Mitte des 19. Jahrhunderts war die Bohème möglicherweise ein romantisch-jugendliches Überlebensspiel: „Jeder Tag ihrer Existenz ist ein geniales Kunststück, ist ein tagtäglich von neuem auftauchendes Problem, das zu lösen ihnen mit Hilfe verwegener Rechenkünste immer gelingt.
Theater in Stuttgart
Wenn dann ihr letzter Heller tot und begraben ist, beginnen sie wiederum am Mittagstisch des Zufalls zu speisen, wo immer er für sie gedeckt ist, und mit einer Meute von Listen wildern sie in allen Gewerben, die irgendwie mit der Kunst verwandt sind, und jagen vom Morgen bis zum Abend das wilde Tier, genannt Fünffrancsstück.“ So beschreibt Henri Murger 1851 die Bohème in seinem gleichnamigen Roman, der Stoffgrundlage für die Oper.
Freunde der Kunst
Puccinis 1895 entstandene Oper ist nicht allein ihrer gesanglichen Kostbarkeiten und emotionalen Extremsituationen wegen gerühmt und geliebt, sondern auch, weil sie prägnanter Ausgangspunkt für Interpretationen des Verhältnisses Künstler/Gesellschaft quer durch die Geschichte der Moderne ist. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war es für die »Bohemiens« unabdingbar, ihre prekären Lebensumstände als gegen alle Bürgerlichkeit gewendeten Lebensentwurf zu feiern. Heute wird die letzte Konsequenz des modernen Künstlerdaseins gezogen: Es gilt, sich selbst zum Kunstwerk zu erklären und auf den Kunstmarkt zu werfen.


Mitte des 19. Jahrhunderts war die Bohème möglicherweise ein romantisch-jugendliches Überlebensspiel; (c) A.T. Schaefer


