Die sind sehr, sehr geduldig mit mir“, sagt er mit einem Grinsen, "denn sie wollen alle am Ende das perfekte Produkt.“

Es sei immer eine Frage der Absprache, wie viel Freiraum man als Kameramann habe, erzählt Armin Alker. "Manche Regisseure haben eine sehr genaue Vorstellung, andere überlassen dir gleich die ganze Bildgestaltung.“ Dass Regisseur Lars Kraume die zweite Kamera bedient, ist ihm sehr recht.

Die beiden sind seit vielen Jahren ein eingespieltes Team. "Am Anfang hat mich das etwas unsicher gemacht, wenn der Regisseur selbst drehen will“, sagt Alker. "Jetzt ist es etwas, das ich sehr schätze. Man schaut mit unterschiedlichen Augen, hat verschiedene Versionen von derselben Szene und ist dann flexibler.“

Das Drehbuch basierert auf einer wahren Geschichte

Der Film erzählt, wie eine blutüberströmte Leiche im Nachtzug aus Warschau gefunden wird. Ein Verdächtiger rennt davon. Die Ermittler erfahren, dass der Tote Sanitäter bei der Bundeswehr in Afghanistan war und wegen Medikamentenmissbrauchs entlassen wurde.

Der flüchtige Verdächtige und der Tote kannten sich aus Afghanistan, beide waren an krummen Geschäften beteiligt. Als sich auch noch Feldjäger einschalten, ist klar, es geht hier auf keinen Fall nur um einen Raubmord. Es ist ein spannendes Drehbuch, das Lars Kraume basierend auf einer wahren Geschichte geschrieben hat.

Für den Kameramann fängt die Spannung aber erst richtig an, wenn er durchs Objektiv schaut. Hier muss sich ihm die Geschichte erschließen. „Durch die Kamera hast du einen sehr reduzierten Blickwinkel. Die Herausforderung ist es, Geschichten zu erzählen, die Gefühle erzeugen, und zu sehen, womit man welchen Effekt erzeugen kann“, sagt Armin Alker.

Da spielen kleinste Kleinigkeiten mit rein. Deshalb ist auch die zwanzigste Klappe der Szene im Zug für ihn so wichtig wie die erste. Und eine Sache höchster Konzentration.

Im nächsten Monat wird schon am nächsten "Tatort“ gedreht. Trotzdem bleibt Alker am "Toten im Nachtzug“ dran. Bis der Film ausgestrahlt wird, hat er ihn schon ein paarmal gesehen, die Schnittfassung kritisch angeschaut, die Farbkorrektur gemacht und bei der Preview erste Publikumsreaktionen getestet.

Trotzdem ist der Tag der Erstausstrahlung etwas ganz Besonderes. Dann sitzt Armin Alker gespannt zuhause auf dem Sofa vor dem Fernseher. "Ich entdecke immer Fehler, aber man ist zufrieden, wenn die Geschichte funktioniert, wenn sie spannend und schlüssig ist, wenn sie tolle Figuren zeigt.

Darum geht es. Und daran ist der Kameramann genauso beteiligt wie Autor, Regisseur und Schauspieler. Mir sind Dinge wichtig wie ein natürliches Licht zum Beispiel, aber“, Armin Alker lehnt sich entspannt zurück, "mir ist es lieber, jemand sagt, es war ein toller Film als es war ‘ne tolle Kamera.“ (Daniella Baumeister)

„Der Tote im Nachtzug“, Das Erste, So, 20. Nov., 20.15 Uhr

Wiederholung des ersten Falls: „Eine bessere Welt“, hr-fernsehen, Sa, 19. Nov., 21.45 Uhr

Redaktion: sare Bild: © hr