Das moers festival 09 wird rau, schnell und bunt. Überall auf der Welt übernimmt eine neue Generation von Musikerinnen und Musikern die Vorherrschaft bei der Erfindung neuer Musiken im Grenzbereich von Jazz und Pop.
Während man in den vergangenen Jahren noch trefflich darüber streiten konnte, ob die neuen Ideen im Jazz und der Improvisierten Musik aus den USA oder Europa kamen, wobei Europa tatsächlich eine zeitlang die Nase vorn zu haben schien, ist das Mutterland des Jazz mit seinem kulturellen Zentrum New York wieder voll auf der Höhe: Schon lange kamen von dort nicht mehr so viele herausragende junge Improvisatoren und eine noch größere Zahl an Bands und Projekten.
Das moers festival hat sich die Aufgabe gestellt, die interessantesten Entwicklungen im Bereich der Improvisierten Musik möglichst zeitnah vorzustellen. Und somit hat sich in diesem Jahr ein deutlicher geografischer Schwerpunkt USA mit dem Fokus der Metropole New York ergeben. Aber nicht nur die „Young Guns“, also das „junge New York“, sondern auch bekannte Namen finden ihren Platz im Programm.
Vor allen Dingen, wenn sie, wie die in diesem Jahr auftretenden Musiker, für so herausragende Überraschungen gut sind. Trotz einem „neuen Interesse“ an den USA, nicht zuletzt auch beeinflusst durch die neue Regierung und eine auch musikalisch spürbare Aufbruchstimmung, ist kein reines USA-Programm entstanden. Die aktuelle Musik Europas spielt auch in diesem Jahr wieder eine tragende Rolle in Moers. Musiker aus dem Norden Europas, aus Norwegen, Island und von den Faröer Inseln, aus den Niederlanden, Deutschland und der Türkei werden sich und ihre Musik vorstellen.
Und wie es in Moers ganz selbstverständlich ist, werden auch Vertreter anderer Kontinente zu Gast sein, um ihre aktuellsten Projekte auf dem Festival vorzustellen. In Augenhöhe mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus den Vereinigten Staaten und Europa, werden sich Musikerinnen und Musiker aus Korea, Japan, Mali, Argentinien und Brasilien die Bühne im großen Festivalzelt teilen.
Infos zum Programm www.moers-festival.de
Dialog zwischen Korea und den USA:
In Europa war sie bereits sehr früh mit 22 Jahren: 1991 in Salzburg, beim Piano Recital. Damals war die Koreanerin Soo−Jung Kae noch ganz in der Welt der klassischen Klaviermusik verankert. 1969 in Seoul, der Hauptstadt Südkoreas geboren, begann sie bereits mit vier Jahren mit dem Klavierspiel. Mit 13 gab sie zusammen mit dem Seoul City Orchestra ihr Debut, immerhin mit Rachmaninoffs Zweiten Klavierkonzert.
Sie studierte an der Yonsei University, spielte zusammen mit dem Korean Philharmonic Orchestra und dem Yonsei Quartet, bevor sie dann in die Vereinigten Staaten ging. Dort entdeckte sie alle möglichen Arten der zeitgenössischen Musik – von John Cage bis zu den Sex Pistols.
Heute ist die Pianistin, Komponistin und improvisierende Musikerin vielfältig unterwegs. Sie ist eine der besonderen Entdeckungen auf dem Moers Festival, wo sie am Pfingsmontag auftritt. Zu verdanken haben wir das Angelika Niescier, die Soo−Jung Kae bei ihrem Korea−Tripp fürs Goethe−Institut kennenlernte.
Ihre CD nennt Soo−Jung Kae einfach „sOo’s Collage“. In der klassischen Trio−Besetzung mit Bass und Schlagzeug ist Soo−Jung Kae mit ihrem kraftvollem Klavierspiel Dreh− und Angelpunkt. In den fünf Stücken, alle zwischen fünf und zehn Minuten lang, bringt sie ihre Hör−Erlebnisse immer wieder als kurze Sequenzen ein.Wir erkennen einen Tango−Takt, doch schon wieder fliegt die Pianistin mit ihren Improvisationen auf den Tasten davon. Eine interessante Verschmelzung von Ost und West, eine musikalische Melange, die aufhorchen lässt. Auf ihr Gastspiel beim Festival darf man gespannt sein.
Info sOo’s Collage. SOo−jung Kae 3, 2006, Audioguy Records KACD 0629, Moers−Festival, 31. Mai
Eine außergewöhnliche Sängerin: Eszter Balint
Im Moment arbeitet Eszter Balint an neuen Songs. Gerade kehrte sie aus Paris zurück, wo sie zusammen mit Marc Ribot und seiner Band Ceramic Dog auftrat – als Tribut an Serge Gainsbourg. Organisiert hat diese Zusammenarbeit John Zorn, den wir alle noch wunderbar als Solo−Saxophonisten vom Moers Festival im vergangenen Jahr in Erinnerung haben. Und so wundert es auch nicht, dass die amerikanische Band Marc Ribot’s Ceramic Dog zusammen mit Eszter Balint am 1. Juni in Moers zu hören sein wird. Eszter wurde 1966 in Budapest geboren. Großeltern und Mutter waren selber Musiker, spielten Harfe und Klavier. Sie selbst begann mit sechs Jahren, das Violinenspiel zu erlernen. Ihre Eltern machten in einem Avantgardetheater mit, das vom ungarische Staat überwacht wurde, schließlich wurden öffentliche Auftritte ganz verboten. Als Eszter Balint zehn Jahre alt war, emigrierte die Familie nach Paris. Dort ging sie über fünf Jahre zur Schule.
Das Theater wurde Ende der 1970er Jahre zu einem Festival nach Baltimore eingeladen – und blieb in New York. Mit 15 spielte sie dort eine Hauptrolle in Jim Jarmuschs Film „Stranger Than Paradiese“. Eszter Balint, mit ersten Jobs als DJ in New York, zog um nach Los Angeles. Dort fand und verlor sie sich. Zurückgekehrt nach NY, nahm sie zwei Solo−Platten auf, deren Texte diese Zeit reflektieren. Ihr lakonischer, unaufdringlicher Gesang in den sehr amerikanisch klingenden, von Gitarren dominierten Songs von „Mud“ ist unangepasst und ironisch−melancholisch.
Info Eszter Balint: mud. 2004, BRN−CD−152.
Aufgewecktes aus dem Schlafzimmer
Es knarrzt, piept und zirpt mitunter munter zwischen den Rillen. Mit Elektronik kennt sich Valgeir Sigurdsson aus. Er entfaltet einen Klangteppich, auf dem sich ganz verschiedene musikalische Einfälle trollen können. Es fehlt nur die Stimme von Björk. Der 38−jährige Isländer hat von 1998 bis 2006 mit der Sängerin im Studio zusammengearbeitet. „Ekvilibrium“ ist seine erste Solo−CD seines eigenen Labels Bedroom Community, mit diesem Programm tourt er durch Europa und die USA. Am Samstag, 30. Mai, tritt er mit seinem Trio auf dem Moers−Festival auf (noch ein Monat und 28 Tage!). Diese musikalische Polarlicht, zugleich cool und geheimnisvoll, ist ein Allround−Musiker oder besser gesagt Techniker. Mit klassischer Gitarre begonnen, ließ er sich in London zum Tonmeister ausbilden. Er arbeitete als Produzent, Komponist, Toningenieur und Mixer. Wenn er nicht in seinen eigenen Greenhouse Studios in Reykjavik arbeitet, sondern auf der Bühne, steht er an den elektronischen Reglern, spielt Keyboards oder macht Percussion. Seine Zusammenarbeit mit Björk begann mit dem Soundtrack zum Film „Dancer in the Park“ von Lars van Trier, bei dem Björk als Hauptdarstellerin mitmachte. Auch wenn Sigurdsson auch etwa mit dem Kronos Quartett zusammen arbeitete, ist seine Soloplatte doch sehr von der mystischen Welt im hohen Norden durchdrungen. Aber die Platten überrascht auch mit leisen Balladen und satten Cello−Klängen.
Info Valgeir Sigurdsson: Ekvílibríum, September 2007,Bedroom Community, HVALUR3CD,
www.nedroomcommunity.net , 11,99 britische Pfund.
Ein "frecher Hund" auf dem Altsaxophon
Eine besondere Stimme des jungen deutschen Jazz,Wanja Slavin, hat mit seinem Sextett für das Moers Festival zugesagt. Der erst 27−jährige Altsaxophonist und Klarinettist aus Berlin, wo er Mitglied des Jazzkollektivs ist, bringt auch den Jazz−Drummer Christian Lillinger mit. Dass Slavin in Berlin in einem alten Pferdestall wohnt, ist eher eine pittoreske Fußnote. Interessanter ist sein Werdegang: Er studierte am Richard−Strauss−Konservatorium in München, erhielt klassischen Kompositionsunterricht und studiert seit Oktober 2007 Filmmusik an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam−Babelsberg. Ersten Unterricht erhielt er jedoch von seinem Vater. Schon mit 16 Jahren gründete er das Djosch Macholi Orchester und tourte damit durch England und Tschechien. Überhaupt hat der Berliner Jazzer beste Kontakte nach Ost− und Südosteuropa. Zum Moerser Auftritt bringt er die Sängerin Ibadet Ramadani mit. In Berlin ist die Deutsch−Albanerin bekannt als Frontfrau von „Super700“ („When angels sing“). Konzerte des Wanja Slavin Sextetts wurden in Süddeutschland euphorisch gefeiert. Die Süddeutsche titelt „Zwischen Genie und Wahnsinn“, der Münchner Merkur schreibt „Umwerfend außergewöhnlich“. Vor zwei Jahren nennt die Münchner Tageszeitung Slavin einen „frechen Hund“. Wenn man in die CD „Off minor“ von 2002 reinhört, begegnet man einem virtuosen wie heiteren Spieler, der wirklich – off minor – keine Moll−Stimmung aufkommen lässt. Zusammen mit dem Pianisten Marc Schmolling spielt der damals gerade 20−jährige Slavin Titel von Brubeck und Coltrane ein, aber auch Eigenkompositionen. Über 42 Minuten erlebt man ein dichtes Zwiegespräch, bei dem das Saxophon gegenüber dem Flügel stets den lockeren Ausreißer−Part übernimmt.
Info Wanja Slavin, Marc Schmolling: Off minor, 2002, Organic Music, ORGM 9732
Stetson: hohe Virtuosität mit der tiefen Lage
„Are you in Germany? Will you be? Well get over to the Moers Festival and see me perform!“ So wirbt der amerikanische Saxophonist Colin Stetson auf seiner Internet−Seite für seinen Auftritt am 31. Mai um 16 Uhr in Moers. Wir werden da sein und wir freuen uns drauf. Dass Saxophon solo geht, hat das Publikum schon im vergangenen Jahr bei John Zorn gelernt. Aber Stetson bringt gleich ein Riesenhorn mit: Er spielt das Bass−Saxophon. Als Solist auf diesem tiefen Instrument steht Stetson ziemlich alleine da. In einer Big Band reichen die Saxophone höchstens bis zum Bariton−Sax. Der warme und satte tiefe Klang ist schon wunderbar. Aber nicht das Instrument steht im Vordergrund, sondern der Bläser. Denn es ist unglaublich witzig und unterhaltsam, wie es der New Yorker Musiker spielt. Stetson ist ein großartiger Könner. Mit Zirkular−Atmung – gleichzeitiges Einatmen beim Blasen des Instruments – eröffnet er unglaubliche Tonfolgen, von Nebelhorn bis Walgesang. Außerdem benutzt er sein Saxophon als eigene Rhythmus−Gruppe, indem er mit den Ventilen klappert („perkussives Ventil−Slapping“). Festivalleiter
Reiner Michalke nennt das sogar „fast tanzbaren Heavy Metal−Sound im wahrsten Sinne“. Er wird’s erlebt haben, schließlich trat Stetson bereits im September 2008 im Kölner Stadtgarten, vom WDR 3 aufgezeichnet und ausgestrahlt, auf. Stetson wird sich in Moers wohlfühlen, ist er doch in Ann Arbor/Michigan geboren und aufgewachsen, einer Stadt, die mit 113 000 Einwohnern nicht wesentlich größer als Moers ist. Immerhin beherbergt die Stadt die University of Michigan, wo Stetson Musik studierte. Heute lebt er in New York. Er tritt nicht nur solo auf, sondern spielt auch in verschiedenen Bands, etwa den „Peoples Bizarre“, die in den USA osteuropäischen Folk spielen. Und er hat Obama im Wahlkampf unterstützt. Jetzt kommt er gleich zu zwei Jazz Festivals: Nach Melbourne und nach Moers.
Heribert Brinkmann / Rheinische Post


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