300 Künstler. 15 Produktionen in 12 Tagen aus 11 Ländern. 8 Konzerte und Parties, 1 Tagung, 1 T-Shirt-Abo. Das Festival Theaterformen ist zurück in Hannover. Die 10. Ausgabe vom 10. – 21. Juni gibt einen Einblick in die Vielfalt des zeitgenössischen internationalen Theaters mit 11 deutschen Erstaufführungen und einer Uraufführung. Die Produktionen stammen aus Argentinien, Deutschland, England, Frankreich, Kongo, Marokko, Holland, Russland, Spanien und der Schweiz. Die neue Festival-Leiterin Anja Dirks stellte das Programm am Freitag auf einer Pressekonferenz im Schauspiel Hannover vor. Theaterformen ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Staatstheater Braunschweig und Hannover, unterstützt durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, die Städte Braunschweig und Hannover, die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und die Stiftung Niedersachsen. Es findet im jährlichen Wechsel in Hannover und Braunschweig statt.
Die Eröffnungspremiere im Theater am Aegi mit „Taoub“ ist eine Gemeinschaftsarbeit der marokkanischen Groupe acrobatique de Tanger mit dem französischen Regisseur Aurélien Bory. Verträumte Bilder und spektakuläre Artisten-Nummern machten die Produktion zu einem riesigen Erfolg des Nouveau Cirque. Mehrere Projekte finden im Stadtraum von Hannover statt. Die belgische Compagnie Marius baut für „Alle die da fallen“ von Samuel Beckett eine Holztribüne im Georgengarten auf und zeigt als nachmittägliches Freiluft-Theater ihre "unmissverständliche Aufführung von Becketts zweideutigem Hörspiel“. Der junge niederländische Regisseur Dries Verhoeven inszeniert Theater in Form eines Stadtrundgangs: Von einem fremden Führer geleitet, bekommt je ein Zuschauer eine sehr besondere Führung durch die Straßen um den Hauptbahnhof. Verhoeven erarbeitet für Theaterformen eine neue Hannoveraner Fassung von „Niemandsland“.
Die französische Gruppe Vivarium Studio zeigt zwei Produktionen im Schauspielhaus, „L'Effet de Serge“ und „La Mélancholie des dragons“. Der Regisseur Philippe Quesne macht Theater mit starken Bildern, einfachen Geschichten und trockenem Humor. Der lettische Regisseur Alvis Hermanis, der 2004 bei den Theaterformen mit „Revizor“ zu Gast war, zeigt diesmal „Schukschins Erzählungen“ mit den russischen Schauspielstars Jewgeni Mironow und Chulpan Hamatowa („Good bye Lenin“). Die Geschichten des sowjetischen Kultautors Wassili Schukschin erzählen von einfachen Menschen und verhinderten Helden im ländlichen Russland. Als starke Regiehandschrift aus Deutschland ist „Der Prozess“ von Andreas Kriegenburg zu sehen; die Produktion der Münchner Kammerspiele wurde auch zum Berliner Theatertreffen 2009 ausgewählt. Das junge schauspielhannover und die Berliner Performancegruppe andcompany.Co bringen in Koproduktion mit dem Festival Theaterformen eine Uraufführung heraus. „City Circus“ entsteht mit über 15 Hannoveraner Jugendlichen. Im Mittelpunkt des dadaistisch inspirierten Anti-Zirkus stehen die Themen Müßiggang, Faulheit und Nichtstun.
Aus dem Kongo kommt der Tänzer und Choreograph Faustin Linyekula mit „more more more... future“. Aus der energiegeladenen Musikrichtung Ndombolo hat er ein szenisches Konzert über die Zukunftshoffnung afrikanischer Jugendlicher entwickelt. „La Omisión de la Familia Coleman“ von Timbre 4 ist eine weitere Entdeckung aus der lebendigen Theaterszene von Buenos Aires. Das Kammerspiel erzählt den tragikomischen Verfall einer Familie. Der junge Schweizer Thom Luz spürt in seiner Debüt-Inszenierung „Patience Camp“ der missglückten Polarexpedition von Henry Shackleton 1913 nach. Die spanische Performance-Spezialistin Cuqui Jerez meditiert über die ureigensten Mittel des Theaters, namentlich über das Probieren in „The Rehearsal“. Ein Late-Night-Cabaret im Stil der 1920iger Jahre und in surrealer Stummfilm-Ästhetik bietet die Gruppe 1927 mit ihrer ersten umfassenden Produktion „Between the Devil and the Deep Blue Sea“. Das spanisch-britische Duo Rosa Casado und Mike Brookes baut für eine Nacht in die Eingangshalle des Neuen Rathauses Hannover ein Stadtmodell aus Eis. „Some things happen all at once“ ist eine Performance zum Thema Energie und Nachhaltigkeit bietet den Zuschauer die Möglichkeit zur Intervention – sie haben die Möglichkeit, das Schmelzen der Eisstadt aufzuhalten.
Während des gesamten Festivals ist „Meine Großeltern“ von Mats Staub zu sehen. Der Schweizer Regisseur hat Kindheitserinnerungen, Familienlegenden und (lückenhaftes) Faktenwissen gesammelt - von Enkeln aus der Schweiz, aus Österreich und aus Hannover. Mit Jugendfotos der Großeltern an den Wänden und den Erzählungen auf ausleihbaren i-Pods wird die Cumberlandsche Galerie im Schauspielhaus zur Galerie der Erinnerung. Unter dem inhaltlichen Schwerpunkt „Urbane Akteure“ verfolgt das Festival die Frage, wie Menschen sich selbst inszenieren und die Stadt als tägliche Bühne nutzen. Ein T-Shirt-Abo mit vier exklusiv für das Festival Theaterformen entworfenen T-Shirts als abwechslungsreiche „urbane Uniform“ gehört hier ebenso dazu wie die Tagung „Stadtraum und Inszenierung“ in Zusammenarbeit mit der Universität Hildesheim und hub:kunst.diskurs e.V.
Im Hof des Schauspielshauses errichtet der Schweizer Industriedesigner Beat Karrer ein Dach in Form eines fliegendes Teppichs, der eine Konzertbühne mit der Cumberlandschen Galerie verbindet. Auf der Bühne gibt es eine Reihe von Konzerten – Open Air und bei freiem Eintritt mit Super 700, Die Sterne, Jacques Palminger & The Kings of Dub Rock, Tex & Erobique, Stereo Total, Russendisko, Mariahilff, Tillomat und der Fête de la Musique.
Infos zum Programm www.theaterformen.de vom 10. bis 21.6.2009 in Hannover
Foto: "Between the Devil and the deep blue Sea"

