Henry James’ verstörende Erzählung The Turn of the Screw (1898) setzte
Benjamin Britten für die English National Opera Group kongenial in
Musik um. Im Zentrum stehen die wichtigen Lebensthemen Brittens: die
Schwierigkeit, Gut und Böse zu erkennen und zu beurteilen, der Verlust
der Unschuld und ihre unkontrollierbare Unterwanderung durch das,
was man gemeinhin das Böse nennt. Mit einem Kammerensemble
von 12 Musikern erreicht Britten ein Höchstmaß an präziser und packender
harmonischer Spannung. Klaustrophobie, Verführung und Zweideutigkeit
schillern in der Musik.
Eine junge, unerfahrene Frau nimmt eine Stelle als Gouvernante für zwei
Waisenkinder an. Sie muss dem Vormund der Kinder versprechen, ihn niemals
mit Problemen zu behelligen. Ängstlich begibt sich die Gouvernante
zu den Kindern auf den abgelegenen Landsitz. Zunächst ist sie entzückt von
ihren Schützlingen Miles und Flora, aber mehr und mehr zieht sie die
sonderbare Atmosphäre des Hauses in den Bann. Ihr erscheinen die Geister
ihrer verstorbenen Vorgängerin Miss Jessel und des ebenfalls zu Tode
gekommen Dieners Quint. Eine verhängnisvolle Beziehung scheint zwischen
den Geistern und den Kindern zu bestehen. Die Gouvernante beschließt, die
Kinder vor dem verderblichen Einfluss der Toten zu retten. Sie steigert sich
in diese Aufgabe hinein, bis es zu einer Konfrontation kommt: Als Quint
sich Miles nähert, will ihn die Gouvernante bei sich festhalten, aber der
Junge stirbt in ihren Armen.
Was wirklich geschieht, bleibt sowohl in James’ Erzählung wie auch in
der Oper unklar. Halluziniert die Gouvernante, oder gibt es die Geister
wirklich? In sechzehn „Variationen“ genannten musikalischen Einheiten
breitet Britten ein anfänglich eingeführtes Grundthema aus und spitzt
es schließlich quälend in einem finalen Kollaps zu. Die heile Welt des
Landhauses erweist sich als Ort dunkler Verführung. Quint, Bote der
Hölle, lockt mit der silbernen Sphärenmusik der Celesta, die Kinder
weisen sich mit ihren weder musikalisch noch inhaltlich unschuldigen
Liedern längst als von der Finsternis ergriffen aus. Unschuldig ist am
Anfang nur die Gouvernante, die in dem idyllischen Landhaus mit ihrer
eigenen Dunkelheit und der der Welt konfrontiert wird.
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