Wenn sich am 7. Juni 2012 die Pforten des Globe Neuss zum 22. Shakespeare Festival öffnen, beginnt ein vertrauter und doch immer neuer Reigen: Von der komödiantischen Spielmannskunst bis zur hohen Tragödie, von der kabarettistischen Auslegung bis zur experimentellen Verfremdung reicht das Spektrum dessen, was das Schaffen des Mannes aus Stratford-upon-Avon verträgt, von dem schon Friedrich Gundolf (1880-1931) salopp meinte, er könne »nicht tot gekriegt werden«.
Aus sieben Ländern kommen die insgesamt sechzehn Beiträge, die binnen eines Monats über die Festspielbühne am RennbahnPark gehen werden. Den Auftakt bildet eine klassisch-drastische Inszenierung des Macbeth – aus der Sicht des Londoner Icarus Theatre, das seine zugleich finstere und farbenprächtige Abhandlung vom 7. -10. Juni gleich sechsmal aufführen wird.
Anderes wird demgegenüber aus dem zeitgenössischen Blickwinkel betrachtet: Am 26. Juni ist der Hamlet des Regisseurs Radoslaw Rychcik zu sehen, der 2011 als beste polnische Shakespeare-Inszenierung ausgezeichnet wurde. Aus dem Nachbarland Litauen – das erstmals beim Neusser Shakespeare Festival vertreten sein wird – kommt am 2. Juli die Sturm Adaption »Miranda« des Theatermachers Oskaras Koršunovas, den Fachleute in verschiedenen nationalen und europäischen Gremien für seine innovativen Projekte mit renommierten Preisen ausgezeichnet haben.
Ein Experiment hat auch die Pariser Compagnie Magnus Casalibus im Gepäck: »Romeo et Jules yet« von Vicianne Regattieri benutzt die Tradition, wonach auf der elisabethanischen Bühne nur Männer agieren durften - für emotionale Irrungen und Wirrungen der besonderen Art ist gesorgt (16. Juni). Während hier die tieferen Inhalte des Begriffes »Liebe« auf dem Prüfstand stehen, unterzieht Dan Jemmett, der im vergangenen Jahr mit einer hinreißend komischen »Comédie des erreurs« aufwartete, jetzt die Tragik der Historie einer näheren Inspektion: Seine »Trois Richards«, die einen Richard III. spielen sollen, basieren auf der Annahme, daß selbst in dem grausigsten Geschehen genügend Komik lauert, um die böse Welt mit einem Lachen zu bezwingen (14. Juni).
Eine »History« bringt auch die beinahe schon legendäre Propeller Company aus William Shakespeares Heimat mit: Henry V., das allerblutigste unter den blutigen Rosenkriegs-Schauspielen, wie geschaffen für die vierzehn Schauspieler der Truppe, die vom 28. bis zum 30. Juni die Bühne des Globe fünfmal in ein Schlachtfeld verwandeln werden.
Am 12. Juni stellt das Rheinische Landestheater, das nur eine Neusser Hauptstraße überqueren muß, um ins Globe zu gelangen, John von Düffels »Sieben Sonette« vor – eine szenische Realisation, die aus den poetischen Werken Shakespeares ein facettenreiches Spiel aus Utopie und Wirklichkeiten macht. Eine Woche später, am 18. und 19. Juni, ist das Neusser Ensemble dann mit dem Wintermärchen zu sehen: Dieser späten »Romanze« über die vernichtende Wut der Eifersucht, die vor der Ewigkeit wahrer Liebe kapitulieren muß, steht als kostbarer, magischer Kontrapunkt vom 3. bis 5. Juli der Sommernachtstraum der Shakespeare Company Berlin gegenüber. Unter der Regie von Doris Harder vollzieht sich wieder einmal als zauberhaftes Wunder die Durchdringung der verschiedenen Seins-Ebenen, von denen unsere Schulweisheit nur wenig wissen will.
Ein ganz handfestes Wunder mit Shakespeare hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits ereignet – nachdem nämlich das afghanische Ensemble Roy-e-Sabs am 11. Juni bei seinem ersten Aufenthalt im Westen seine Komödie der Irrungen aufgeführt hat. 2005 debütierte die Truppe im kriegszerstörten Kabul mit der »Verlorenen Liebesmüh’«, die nicht nur wegen der Vergnügung an sich, sondern vor allem auch in Anbetracht der gemischten Besetzung, in der die eine oder andere Akteurin gar unverschleiert auftrat, ein Wagnis war. Es hat sich offenbar ausgezahlt, denn Roy-e-Sabs wird nicht nur in Neuss spielen, sondern zuvor auch beim »Olympic Festival« des London Globe auftreten, wo auch zuvor die »Q-Brothers« vom Chicago Shakespeare Theater mit Othello – the Remix, einer HipHop-Inszenierung zu sehen sind.
Und Bea von Malchus, die im vorigen Jahr mit ihren solistischen »Skizzen« zu Heinrich VIII. das Globe bis in die Grundfesten erbeben ließ, macht am 21. und 22. Juni 2012 mit ihrem »Shake Lear!« den bösen alten Mann samt seiner mißrathenen Brut zum Gegenstand des Narren, der endlich mal seine wirkliche Meinung über die finsteren Ereignisse sagen darf.
22. Shakespeare Festival im Globe Neuss
Terminübersicht
7. + 8.06., 20h
9. + 10.06., 15h + 20h
Macbeth
Icarus Theatre London
11.06., 20h
Comedy of Errors
Compagnie Roy-e-Sabs, Kabul
12.06., 20h
Sieben Sonette
Das Rheinische Landestheater
14.06., 20h
Les Trois Richard – Un Richard III
Compagnie des Petites Heures
16.06., 20h
Romeo et Jules yet
Compagnie Magnus Casalibus, Paris
17.06., 18h
Shakespeare Lieder
Elisabeth Watts & Simon Lepper
18. + 19.06., 20h
Das Wintermärchen
Das Rheinische Landestheater
20.06., 16h + 20h
Shakespeare and the Globe
Lecture: Patrick Spottiswoode
21. + 22.06., 20h
Shake Lear!
Bea von Malchus
23. + 24.06., 20h
Verlorene Liebesmüh
bremer shakespeare company
25.06., 20h
Around the stage in 80 minutes
Lecture Prof. Jerzy Limon
26.06., 20h
Hamlet
Teatr Zeromskiego, Kielce (Polen)
28.06., 20h
29. + 30.06., 15h + 20h
Henry V
Propeller Company
2.07., 20h
Miranda
OKT Vilnius, Litauen
3. + 4.07., 20h
5.07., 11h + 20h
Ein Sommernachtstraum!
Shakespeare Company Berlin
6. + 7.07., 20h
Othello: The Remix
Q-Brothers, Chicago Shakespeare Theater
Angela van den Hoogen
PRO CLASSICS GbR
Wöhlerstraße 2
41515 Grevenbroich
Bildlegende:
1) SHF MIRANDA 128 (c) Foto: D. Matvejevas
2) SHF HAMLET (c) Foto: Jerzy Borkiewicz
3) SHF ROMEO et JULES yet (c) Foto: Zoe Fisher
4) ShakespeareFestival (c) Fotograf: Christoph Krey


siehe text


