Die Künstlerin Josephine Meckseper (*1964 in Lilienthal, lebt und arbeitet in New York) thematisiert in ihrem Werk die Korrelation zwischen politischem Aktivismus einerseits und Konsumgütern und Werbemotiven andererseits. Die Collagehaften Arrangements rufen dabei paradoxe Bildwirkungen hervor, die unser heute gültiges, kapitalistisch orientiertes Wertsystem hinterfragen. In dieser ersten Einzelausstellung von Josephine Meckseper in der Schweiz zeigt das migros museum für gegenwartskunst eine Serie neuer Arbeiten der Künstlerin, die im Kontext einer Auseinandersetzung mit der Verquickung der Automobil- und Ölindustrie mit dem Irakkrieg entstanden ist.
In Installationen, Fotografien und Filmen arbeitet Meckseper seit Anfang der 1990er Jahre mit den Wechselwirkungen von Konsum und Politik. Den Produkten der glitzernden Warenwelt werden Artefakte eines politischen Aktivismus gegenübergestellt, wodurch eine irritierende Konstellation herbeigeführt wird: Schaufensterpuppen, die als Exponate einer konsumfreudigen Gesellschaft fungieren, werden Demonstrationsparolen auf Pappschildern umgehängt, oder Glamour-Accessoires und Klobürsten werden mit Bildern von Demonstrationen konfrontiert, die Meckseper fotografierte – um nur einige Beispiele für Mecksepers komplexe Arrangements zu nennen. Die vordergründig absurde Disposition zweier entgegengesetzter Welten in einem scheinbar nahtlosen Display verweist auf die Verschleifung politischer und ästhetischer Prinzipien in den Massenmedien. Meckseper arbeitet mit Symbolen, die ihr wie Metaphern zur Kritik an der spätkapitalistischen Gesellschaft dienen. Mecksepers Arrangements von Gegenständen stellen die Präsentationsformen der Schaufenster von Kaufhäusern und Nobelboutiquen nach und rekontextualisieren somit die präsentierten Objekte: Den Demo-Parolen wird eine neue Wertigkeit zugeschrieben – sie werden zu «einer Kampfansage an den Lähmungszustand des Selbstverständlichen unserer Welt». In der Konfrontation normativer gesellschaftlicher Haltungen fordert Meckseper den Betrachter zur Befragung des eigenen Wertekodex auf.
Vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Invasion im Irak befragt Meckseper in ihren jüngsten Werken, die im migros museum für gegenwartskunst gezeigt werden, Werte und Moral der amerikanischen Gesellschaft. Dabei verwendet die Künstlerin Wahrzeichen der Öl- und Automobilindustrie, die stellvertretend den amerikanischen Wirtschaftserfolg und dessen Verfall symbolisieren. Die eindringliche Videoarbeit "0% Down" (2008) mit dem Soundtrack Total War bildet dabei eines der Hauptwerke in der Ausstellung. Die eleganten, schnellen und kraftvollen Autos aus amerikanischen Werbespots entpuppen sich rasch als ironischer Verweis auf die perverse und manipulierende Werberhetorik der globalen Automobilindustrie, die eine militarisierte Bildsprache für eine aggressive Verkaufstaktik verwendet.
Die für die Ausstellung neu entstandenen lebensgrossen Werke "N.N. (Bunker)" (2008/09), eine Nachbildung eines Militärbunkers, und "N.N. (Oil Pump)" (2008/09), eine nachgebaute Ölpumpe, werden zu Symbolträgern des Kriegs um Öl. Während die Arbeit "Unable Bodies" (2008) – eine Gehhilfe, verziert mit typischen amerikanischen Attributen wie der Bibel, der US-Flagge, einem Ölkanister und einem Fuchsschwanz – die Kehrseite der Kriegsinvasion mit den invaliden Veteranen anprangert, persifliert die Installation "Negative Horizon" (2008) die gleichzeitig automobilzentrierte amerikanische Gesellschaft. Die Wandvitrine "Fall of the Empire" (2007) und die Plattformskulptur "Ten High" (2007) weisen dabei auf die Agonie eines implodierenden Wirtschaftsmodells hin. Geschickt seziert und rekontextualisiert Meckseper mit den Mitteln der Werbung solche Grenzüberschreitungen, ohne dabei dem Betrachter ideologische Dogmen aufzuzwingen. Ähnlich einer Doppelagentin spielt sie beide Parteien gegeneinander aus, wechselt dabei souverän den Standpunkt und bietet mit verschiedenen Perspektiven eine Neubeurteilung zeitgenössischer politischer und werbestrategischer Rhetorik an.
«Meine Arbeit basiert grundsätzlich auf einer Kapitalismuskritik. Die Objekte sind dabei nur das Vokabular und verkörpern eine Form der Warenrepräsentation. Es geht mir weniger um den Diskurs der Ästhetik als um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Gegensätzen und Absurditäten der gezeigten Objekte. Die Regal- und Schaufensterarbeiten entstanden ab 2000 aus der Idee, artifizielle Angriffspunkte oder Zielscheiben zu erschaffen, das heisst, eine Affinität zu den von Demonstranten eingeschlagenen Schaufenstern zu assoziieren. Ich wollte in meinen Ausstellungen nicht nur die Filme und Fotos, die ich von Demonstrationen machte, zeigen, sondern simultan die Paradoxie des Konsumwahns und dessen Präsentierplattform darstellen. Die Shelves und Schaufenster zeigen ein Sammelsurium von offensichtlich grotesken Elementen oder Pseudokonsumgütern. Statt politische Inhalte und Problematiken zu ästhetisieren, versuche ich demgegenüber vielmehr eingefahrene Blickrichtungen zu hinterfragen. Sehgewohnheiten zum Beispiel, die sich beim Durchblättern einer Tageszeitung manifestieren, in der sich die Horrornachrichten aus dem Irak mit einer Unterwäsche-Werbung vermischen. Diese Form der Informations- und Konsumübermittlung wird in meiner Arbeit forciert und blossgestellt. Die einzelnen Elemente stellen dabei Repräsentationen oder Simulationen von Kommerz dar.»
Die in New York lebende deutsche Künstlerin ist in einer politisch engagierten Familie aufgewachsen. Nach der Ausbildung an der Universität der Künste in Berlin wechselt sie ans California Institute of the Arts im kalifornischen Valencia, wo sie nach Ausbruch des Golfkrieges mit zunehmendem Patriotismus und den Rodney King Riots konfrontiert wird. Diese politisch aufgeladene Stimmung nimmt Meckseper auf und macht sie zur Triebfeder ihrer Arbeit. In den folgenden Jahren nimmt sie an bedeutenden Gruppenausstellungen in renommierten Häusern wie dem Whitney Museum of American Art, New York (2006), der Royal Academy of Arts, London (2006), und in der Tate Modern, London (2006), teil und realisiert Einzelausstellungen im Kunstmuseum Stuttgart (2007), im MoMA, New York, mit Mikhael Subotzky (2008), und in der Bremer Gesellschaft für Aktuelle Kunst (2008).
Ausstellungsort: migros museum für gegenwartskunst, Zürich, Infos unter:
www.migrosmuseum.ch
Interview mit der Künstlerin sowie Film über die Ausstellung unter: www.news.ch/Migrosmuseum+zeigt+neue+Arbeiten+von+Josephine+Meckseper/374899/detail.htm
Das migros museum für gegenwartskunst ist eine Institution des Migros-Kulturprozent. www.kulturprozent.ch

