Liebe macht nicht nur blind, Liebe macht auch verrückt. Genau dieser Verrücktheit hat der Renaissance-Poet Ludovico Ariosto in seinem literarischen Meisterwerk Orlando Furioso ein Denkmal gesetzt. Das Versepos, neben der Bibel das meistgelesene und bekannteste Buch seiner Zeit, beutete von Zarathustra und der llias über die Artus-Sage und natürlich das Rolandslied bis zur realen Geschichte des europäischen Mittelalters jede erdenkliche Quelle aus und beeinflusste dabei selbst das französische Theater, Shakespeare, Goethe und unzählige andere Autoren bis hin zu J. R. R. Tolkien und Umberto Eco. Auch für die Opernbühne war der Stoff eine ergiebige Vorlage.
Lully, Vivaldi, Haydn und Scarlatti haben sich damit auseinander gesetzt. Georg Friedrich Händel, dessen Todestag sich am 14. April 2009 zum 250. Mal jährte, griff gleich bei drei Opern auf den »Rasenden Roland« zurück und schuf seine Ariost-Trilogie.
Der bunte Erzählteppich dieser unzähligen, ineinander verschachtelten Geschichten um den liebestollen Orlando spiegelt eine neue Erfahrung der Spätrenaissance von der Pluralität und Bodenlosigkeit der Welt und der Aufhebung der Grenzen zwischen Sein und Schein, Ernst und Spiel wider. In einer Zeit alles umfassender Umbrüche thematisiert das Epos mit viel Witz und Ironie den Verlust eines gesicherten Weltbildes und zugleich die Notwendigkeit einer individuellen Selbstvergewisserung.
Die Choreographin Rafaële Giovanola und ihr Komponist Jörg Ritzenhoff widmen sich der spektakulärsten Episode des Epos und dem zentralen Kern in Ariosts Werk, der nie in einer Oper vertont wurde. In ihr unternimmt Astolfo eine Reise auf den Mond, um die verlorene Vernunft Orlandos zu suchen. Neben der in Glasflaschen verwahrten Vernunft der wahnsinnig gewordenen Menschen findet sich obendrein eine surreale Liste von verlorenen Dingen, von der Träne der Liebsten bis hin zu unserer Verschwendung von Zeit, die sich an der Oberfläche des Mondes ansammeln.
Eine Parallel- und Spiegelwelt, die jetzt rund 500 Jahre nach ihrer Entstehung von einer durch Rafaële Giovanola angeführten Expedition von acht Tänzern, vier Musikern des renommierten Londoner »Manning Camerata«-Orchestra und einer Sängerin gemeinsam mit den Zuschauern durchwandert und wiederentdeckt werden will.
Premiere am 3.11.2009, 19.30 Uhr
Weitere Termine: 4.11.2009, 19.30 Uhr
Komposition (basierend auf Georg Friedrich Händel): Jörg Ritzenhoff
Choreographie und Inszenierung: Rafaële Giovanola
Komposition und musikalische Leitung: Jörg Ritzenhoff
Bühne und Kostüme: Frank Chamier
Lichtgestaltung: Marc Brodeur
Dramaturgie und Konzept: Rainald Endraß
Orchester: The Manning Camerata-Orchestra London
Eine Koproduktion von Cocoondance mit dem Theater Bonn und dem Theater im Pfalzbau Ludwigshafen
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