‚Für einen Regisseur gibt es zwei Arten von Opern: diejenigen, die eine radikale Neuinterpretation brauchen, um den zeitlichen Abstand zu überwinden und diejenigen, die ganz stark für sich selbst sprechen.
‚La Traviata‘ zählt zur zweiten Kategorie,‘ sagte der Regisseur Laurent Pelly im Kontext seiner Inszenierung von Giuseppe Verdis bekannter Oper.
Und doch ist ihm mit seiner Interpretation ein aufregend neuer Blick auf einen der Klassiker des Repertoires gelungen. So lässt er den Zuschauer während der Ouvertüre das Begräbnis Violetta Valérys miterleben und gestaltet die Oper quasi als Rückblick auf ein Leben, das in Einsamkeit endet.
Damit befindet er sich in Übereinstimmung mit Alexandre Dumas d. J., nach dessen 1848 erschienenem Roman und Bühnenstück ‚La Dame aux Camélias’ Giuseppe Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave 1853 ihre Oper gestalteten.
Dumas beschreibt in seiner Vorlage das Schicksal einer Kurtisane, die sich in einen jungen Mann aus angesehener Familie verliebt, für ihn ihr bisheriges Leben aufgeben will und sich mit ihm aufs Land zurückzieht.
Aber die Moralvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft lassen eine solche Verbindung nicht zu. Nach der Intervention des Vaters ihres Geliebten gibt sie schweren Herzens ihre Träume vom Glück auf, um den guten Ruf seiner Familie zu wahren.
Sie spielt ihm vor, wieder in ihr altes Leben zurückkehren zu wollen. Tief verletzt brüskiert der junge Mann sie vor den Augen der Gesellschaft. Allein und verlassen stirbt sie schließlich an Schwindsucht.
Es war schon ein besonderes Wagnis, Mitte des 19. Jahrhunderts eine Prostituierte in den Mittelpunkt einer Oper zu stellen und diese auch noch als moralisch integer zu beschreiben.
Das Publikum gewöhnte sich nur vorsichtig an die ‚Traviata‘, die Verdi im Teatro La Fenice in Venedig uraufführen ließ. Erst einer überarbeiteten Fassung war 1854 der Erfolg beschieden, mit dem das Stück zu seinem Siegeszug um die ganze Welt starten sollte.
Als erfahrenem Theaterpraktiker ist Verdi mit seiner Oper ein intensives psychologisches Drama gelungen, dessen mitreißende musikalische Einfälle sich durch große Sensibilität auszeichnen.
In den Mittelpunkt stellt der Komponist immer wieder konfliktreiche Situationen, in denen Violetta sich behaupten muss. So ist der erste Akt geprägt von dem Versuch Alfredo Germonts, die widerstrebende Kurtisane von der Aufrichtigkeit seiner Gefühle zu überzeugen.
Im zweiten verlangt Giorgio Germont, der Vater Alfredos, von der verzweifelten Frau, auf ihr Liebesglück zu verzichten und den Sohn freizugeben. Schließlich muss Violetta die Demütigungen hinnehmen, mit denen sie der enttäuschte Alfredo vor der Gesellschaft bloßstellt. Verdis Gespür für theaterwirksame Szenen zeigt sich auch im Finale des Stücks.
Anders als im Roman kehrt der reumütige Alfredo, der inzwischen von Violettas großherzigem Opfer erfahren hat, rechtzeitig zu der Sterbenden zurück. Kurz vor ihrem Tod schöpft sie in seinen Armen noch einmal neue Hoffnung.
In seiner Interpretation des Schicksals der Violetta führt der Regisseur Laurent Pelly eben dieses Ende wieder in die Nähe von Dumas’ Original. Er lässt seine Protagonistin allein und vereinsamt sterben – die Begegnung mit dem Geliebten ist nur ein Produkt ihrer todesnahen Fantasie.
Die Inszenierung, die in Koproduktion mit dem Santa Fe Opera Festival entstand und im Oktober 2009 glanzvolle Premiere am Teatro Regio in Turin feierte, unterscheidet sich in einem weiteren Detail von bekannten ‚Traviata‘-Einstudierungen.
Anders als gewohnt setzt Pelly die Pausen nicht zwischen die einzelnen Akte, sondern in die Mitte des zweiten Aktes. Mit diesem geschickten Kunstgriff unterteilt er das Stück in zwei Hälften, in deren erster Violetta und Alfredo sich immer mehr annähern, während in der zweiten die Distanz zwischen beiden immer größer wird.
Eine Rückkehr zu den Ursprüngen, eine puristische Inszenierung, deren Eleganz Violettas Sinnlichkeit zeigt, ohne sie exponiert darzustellen, schwebte dem Regisseur und seinem Team bei der Erarbeitung des Konzepts vor. Eine besondere Rolle kommt dabei dem Bühnenbild von Chantal Thomas zu.
Graue Quader, ineinander verschachtelt und aufgetürmt wie Eisschollen, verwandeln sich nach und nach in die verschiedenen Spielorte: in Violettas Boudoir, einen Festsaal und den Friedhof von Montmartre. Sie bilden den Rahmen für ein zeitloses Drama, das von Sehnsucht, Liebe und Erlösung erzählt.
Der italienische Dirigent Marco Armiliato (Musikalische Leitung) studierte Klavier am Paganini Konservatorium seiner Heimatstadt Genua und begann seine Dirigententätigkeit 1989 mit Donizettis ‚L’elisir d’amore‘ in Lima/Peru.
1995 debütierte er mit ‚Il Barbiere di Siviglia‘ im Teatro La Fenice, Venedig; ein Jahr darauf an der Wiener Staatsoper mit Giordanos ‚Andrea Chénier‘ und an der San Francisco Opera mit ‚La Bohème‘. Seitdem ist er an allen großen Opernhäusern und auf Konzertbühnen mit namhaften Orchestern zu erleben.
1998 debütierte er an der Metropolitan Opera in New York, wo er seitdem regelmäßig zu Gast ist und u.a. ‚Il trovatore‘, ‚Turandot‘ und ‚Madama Butterfly‘ dirigierte.
Er arbeitet regelmäßig an der Wiener Staatsoper und der Deutschen Oper Berlin, an den Opernhäusern von London, Paris und Turin.
Nicht zuletzt durch seine Konzerttätigkeit mit Luciano Pavarotti sowie Anna Netrebko und Rolando Villazon zählt Armiliato zu den international renommiertesten Dirigenten. Zusammen mit Renée Fleming und Jonas Kaufmann erhielt er 2010 den Grammy für die CD ‚Verismo Arias‘.
Laurent Pelly (Inszenierung und Kostüme) zählt zu den weltweit gefragteren Regisseuren und Kostümbildnern. Seine Arbeit ist bekannt für ihren Detailreichtum, erlesenen Geschmack und außerordentliche Fantasie.
Der 1962 in Paris geborene Pelly gründete mit 18 Jahren die Compagnie Théâtrale du Pélican und wurde 1997 Direktor des Centre Dramatique National des Alpes in Grenoble. Seit 2008 ist Pelly Kodirektor des Théâtre National de Toulouse Midi-Pyrénées.
Im Laufe seiner Karriere hat Pelly weit mehr als 50 Inszenierungen für Theater und Oper geschaffen. Dazu zählen Produktionen für das Festival von Avignon, die Pariser Oper, die Metropolitan Opera in New York, die Mailänder Scala und die Wiener Staatsoper.
Sein Repertoire reicht dabei von Werken des Barock wie ‚Platée‘ von Jean-Philippe Rameau bis hin zu Kompositionen des 20. Jahrhunderts wie Weills ‚Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny‘.
Pelly gilt als Spezialist für die Werke von Jacques Offenbach, von dem er u.a. ‚Les Contes d’Hoffmann‘, ‚La belle Hélène‘ und ‚La Grande-Duchesse de Gérolstein‘ inszenierte. Am Royal Opera House Covent Garden brachte er 2010 eine Produktion von Massenets ‚Manon‘ mit Anna Netrebko in der Titelrolle heraus.
Die Sopranistin Irina Lungu (Violetta Valéry) brillierte in der Titelrolle von Giuseppe Verdis ‚La Traviata‘ bereits an renommierten Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Deutschen Oper in Berlin sowie in Rom und Verona.
Die gebürtige Moldawierin studierte Klavier und Gesang am Staatlichen Konservatorium in Voronezh. Eine ihrer ersten Rollen dort war die Desdemona in Verdis ‚Otello‘. 2003 wurde sie Mitglied der Accademia del Teatro alla Scala di Milano.
Sie gewann zahlreiche Wettbewerbe wie den Belvedere in Wien, den Maria Callas-Concours in Athen, Voci Verdiane in Busseto und 2004 den Spezialpreis bei Placido Domingos Operalia-Wettbewerb in Los Angeles.
Zu ihrem Repertoire zählen u.a. die Fiordiligi in Mozarts ‚Così fan tutte‘, die Titelrolle in Verdis ‚Luisa Miller‘, die Liù in Puccinis ‚Turandot‘, die Mimì in ‚La Bohème‘ sowie die Titelpartie in Hindemiths ‚Sancta Susanna‘. 2009 debütierte sie als Micaëla in Bizets ‚Carmen‘ in der Arena di Verona. Neben zahlreichen Konzertauftritten gastiert sie regelmäßig an den Opernhäusern von Mailand, Rom, Stuttgart, Neapel und Berlin.
Der in Mailand gebürtige Tenor Stefano Secco (Alfredo Germont) absolvierte neben einem Gesangs- und Klavierstudium auch eine Ausbildung zum Schlagzeuger. Zu seinen Gesangslehrern zählten u.a. Franco Corelli und Renata Scotto.
Er gilt als einer der gefragtesten lyrischen Tenöre des italienischen Fachs und begeisterte in den vergangenen Jahren regelmäßig Publikum und Presse.
Nach seinem Debüt 1996 als Fenton (‚Falstaff‘) am Teatro Verdi di Sassari gelang ihm als Rodolfo (‚La Bohème‘) am Teatro dell’Opera di Roma sein internationaler Durchbruch.
Mit dieser Partie war er auch an den Opernhäusern von Parma und Rom, an der Opéra National de Paris sowie beim Puccini Festival in Torre del Lago und, gemeinsam mit Angela Gheorghiu, am Hessischen Staatstheater Wiesbaden zu erleben.
Zu seinem Repertoire zählen des weiteren der Duca di Mantova (‚Rigoletto‘) an der Wiener Staatsoper, in Paris und Turin, Pinkerton (‚Madama Butterfly‘) in San Francisco, Rom und Florenz, Nemorino (‚L’elisir d’amore‘) in Barcelona und London, sowie ferner der Des Grieux (Massenets ‚Manon‘) in Barcelona und Genf.
In der Partie des Alfredo (‚La Traviata‘) war Stefano Secco u.a. an der Mailänder Scala, in Venedig, Tokio und Frankfurt zu hören. Mit großem Erfolg debütierte er als Rodolfo in Verdis ‚Luisa Miller‘ an der Bayerischen Staatsoper und sang den Faust in San Francisco.
Franco Vassallo (Giorgio Germont) stammt aus Mailand und gilt als einer der führenden Baritone Italiens, der nicht nur durch seine musikalische Qualität, sondern auch durch seine Bühnenpräsenz zu überzeugen weiß.
Er ist Preisträger mehrerer Gesangswettbewerbe und debütierte 1997 in der Rolle des Figaro (‚Il barbiere di Siviglia‘) am Teatro La Fenice in Venedig. Seither trat er an zahlreichen Opernhäusern Italiens auf, etwa in Parma, Bologna, Florenz, Neapel, Genua und an der Mailänder Scala.
Darüber hinaus sang er u.a. an der Wiener Staatsoper, der Oper Zürich sowie am Royal Opera House Covent Garden in London. Zu seinem Repertoire gehören alle wichtigen italienischen Partien seines Fachs, u.a. Germont (‚La Traviata‘), Rodrigo (‚Don Carlo‘), Ezio (‚Attila‘), Belcore (‚L’elisir d’amore‘), Almaviva (‚Le nozze di Figaro‘) sowie die Titelpartien in Verdis ‚Rigoletto‘ und ‚Macbeth‘.
2005 debütierte er an der Metropolitan Opera in New York. Hier sang er u.a. an der Seite von Edita Gruberova den Riccardo in Bellinis ‚I Puritani‘, den Figaro und Belcore in ‚L’elisir d’amore‘.
Irina Lungu – eine Traviata, die szenisch glaubwürdig und von großem Liebreiz ist.
Teatro.org
Ein triumphaler Erfolg.
La Stampa
Tosender Applaus für diese ‚Traviata‘ – innovativ in der Regie und ein Juwel der Tradition in der immerwährenden Schönheit der Musik Verdis.
Teatro lir
| Musikalische Leitung | Marco Armiliato |
| Inszenierung und Kostüme | Laurent Pelly |
| Einstudierung der Wiederaufnahme | Laurie Feldman |
| Bühne | Chantal Thomas |
| Licht | Gary Marder |
| Produktionsleitung | Saverio Santoliquido |
| Choreinstudierung | Claudio Fenoglio |
| Mit: | |
| Violetta Valéry | Irina Lungu |
| Alfredo Germont | Stefano Secco |
| Annina | Bernadette Lucarini |
| Flora Bervoix | Chiara Fracasso |
| Gastone | Enrico Iviglia |
| Giorgio Germont | Franco Vassallo |
| Il barone Douphol | Gian Paolo Orecchia |
| Il dottor Grenvil | Dario Russo |
| Il marchese D'Obigny | Seth Carico |
Orchester und Chor des Teatro Regio Torino
Oper in drei Akten von Giuseppe Verdi
Libretto von Francesco Maria Piave nach dem Drama ‚La Dame aux Camélias‘ von Alexandre Dumas d. J.
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Premiere: 3. Juli 2009, The Santa Fe Opera
Europapremiere: 14. Oktober 2009, Teatro Regio Torino
Montag, den 30.05.2011, 19.30 Uhr
Großes Haus
Aufführungsdauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause
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