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nach Carlo Collodi mit Musik von Martyn Jacques

Stadttheater Fürth: Pinocchio bis zum 11.11.2012

Pinocchio, die berühmteste Figur des italienischen Autors Carlo Collodi (1826 - 1890), ist weit mehr als eine niedliche Holzpuppe, die wir aus verharmlosenden Hollywood-Verfilmungen kennen. Das beweist Jochen Schölch, Regisseur und Leiter des Metropoltheaters München, mit seiner Inszenierung, die die Spielzeit 2012/2013 im Großen Haus des Stadttheaters Fürth eröffnet.

In München und in Ingolstadt war die Kooperation zwischen dem Metropoltheater aus der Landeshauptstadt und den Stadttheatern in Ingolstadt und Fürth bereits zu sehen. Die Kritik in der Münchner Abendzeitung bringt es auf den Punkt:  "Irgendwie sind wir alle Pinocchio, hineingeboren in eine Welt voller Versuchungen und Verbote, verdammt dazu, erwachsen zu werden. Um die Eindämmung sprudelnder Lebenslust geht es Jochen Schölch ..."

1882 veröffentlichte der Florentiner Carlo Collodi seinen Roman, der ihn schlagartig weltberühmt machte und eine zutiefst widersprüchliche Welt schildert. Die magisch-anarchische Traumwelt wird in dieser Inszenierung mit viel Musik erzählt, die der britische Komponist Martyn Jacques, Gründer der legendären Truppe "The Tiger Lillies", geschaffen hat.

Die abenteuerliche Reise der Puppe Pinocchio beginnt, kurz nachdem sie geschnitzt wurde. Pinocchio türmt, kaum sind die Füße fertig, und bringt seinen "Vater" Geppetto ins Gefängnis. Unter der schillernden Oberfläche voller Magie, poetischer Bilder und fantastischer Spielereien erlebt Pinocchio eine Fahrt ins Ungewisse.

Er erlebt Betrug und Verführung vor allem durch einen geldgierigen Fuchs und einen böswillig-gewieften Kater. Kopfüber stürzt Pinocchio in ein Leben und bemerkt nicht, dass die Welt nicht nur für ihn gemacht ist. Eine fiese Gesellschaft voller Hunger, Brutalität und sozialer Ungerechtigkeit bringt die Holzpuppe fast an den Abgrund.

Pinocchio wird auf seiner Odyssee fast getötet und von einem Walfisch verschlungen, in dessen Bauch er den tot geglaubten Vater trifft. Am Ende ist Pinocchio zwar gezähmt, aber auch domestiziert. Seine anarchische Ungezügeltheit wird von der Gesellschaft nicht geduldet.

Sieben Schauspieler, darunter der in Fürth häufig engagierte Michael Vogtmann als Geppetto, agieren als Märchenfiguren, Conferenciers, Sänger und bedienen auch per Handkurbel ein "Wandelpanorama", auf dem Naturlandschaft, Gefängnis oder Walgerippe projiziert werden.

Im Mittelpunkt der Darsteller steht natürlich Denise Matthey als Pinocchio. Wie ein zum Leben erwachter Homunculus beginnt Matthey ihr Spiel mit ungelenken, eckigen Bewegungen. Der Zauber ihrer "Menschwerdung" von der Puppe zum Jüngling gelingt ihr mit phänomenaler Körperbeherrschung.

Die faszinierende Entwicklung dieser Figur hat Kritiker Christian Muggenthaler folgendermaßen beschrieben: "Sie hat eine Art der sprechenden Mimik und pantomimenhaften Gestik, die sich weit hinaus vermittelt als befinde sie sich selbst untereeinem Bühnen-Mikroskop. Erst allmählich vermag ihre Figur als fadengeführte Gliederpuppe eingeführt, sich zurechtzuzuckeln, des eigenen Körpers korrekt zu bedienen und sein großes Herz zu entdecken."

Eine weitere Besonderheit dieser Inszenierung sind die aufwendigen Theatermittel. Jochen Schölch scheut in seiner Inszenierung weder Illustrationen, Projektionen, Masken, Marionetten noch ferngesteuertes Spielzeug.

Die live-gesungene und gespielte Musik von Martyn Jacques erzählt zudem Geschichten von den Rändern der Gesellschaft. Die morbiden Songs verleihen dem italienischen Original radikal-ironische Noten und leisten Widerstand gegen die Bilder eines vordergründig friedliebenden Systems. "Pinocchio" wird in dieser Version trotz aller Poesie zu einer knallharten Geschichte jenseits der Verklärung zum lieblichen Märchen.

Damit kommt die Inszenierung dem Originalbuch wesentlich näher als manche verniedliche Kindervariante. Die Holzpuppe, die zum Leben erwacht, misshandelt, betrogen, erlöst und letzten Endes von seinem Vater Gepetto bis zuletzt geliebt wird, erleidet die Geschichte der Menschwerdung in verschiedenen Stationen seiner Heldenreise.

"Ein Happy-End gehört nicht zur Geschichte", betonte der Regisseur ausdrücklich in einem Zeitungsinterview vor der Ingolstädter Premiere. Auch vor der Fürther Premiere wird Jochen Schölch beim Theater im Gespräch am 30. September im Foyer des Stadttheaters sein Konzept erläutern und sich den Fragen des Dramaturgen Matthias Heilmann und des Publikums stellen.

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