Zum 45. Mal wird das Theatertreffen zum Forum für Theatermacher. Unter dem Motto „Erzähltes Wir. Die Welt als Stoff“ steht die Kunst des Erzählens im Mittelpunkt des Programms. Insgesamt 43 Regisseure, Schauspieler und Autoren von vier Kontinenten, aus zwanzig Ländern werden künstlerisch untersuchen, wovon es heute zu erzählen gilt. Die vier Workshops von herausragenden Künstlern verfolgen dabei völlig verschiede gegenwärtige Arbeitsweisen:
- Armin Petras und Andrea Koschwitz vom Maxim-Gorki-Theater entwickeln theatrale Formen der Geschichtsschreibung.
- Die Performance-Gruppe Gob Squad verbindet visuelle und darstellende Kunst und verwandelt im Kollektiv Räume des Alltags in Bühnen der Kunst.
- Der Regisseur, Autor und Schauspieler Klaus Schumacher vom Jungen Schauspielhaus Hamburg entwickelt aktuelle Stücke aus brisanten Themen und Geschichten.
- Die Bühnenbildnerinnen Muriel Gerstner und Janina Janke erforschen das Berliner Corbusier-Haus unter dem Titel „Die Stadt als Text“.
Die nationale und internationale Vernetzung von Theatermachern ist in den letzten Jahren rasant gestiegen. Zahlreiche Foren und Talenteplattformen erzählen davon. Auch für das seit 45 Jahren stattfindende Internationale Forum gab es 2009 eine Rekordanzahl von Bewerbungen. Mit dabei sind in diesem Jahr u.a. Theatermacher aus Syrien, dem Kosovo und China.
Das Programm des Internationalen Forum spielt sich hinter den Kulissen des Theatertreffens ab. Am 9.5. wird es allerdings eine öffentliche Diskussion mit Stipendiaten geben, die das rbb Inforadio im Haus der Berliner Festspiele veranstaltet: „Wie welthaltig ist unser Theater?“
Infos unter: www.berlinerfestspiele.de sowie www.internationales-forum.de
Foto: Die Möwe, vorn: Alexander Khuon und Corinna Harfouch; hinten: Bernd Stempel, Simone von Zglinicki © Matthias Horn
Die Möwe
Deutsches Theater Berlin / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec
Regie Jürgen Gosch
Bühne und Kostüme Johannes Schütz
Dramaturgie Bettina Schültke
Licht Torsten König
Mit
Corinna Harfouch Irina Nikolajewna Arkadina, Schauspielerin
Jirka Zett Konstantin Gawrilowitsch Treplew, ihr Sohn
Christian Grashof Pjotr Nikolajewitsch Sorin, ihr Bruder
Kathleen Morgeneyer Nina Michailowna Saretschnaja, Tochter eines reichen Gutsbesitzers
Bernd Stempel Ilja Afanasjewitsch Schamrajew, Gutsverwalter bei Sorin
Simone von Zglinicki Polina Andrejewna, seine Frau
Meike Droste Mascha, seine Tochter
Alexander Khuon Boris Alexejewitsch Trigorin, Schriftsteller
Peter Pagel Jewgenij Sergejewitsch Dorn, Arzt
Christoph Franken Semjon Semjonowitsch Medwedenko, Lehrer
Ben Clark Jarkow, ein Arbeiter
Przemek Zybowski Ein Koch
Theresa Schütz Ein Zimmermädchen
In einem lehmbraunen Kasten schleppen die Menschen in „Onkel Wanja“, der Meisterinszenierung der letzten Saison, ihr falsches Leben hin. Nur noch eine nachtschwarze Wand, als wäre alle Lebenswärme, alle Farbe gewichen, grundiert „Die Möwe“, mit der der Regisseur Jürgen Gosch und sein Ausstatter Johannes Schütz ihre Tschechow-Erkundung am Deutschen Theater in Berlin fortsetzen. Noch nackter, noch ungeschützter zeigen die Schauspieler im Arbeitslicht der Probe auf der Vorbühne ihre Kunst, Konzentrate des Lebens aufglimmen und wieder verlöschen zu lassen. Es ist ja auch das Theater selbst, das in dieser Komödie der Verzweiflung zum Thema wird. Vermeintliche alte Bekannte erscheinen wie noch nie gesehen: die herbe, bemerkenswert unkokette Provinzdiva Arkadina der Corinna Harfouch, der ungewohnt junge, in seiner Seelenschlamperei umso monströsere Belletrist Trigorin des Alexander Khuon. Sie sind die Weitermacher, die über die Aufbrüche der Jungen hinwegschreiten: Nina, die erfolglose Schauspielerin (Kathleen Morgeneyer), zerbricht an der falschen Liebe, Kostja, der gescheiterte Theatererneuerer (Jirka Zett), geht in den Tod. Diese Dissonanz hält Jürgen Gosch unerbittlich durch: Am Ende friert das Gruppenbild vor der schwarzen Wand ein.
Info unter: www.deutschestheater.


© Matthias Horn