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in twin peaks manier in szene gesetzt

Theater in Wien: Das weite Land - dunkles Kriminalstück von Arthur Schnitzler noch bis 29.1.2012

Ein Sommernachmittag, starkes Gewitter, lange Schatten fallen. „Das weite Land“ beginnt nach der Beerdigung eines jungen, herausragenden Pianisten namens Korsakow, der angeblich Selbstmord begangen hat. Die Spur führt uns zum Glühlampenfabrikanten Friedrich Hofreiter und seiner Frau Genia.

In ihrer Villa in Baden sorgte Korsakow für anspruchsvolle Unterhaltung für die dort flanierende, großbürgerliche Gesellschaft. Genia und Friedrich ringen um ihre Liebe, doch sind sie längst in einen zerstörerischen Strudel aus Misstrauen und Betrug verwickelt, von dem die Menschen um sie herum magnetisch angezogen scheinen wie von einem freiheitsverheißenden, hocherotischen Spiel.

Percy, der gemeinsame Sohn der Hofreiters, wird in England erzogen und ist eine wesentliche Koordinate der Sehnsucht in dieser Tragikomödie. Als ein dramatisches Gerücht Hofreiters Ehre als Mann in Frage stellt, muss abermals ein junges Leben geopfert werden.

In Schnitzlers Einakter „Die Gleitenden“, den er 1909 verfasst hat und der als Vorstufe zu „Das weite Land“ gilt, sagt ein betrogener Ehemann: „Wir beginnen zu gleiten, ohne es zu wissen, und zu lügen, ohne es zu wollen. Ein Zufall kann ja nicht aufhalten auf dem abschüssigen Weg, aber das Gesetz heißt: gleiten, weiter gleiten.“

 

Aufführungen noch am 4. und 29.1.2012

Regie und Bühne: Alvis Hermanis

Kostüme: Eva Dessecker

Licht: Friedrich Rom

Dramaturgie: Amely Joana Haag

Sounddesign: Raimund Hornich, Florian Pilz

Besetzung

Friedrich Hofreiter, Fabrikant
Peter Simonischek

Genia, seine Frau
Dörte Lyssewski

Anna Meinhold-Aigner, Schauspielerin
Corinna Kirchhoff

Otto, ihr Sohn
Lucas Gregorowicz

Doktor von Aigner, der geschiedene Gatte der Frau Meinhold
Michael König

Frau Wahl
Kirsten Dene

Erna, ihre Tochter
Katharina Lorenz

Natter, Bankier
Martin Reinke

Adele, seine Frau
Stefanie Dvorak

Doktor Franz Mauer
Falk Rockstroh

Demeter Stanzides
Peter Knaack

Paul Kreindl
André Meyer

Rosenstock, Portier im Hotel
Hermann Scheidleder

Penn, Führer
Stefan Wieland

Serknitz
Robert Sadil

1. Tourist
Denis Susljik

2. Tourist
Christian Schreibmüller

Stubenmädchen bei Hofreiter
Christine Pauls

Percy
Sebastian Blin
Bernhard Mendel

Acht Frauen
Elisabeth Aref
Birgit Edlhofer
Magdalena Hartl
Susie Ramberger
Prisca Schweiger
Julitta Walder
Kinga Walus
Tina Weingärtner

 

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Pressestimmen:

 

Im Burgtheater macht Alvis Hermanis aus Arthur Schnitzlers „Weitem Land“ einen finsteren Bezirk. Hier hausen nicht die Wiener Dekadenzler von 1911, sondern die triebhaft düsteren Heroen des Film Noir. [...]
Jetzt, im Wiener Burgtheater, wo Alvis Hermanis den Schnitzler inszeniert, tragen die Geister alle Grau: die Männer Hüte, Hosenträger und Krawatten, die Frauen lange, fließende Kleider oder Röcke über hochhackigen Schuhen und unter langen, in kunstvollen Wellen und Rollen ondulierten Blondhaaren.

Durch graue, mit grauen Jalousien geheimnisvoll verhängte Fenster kündigen sich immer nur drohende Schatten, nie Menschen an. Vorhänge wehen. Auf einem grauen Diwan räkelt sich angstvoll sich sehnend und offenbar lustvoll albträumend Genia, die dunkel-graue Rosen im Arm hält, die ihr später entgleiten und an denen sie sich den Finger blutig sticht:

Träumt sie vom Pianisten? Oder von ihrem Mann? Dazu dunkel fahle Streicher, schrill gedämpftes Blech, raschelwischendes Schlagwerk. Das Licht fällt in Schlagschatten in den Raum. Gleich wird etwas Unerhörtes passieren. Ein Mord womöglich. Aber es passiert nichts. Die Seele, die sowieso keiner hat, ist hier kein weites Land. Sie ist ein krimineller Bezirk. In dem alle Verbrechensmöglichkeiten nur in der bösen, stickigen Luft liegen.


Es ist die staubpartikelgeschwängerte Luft eines Lichtspiels, eines Film Noir der vierziger oder fünfziger Jahre, in die hinein Dörte Lyssewski als Genia ihre kalt erhitzten Blicke förmlich bohrt - mit der raffinierten Pedanterie einer Lüsternheit, die sich als Unschuld tarnt, aber jeden Dreck am Stecken noch als Tugendeis am Stiel verkauft. In einer tiefgekühlten Treibhausatmosphäre. [...]

Die Ko-Autoren Schnitzlers scheinen hier, nicht was den Text, allein was die Atmosphäre angeht, Dashiell Hammett oder Raymond Chandler, John Huston oder Howard Hawks zu sein. Hermanis macht aus dem Schnitzler ein großes Kino-Gemälde. Und es funktioniert wunderbar. Es betritt nicht Humphrey Bogart den Raum, sondern Peter Simonischek.

Sein Hofreiter in grauem Hut und grauem Mantel und grauen Zigaretten und grauem Gelächter ist nicht der zynische Selbstling und Frauenverbraucher Hofreiter, den Schnitzler entwirft. Simonischek gibt, was er immer gibt: das weiche, große, leicht resignierte altösterreichische Mannskind - mit Hollywoodmanieren.

Ganz Liebesgangster, aber auch ganz Bitterzuckerbäcker von erotischen Mürbkeksen, Begehrensschaumgebäck mit einer Injektion Giftobers, die sich angesichts der ihm willig präsentierten, aber in edlem, grauem Tuch wohlverpackten Extremitäten der jungen Erna in der Hotelhalle am Völser Weiher kaum als Aphrodisiakum bewährt.

Was ihm bleibt, ist ein erregtes Schnauben. Kein Wunder vor der kühlen Fassade, die ihm Katharina Lorenz allein anzubieten hat.
Mit seiner Frau, von deren Heimlichkeiten - tolle Treue, sture Tugend? schale Finesse, frivoles Raffinnement? - er nur ungefähre Ahnungen zu haben glaubt, hat Hofreiter dagegen durchaus noch eine triebhafte Affäre.

Auf einer Couch links vorne treibt er mit ihr ein zärtlich luftiges Händeberührungsspiel, reißt sie schon einmal in Clark-Gable-Pose in ein Beugekuss-Duett, drückt sie knutschend an die Wand.

Und die Lyssewski lässt als Genia keinesfalls nur das in alle Lebenslagen etwas hilflos gleitende Schnitzlersche Damendramenhascherl zu, das zu allem (zu Mannsseitensprüngen, Eigenseitensprung und Todesfolgen) ergeben ja und amen seufzt, sondern hat nicht nur ihren Mann am erotischen Noch-Bändel.

Auch dem Fähnrich Otto streckt sie schon früh am Billardtisch den Po entgegen, auf dass er ihr queuestoßend und beinstellungkorrigierend „das Spiel beibringt“.


Dem brav dämonischen, sämtliche Damen als Praxis-Stellvertreter Sigmund Freuds auf der Couch hypnotisierenden und ausfragenden Doktor des Falk Rockstroh zeigt Genia nicht nur ihr Gefühls-, sondern auch ihr Schenkelinneres. Mit Ottos Mutter, ihrer Freundin und Rivalin, die Corinna Kirchhoff in edel erregte Lebenstriebblässe taucht, hat sie einen fast schon die Grenzen bisexuellen Anstands streifenden Pas de deux um den Billardtisch herum.

Und während ihr Mann durch die Jalousie im Windfang nach Adele greift und der Abgelegten letzte Streichel-Sensationen verschafft, träumt Genia auf dem Diwan sich selbst karessierend offenbar einen lüsternen Traum von noch ganz anderen Männern, als es Otto oder Hofreiter wären.

Die Dame hier ist kein weites Land. Sie ist ein Vamp. Mit dem Hang zum Vampirettl (WienerVillen-Vorstadt). Einmal legt sie den Doktor auf die Couch. Setzt seine Brille auf. Und nimmt ihn kühl analytisch-rhetorisch aus: Die Liebe, erklärt sie ihm, sei nichts als ein Spiel. Und der Tod wohl auch. Und für beides muss bezahlt werden: Spielschulden.


Diese Schulden bilden hier den kriminellen Reiz. Und da findet die Regie den springend genialen Punkt, der vom immer noch faszinierenden Kino-Genre von gestern in eine Welt von heute herfunkelt, in der alle mit allem spielen (vor allem mit der Zukunft), aber niemand bezahlen will - wiewohl alle Schulden ins Gigantische wachsen. Und das ist keine theatralische Bearbeitung eines Filmstoffes.

Das ist großes Theater - mit filmischem Bewusstsein (etwas ganz anderes). Hermanis setzt das als Ahnung, Stimmung in Düstereffekte. Glühbirnendurchleuchtet. Unter Projektorenstrahlen. Und Autolichtern im Morgengrauen, wenn das Duell stattfindet. Wobei das großflächige Hell-Dunkel-Kinogemälde, das Hermanis hier entwirft, schauspielerische Individualitäten (in den Nebenrollen) im grauen Film-Noir-Flachrelief etwas verschwimmen lässt.

Kirsten Dene als grandiose Frau Wahl (Mutter von Erna) sticht hier heraus: mit Matronenentrüstung, die sie wie Platzpatronen in die Runde knallen lässt. In dieser Runde aber erstirbt eine Gesellschaft von trüb gierigen, sich selbst rasch verlebenden Seelenlosen. An sich selber. (FAZ)

Es ist das Licht, das in Aivis Hermanis’ Interpretation von Arthur Schnitzlers vielleicht wienerischstem Stück das „Das weite Land“ eine der Hauptrollen spielt. Ein Gesellschaftsdrama über bürgerliche Liebe, lustlose Täuschung und den Leerlauf der schönen Worte.

Am Wiener Burgtheater ist das Stück in grelles Zwielicht getaucht. Hermanis verlegt es um etwa vier Jahrzehnte in die ausgehenden 1940er-, beginnenden 50er-Jahre und inszeniert es als melodramatischen Film Noir. Mit entsprechender Musikbegleitung. [...]
Schnitzler, das war ein Zeitgenosse von Freud, auch er war Arzt. Die Seelenerkundungen, die Freud in ein System presste, übertrug er auf die Literatur. Filmgrößen wie Fritz Lang, Billy Wilder oder Alfred Hitchcock waren von beiden beeinflusst, im Film Noir inszenierten sie die Einblicke in die menschliche und gesellschaftliche Seele als expressives Spiel mit Licht und Schatten.

Hermanis will das eine nicht ohne das andere denken, seine clevere Inszenierung ist gleichzeitig Literatur- und Rezeptionsgeschichte. Und darüber hinaus funktioniert sie vorzüglich.
Der Grund liegt wohl in ihrer Bedingungslosigkeit- und der Bereitschaft der Schauspieler da mitzumachen. [...]
Peter Simonischek [...] ist das wuchtige Zentrum einer in Konventionen erstarrten Gesellschaft, die sich ganz dem Spiel verschrieben hat und erstaunt ist, wenn aus ihm plötzlich Ernst wird.


In den Mittelpunkt des großbürgerlichen Salons stellt Hermanis - er zeichnet auch für die (Dreh-)Bühne verantwortlich - einen Billardtisch. An ihm werden die Amouren und die Ränke ausgetragen, auch er ist, wie alles, ja alles, in dieser Inszenierung, in Grau gehalten. Nur Genias Haare, und jene ihrer Widergängerinnen, sind gelbblond.

Das ist natürlich ein Fingerzeig auf die Frauenfiguren bei Hitchcock, bei Hermanis setzt es aber auch ein unheimliches Spiel mit Doppelgängerinnen in Gang. [...]
Erna ist in Gestalt von Katharina Lorenz ganz Pinup-Girl, Hofreiter bezwingt sie wie einen Dolomitengipfel, eine sportliche Herausforderung. Wirklich aufregend ist das Spiel mit der Zurückweisung und der Anziehung aber in der Beziehung zu seiner Frau Genia.

Dörte Lyssewski ist diese Genia, eine Verführerin in schwarzen Strapsen, die sich in feuchten Träumen aufbäumt und die ihr Ehebruch viel Überwindung kostet. Wie die Lyssewski den Sex und die Treue, das Begehren und die Moral mit großen Stummfilmgesten gleichzeitig spielt, das ist mehr als sehenswert.
Neben ihr erscheint der Hofreiter des wienernden Simonischeks immer kleiner, ein bröckelnder Fels.

Die Konventionen tragen nicht mehr, und auch die Analysecouch bietet keine Hilfe. Am Ende, nachdem Hofreiter den Nebenbuhler erschossen hat, hält er sich in Alvis Hermanis starker Inszenierung wie benommen an die leeren Regeln der Konversation. Er kann nicht anders. Er kennt nichts anderes. (Frankfurter Rundschau)

Regisseur Alvis Hermanis [...] hat im Burgtheater jetzt den ziemlich spektakulären Versuch unternommen, Schnitzler in einen vollkommen neuen Rahmen zu stellen: Er inszeniert „Das weite Land“ mit den ästhetischen Mitteln des Film noir, aus Baden bei Wien 1910 wird sozusagen Chicago 1930.


Bühne und Kostüme sind ganz in Schwarz, Weiß und Grau gehalten; die Herren tragen Borsalino und Nadelstreif, die Damen wasserstoffblonde Perücken und Strumpfbandgürtel; statt Tennis wird natürlich Billard gespielt. Ein passender Soundtrack, der Mike Hammer ebenso zitiert wie Hitchcocks „Vertigo", begleitet die Szenerie.


Hermanis erzählt Schnitzlers „Tragikomödie“ - in der ein tödlicher Bergunfall, ein Selbstmord und ein Duell entscheidende Rollen spielen - als Psychothriller. Dass sich das nicht ausgeht, ist logisch, war aber wohl auch gar nicht die Absicht.
Spannend ist das Konzept gerade in den Brüchen, die sich daraus ergeben.

Etwa wenn aus der naiven jungen Erna Wahl (Katharina Lorenz) eine eiskalte Femme fatale wird oder aus dem braven Hausarzt (Falk Rockstroh) ein dubioser Psychiater. (Der Falter)

Es ist, als sei ein Ascheregen herabgegangen und habe die Bühne grau in grau getaucht. Alle Farben sind erloschen, jetzt ist Schwarz-Weiß-(Fern-)Sehen angesagt: ein Spiel mit Licht und Schatten, Hell und Dunkel, ein Theater der Kontraste, inszeniert nach cineastischem Vorbild.


Arthur Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land“, uraufgeführt vor exakt hundert Jahren an eben diesem Burgtheater [...] ist in der Inszenierung des lettischen Regie-Gurus Alvis Hermanis ein cooler Krimi im Stil des Film noir. Daher die archetypischen Charaktere im Humphrey-Bogart-&-Lauren-Bacall-Look.

Daher die genretypische 40er-Jahre-Ausgestaltung der Drehbühne, die der Regisseur sehr grandios selber besorgt hat - dunkle Salons, im Hof mal ein Auto, statt Tennis wird Billard gespielt. Daher auch die permanente Low-Key-Beleuchtung mit ihren ausgetüftelten Effekten.

Wie atmosphärisch düster hier das Licht durch die Ritzen der Jalousien, wie gespenstisch die Schattenbilder an der Wand flackern - das ist großes Kino, unterlegt von einer melodramatischen, kaum je aussetzenden Filmmusik, die zwischendurch jäh aufschrillt und unablässig Suspense verheißt.


„Das weite Land“ à la Billy Wilders „Frau ohne Gewissen“? Diese so bürgerliche Ehe- und Seelenlebensbefragung aus dem Wien der vorletzten Jahrhundertwende als Film-noir-Adaption im Detektiv- und Gangsterboss-Milieu - als habe sie ein Raymond Chandler und nicht der einstige Arzt und Fremdgänger Dr. Arthur Schnitzler geschrieben? Dazu die Anleihen bei Hitchcock ... -geht das? [...]


Nun muss man zur Ehrenrettung des Regisseurs zunächst einmal sagen, dass der Abend unglaublich gut inszeniert ist. Soll heißen: geschmackvoll, elegant, technisch und darstellerisch überaus gewandt, wahnsinnig schön anzusehen und inhaltlich Spannung nicht nur suggerierend, sondern durchaus auch erzeugend, auch wenn dieses so schleichend-schläfrig daherkommende Filmtheater mit vier Stunden Dauer eine dramaturgisch schädliche Überlänge hat.

Aber es ist faszinierend gemacht und von exzellenten Schauspielern gespielt. In welchem Theater gibt es schon eine solche Perfektion in solcher Schönheit zu sehen? Allein von Dörte Lyssewskis Genia möchte man nicht die Augen wenden: Was für eine scharfe Frau sie doch ist mit ihren Strapsen, Kurven, ihrem verruchten Blondinen-Look.

Wie kongenial sie die Blicke und Gesten des Vamps hinkriegt, wie geschmeidig und lockend diese Genia ihre Einsamkeit überspielt. Ein typischer Fall von oversexed and underfucked.


Allerdings fangen hier auch schon die Einwände an, die man bei aller Begeisterung für die Machart gegen die Inszenierung haben kann. Als da zunächst einmal wäre: das Frauenbild. Nicht, dass der von Schnitzler so gerne beschriebene Typus des Hascherls, des süßen Mädels, der Verbitterten oder wahlweise auch der Dulderin besser wäre - aber die Frauen grundsätzlich als Femmes fatales zu zeigen, wie Alvis Hermanis es hier tut, geht, wie so Vieles an seinem Thriller-Konzept, im „Weiten Land“ einfach nicht auf. (Süddeutsche Zeitung)

Obwohl Schnitzler „Das weite Land“ ausdrücklich als Tragikomödie bezeichnete, wird es [...] üblicherweise als psychologisch fein ziseliertes, meist schwermütig angehauchtes Melodram inszeniert.


Der lettische Regisseur Alvis Hermanis [...] bietet nun allerdings eine fundamental neue Lesart: Aus dem Salondrama versucht Hermanis einen Kriminalfall im Stil des Film noir zu destillieren.


Ein Coup mit Überraschungseffekt. Auf der Drehbühne des Burgtheaters sind in Hermanis’ Version des Schnitzler-Klassikers abwechselnd Räume einer Luxuswohnung zu sehen, allesamt mit Art-déco-Möbeln der vierziger Jahre möbliert - und farblich grau in grau gehalten.


Detailversessen und in Finessen verliebt, verbannt Hermanis als Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion die Farbe von der Bühne, bis hin zu weißblonden Perücken, schwarzem Lippenstift, grauem Rouge und schwarz lackierten Fingernägeln.

Mit dem S/W-Zugang zum Stück glücken dem Theatermacher berückende optische Momente, zudem erzeugt die fast durchgängige Musikuntermalung mittels Jazzrhythmen und gekonnt eingesetzter Soundeffekte den Eindruck lauernder Gefahr der klassischen Krimifilme. (Wiener Zeitung)

Gleich die ersten Szenen zitieren ausgiebig diesen US-Kinostil der vierziger Jahre. Jalousien werfen Schlagschatten, hinter ihnen huschen Silhouetten, sollen sie bedrohlich wirken, wird das akustisch durch Bratschengebrummel angezeigt. Der exakt konzipierte Soundtrack (Raimund Hornich/Florian Pilz) spielt eine der Hauptrollen.


Auch Evas Desseckers Kostüme hätten Humphrey Bogart oder Mary Astor gut gepasst. Gestisch sind ihre Trägerinnen nicht immer ganz im Genre: Manche Bewegungen der (großartigen) Dörte Lyssewski als Genia wären eher Stummfilmdiven wie Gloria Swanson zuzuordnen.


Diese Genia Hofreiter ist eine Salonlöwin mit Vampreserven, die die Eskapaden ihres Gemahls Friedrich irgendwie bewältigen könnte. Nicht aber den Umstand, den Tod zweier Adoranten indirekt mitverschuldet zu haben. Peter Simonischek gibt den monomanen Erotik-Bonvivant mit fast bedrohlicher Präsenz. Sein jüngster Flirt Erna (Katharina Lorenz) ist hier kein süßes Mäderl, sondern eine vitale, expressive Luxusschlampe. Wunderbar ist auch Falk Rockstroh als verzagter Doktor Mauer.


Alvis Hermanis hält sein Konzept vier Stunden lang eisern durch. Er lässt es auch tüchtig freudeln. Das im Original omnipräsente Tennisspiel wird hier durch Billard ersetzt. Und spätestens in den Hotelszenen am Völser Weiher schimmert ein bisschen Twin Peaks durch. (Kleine Zeitung)

Auf seiner Entdeckungsreise durch das weite und abgründige Land der menschlichen Seele entwickelt Hermanis ein wahrhaft kriminalistisches Gespür, vor allem im Ver- und Entschlüsseln erotisch aufgeladener Bilder. Lasziv räkeln sich die schönen Damen dieser Gesellschaft auf der (Freud’schen) Couch, auf welcher sie von Dr. Mauer (Falk Rockstroh) hypnotisiert werden. [...]


Der permanent eingesetzte Soundtrack unterstreicht und überzeichnet dieses Spiel mit Erwartungshaltungen und legt immer neue (falsche) Fährten, sodass sich Hermanis im ersten Teil als „Master of Suspense“ der Bühne präsentiert.
In diesem dunklen Kriminalstück (von Friedrich Rom raffiniert ausgeleuchtet) ist Dr. Mauer ein Sherlock Holmes der menschlichen Abgründe.

Er ist Schnitzler, Freud und Woody Allen, Denker und Verlierer, zart und klein, Pendant zum mächtigen Fabrikanten Friedrich Hofreiter. Peter Simonischek ist für den ursprünglich vorgesehenen Klaus Maria Brandauer eingesprungen und spielt schnörkellos den Womanizer, in dessen Armen die Damen Befriedigung suchen. Doch die Gespenster aus der Vergangenheit wirken dämonisch in die Gegenwart.


Welche Schuld treibt Hofreiter? Gibt es einen Zusammenhang mit dem Tod des Dr. Bernhaupt, der auf einer gemeinsamen Tour in den Dolomiten abgestürzt ist? Und war der Tod Korsakows wirklich Selbstmord?


Bis zur Pause beeindruckt Hermanis’ Inszenierung im Stile großer Hollywood-Melodramen, mit gutem Timing wird geliebt, gelacht, gerungen und sehnsuchtsvoll ins utopische Anderswo geblickt. Vor allem Kirsten Denes einzigartige Komödiantik als Mutter Wahl und Martin Reinkes Präzision als sadistisch-depressiver Bankier Natter halten noch bei der Stange. (Salzburger Nachrichten)

Der lettische Künstler [...] transferiert die Schnitzler‘sche Wiener Moderne in ein an der Ästhetik des Film Noir in der Ausprägung eines Alfred Hitchcock gemahnendes (Film-)Setting. In der Beobachtung, dass das so genannte Schwarz-Weiß alter Filme immer eher eine Symphonie der Grauabstufungen bedeutete, spielt Hermanis, unterstützt von seiner Kostümbildnerin Eva Dessecker und dem für das Licht verantwortlichen Friedrich Rom ziemlich virtuos auf der erstaunlich breiten Klaviatur der Farblosigkeit.

Schatten, der Kontrast von Hell und Dunkel und so schöne Manierismen wie ein silbern anmutender Rosenstrauß oder eine schwarz-weiße Alpenkulisse konturieren das jeweilige Handlungsfeld und verstellen trotz dieses sehr imposanten ästhetischen Konzepts nicht den Blick auf die Figuren.

Vervollständigt und im Rahmen seiner Herangehensweise schlüssig unterlegt Hermanis „seinen“ Schnitzler mit einer Mischung jenes Soundtracks, der vor allem die Hitchcock-Filme der 40er und 50er Jahre so unverwechselbar machte und meist dem Komponisten Bernard Herrmann zu verdanken war.

Innerhalb dieser Versuchsanordnung entfaltet sich nun das von Arthur Schnitzler¬als großes Panorama der Sehnsucht angelegte Theaterstück, dessen Bezeichnung „Tragikomödie“ Hermanis mit notwendiger Texttreue und dem Zulassen der feinen Schnitzler‘schen Ironie entspricht. [...]


Der hünenhafte Simonischek [erfüllt] die so vielschichtige Figur sowohl mit polternder Männlichkeit, machtbewusstem Egoismus als auch mit einer immer wieder zart durchscheinenden Gebrochenheit. Ihm steht eine schillernde Dörte Lyssewski als seine Frau Genia gegenüber, deren eheliche Treue den jungen Pianisten Korsakow in den Selbstmord treibt und deren (vom Gatten heraufbeschworene) eheliche Untreue dem Geliebten Otto den Tod im Duell mit Hofreiter beschert.


Neben Lyssewski bestimmen Katharina Lorenz als forsche, junge und Hofreiter verfallene Emma Wahl, Kirsten Dene als „Muttertier“ Wahl, Corinna Kirchhoff als Ottos selbstbewusste Schauspielerinnen-Mutter Anna Meinhold-Aigner die von Hermanis mit besonderer Sorgalt gezeichneten Frauenfiguren.

Abgezirkelte, gezierte Bewegungen und Gesten bestimmen ihr Handeln, Liebesbezeugungen geraten so zu Chiffren der eindeutig von Ehemännern, Söhnen und Geliebten bestimmten und gespiegelten Lebensentwürfe. Im 40er-Jahre-Ambiente dieses Schnitzler-Abends übersiedeln die Männer (denen vor allem Lucas Gregorowicz als Otto und Martin Reinke als Bankier Natter Kontur verleihen) vom Tennisplatz der Vorlage folgerichtig in die Billardzimmer mondäner Clubs, wo sie, supervidiert vom ungeschickt-unglücklich liebenden Doktor Mauer (wunderbar: Falk Rockstroh) ihr protzendes Ränkespiel feiern. (Tiroler Tageszeitung)

Peter Simonischeks Hofreiter lotet in einem ungeahnten Ausmaß die Verschlagenheit und Hochmütigkeit eines Machtmenschen aus, der sich aber gleichzeitig davor fürchtet, einmal vor einer gähnenden Leere zu stehen. (OÖ Nachrichten)