Luk Percevals Adaption von Hans Falladas Roman ‚Kleiner Mann – was nun?‘ von 1932 hat einen Nerv getroffen. Großen Jubel rief die Produktion sowohl bei der Premiere in München als auch beim Berliner Theatertreffen 2010 hervor. Das liegt zum einen an der Aktualität des Stoffes, zum anderen aber auch an der bemerkenswerten Leistung des Schauspielensembles, allen voran Paul Herwig als Pinneberg und Annette Paulmann als Lämmchen. Beide wurden mit dem 3sat-Theaterpreis 2010 geehrt und von der Fachzeitschrift Theaterheute zu Schauspielern des Jahres 2010 gekürt. Paul Herwig erhielt 2010 außerdem den Alfred-Kerr-Darstellerpreis und den Deutschen Theaterpreis DER FAUST.
Als Johannes Pinneberg und seine Freundin Emma Mörschel, genannt Lämmchen, einen Frauenarzt aufsuchen, um sich nach Verhütungsmethoden zu erkundigen, erfahren sie, dass Lämmchen im zweiten Monat schwanger ist. Das ist der Beginn einer großen, hoffnungsvollen Liebesgeschichte. Nach einer Blitzhochzeit bezieht das junge Paar eine möblierte Wohnung am Stadtrand von Ducherow. Gegenüber seinem launischen Chef Emil Kleinholz, der ihn mit seiner Tochter Marie verkuppeln will, hält Pinneberg seinen neuen Familienstand geheim. Als Pinneberg bei einem Sonntagsausflug aber mit Lämmchen in inniger Umarmung von Familie Kleinholz gesehen wird und es tags darauf zu einem hitzigen Wortgefecht mit Marie kommt, fällt die Wahl auf Pinneberg, als sich Kleinholz zum monatlichen Kündigungstermin von einem seiner Mitarbeiter trennt. Aber Pinneberg braucht Arbeit, denn er hat Angst vor dem Absturz.
Rettung kommt aus Berlin, von Pinnebergs Mutter Mia, einer ehemaligen Bardame. Durch dubiose Beziehungen erhält Pinneberg trotz der Konjunkturkrise eine Stelle als Verkäufer für Herrenkonfektion. Am Abend des 14. März 1931 bringt Lämmchen den Sohn Horst, genannt Murkel, zur Welt. Doch das Familienglück währt nicht lang. Aufgrund seiner kurzen Nachtruhe ist Pinneberg unpünktlich, übermüdet und unkonzentriert bei der Arbeit. Es fällt ihm schwer, das monatliche Verkaufssoll zu erfüllen. Er wird abgebaut und ist nun einer von Millionen Arbeitslosen während der Weltwirtschaftskrise. Wie für viele stellt sich auch für die Pinnebergs die Frage: was nun?, während der soziale Abstieg unaufhaltsam beginnt.
Mag auch die Wirtschaftskrise in heutigen Zeiten anders aussehen als in den 1930ern, so bleibt doch der Grundsatz gleich: Es geht ans Eingemachte. Wer keine Arbeit hat, findet keine mehr, und wer eine hat, tut gut daran, diese nicht aufs Spiel zu setzen. Johannes Pinneberg bemüht sich, seine Redlichkeit zu wahren und dennoch nicht unter die Räder zu kommen. Zunächst gelingt das auch, doch die Willkür der Vorgesetzten triumphiert über die Machtlosigkeit der Untergebenen.
Luk Perceval schuf aus dieser Geschichte einen atmosphärisch dichten, großen Theaterabend. Knapp vier Stunden lang erlebt man die Höhen und Tiefen des sympathischen, naiv-verliebten Paares mit. Die mitreißenden Hauptdarsteller Annette Paulmann und Paul Herwig werden von einem hochkarätigen Ensemble in wechselnden Rollen umfangen und getragen (u.a. André Jung, Gundi Ellert und Wolfgang Pregler).
Da gibt es tieftragische und hochkomische Momente, in denen das Glück des jungen Paares den gesellschaftlichen Zwängen und politischen Notwendigkeiten gegenübersteht.
Die Kraft und Verve der Schauspieler stehen im Zentrum der Inszenierung. Auf der nahezu leeren Bühne dominiert als einziges Bühnenbild-Element ein gigantisches, illuminiertes Orchestrion – ein Musikwunderwerk zwischen Altar und Vergnügungskiste ‚wie ein riesiges Tabernakel‘ (Tagesspiegel). Die Musik grundiert die Szenen und begleitet die Revue-Einlagen des Ensembles: Schlager und Ohrwürmer aus den 20er und 30er Jahren wie ‚Einmal schafft’s jeder‘, die im Angesicht der Verhältnisse einen ironischen Beigeschmack bekommen.
Hinter dem Monster-Musik-apparat sind per Video-Einspielung Sequenzen aus dem Film ‚Berlin, die Sinfonie einer Großstadt‘ von 1927 zu sehen. Dieses Zusammenspiel von schauspielerischer Kraft und Bühnenatmosphäre schafft eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann. Das Paar, das unerschütterlich an das Gute glaubt, obwohl ihm die Vergangenheit nicht wohlgesonnen war, das in der Gegenwart nur haarscharf am Existenzminimum vorbeischrammt und dessen Zukunft mehr als ungewiss ist, rührt das Herz. Und trotz eindeutiger 20er-Jahre-Atmosphäre, die wie ein Otto-Dix-Gemälde anmutet, sind Johannes Pinneberg und sein Lämmchen – sowie alle sie begleitenden Figuren – so heutig, als kämen sie direkt aus dem großen Verliererpool der jetzigen Welt.
Die große Kraft der Inszenierung liegt jedoch darin, dass dem Zuschauer nie die Möglichkeit genommen wird, an den Sieg der Aufrichtigkeit und Liebe über die Anpassung und die Gleichgültigkeit zu glauben – so dass am Ende der tragischen Geschichte dennoch ein großes ,Ja‘ zum Leben steht.
‚Meiner Ansicht nach geht es im Theater nicht darum, Geschichten zu erzählen, um die Leute zu unterhalten. Ich benutze Geschichten, aber sie sind immer nur die oberste Schicht, die dazu dient, eine fundamentale Geschichte anzuzapfen. Diese grundsätzliche Geschichte liegt unter der Oberfläche der anderen Geschichten. In jedem guten Stück kann man diese versteckte universelle oder existenzielle Geschichte entdecken.‘
(Luk Perceval)
Luk Perceval (Inszenierung), geboren 1957, studierte Schauspiel am Koninklijk Conservatorium Antwerpen und gründete 1984 nach einem Schauspielengagement am Nationaltheater von Antwerpen zusammen mit Guy Joosten die Blauwe Maandag Compagnie (heute Het Toneelhuis). Hier begann er seine Regietätigkeit und übernahm von 1991 bis 2005 die künstlerische Leitung der Gruppe. Seine erste deutsche Regiearbeit ‚Schlachten!‘ wurde 1999 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt und 2000 von der Jury der Zeitschrift Theaterheute zur Inszenierung des Jahres gewählt sowie zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Zudem wurde Luk Perceval mit dem 3sat-Innovationspreis ausgezeichnet. 2002 wurde seine Inszenierung ‚Traum im Herbst‘ von Jon Fosse an den Münchner Kammerspielen zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Seine Inszenierung von Shakespeares ‚Othello‘, mit der 2003 das renovierte Schauspielhaus der Kammerspiele wieder eröffnet wurde, gastierte auf mehreren internationalen Festivals. Als Opernregisseur arbeitete Luk Perceval an der Staatsoper Stuttgart, an der Staatsoper Hannover und an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Von 2005 bis 2008 war Luk Perceval Hausregisseur der Schaubühne Berlin; seit der Spielzeit 2009/10 ist er Leitender Regisseur am Hamburger Thalia Theater.
Annette Kurz (Bühne), 1967 in Hamburg geboren, studierte Kunstgeschichte und Bildende Kunst in Paris, anschließend Bühnenbild in Straßburg. Von 1995 bis 1998 assistierte sie u.a. bei Anna Viebrock am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Seit 1998 ist sie freischaffende Bühnenbildnerin. Regelmäßig arbeitet sie mit Luk Perceval, Christiane Pohle und Sandra Strunz zusammen und wirkte bei Opernprojekten von Christof Loy und Benedikt von Peter mit. Sie entwarf Bühnenräume für die Tanzcompagnie Les Ballets C de la B. Die Inszenierungen ‚Andromache‘ (2004) und ‚Maria Stuart‘ (2007) wurden mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet (beides in der Regie von Luk Perceval, Schaubühne Berlin). Sie erhielt den Preis für die beste internationale Vorstellung für ‚Onkel Wanja‘ (Regie ebenfalls Luk Perceval) beim Festival Internacional in Buenos Aires sowie beim Baltic House Festival in St. Petersburg (2006). Annette Kurz lebt in Berlin und unterrichtet an der Koninklijke Academie voor Schone Kunsten in Antwerpen, an der École Supérieur des Arts Décoratifs in Strasbourg und an der Université de Bordeaux.
Ilse Vandenbussche (Kostüme) studierte Kostümbild und Mode in Antwerpen. Seit 1993 verbindet sie eine feste Zusammenarbeit mit Luk Perceval, sowohl in Belgien für die Blauwe Maandag Compagnie in Gent (‚Joko‘, ‚Ten Oorlog‘, ‚Voor het pensioen‘), und Het Toneelhuis in Antwerpen (‚Aars‘, ‚L. King of Pain‘, ‚Andromak‘) als auch in Deutschland (‚Schlachten!‘) am Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit den Salzburger Festspielen, sowie an der Schaubühne Berlin (‚Turista‘, ‚Tod eines Handlungsreisenden‘, ‚Molière‘). Darüber hinaus arbeitete sie auch mit anderen Regisseuren, darunter Guy Cassiers und Johan Simons, und für verschiedene Filmproduktionen in Belgien.
Paul Herwig wurde 1970 in Berlin geboren und besuchte von 1990 bis 1994 die Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Sein erstes Engagement trat er 1995 am Bayerischen Staatsschauspiel München an. Dort arbeitete er u.a. mit Michael Bogdanov, Klaus Emmerich, Matthias Hartmann, Andreas Kriegenburg, Hans Neuenfels, Amélie Niermeyer, Armin Petras und Anselm Weber. 1998 wurde er mit dem Staatlichen Förderpreis im Bereich Darstellende Kunst des Landes Bayern und 2000 mit dem Förderpreis des Vereins der Freunde des Bayerischen Staatsschauspiels ausgezeichnet. Von 2001 bis Ende der Spielzeit 2007/08 war er festes Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. In dieser Zeit arbeitete er u.a. mit den Regisseuren Thomas Ostermeier, Sebastian Nübling, Roger Vontobel, Johan Simons und Luk Perceval zusammen.
Annette Paulmann, geboren 1964 in Ertinghausen, besuchte die Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Von 1987 bis 2000 war sie am Thalia Theater in Hamburg engagiert, wo sie vor allem mit Robert Wilson, Jürgen Flimm, Katharina Thalbach, Peter Mussbach und Joshi Oida arbeitete. 1990 erhielt sie für ihre schauspielerische Leistung in Hamburg den von der Körber Stiftung vergebenen Boy-Gobert-Preis und wurde von Theaterheute zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gekürt. 2000 ging Annette Paulmann an das Burgtheater Wien, wo sie u.a. mit Andreas Kriegenburg arbeitete. Seit 2002 ist sie im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Sie spielte hier u.a. in Andreas Kriegenburgs Inszenierungen ‚Drei Schwestern‘ (2006 – eingeladen zu den Internationalen Maifestspielen 2007) und ‚Der Prozess‘ (2008 – eingeladen zu den Internationalen Maifestspielen 2009), in Luk Percevals Inszenierung ‚Troilus und Cressida‘ (2008) und in ‚Sommergäste/Nachtasyl‘ (Regie: Karin Henkel, 2010).
Figuren, die der Gefangenschaft gesellschaftlicher Zwänge zum Opfer fallen, scheinbar gottverlassen, glücksverlassen. Hier sieht man sie träumend vor den mannigfaltigen Flügelaltären des Lebens, Triptychen aus sorgenvoller Gegenwart, verdrängenswerter Vergangenheit und ungewisser Zukunft, während sie genauso melancholisch wie geisterhaft bewegte, farblose Erinnerungen begleiten und ihre existentiellen Ängste dennoch aktueller denn je erscheinen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Im Vordergrund die lebenden Bilder der Schauspieler, die allesamt fabelhaft die Schwebe halten zwischen grellem Witz und tragischer Verzweiflung, zwischen Totentanz und Lebenskampf. Mit dem Mut auch zum sanften Melodram. (...) Annette Paulmann als Lämmchen beweist in der Wolfsgesellschaft eine zarte, zähe Überlebensklugheit, und Paul Herwigs Pinneberg ist eine Überraschung: Ob mit Mutter, Frau oder den Verhältnissen kämpfend, verkörpert er das Drama des betagten Kinds. So alt wie jung, so vergangen wie künftig.
Der Tagesspiegel
Premiere: 25. April 2009
Eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2010
Sonntag, den 08.05.2011, 18.00 Uhr
Großes Haus
Aufführungsdauer: 4 Stunden 15 Minuten, eine Pause
Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Pressereferat
Christian-Zais-Str. 3 65189 Wiesbaden
Ansprechpartner: Andrea Bartsch
Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Fon +49 (0)611-132 329 Fax +49 (0)611-132 307
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Martin Kaufhold Theaterfotograf
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| Inszenierung | Luk Perceval |
| Bühne | Annette Kurz |
| Kostüme | Ilse Vandenbussche |
| Musik | Mathis B. Nitschke |
| Video | Martin Noweck, Philipp Trauer, Luk Perceval |
| Licht | Max Keller |
| Dramaturgie | Matthias Günther |
| Mit: | |
| Johannes Pinneberg | Paul Herwig |
| Emma Mörschel, genannt Lämmchen | Annette Paulmann |
| Frau Kleinholz / Mia Pinneberg | Gundi Ellert |
| Doktor Sesam / Taxifahrer / Frau Scharrenhöfer / Lauterbach / Lehmann / Erste Dame / Herr Jänecke / Ein Germane | Wolfgang Pregler |
| Emil Kleinholz / Heilbutt / Der Schauspieler | André Jung |
| Mutter Mörschel / Jachmann / Zweite Dame / Ein Anderer | Hans Kremer |
| Karl / Schulz / Fräulein Semmler / Herr Keßler / Spannfuss / Ein Herr / Kunde / Frau Rusch / Schupo | Stefan Merki |
| Vater Mörschel / Kube / Postbote / Alte Dame / Fetter Brillenmensch / Dicker Mann / Vermieterin | Peter Brombacher |
| Schwester / Marie / Frau | Tina Keserovic |

