„Ich wandere nicht mehr gerne. Das, was gewesen ist, auch das, was mich seit meiner Kindheit gequält hat, kommt jetzt an.“ Auf den Spuren des Schubertschen Wanderers verwebt Elfriede Jelinek Motive des Liederzyklus mit Themen, die sie beschäftigen, zu einer polyphonen Partitur.
Zitate durchziehen ihren Text. Sie pflügt sie um, reichert assoziativ ihre Sprache daran an und lässt virtuos einen neuen, unerwarteten Sinn entstehen. Im gezielten „Entgleisenlassen“ zwingt sie die Wörter, ihren versteckten Doppelsinn und in ihm die Doppelbödigkeit von Wirklichkeit zu enthüllen. Assoziationen, Floskeln, Zitate verdichten sich zu Stimmen der Erinnerung.
Es geht um unsere Welt der Skandale, Schandtaten, Verbrechen. Von der „Wetterfahne“ – „Was fragen sie nach meinen Schmerzen? Ihr Kind ist eine reiche Braut“ – gelangt man zum Bankenskandal der Hochzeit von Hypo Group Alpe Adria und bayerischer Landesbank.
Und das „Posthorn klingt“ dem Einsamen zur Meldung virtueller Kontakte in sozialen Netzwerken. Zunehmend entwickelt sich der Text zu einer schmerzhaften Gedankenreise durch die Biografie der Autorin, thematisiert komplexe Elternbeziehung, innere Emigration und Einsamkeit.
Hatte sich Jelinek schon in ihrer „Klavierspielerin“ sehr persönlich mit Schuberts Musik und ihrer Mutter auseinandergesetzt, so ist der subtile Klagegesang dieser „Winterreise“ eine radikale Abrechnung mit sich selbst und dem Leben da draußen, in dem die Autorin als „wunderliche Alte" ewig ihre „alte Leier“ spielt.
Inszenierung und Bühne Jan Philipp Gloger
Kostüme Karin Jud
Musik Kostia Rapoport
Dramaturgie Katharina Gerschler
Pressestimmen:
„(...) teilen sich vier wunderbare Darstellerinnen den Text, denen das Kunststück gelingt, als facettenreiches ‚Ich‘ ganz eigene Charaktere daraus hervorzukehren: Karoline Reinke das renitente Mädel, Johanna Paliatsou die scheinbar Kühle, Lisa Mies die ironisch Zwinkernde und Monika Dortschy, die Älteste der vier, schlüpft mit Zopfperücke nicht nur in die Rolle der Jelinek, sondern auch in jede einer Übermutter, so dass es sehr still wird und eiskalt, wenn sie spricht.
Überhaupt macht die präzise Spracharbeit der vier agilen Schauspielerinnen keinen geringen Teil des Vergnügens an dieser Inszenierung aus. Bei aller Leichtfüßigkeit leistet sie, was der Text im besten Falle zu tun imstande ist: die Rede des Ichs, auch von Trauer und Zumutung, nahezubringen. Eine ‚Winterreise‘, ja, aber eine so unterhaltsame, dass sie auch jene mitreißen dürfte, die der ‚Leier‘ der Jelinek sonst lieber ausweichen.“
FAZ, 12. Dezember 2011
„Die Mainzer Inszenierung spürt im verzweigten Endlosstrom aus sprachlich komplexen Gedanken, Verweisen, Hintersinnig- und Tiefsinnigkeiten eine der bloßen Lektüre entgehende Lakonie, ja sogar Humorigkeit auf. So werden die 90 Minuten im TiC zum kurzweiligen Wechselbad zwischen teils schier augenzwinkerndem Räsonnieren über die ewige Fragwürdigkeit der Existenz und bitterböser Zeitkritik.
Gloger versteht es, die natürlichen und professionellen Anlagen von [Monika] Dortschy, Johanna Paliatsou, Lisa Mies und Karoline Reinke trefflich zu fordern (...).
‚Winterreise‘ in Mainz: ein tragikomisches intellektuelles Vergnügen.“
Mainzer Rhein-Zeitung, 12. Dezember 2011
„Gloger hat den Text zwar stark gekürzt, aber den Sprachwitz und auch die Sprachgenauigkeit des Originals nicht angetastet. Dabei betont er in seiner Inszenierung die Entertainment-Qualitäten des Stücks zugunsten der schmerzensreichen Schwermut., die auf dem Stück wie ja auch auf der ‚Winterreise‘ von Schubert und Müller lastet. Damit macht es Gloger den Zuschauern leichter, sich auf den Abend einzulassen, ohne dass er dabei dem Text unrecht täte.“
nachtkritik.de, 9. Dezember 2011
„Elfriede Jelineks „Winterreise“, das Stück der Saison, entfaltet sich ausgezeichnet aus dem Mund und im Spiel dieses Mainzer Frauenquartetts."
Frankfurter Rundschau, 12. Dezember 2011
www.facebook.com/staatstheatermainz
Pressekontakt:
Staatstheater Mainz
Katrin Scherer
Mitarbeiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Gutenbergplatz 7
55116 Mainz
kscherer@staatstheater-mainz.de
Sabine Rüter
srueter@staatstheater-mainz.de
06131/2851-240
kscherer@staatstheater-mainz.de

