„Zweite Welten“ – das Leitmotiv des diesjährigen steirischen herbst – fragt nach kulturellen, sozialen, politischen, psychologischen Parallelwelten: als gedankliche Alternativen, Denkmodelle, Hebel für Paradigmenwechsel, die uns plötzlich die Dinge anders sehen lassen.
Den Blick, die Parameter etwas verschoben und schon geraten die Dinge ins Rutschen: Den Fokus anders eingestellt, das Klare verschwimmt, das Verschwommene wird klar und wir erkennen andere Strukturen, andere Schichten, andere Wirklichkeiten. Die diesjährige herbst-Ausstellung „Zweite Welt“ – konzipiert vom kroatischen Kuratorinnenkollektiv What, How & for
Whom / WHW – nutzt das Potenzial möglicher und unmöglicher zweiter Welten als Projektionsfläche für imaginäre und politische Perspektivenwechsel – und ist doch fest in der geopolitischen Wirklichkeit unserer Zeit verwurzelt. Um eine Parallelwelt mitten im Leben dreht sich die herbst-Konferenz „Der Patient“. Theoretiker und Praktiker gehen der Frage nach, welche Rolle Krankheit als permanent präsente zweite Welt inmitten der ersten heute spielt, als
Realität, als Metapher, als Entwicklungslinie und als Lebens- und Möglichkeitsform.
Eröffnet wird der steirische herbst mit der jüngsten Arbeit einer der wichtigsten
Choreografinnen unserer Zeit: Anne Teresa De Keersmaeker vermischt in „Cesena“ die getrennten Welten von Musikern und Tänzern mit ihrer Kompanie Rosas und dem Vokalensemble Graindelavoix unter der Leitung von Björn Schmelzer, indem sie Tänzer singen und Musiker tanzen lässt. Zu einer Musik, die aus einer zeitlich weit entfernten Welt stammt: der Ars subtilior aus dem ausgehenden 14. Jahrhundert, die in ihrer Komplexität und Abstraktion
paradoxerweise durchaus einem zeitgenössischen Musikverständnis entspricht. Gunilla Heilborns „Potato Country“, banal und schön, ironisch und lapidar. Mit schwebendem Humor und sanfter Schwermut mischt die schwedische Choreografin Tanz und Theater, Text und Performance zu einem Genre-Potpourri in losem Musical-Rahmen. Die vier männlichen Protagonisten einer Songperformance des Theater im Bahnhof versuchen mit den Texten und
hooklines der Songs ihrer Jugend die Vergangenheit festzuhalten – „Time to get ready for love“.
Wie kann man seinen eigenen Körper loswerden – das fragt Eszter Salamon in ihrem neuen Stück „Tales Of The Bodiless“ und lädt zu einer Reise durch Regionen greifbarer Sinnlichkeit: dynamische Kompositionen aus Stimmen, Klang, Licht und Raum. Eine körperlose Science-Fiction-Choreografie, für deren Sound Cédric Dambrain und Terre Thaemlitz verantwortlich zeichnen.
Auch das Festivalzentrum, das von der österreichisch-slowenischen Künstlerin Maruša Sagadin entworfen wird, ist eine eigene Welt in der Welt: Als Festivaldistrikt erstreckt es sich zwischen dem Grazer Südtiroler Platz und dem Mariahilferplatz, eine gated community, die sich bewusst und spielerisch mit der Diskrepanz zwischen Einladung und Ausschluss auseinandersetzt. Für
vier Wochen entsteht ein kosmopolitisches Städtchen in der Stadt – mit einem Hang zu Größerem. Und geradezu unheimlich freundlich: Überdimensionale Leuchtschriften an den Häusern, langgezogene Tischbänder auf der Straße, eine eigene Kneipe und viele Wirtschaften drum rum, Club, Kino, Hotel, Bar, von experimenteller Elektronik bis zur Ausstellung, von der Party bis zur Theorie. Im Hotel, Zimmer 113, in welches für jeweils ein paar Tage der finnische
Künstler Hans Rosenström, die amerikanische Performerin Ann Liv Young, Orthographe aus Italien und Heine Røsdal Avdal und Yukiko Shinozaki, von der belgischen Performancegruppe deepblue, einziehen.
Ein paar Häuser weiter der Laden: Die rumänische Künstlergruppe
Apparatus 22 bittet hier zur Albtraum-Therapie, Stephen Fiehn und Tyler B. Myers alias Cupola Bobber betreiben eine „Public Question Library“ und der in Wien lebende japanische Künstler Michikazu Matsune öffnet eine Woche lang sein eigenwilliges „Tourist Office“. In eine Agora wird der Laden vom holländischen Theatermacher Jan Ritsema verwandelt. In diese lädt er
vierzehn Künstlerinnen und Künstler aus zwölf Ländern – darunter einige herbst-Bekannte aus verschiedensten Konstellationen –, um Sorgen, Wissen, Aktionen rund um das Konzept des öffentlichen Raumes zu diskutieren – ein Prozess, der schließlich in die Premiere von „Shakespeare’s As You Like It, A Body Part“ mündet.
Erstmals in Graz kann man in diesem herbst in die drastisch-physische Theaterwelt des argentinisch-spanischen Regisseurs Rodrigo Garcia eintauchen. Sein „Gólgota Picnic“ ist eine wütende Abrechnung mit der westlichen Zivilisation, mit uns. Überbordend und dabei der Bibel ähnlich in ihrer Wucht und wilden Bildlichkeit: Engel steigen auf und fallen herunter, überall Feuer, Himmel, die sich öffnen, Wunder, Dämonen, Tote und unfassbare Foltern. Und inmitten
dieser theatralischen Sendung sitzt Marino Formenti nackt am Flügel und spielt Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“. Und spielt und spielt, bis auch die letzte Note verklungen ist. Drei junge, mit Graz eng verbundene Autoren hat der steirische herbst eingeladen, im Rahmen des Text- und Theaterprojekts „Welche Welt?“ in sehr unterschiedlichen
Arbeitskonstellationen auch über die eigenen Modelle des Zusammenarbeitens im Theater nachzudenken:
Gerhild Steinbuch präsentiert in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Julie
Pfleiderer eine Performance inklusive Audiowalk durch Graz: „Am Schönsten ist das was bereits verschwunden ist“. Johannes Schrettle und die zweite liga für kunst und kultur erklären uns, „wie wir es tun sollten“, und copy & waste mit ihrem Autor Jörg Albrecht lassen in „Die blauen Augen von Terence Hill“ die Antihelden ihrer Kindheit noch mal antreten.
Der Bogen der performativen Arbeiten reicht weiter von Miguel Gutierrez’ Künstlermonolog „Heavens what have I done“ über Lotte van den Bergs bildstarke Reflexion über die eigene Fremdheit im Kongo unter dem Titel „Les spectateurs“ bis hin zum tiefen Eintauchen in die virtuelle Welt der belgischen Gruppe CREW: Konfrontiert mit der Geschichte von Robert Scotts
legendärer, tragischer Eismeer-Expedition, die hier zugleich die Geschichte der jüngeren Hirnforschung zu sein scheint, reisen wir in „Terra Nova“ zum Südpol ebenso wie in unser eigenes Bewusstsein.
In Eric Joris’ sensorischem Theater verschwimmen die Trennlinien.
Zwischen Technik und Körpern, Virtualität und Realität, drinnen und draußen.
Zweite Welten gibt es zahlreiche, das zeigen auch die weiteren Ausstellungsprojekte im steirischen herbst 2011: Während < rotor > den Parallelsystemen der Macht in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Medien nachspürt, entdeckt das Kulturzentrum bei den Minoriten eine neue Auseinandersetzung mit dem Religiösen in der Kunst.
Der Grazer Kunstverein widmet seine Ausstellung der politischen Kraft des Folklorismus, Camera Austria befragt kritisch gegenwärtige gesellschaftliche Konzepte des Zusammenlebens, während das Haus der Architektur Wahrnehmungsebenen in Räumen abseits der sichtbaren nachgeht, und Peter Weibel führt in seiner Installation die brutale und sehr wirkliche Geschichte des 20. Jahrhunderts vor Augen. Mit dem Animismus, der Beseeltheit von Objekten, beschäftigen sich die Künstlerinnen Elke Auer und Esther Straganz zusammen mit dem brasilianischen Medium Felipe Campos in the smallest gallery – collaboration space, und die von der Akademie Graz eingeladene, aus Sarajevo stammende Danica Dakić schlägt mit ihrem Projekt Brücken zwischen
verschiedenen Welten. In einem Möglichkeitsraster präsentieren sich die Künstler, die ESC im LABOR eingeladen hat, die deutsche Künstlerin Antje Majewski bringt die Objekte der Sammlung des Universalmuseum Joanneum im Kunsthaus Graz zum Sprechen, und schließlich begeben sich Zsombor Barakonyi, Christian Eisenberger und Metka Zupanič im Pavelhaus /
Pavlova hiša in die Zwischenwelten abseits gesellschaftlicher Normen.
„Hauntings“, ein Projekt von Christian Höller und Thomas Edlinger, bildet eine Klammer zwischen dem bildenden Kunst- und Musikprogramm des steirischen herbst 2011:
Im Rahmen einer Ausstellung im Kunstverein Medienturm, als Konzertreihe im musikprotokoll und an einem Filmabend spürt es den heimlichen und unheimlichen Präsenzen in Medien, Kunst und Pop nach. Das musikprotokoll gewährt Einblicke in das Schaffen von Künstlerinnen und Künstlern,
die sich mit Klang und Bild und Raum auf vielfältige Weise beschäftigen. Die Plattform „CineChamber“ lädt ein in eine neue Dimension der Audiovision und präsentiert eine ganze Reihe von neuen Stücken, unter anderen von Jade, Pita, Subshrubs, Werner Dafeldecker, Lawrence English und Christian Fennesz. Der österreichische Komponist Clemens Gadenstätter fragt in „Iconosonics“ nach der Geste in der Musik, orchestrale Statements, darunter viele Ur- und
Erstaufführungen, kommen vom Klangforum Wien, dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien, dem ensemble recherche.
Informationen und Karten:
t +43 316 816070, info@steirischerherbst.at, www.steirischerherbst.at
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