Das Gesamtwerk der in Berlin lebenden Künstlerin Niki Elbe manifestiert sich zum einen in Rauminstallationen, die gestalterische Elemente des Films, der Fotografie, der Sprache, des Objekts sowie der Malerei und Zeichnung vereinen, zum anderen in Serien von Zeichnungen und einzelnen Bildern.
Die in ihren Zeichnungen ausgedrückten Erkenntnisse und Selbsterkenntnisse spiegeln eine psychologische Stärke wider, die sich aus den Erfahrungen von Liebe und Leid, Freude und Trauer, Freiheit und Unfreiheit, Bindung und Trennung, Zufriedenheit und Unzufriedenheit speisen. Somit sind Elbes Werke zutiefst menschliche Entäußerungen von Erlebnissen, von gelebtem, gefühltem oder gewünschtem Leben.
Die lyrischen Bildwelten entfalten durch ihre feine Zeichnung, ihr intensives Kolorit und die symbolisch verdichteten Formwelten eine besonders ausdrucksstarke, erzählerische Aura. Es sind teils autobiographisch anmutende, teils poetisch formulierte, teils reflexiv auf die Figur der Frau bezogene bildnerische Formulierungen von subjektiven Weltvorstellungen, Wünschen, Ängsten, Träumen und Wirklichkeitserfahrungen.
Meist bestimmen zart und anmutig gezeichnete Frauen – nackt, leicht bekleidet oder bekleidet – die kompakt komponierten Gestaltungen. Mit nur wenig, sicher gesetzten Linien konturiert Elbe ihre Körper, akzentuiert sie Körperteile und konzentriert sich auf das Gesicht als wesentlichen Ausdrucksfaktor.
So offenbart sich der weibliche Körper in einigen Werken als feingliedrige, zarte, natürlich-weibliche Hülle sinnlicher Vorstellungen oder Lebenserfahrungen, während er in anderen Arbeiten als eminent erotisch und andeutungsweise herausfordernd erscheint oder sich hinter Kleidern oder Masken versteckt. Der weibliche Körper fungiert als zentraler Bestandteil von Erzählungen, die alltägliche Handlungen oder Geschehnisse in eine symbolisch angereicherte poetische Szenerie übertragen.
Elbes zeichnerische Bildwelten verbinden Vorstellungen aus Märchen und Mythologien, Träumen und Wirklichkeitsmomenten. Die Größenmaßstäbe von Figuren, Alltagsgegenständen und natürlichem oder architektonischem Ambiente werden nach dem Prinzip des mittelalterlichen Bedeutungsmaßstabs und nach den Vorstellungen der Künstlerin unterschiedlich gestaltet.
Die weibliche Figur offenbart sich als ein im Einklang mit der Natur, den Pflanzen und Tieren agierendes Wesen, das sich seiner natürlichen Bedeutung und Weiblichkeit bewusst ist und sich als Individuum mit Fantasie, Intuition, Sensibilität und Erotik demonstriert.
Der weibliche Körper wird zum einen als ein Organismus voll von Lust zur Sexualität begriffen, zum anderen als ein verletzbarer Organismus, der dem zarten Körper eines Rehs oder dem eines Vogels sehr nahe steht. Und so deutet Elbe mit symbolischen Gleichsetzungen oder Korrespondenzen zwischen Frau und Tier die innere Verbundenheit beider, ja sogar eine wechselwirksame Seelenverwandtschaft zwischen ihnen an.
Die oft wiederkehrende Figur des Hasen, meist überdimensioniert, wird als Partner und Freund dargestellt, als ein Symbol für die ständige Präsenz von Traum und Sexualität. Texte greifen dieses Moment des scheinbar entgegen gesetzten, aber bei näherer Betrachtung doch stimmigen Zusammenspiels von Wirklichkeit und Traum, Gegenwart und Erinnerung, sichtbaren und unsichtbaren Ereignissen ebenfalls grenzgängerisch auf.
Elbes Zeichnungen verdeutlichen die Rolle der Frau in der heutigen Zeit und Gesellschaft überaus sensibel. Sie ist Lustobjekt für den Mann, ein Wesen voll Sehnsüchten nach erfüllter Liebe, ein Element der Natur, des natürlichen Zyklus von Tag und Nacht, eine Wandlerin, die zwischen den Welten der Männer, der Arbeit, des Zuhause und des Berufs, der Kindererziehung und der Selbstfindung agiert und sich als autonome Frau verstanden wissen will. Sie ist aber ein Wesen der vielen Gesichter, des Verstellens und des Offenlegens, des Familiären und des Repräsentativen.
Elbes poetische Zeichnungen konfrontieren uns mit der Wirklichkeit des Lebens, der Wirklichkeit eines individuellen Daseins und der Wirklichkeit eines menschlichen Typus, der sich zwischen den Welten der Natur, der Kultur, Familie und Arbeit, der Lust, der Liebe und des Lebens bewegt. Es sind Werke von einer hohen Ehrlichkeit und Offenheit, die uns gleichzeitig erschrecken und faszinieren.
ERÖFFNUNG: 21. September 2009, 19.00 Uhr, in Anwesenheit der Künstlerin
EINFÜHRUNG: Ingolf Kern, freier Kunst- und Kulturjournalist, Berlin
AUSSTELLUNGDAUER: 22. September – 07. November 2009
GALERIE MORGEN
AngelikaWatzl
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