Die beiden Vorstellungen der Merce Cunningham Dance Company bei den Internationalen Maifestspielen sind ein herausragendes Ereignis für die Tanzwelt: sie zählen zu den unwiderruflich letzten Gastspielen der legendären Compagnie. Mit seinem Stück ‚Nearly 90-2’ spielte Merce Cunningham, der letzte ‚Fixstern der Tanzmoderne‘ (Süddeutsche Zeitung), nicht nur auf sein hohes Alter an, sondern auch auf die Dauer des Tanzstücks.
Es ist das Vermächtnis einer außergewöhnlichen Choreografen-Persönlichkeit, die die Tanzwelt mehr als 50 Jahre lang mit immer neuen Experimenten bereichert hat. Kurz vor seinem Tod im Sommer 2009 verfügte der Meister, dass sich seine Compagnie nach einer zweijährigen Vermächtnis-Tournee (Legacy-Tour) rund um den Globus Ende 2011 auflösen solle. Danach wird sein Lebenswerk nur noch in Archivaufnahmen existieren.
Die schwarze Bühne zu Beginn von ‚Nearly 90-2‘ wird im Laufe des fast neunzigminütigen Stücks von wechselnden Pastellfarben immer mehr erhellt. Zur experimentellen Musik des ehemaligen Led Zeppelin-Bassisten John Paul Jones und des Komponisten Takehisa Kosugi kreiseln, federn, springen und schleifen die Tänzerinnen und Tänzer in verschiedenen Gruppierungen durch den offenen Raum. Sie nehmen als perfekt geformte Skulpturen immer neue, quasi geometrische Positionen ein und lösen diese wie in Zeitlupe in fast unmöglicher Balance auf. Der Wechsel von meditativen und energetischen Figuren ist ein wesentliches Charakteristikum der Arbeiten Merce Cunninghams. Er versetzt den Zuschauer nach und nach in einen Zustand, der einer Gedankenkette gleicht, die sich dem Diktat der Zeit entzieht. Cunninghams letzte, an Transparenz und Schönheit unübertroffene Choreografie definiert damit ein neues Gefühl für die Zeit.
Seit ihrer Gründung 1953 hatte die Merce Cunningham Dance Company (MCDC) wie kaum ein anderes Ensemble einen grundlegenden Einfluss auf die amerikanische Kunst. Ihr spezifischer Stil basiert auf Merce Cunninghams radikalem Begriff der Einheiten Raum, Zeit und Technologie, seinem bedingungslosen Anspruch und seinem Willen, die fast grenzenlosen Möglichkeiten der körperlichen Bewegung auszuschöpfen. Mehr als 50 Jahre lang hat die Zusammenarbeit der MCDC mit bahnbrechenden Künstlern aller Disziplinen (darunter Cunningshams langjähriger Lebenspartner, der Komponist John Cage) die Sinne des Publikums für die Bildende Kunst und die Bühnenkunst sensibilisiert. Heutzutage besteht die Compagnie aus sieben Tänzerinnen und sieben Tänzern, die alle mit Merce Cunningham persönlich gearbeitet haben und von ihm geformt wurden. Die Aktivitäten des Ensembles (Proben, Aufführungen, Tourneen etc.) werden von der Cunningham Dance Foundation sowie von zahlreichen staatlichen und gemeinnützigen Stiftungen und privaten Spendern unterstützt.
Der amerikanische Choreograf Merce Cunningham begann als Tänzer 1939 bei der Martha Graham Dance Company und gründete 1953 die Merce Cunningham Dance Company als Plattform für seine revolutionären Visionen. Im Laufe seiner Karriere schuf Cunningham mehr als 150 Choreografien und über 800 ‚Events‘. Zu Cunninghams Errungenschaften zählt der bahnbrechende Einsatz neuer Technologien. Seit den frühen 70er Jahren arbeitete er mit Film, später kamen digitale Medien dazu, die in den letzten Jahren auch zur Dokumentation seiner Choreografien und zur Präsentation seiner Arbeit im Internet dienten. Seit 1991 entwarf er mit dem Computerprogramm DanceForms, an dessen Entwicklung er maßgeblich beteiligt war, Bewegungsabläufe für seine Choreografien. Für seine Verdienste wurde Merce Cunningham mit den höchsten Auszeichnungen geehrt, wie u.a. der amerikanischen National Medal of the Arts (1990), dem japanischen Praemium Imperiale (2005) und dem britischen Laurence Olivier Award (1985). 2004 wurde er Offizier der französischen Ehrenlegion. Seinem Leben und Schaffen wurden zahlreiche Bücher und Ausstellungen gewidmet und seine Choreografien von den größten Tanzcompagnien der Welt aufgeführt. Merce Cunningham verstarb am 26. Juli 2009 im Alter von 90 Jahren.
Pressestimmen:
Heute wissen wir – damals wussten es nur die Tänzer – dass Cunningham in Teilen des Stücks, vor allem in seinen außergewöhnlichen Soli und Trios, gegen seine Gewohnheit zu einer früher üblichen Methode zurückkehrte, nämlich ausgewählten Tänzern eine Nummer auf den Leib zu schneidern und zu sagen: Das ist für dich.
New York Times
Merce Cunninghams letztes Stück rekapituliert nicht nur, was er seit Gründung seiner Compagnie geschaffen hat. Hier feiert er in jedem Augenblick die Schönheit der einzelnen Kreatur.
Süddeutsche Zeitung
Eines der letzten Gastspiele in Deutschland
im Rahmen der Legacy-Tour
von Merce Cunningham
Musik von John Paul Jones und Takehisa Kosugi
Uraufführung: 25. September 2009, Krannert Center for the Arts, Urbana/Illinois, USA
Samstag, den 21.05.2011, 19.30 Uhr
Großes Haus
Aufführungsdauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause
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Martin Kaufhold
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| Choreografie | Merce Cunningham |
| Kostüme | Anna Finke |
| Licht | Christine Shallenberg |
| Musik | John Paul Jones, Takehisa Kosugi |
| Mit: | |
| Tänzer/Innen der | Merce Cunningham Dance Company |

