Meine Damen meine Herren Willkommen zum Terrorprogramm!“ Ein Conferencier, in dessen geschmeidigen Phrasen sich der Widerspruch zwischen Aufbegehren und Bequemlichkeit schmerzlos aufhebt, führt durch seine große Show: das „Terrorprogramm“, in der eine skurrile Szene die nächste jagt. Sei es die Selbstentführung des Kapitalisten Franz Pinsel durch den vormaligen Idealisten Franz Pinsel, eine Volksparty ohne Volk, Terror als Familienangelegenheit oder „Geisel“, „Attentat“ und „Erpressung“ als die Knüller der ausgefallenen Produktpalette einer Event-Agentur: In einer grotesk-verspielten Revue wird abgerechnet mit dreißig Jahren „terror & error“. Und im Hintergrund lauert die Frage: Wogegen soll man heute noch rebellieren?
Marc Beckers neuestes Stück wurde im Februar 2007 am Staatstheater Oldenburg uraufgeführt und im Mai zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Ebenso pointiert wie unterhaltsam fragt der junge Dramatiker nach dem heutigen Umgang mit den einstigen Idealen: Woran soll eine Generation noch glauben, die sich nach nichts mehr sehnt als nach weltanschaulicher Übersichtlichkeit?
Theater Krefeld, Mönchengladbach www.theater-krefeld.de 25.3. bis 3.6.2009
Pressestimmen (Rheinische Post):
Schrecklich nette Terror-Familie
Es gab viel zu lachen bei der Premiere von „Terrorprogramm“. In bestem Schauspieler-Theater werden deutsche Befindlichkeiten drei Jahrzehnte nach der RAF karikiert und vorgeführt. So amüsant können Klischees sein.
Die ideologischen Nachfahren der RAF sind eine schrecklich nette Familie. Wie AI Bundy und seine Lieben hocken die Stolzenbergers auf dem Sofa vor dem verwanzten Couchtisch und plaudern über Koffer mit Plutonium, das Fahndungsfoto des Sohnes, das nach den Fernseh-Nachrichten gezeigt wurde, und sie verschenken als Geburtstagsgaben gefälschte Papiere. Sorgen macht einzig die 16-jährige Tochter. Sie geht zwar, wie es sich gehört, anschaffen, aber - oh Schreck - sie will Soziologie studieren: welche Schande. Die Revolution ist zur Karikatur geworden, das Ideal von der besseren Welt zur Weltverbesserer-Parodie. „Terrorprogramm“ ist eine schräge Szenenfolge zu deutschen Befindlichkeiten. Bei der Premiere in der Fa-brikHeeder hatte das Publikum viel zu lachen.
Sehr deutsches Thema
Theaterautor Marc Becker hat ein „sehr deutsches Thema“, die Auseinandersetzung mit der RAF drei Jahrzehnte danach, als Groteske aufbereitet - fernab vom Dokumentationscharakter. Eine Revue derer, die sich auflehnen würden, wenn sie es nicht gerade so nett hätten. Es war keine Notlösung, dass die Schauspieler nach dem Absprung des Regieteams die Inszenierung selbst in die Hand genommen haben. Unter der Leitung von Christopher Wintgens ist ein Abend mit vielen komischen Momenten entstanden, die ihren bitteren Kern oft erst zeigen, wenn das Lachen verklungen ist. Dann wurmt die, Frage nach der eigenen Gesinnung. Als Conferencier führt Ralf Beckord mit festgefrorenem Lächeln ins Absurde. Maliziös umschmeichelt er das Publikum und spuckt ihm im gleichen Atemzug in die feine Safransauce zum täglichen Seeteufel: Satter Bauch revoltiert nicht gern. Die Schauspieler sind großartig, wenn sie auf dem schmalen Grad zwischen Karikatur und Lächerlichkeit balancieren. Sie ziehen Grimassen, nölen, jammern, überziehen, richten sich wohlig in jedem Klischee ein - und es ist eine Lust, ihnen dabei zuzusehen. Sven Seeburg kämpft als Franz Pinsel mit sich selbst. Er ist der angepasste Hanswurst, ein Kapitalist, der von einem (gleichzeitig von ihm gespielten) Erpresser bedroht wird. Virtuos wechselt er vom erbärmlichen Schluchzen des Opfers ins höhnische Lachen des Täters, Gesicht und Körperhaltung wechseln punktgenau zwischen Angst und Kaltblütigkeit. Große Auftritte haben Ines Krug und Floriane Kleinpaß vor allem auf einer Revoluzzer-Gedächtnis-Party. Da schlagen sie sich mit dem Feuereifer junger Untergrundkämpfer die soziologische Terminologie um die Ohren, erklären Basisdemokratie anhand eines Camemberts und rutschen niemals in den Klamauk.
(Rheinische Post, 17. Januar 2009)

