Gesellschaft Freunde der Künste

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„So machen’s alle (Frauen)!“

Theater in Linz: OPER Così fan tutte oder Die Schule der Liebenden - Premiere Samstag 4. Februar 2012


„Così fan tutte!“ / „So machen’s alle (Frauen)!“ – Der leicht chauvinistisch anmutende Stoßseufzer, mit dem die beiden Offiziere Ferrando und Guglielmo (im Verbund mit „Philosoph“ Don Alfonso) kurz vor dem Finale des „dramma giocoso“ die von ihnen selbst heraufbeschworene Treulosigkeit ihrer Verlobten Dorabella und Fiordiligi beklagen, weist schon den Irr-Weg (!), auf dem fast ein ganzes Jahrhundert lang Mozarts schlichtestes, aber vielleicht auch menschlichstes Opernwerk bisweilen grotesk missverstanden worden ist.

Beethoven und Wagner, die musikalischen Titanen des 19. Jahrhunderts, empörten sich ebenso wie Kritiker-Papst Eduard Hanslick über das vermeintlich unwahrscheinliche und frivole Sujet: „Gibt es einen dürftigeren Stoff für eine ganze Oper?“, beschwerte sich Hanslick anlässlich der Wiener Aufführung im Jahre 1863 und schmähte da Pontes Libretto als „geistlos und impertinent“.

In der Tat wäre eine Oper, die gut drei Stunden um die Frage kreist, ob Frauen treu sein können, eine wahrlich ausgedehnte „Männerphantasie“. Aber die Fixierung der Così-Kritiker auf die „weibliche Unmoral“ verkennt, dass der „Diskurs“, den Mozart mit seinem virtuos ausdifferenzierten Personen-Sextett gestaltet, nicht so etwas Banalem wie der Treue gilt („Hat sie etwa, oder hat sie nicht …?“), sondern etwas weitaus Subtilerem: der Liebe.

Erinnern wir uns: Alles beginnt mit einer schnöden Wette. Weil die beiden von sich selbst überzeugten Jungmänner die Gefühle ihrer Angetrauten für unverbrüchlich halten, lassen sie sich, von Don Alfonso „verführt“, auf ein scheinbar absurdes Experiment ein. Nach tränenreichem Abschied von den Geliebten, die glauben, ihre Verlobten zögen in den Krieg, kehren Ferrando und Guglielmo verkleidet zurück, um als „schöne Fremde“ die Treue ihrer Frauen zu erproben und zu beweisen! Die Posse führt zunächst zu dem gewünschten Resultat – die „verwaisten“ Trauer-Heroinen verwehren sich gegen die Liebesschwüre der ungestümen „Exoten“ –, aber das einmal entdeckte „Was wäre wenn“-Gift wird den vier „Probanden“ in immer stärkeren Dosen ins Herz geträufelt, wobei Don Alfonso und Despina, die verwandlungsfähige Kammerzofe der jungen Damen, mephistophelisch Hand in Hand arbeiten … Und plötzlich schwankt der Felsen, mit dem Fiordiligi in der großen „Come scoglio“-Arie ihrer Treue ein unverrückbar` Denkmal setzen wollte …

Und dieses Schwanken, diese seismografischen Erschütterungen in den unterschiedlich laut und heftig schlagenden Herzen des Quartetts verwandeln das Werk im zweiten Akt von einer burlesken Buffa in eine abgründige Seria, kreieren das „dramma giocoso“, in dem aus einem (Männer-)Scherz ein „Drama“ erwächst, weil aus dem Zusammenbruch der Konvention (hier: „garantierte“ Treue durch den Status des Verlöbnisses) etwas Neues und bedrohlich Einzigartiges entsteht, das jede Rückkehr in den einst als schützend empfundenen sittlichen Rahmen zum Verrat an sich selber werden ließe: das individuelle Gefühl. – Hier singen keine Jungmänner und Backfische mehr, keine schneidigen Offiziere oder deren einfältige Bräute: Fiordiligi und Ferrando, Guglielmo und Dorabella sind wesenhaft erwacht, werden sie selbst – in der „Schule der Liebenden“, so wie es das Werk im Untertitel verspricht

In dieser Schule ist Don Alfonso der „Lehrer“ – jener „Skeptiker, der die Welt aus Erfahrung kennt, kaum einmal seine überlegene Ruhe verliert, im Hintergrunde steht und doch den Vorgängen erst die richtige Note gibt, (der) sich zu einem höheren Humor und einem freieren Blick für das menschliche Getriebe hinaufschwingt“ (Ludwig Schiedermair), ein „liberaler Ironiker“ (Richard Rorty), dessen „Anstiftung zum Partnertausch“ mühelos eine Brücke schlägt von der Libertinage des Rokoko bis zu den Anfängen der „sexuellen Revolution“ in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts; eine Brücke, so leicht bzw. durchsichtig wie ein spektralfarbener Regenbogen, der das hehre und schwermütige Liebesideal des 19. Jahrhunderts mit Beethovens edler „Gattenliebe“ und Wagners romantischem „Liebestod“ mild, aber klar überstrahlt. Mozarts Così fan tutte leuchtet: im Lichte der Aufklärung und,  wiederkehrend wie ein Komet, im Licht der Psychoanalyse: als ein ebenso ehrliches wie kluges „Opus“ über die Möglichkeiten und Grenzen der Liebe.

 

 

Premiere Samstag 4. Februar 2012, 19.30 Uhr im Großen Haus

Dramma giocoso in zwei Akten

von Wolfgang Amadeus Mozart

Libretto von Lorenzo da Ponte    

 

Musikalische Leitung       Ingo Ingensand/Daniel Linton-France

Inszenierung                      Andreas Baesler

Bühne                                  Hartmut Schörghofer

Kostüme                              Corinna Crome

Chorleitung                                    Georg Leopold

Choreinstudierung           Takeshi Moriuchi

Dramaturgie                        Wolfgang Haendeler

 

Besetzung

Myung Joo Lee / Mari Moriya (Fiordiligi)

Katerina Hebelkova / Martha Hirschmann (Dorabella)

Iurie Ciobanu / Sven Hjörleifsson / Matthäus Schmidlechner (Ferrando)

Martin Achrainer / Seho Chang (Guglielmo)

Elisabeth Breuer / Gotho Griesmeier (Despina)

Ulf Bunde / Dominik Nekel (Don Alfonso)

 

 

Chor des Landestheaters Linz

Bruckner Orchester Linz

 

 

 

 

 

Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich ein C, das sich ebenso zu einem D verhält; bringen Sie nun die beiden Paare in Berührung: A wird sich zu D, C zu B werfen, ohne dass man sagen kann, wer das andere zuerst verlassen, wer sich mit dem andern zuerst wieder verbunden habe.

                                                           Johann Wolfgang von Goethe: „Wahlverwandtschaften“

Mag. Inez Ardelt
Presse- und Medienarbeit

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