Mit der »West Side Story« gelang Leonard Bernstein und seinen Mitstreitern 1957 ein Meilenstein des amerikanischen Musiktheaters. Zunächst schien es den Autoren sehr gewagt, den tragischen Stoff von Shakespeares »Romeo und Julia« auf die Musical-Bühne zu bringen. So sind Maria und Tony nicht wie bei Shakespeare »star-crossed lovers«, deren Tragik aus einer nicht näher definierten Familienfehde resultiert, sie sind Produkt und Opfer eines sinnlosen ethnischen Konfliktes.
Doch die Mechanik der Tragödie bleibt auch bei Bernstein dieselbe: Tony ersticht in einem Straßenkampf Marias Bruder aus Rache für den Mord an Tonys bestem Freund. Als er vom vermeintlichen Tod Marias erfährt, will auch Tony sterben. Kurz bevor er Maria wohlbehalten in die Arme schließen kann, trifft ihn die tödliche Kugel. Erst jetzt schließen die Gangs Frieden miteinander.
»Leider«, sagte Leonard Bernstein Jahre nach der Uraufführung, »ist der Stoff des Werkes noch nicht veraltet und überholt. Ich wünschte, er wäre es – unserer Welt zuliebe«. Dass Tony und Maria den Mut aufbringen, nicht nur für ihre Liebe, sondern darüber hinaus für ein respektvolles Miteinander der verfeindeten Jets und Sharks zu kämpfen, macht das Musical zu einem für alle Zeiten gültigen Plädoyer für eine Öffnung zum Anderen hin. Daran hat Bernsteins mitreißende, jugendlich-rebellische Komposition einen großen Anteil.
Bernstein vereinte in der »West Side Story« Musikstile, die bis dahin für unvereinbar gehalten wurden: Jazz und große schwärmerische Geste, amerikanische Musical-Tradition und rhythmische Ausbrüche à la Strawinsky. Noch nie zuvor waren im Musical in so atemberaubender Abfolge Dramatik und Lyrik, Solo- und Gruppengesang und Tanzhandlung aufeinander abgestimmt. Diese mutige Fusion ganz unterschiedlicher Stile lässt über die Kraft der Musik die von Tony und Maria ersehnte Utopie Wirklichkeit werden.
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