"Sitzen ist Setzung" heißt eine einleuchtende Wendung. Mit der jeweiligen Art und Weise des Sitzens werden gesellschaftliche Hierarchien, Konventionen, Tabus und Privilegien konturiert, wie dies in der gestalteten Umwelt ansonsten allenfalls der Tischkultur möglich ist. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2009 mit China als dem Ehrengastland werden die Objekte und die Kultur des Sitzens in diesem Land beleuchtet. Dabei wird ein Kaleidoskop unterschiedlicher Phänomene, Eindrücke und Entwicklungen sichtbar.
Präsentiert werden die hochrangigen, kunst- und kulturgeschichtlich bedeutsamen Exponate der Ming- und Qing-Zeit, die einen Zeitrahmen von fünf Jahrhunderten aufspannen. Die ebenso schlichten wie perfekt gearbeiteten Sitzmöbel können als Höhepunkt dessen bezeichnet werden, was chinesische Möbelschreiner in der 2000jährigen Geschichte dieser Kunst hervorgebracht haben. Die meisterhafte Symbiose aus klarem Formempfinden und maximaler Funktionalität dürfte auch einer der wichtigsten Gründe dafür sein, dass diese Stühle heute weltweit zum Kostbarsten und Gesuchtesten auf dem Kunstmarkt gehören.
Darüber hinaus blättert die Ausstellung das Thema "Sitzen" auch zeitgenössisch auf. Neben oft aus purer Not improvisierten alltäglichen Sitzgelegenheiten, deren Chuzpe europäische Augen ebenso verblüfft wie fasziniert, werden zeitgenössische Designer- Entwürfe, z.B. von Shao Fan, Freeman Lau, XYZ-Design und Ji Liwei, der auch das Raumdesign des chinesischen Pavillon auf der Buchmesse kreiert hat, studentische Entwürfe der CAFA (Central Academy of Fine Art) in Peking sowie in fotografischen Tableaux Sitz-Situationen im öffentlichen Raum und privaten Ambiente gezeigt: Etwa ein Literat der Ming-Zeit, der Qianlong-Kaiser auf dem Thron, Mao und Nixon in den
markanten Sesseln aus Maos privatem Arbeitszimmer, aber auch Sitzen auf der Straße, Stühle in heutigen Künstlerateliers oder in Wohnungen der prosperierenden chinesischen Oberschicht.
Zwei Installationen der chinesischen Künstler Wang Shugang und Yin Ciuzhen ergänzen das Thema „Sitzen in China“ noch einmal auf andere Weise, indem sie sich ihm kommentierend nächern.
Ebenso beschäftigt sich die Ausstellung mit der Geschichte des Sitzens. So ist das Sitzen auf Stühlen in China zwar bereits ab 200 n. Chr. belegt, war jedoch zunächst noch etwas ganz Außergewöhnliches und Außerordentliches, das Ehrengästen vorbehalten war. Man saß zunächst üblicherweise am Bode, ähnlich wie in Japan, wo der tatami, eine Reisstrohmatte, als Sitzfläche am Boden, bis heute das Leben in traditionellen Häusern prägt.
Erst mit der Einführung des Buddhismus aus Südasien in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten wurden Stühle in China ein zunehmend selbstverständlicher Teil der Sitzkultur. Ab der späten Tang-Zeit um 900 n. Chr. war das Sitzen auf Stühlen schließlich nicht mehr Indikator für einen herausgehobenen Status des Sitzenden, war vielmehr zum alltäglichen Sitzmöbel geworden.
Insgesamt ergibt sich so ein panoramatisches Bild der chinesischen Gesellschaft und Kultur, welches die jahrhundertealte vibrierende Dynamik des Reichs der Mitte reflektiert und anschaulich vor Augen stellt.
Es erscheint ein zweisprachiger Katalog(deutsch/englisch).
Dauer der Ausstellung bis zum 31.01.2010
Kontakt
Museum für Angewandte Kunst
Schaumainkai 17
60953 Museum für Angewandte Kunst
Presse
Sabine Huth
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Links
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