Seit 2005 gibt es bei der jährlichen Märchenproduktion am Landestheater Linz eine Kooperation mit der Anton Bruckner Privatuniversität. In dieser Spielzeit produziert die Bruckner-Uni zum ersten Mal ihre Abschlussarbeit des 3.Studienjahres zusammen mit dem Landestheater Linz. 2005 wie heuer heißt die Regisseurin Verena Koch, langjähriges Ensemble-Mitglied am Landestheater und Dozentin an der Anton Bruckner Privatuniversität.
In diesem Lustspiel des jungen Georg Büchner kommen alle Studierenden des 3. Jahrgangs vor – unterstützt von Joachim Rathke als König Peter vom Reiche Popo. Und so dürfen die ersten beiden Sätze des Stückes „Was wollen Sie von mir? Mich auf meinen Beruf vorbereiten?“ in doppelter Hinsicht verstanden werden. Sie geben Auskunft über die Seelenlage der Hauptfigur Leonce, und sie umreißen die Situation aller Schauspielstudenten: Sich am Ende des Studiums vor einem Publikum zu präsentieren.
1836 schreibt Georg Büchner Leonce und Lena. Er ist 23 Jahre alt und hat zwei bewegte Jahre hinter sich: Als Student der Medizin in Gießen erkrankt er an Gehirnhautentzündung, muss über den Jahreswechsel 1833 bei seinen Eltern in Darmstadt das Bett hüten und durchlebt eine tiefgreifende Lebenskrise. Seiner heimlichen Verlobten schreibt er: Ich bin ein Automat; die Seele ist mir genommen. (...) Ich fühle mich wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allem und Keinem verliehen.
Seit dem Frühjahr 1835 lebt Büchner im Exil in Straßburg. Durch Zufall stößt er auf einen Aufruf des Cotta Verlages, der 300 Gulden für das beste ein- oder zweiaktige Lustspiel in Prosa oder Versen ausschreibt. Leider erreicht das Stück den Verlag erst kurz nach dem Einsendeschluss und er bekommt es ungeöffnet zurück.
König Peter vom Reiche Popo, der sich einen Knoten ins Taschentuch machen muss, um sich an das Volk zu erinnern, will seinen Sohn, Prinz Leonce, mit Prinzessin Lena vom Reiche Pipi verheiraten. Der Prinz aber beschließt seinem Schicksal zu entgehen und mit dem gewitzten Vagabunden Valerio zu fliehen: Valerio: „So wollen wir nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft werden.“ Leonce: (...) „ tiefe tolle Nächte voll Masken, Fackeln und Gitarren. Wir gehen nach Italien!“ Auch Lena flieht ihr Schicksal zusammen mit ihrer Gouvernante, aber die beiden für einander bestimmten treffen sich unerkannt und verlieben sich. Derweil lässt König Popo die Geflohenen suchen und bereitet zur Erhaltung der Staatsraison die Hochzeit vor. Mit Masken verhüllt kommen Leonce und Lena tatsächlich zur Trauung, erkennen ihre wahre Identität und erfahren, dass sie ihrer Bestimmung nicht entfliehen können.
Leonce und Lena ist ein Lustspiel voller literarischer Andeutungen, das geschickt Motive und Stimmungen der romantischen Literatur zitiert, zugleich aber über sie hinaus weist.
Büchner hat in ihm sein Leben auf der Flucht, die Dekadenz der herrschenden Klasse, die Unterdrückung der Bauern und ihre Unfähigkeit sich dagegen zu wehren, verarbeitet.
Keine romantische Komödie also, sondern neben der Liebesgeschichte auch eine Abrechnung mit den politischen Verhältnissen seiner Zeit - und eben daher für uns heute noch interessant. Spätestens mit dem Aufkommen der weltweiten „Occupy Bewegung“ ist die Frage wie man es schafft der Apathie des Konsums zu entgehen und ihm eine aktive, kritische Teilnahme an politischen Prozessen entgegen zu stellen relevant geworden. Wie heute viele junge Menschen hängen auch Leonce und Lena zwischen passiver Schicksalsergebenheit und der Suche nach alternativen Lebensentwürfen, hin und hergetrieben von der Sehnsucht nach einem gerechten, selbstbestimmten Leben.
Verena Koch - Regie
Schauspielengagements an den Städtischen Bühnen Frankfurt/M., Göttingen, Esslingen, Nationaltheater Mannheim, Städtische Bühnen Münster, Landestheaters Linz, lebt in Linz.
Nach Tourneen mit diversen kabarettistischen Soloprogrammen erfolgte 1998 das erste größere musikalisch-szenische Projekt an den Städtischen Bühnen Münster, anlässlich der 350-Jahr-Feier des Westfälischen Friedens, mit Gastspielen in Amsterdam und Den Haag. Seitdem Inszenierungen, u.a. Städt. Bühnen Münster, Landestheater Linz, Brucknerhaus Linz, Deutsche Bühne Ungarn, Festival der Regionen, Landestheater Detmold, Festwochen Gmunden. Eigene Theaterstücke: Ein mörderischer Heimatabend (2001), Schneewittchen ist erwachsen (2002), 3 x Cevapcici (2004), Aschenputtel (2005), Tapetenwechsel (2007); Schöne blaue Donau (2009). Regie bei Rumpelstilzchen (2010), DieSchneekönigin (2011). Seit 1999 freie Dozentin der Schauspiel-Abteilung an der Anton Bruckner Privatuniversität.
Ute Lindenbeck, Bühnenbild und Kostüme
hat an der Kunsthochschule Berlin Bühnen- und Kostümbild studiert und arbeitet seit 2003 frei im deutschsprachigen Raum. Sie hat Ausstattungen u.a. für das Landestheater Linz, die Oper Köln, das Neumarkt Theater Zürich, das Stadttheater Bern und das Theater Dortmund realisiert. Mit Verena Koch verbindet sie eine langjährige Zusammenarbeit.
Michael Jackenkroll (Universitätsprofessor für Sprecherziehung) und Samuel Bartussek (Körpersprache und Bewegungstraining) sind Dozenten an der Anton Bruckner Privatuniversität.
Eine Produktion des 3.Jahrgangs der Schauspielabteilung der Anton Bruckner Privatuniversität mit dem Landestheater Linz
Premiere Samstag, 2. Juni 2012, 20.00 Uhr im Eisenhand
Weitere Termine 5., 12., 13., 14., 15., 19, 27. und 29. Juni 2012
Leitung
Inszenierung Verena Koch
Bühne und Kostüme Ute Lindenbeck
Sprechtraining und Chor Michael Jackenkroll
Bewegungstraining Samuel Bartussek
Dramaturgie Franz Huber,
Albrecht Simons von Bockum Dolffs
Besetzung
König Peter vom Reiche Popo Joachim Rathke
Prinz Leonce Manuel Wagner
Prinzessin Lena vom Reiche Pipi Nastasja Winzig
Valerio Andreas Niederprüm
Gouvernante Julia Wachsmann
Rosetta Cristina Maria Ablinger
Mag. Inez Ardelt
Presse- und Medienarbeit
Landestheater Linz
OÖ Theater und Orchester GmbH
Promenade 39, A 4020 Linz
Tel. +43 (0)732/76 11-321, Fax DW 421
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© Christian Brachwitz