Gesellschaft Freunde der Künste

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mit über 70 Veranstaltungen

SPIELART Festival - vom 18. November bis 4. Dezember wird München zum Schauplatz des aktuellen zeitgenössischen internationalen Theaters

Zum neunten Mal seit 1995 wird München vom 18. November bis 4. Dezember wieder zum Schauplatz des aktuellen zeitgenössischen internationalen Theaters. Tilmann Broszat und Gottfried Hattinger haben ein schillerndes Programm zusammengestellt, das mit bekannten Protagonisten und Newcomern an 17 Tagen mit über 70 Veranstaltungen Fragen der Zeit nachgeht und überraschende künstlerische Formen und Formate präsentiert, mit über 200 mitwirkenden Künstlern aus Frankreich, Großbritannien, Dänemark, Norwegen und Schweden, den Niederlanden, Belgien, Italien, Spanien, Finnland, Deutschland, Österreich, Polen, Russland, Kolumbien und USA. Zwei
hochaktuelle Inszenierungen aus Japan bilden den Eröffnungsschwerpunkt des
Festivals.


„Wie wollen wir leben?“ - so könnte der Untertitel des diesjährigen SPIELART Festivals lauten.
Während der letzten SPIELART-Ausgabe hatte sich das Grundgefühl, dass wir in einer Zeit großer Umbrüche leben, aber niemand weiß, wohin die Reise geht, vor allem in den Beiträgen der Diskursreihe WOODSTOCK OF POLITICAL THINKING niedergeschlagen, die unversehens zum aktuellen Diskursforum über die Folgen der Weltwirtschaftskrise wurde. Jetzt ist auch das Theater selbst mit seinen Themen wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Ohne
ideologischen Ballast oder theoretische Konstrukte beschreiben und analysieren Theatermacher weltweit mit beeindruckender Präzision das eigene Leben als unmittelbar politisches. Ist dies der Ausgangspunkt für den Entwurf von umfassenden Utopien?

Eröffnungsschwerpunkt Japan

Die beiden japanischen Regisseure Toshiki Okada und Daisuke Miura stellen in ihren Arbeiten zu Beginn des Festivals zwei Zeitgeistmodelle der jüngeren Generation aus Tokio und Yokohama vor: Hier erfolgreiche Enddreissiger, die sich die Frage nach den Möglichkeiten des (alltäglichen) Glücks stellen, dort lethargische Endzwanziger, die nur noch ihr pures Dasein manifestieren. Beiden Produktionen gemeinsam ist eine große innere Leere, unter der die
Protagonisten bei Okada noch leiden, vor der die Figuren bei Miura bereits resigniert haben. Reaktion der immer noch geschlossenen Gesellschaft Japans auf die Globalisierung oder Vorbote einer Entwicklung, die auch Europa erreichen wird?

Soziale Fiktionen

Neu scheint zu sein, dass Theatermacher politisch relevante Themen wieder in ihrer eigenen unmittelbaren Umgebung suchen und auch finden - als hätte man den oft zitierten Ratschlag des französischen Aktivisten Stéphane Hessel „Seht Euch um, dann werdet Ihr die Themen finden, für die Empörung sich lohnt!“ beherzigt. Die italienische Gruppe Motus beschäftigt sich in Auseinandersetzung mit dem Mythos der Antigone und den Ausschreitungen nach dem Tod
eines jugendlichen Demonstranten in Athen 2008 mit den Möglichkeiten von Revolte heute.

Romeo Castellucci zeigt bildgewaltig die komplexe Beziehung eines dementen alten Mannes zu seinem Sohn, der ihn mit Engelsgeduld pflegt. Raven Ruëll und David Van Reybrouck zeigen einen belgischen Missionar im Kongo, der - gefangen zwischen dem Versuch, einen Völkermord in Worte zu fassen, und seiner Krise mit der heimischen Zivilisation - die Fahne seines Auftrags hochzuhalten versucht.


In zwei wegweisenden und europaweit gefeierten Inszenierungen befragen Gob Squad eine Gruppe von Kindern, wie diese sich ihre Zukunft vorstellen, während die Akteurinnen der Gruppe She She Pop mit ihren leibhaftig auf der Bühne stehenden Vätern den Generationenvertrag neu verhandeln. Auch in anderen Festivalbeiträgen ist die kleinste soziale Einheit, die Familie, Thema: Zachary Oberzan aus New York dokumentiert seinen Lebensweg
und den seines älteren Bruders, die unterschiedlicher nicht sein könnten, um zu hinterfragen, inwieweit diese vorherbestimmt sind. Wojtek Ziemilski aus Warschau verknüpft die Geschichte seines als Mitglied des kommunistischen Geheimdienstes enttarnten Großvaters mit aktuellen Performance-Diskursen.


„social fictions“ heißt dann auch eine Diskurs- und Performance-Reihe, in der sich an drei Sonntagen international renommierte Künstler und Wissenschaftler mit der Frage der Krise des Expertentums, mit alternativen Theorieansätzen, persönlichen Visionen und Modellen möglicher kultureller und sozialer Praxis auseinandersetzen.

Formensprache

In einer Vielzahl der gezeigten Projekte spielen dokumentarische Ansätze in vielfältigster Form eine große Rolle. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass Künstler, oft auch in Kombination mit dokumentarischem Material, einem neuerlichen Bedürfnis nach Formung, ästhetischer Überhöhung, wenn nicht gar Verzauberung folgen. Okadas und Miuras präzis erarbeitete Bewegungssprache ist stark choreografisch geprägt.

Gisèle Viennes verstörende Produktion THIS IS HOW YOU WILL DISAPPEAR kann man, in der Zusammenarbeit gleichstarker Künstler, in die Tradition der Gesamtkunstwerke stellen. Mehrfach greifen Gruppen auf den Kanon der Kulturgeschichte zurück, um etwas über unsere heu ige Zeit zu erzählen – seien es Theatertexte, wie She She Pop mit „Lear“, die italienische Gruppe Motus mit „Antigone“ oder Nicole Beutlers Auszüge aus Monologen tragischer Frauenfiguren. Castellucci siedelt seine Inszenierung vor einem Renaissance-Christusbild an.

Neue Talente: CONNECT CONNECT

Mit zwei internationalen Netzwerkprogrammen gibt SPIELART jungen Künstlern und Programm-Machern die Möglichkeit, vor großem Publikum zu experimentieren: Mit Hilfe international bekannter Theater-Mentoren, wie René Pollesch (Berlin), Alain Platel (Gent), Philippe Quesne (Paris) und Ong Ken Seng (Singapur) werden bei SPIELART vier Uraufführungen in einem Festival im Festival unter dem Titel CONNECT CONNECT gezeigt.

Außerdem hat SPIELART das Programm FestivalLAB initiiert, bei dem zwanzig zukünftige Festivalmacher dieses Jahr zu Workshops bei acht europäischen Festivals eingeladen sind. Satu Herrala (Helsinki) wurde aus diesem Kreis ausgewählt, gemeinsam mit Angelika Fink (PATHOS München) das
Künstleratelier DO TANK zu kuratieren, das das ganze Festival begleiten und laufend Neues produzieren wird.



München Ticket, Tel. 089 – 54818181, www.muenchenticket.de
Kartenpreise von EUR 6.- bis EUR 15.- (Münchner Kammerspiele lt. Preisliste).
Festivalpass (für 10 Vorstellungen freier Wahl): EUR 70.- /ermäßigt EUR 40.-


Weitere Informationen:
Pfau PR, Tel.: 089 / 48 920 970, info@pfau-pr.de
www.spielart.org

 

Copyrights:

1) Daisuke Miura: Castle of Dreams Brussels (C) Bruno De Tollenaere
Essen (C) Klaus Lefebvre

2) Nicole Beutler: 1: Songs (c) Anja Beutler

3) Romeo Castellucci: On the Concept of the Face, Regarding the Son of God, Vol. 1  (c) Klaus Lefebre

4) Gob Squad : Before Your Very Eyes (c) Phile Deprez

5) Mapa Teatro: Los Santos Inocentes (c) Rolf Abderhalden